Montag, 18. August 2014

We are family

(Der Song zum Blog)

Ich sitze in einem schwarzen Mercedes, auf dem Weg nach Köln Marienburg, einer noblen Villengegend, in der sich auch das Filmhaus der „Nesthocker“ befindet. Es ist Herbst. Ich bin 20 Jahre alt. Kurz nach meinem Ausstieg aus „Verbotene Liebe“ habe ich die Hauptrolle neben Sabine Postel in einer neuen Familienserie fürs ZDF ergattert. Es soll eine moderne Variante von „Ich heirate eine Familie“ werden, dem Klassiker des Genres; vielleicht ist es kein schlechtes Omen, dass der damalige Kameramann nun auch die Kamera bei unserer Serie führt.

Als ich das Casting noch vor mir hatte und das erste Drehbuch las wusste ich, dass ich die Rolle spielen musste. Die Serie war witzig und schnell geschrieben, und ich hatte sofort tausend Ideen, wie dieser Oliver Brand zu meiner Figur werden sollte.
An dem Tag des Castings hinterließ ich aber erst einmal nicht den besten Eindruck, denn ich kam, völlig unüblich für mich (Ähem…), zu spät. Ich erinnere mich, wie ich sofort in den Castingraum gebracht wurde, wo Sabine bereits auf mich wartete. Es war mir unsagbar peinlich, dass ich alle hatte warten lassen, und dachte, dass der Drops schon gelutscht sei und ich mich eigentlich gleich wieder verabschieden konnte. In dem Moment, in dem mir dieser Gedanke kam, wurde ich völlig ruhig, und möglicherweise half mir genau dieses Gefühl beim Spielen der folgenden Szene: Ich sollte mich als Sohn bei „Mutter Sabine“ aus Bequemlichkeit einquartieren und sie davon überzeugen, mich wieder aufzunehmen. Es lief recht glatt, dennoch war ich mir danach unsicher, ob das gereicht hatte.
Es hatte. Ich erfuhr nur einen Tag später, dass man mir die Rolle gab.
Kurz darauf wurde ich als Anspielpartner für ein anderes Casting gebraucht; wir suchten meine Serienschwester. Eine der aussichtreichsten Kandidatinnen war Alexandra Schalaudek, mit der ich nicht nur jahrelang bei „Verbotene Liebe“ gespielt hatte, sondern die auch Hauptdarstellerin in meinem „So in Love“-Video gewesen war. Um ehrlich zu sein, hoffte ich sehr, sie mache das Rennen, aber als Tanja Wedhorn kam, wusste ich, dass man ihr die Rolle geben würde. Und das war genauso gut.
Die Rollenverteilung ist bei dem ein oder anderen sowieso eine recht interessante Geschichte. Andreas Elsholz zum Beispiel bekam seine Rolle nur, weil ich ihn gedrängt hatte, zur Release-Party meines ersten Albums zu erscheinen. Auf dieser Party lernte er den Produzenten der Serie kennen, der eigentlich jemand ganz anderes auf dem Zettel hatte, und gewann noch in jener Nacht die Rolle des Ex-Freundes meiner Schwester. (Auf den versprochenen Scheck von Andreas warte ich immer noch…) Und meine Serien-Oma sollte ursprünglich von der großartigen Liselotte Pulver gespielt werden, die mich mit der Sesamstraße durch meine Kindheit begleitet hatte. Aber Margret Homeyer, die letztendlich die Rolle ergatterte, habe ich sofort in mein Herz geschlossen. Zwischen uns beiden war es von Anfang an die große Liebe. :-)

Margret ist es auch, die mich als erste empfängt, als ich die Tür zum Maskenwagen öffne. Sie herzt mich und drückt mich an sich, ihre Haare fest eingespannt in Lockenwickler.
„Wie heißt noch mal dein Schart-Hit?“, sagt sie.
„Mein was?“, sage ich lachend und weiß natürlich, dass sie Chart-Hit meint.
„Wir sprachen gerade drüber“, sie deutet auf Chrissie von der Maske. „Irgendwas mit Tuneit.“ Sie dehnt das Uuuuuu.
„Forever Tonight.“ Ich lache und wische ihr über den Arm. Mit Popmusik hat sie es nicht so. In einer Szene einen Tag zuvor sollte sie den Namen „Elton John“ aussprechen und sagte permanent „Elton Johnton“, was sie so trocken (und dadurch so komisch) herüberbrachte, dass es den Sprung in die gesendete Fassung schaffte.

Mit Serienmama Sabine hatte ich von Tag eins an ein inniges Verhältnis. Wir malten uns ständig aus, wie eine Szene noch lustiger sein könnte, wenn man mal über die Strenge schlagen dürfte. Wir verbrachten viel Zeit am Set miteinander. Sie ist vollkommen unprätentiös und wurde eine echte Vertrauensperson für mich.
Mit Andreas traf ich mich öfters privat. Wir machten uns lustig über alles und jeden, vor allem übereinander. Er hatte großen Spaß daran, meine Haare kurz vor einer Szene durcheinander zu wirbeln, und ich imitierte ihn immer dann, wenn wir eine gemeinsame Szene hatten, die Kamera aber gerade nur auf ihn gerichtet war.
Dann gab es noch Helmut Zierl, der den Freund meiner Mutter spielte. Ich kenne niemanden, der bei jeder Begegnung einen neuen schmutzigen Witz auf Lager hat. Irgendwann im Laufe des Tages stellte er sich neben einen, sagte erst einmal nichts und wisperte einem dann einen schmutzigen Witz zu, der in den seltensten Fällen witzig war. Bei den ersten Malen lachte man aus Höflichkeit. Bei den nächsten Malen reichte es noch für ein mitleidiges Lächeln. Aber er gab nie auf.

Die erste Szene des Tages habe ich mit Felicitas Woll, die meine Dauer-On-Off-Beziehung spielt. In der Folge eröffne ich einen Frühstücksservice, mit dem ich am Ende natürlich gründlich baden gehe. Apropos „baden“: Kurz nach meiner Begegnung mit Margret stehe ich für den Dreh unter der Dusche mit Felicitas. Angezogen. Ich jedenfalls. Sie soll den Duschvorhang zuziehen und ihren BH hinausschmeißen, was sie sichtlich nervös macht.
„Guck mir nicht auf die Brüste!“, sagt sie und droht mir lachend mit ausgestrecktem Finger.
Ich recke die Hände hoch, als sei ich ertappt worden. „Keine Sorge, ich gucke dir nicht auf die Brüste.“
„Und bitte!“, hören wir von draußen die Regisseurin rufen. Fee zieht den Duschvorhang zu, zieht sich dann hibbelig den BH aus und wirft ihn nach draußen.
„Mist!“, zische ich leise.
„Was?“, wispert Fee mit großen Augen.
„Ich hab dir auf die Brüste geguckt.“
Sie schlägt mir spielerisch mit einer Hand auf den Arm, dann können wir beide darüber lachen.

Es gibt natürlich unzählige kleine Anekdoten aus dem Hintergrund der „Nesthocker“ zu erzählen, nicht nur amüsante. Ein Schauspieler, der bereits in einer vorherigen Folge meinen besten Kumpel gespielt hatte, stürzte kurz vor dem nächsten Dreh unweit des Doms ein paar Meter tief auf die Straße und verstarb nur einen Tag vor Drehbeginn. Es war eine schlimme Erfahrung, diesem jungen Menschen nur Tage zuvor bei der Kostümprobe begegnet zu sein und sich zu erinnern, wie sehr er sich auf die Dreharbeiten gefreut hatte. Jetzt war er einfach nicht mehr da. Und es fiel mir unheimlich schwer, mit seinem „Ersatz“, Denis Moschitto, zu spielen und so zu tun, als sei nichts gewesen (was nicht an Denis lag, der ein wunderbarer Kollege war).
Hinter den Kulissen ergab sich die ein oder andere romantische Verwicklung. Tanja Wedhorn verliebte sich in den Kamerassistenten (und ich mich in Margret, aber das hatten wir ja bereits). Ich selber hatte nie was mit einer der Darstellerinnen, aus dem einfach Grund, dass ich vergeben war. Was meine Rolle anging, so hatte ich das Gefühl, in jeder zweiten Folge mit einer anderen Schauspielerin im Bett zu liegen. Absurd wurde es, als ich mit Anne-Sophie Briest hinter einer Schattenwand den Geschlechtsakt simulieren sollte und in der Nachbearbeitung mein eigener Song „In Heaven“ als Hintergrundmusik eingefügt wurde. Vielleicht hat das aber auch Andreas veranlasst, zuzutrauen wär’s ihm…

Nach meiner dritten Szene des Tages werde ich abgeholt, um in der Kölnarena für die Bravo-Super-Show zu proben, erst danach geht es am Set für mich weiter. Irgendwann am Abend ist dann Schluss. Ein weiterer Drehtag mit einem großartigen Team geht zu Ende.
Es war eine wunderbare Zeit. Nach einem Dreh wird immer so schnell gesagt, wie toll man sich doch verstanden hat und dass alle wie eine große Familie waren. Eine Familie waren wir nur in der Serie, aber toll haben wir uns tatsächlich verstanden. Wir waren eine richtig gute Truppe, und am Ende konnten wir stolz sein, nicht nur auf eine handwerklich gut gemachte Serie, sondern auch auf den erfolgreichsten Serienstart des Jahres. Aus irgendeinem Grund funktionierten wir für das Publikum als Familie; vielleicht, weil sich der Spaß, den wir beim Dreh hatten, über den Bildschirm übertragen hat. Vielleicht aber auch, weil sich diese Serie eben um das eine drehte, das jeder von uns braucht.

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