Montag, 28. April 2014

April in Paris

(Der Song zum Blog)

Paris, du vielleicht schönste schmutzige Stadt der Welt. Viele deiner kleinen Seitengassen wirken so heruntergekommen wie eine längst erloschene Liebe. Über die Ufer der Seine trägst du schäumend vor Empörung Plastikflaschen, zerrissene Schuhe, alte Regenschirme, eben alles, was Touristen von den Ausflugsschiffen schmeißen, an Land. Auf deinen Wochenmärkten dünstet das Fleisch ungekühlt in der Sonne, Hühner hängen schlapp und gelb an Haken, Macarons liegen eimerweise aufeinander gestapelt und wirken längst nicht mehr so appetitlich wie in den Auslagen des Konditors Pierre Hermé.

Ich laufe über den Boulevard Haussmann. Mir weht der Geruch von Miesmuscheln entgegen, die in jedem Restaurant der Umgebung angeboten werden. Er ist mir so vertraut wie mir alles hier vertraut erscheint.
Ich bin schon einmal hier gewesen.
Ich setze mich an den letzten freien Bistrotisch eines von Efeu umrankten Cafés, bestelle Milchkaffee, obwohl ich den sonst gar nicht trinke, nehme mir „The Goldfinch“, den neuen Roman von Donna Tartt, zur Hand und habe das Gefühl, seit Ewigkeiten hier zu leben.
Es ist früher Abend. Die Sonne senkt sich bereits hinter die Spitzen der windschiefen Hausdächer. Als der Milchkaffee gebracht wird, schlage ich das Buch zu, nehme einen kleinen Schluck und lasse meinen Blick umherschweifen. Der milde Wind weht eine Seite der "Le Parisien" über die Straßen. Die Wolken ziehen wie Torten auf einem Fließband über die Stadt hinweg. Eine blass geschminkte junge Frau kommt auf das Café zugelaufen, kramt in ihrer Handtasche, zwischen ihren Lippen eine unangezündete Zigarette mit Spitze. Ihre Stirn ist in Falten gezogen. Mit ihrem Cloché wirkt sie wie eine Zeitreisende aus den 1920er Jahren. Sie bleibt direkt vor meinem Tisch stehen und atmet durch. Ich stehe auf, um ihr die kleine Flamme eines Streichholzes entgegen zu halten. Obwohl ich selber Nichtraucher bin, trage ich immer welche bei mir; wer weiß, wann du mal auf einer einsamen Insel strandest, dann bist du froh über eine Schachtel Streichhölzer.
Die Frau bedankt sich mit einem überraschten Lächeln. Erst dann scheint sie zu bemerken, dass ich Anzug und Krawatte trage und fragt mich, ob ich auf dem Weg zu irgendeiner Party sei. (Zwischen ihrem wohlklingenden, für mich aber weitestgehend unverständlichen Französisch, höre ich das Wort „partie“ heraus.) Ich verneine.
Ein Hupen ertönt; es klingt wie das Quaken einer kotzenden Ente. Ein schwarzer Ford T wartet auf sie. Ihm sind winkende Arme entwachsen. Kurz sieht die Frau zu dem Wagen, winkt den Rufenden zu, sieht dann wieder zu mir und fragt mich auf Englisch, ob ich sie begleiten möchte; sie hat gleich bemerkt, dass ich ihre Sprache nicht beherrsche. Obwohl ich nicht umhinkomme, es charmant zu finden, und es mich interessiert, wohin der alte Ford T mich gebracht hätte, muss ich ihr leider eine Absage erteilen. Ich habe bereits eine Verabredung. Wäre ich mitgefahren, vielleicht wäre es mir wie Owen Wilson in Woody Allens „Midnight in Paris“ ergangen, und nicht sie, sondern ich wäre der Zeitreisende gewesen.
Sie macht eine Schnute, dreht sich dann aber wortlos um und trippelt zu ihren Leuten. Die Begegnung mit ihr erscheint mir derart unwirklich, dass ich mich bereits zwei Minuten später frage, ob sie bloß ein Tagtraum von Lewis Carroll gewesen ist. Auch das macht Paris mit dir: Die Stadt ist wie ein Märchenbuch, in dem du eine kleine schillernde Anekdote bist.

In den Irrgärten der Metro verlaufe ich mich kurz darauf beinahe. Als die Bahn einfährt, wirbelt der Fahrtwind meine Krawatte auf. Ich fahre ein paar Stationen und erreiche mit den letzten Winkelzügen der Abenddämmerung wieder die obere Welt, lichtdurchflutet und auf perfekte Weise unaufgeräumt, als sei ich Teil der sepiafarbenen Aufnahme eines Fotobandes. Ein Blick auf meine Armbanduhr zeigt: Ich habe noch etwas Zeit.
Mein Weg führt mich zu „Shakespeare & Company“, der wahrscheinlich schönsten Buchhandlung der Welt. Das Original-Geschäft war während der Wirren des Ersten Weltkriegs im November 1919 von Sylvia Beach eröffnet worden und hatte sich schnell zum Treffpunkt literarischer Größen wie Ernest Hemingway, Ezra Pound und F. Scott Fitzgerald entwickelt. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Sylvia Beach interniert und ihr Laden geschlossen. 1964 benannte George Whitman seine Buchhandlung an der Rue de la Bûcherie Nr. 37 zu Ehren Beachs‘ schließlich in „Shakespeare & Company“ um. Bis zu seinem Tod konnten Reisende zwischen den Regalen auf einer Matratze übernachten, wenn sie im Gegenzug ein paar Stunden im Laden aushalfen.
Ich könnte den ganzen Tag hier verbringen, schmökere in dem ein oder anderen Buch, gehe die knarrende Treppe hinauf, entdecke ein Klavier und einen Schaukelstuhl, nehme mir einen Roman zur Hand („Telegraph Avenue“ von Michael Chabon) und setze mich auf die Fensterbank, lese in die ersten Seiten hinein, lasse mich aber immer wieder von dem Blick hinaus auf die Seine ablenken. Ein Hochzeitspaar wird auf der Promenade abgelichtet, betrachtet von Umstehenden, als seien sie die Attraktion eines Wanderzirkus. Ich beobachte eine Weile, wie die Fotografin versucht, das Paar in Szene zu setzen; der Wind weht der Braut immer wieder den Schleier vors Gesicht. Dann sehe ich schließlich auf meine Armbanduhr, klappe das Buch zu und mache mich wieder auf den Weg: Ich habe ein wenig die Zeit verbummelt.

Ich eile über die Straßen, winde mich durch stauende, hupende Autos, lasse mich schließlich von einem Taxi fahren, steige an der großen Treppe aus, nehme mehrere Stufen auf einmal und schalte erst auf Schritttempo um, als ich wieder in der Zeit bin.
Sie wartet bereits. Hat mir den Rücken zugewandt und sieht über das abendliche Paris hinweg, das sich wie schlimmster Postkartenkitsch vor uns ausbreitet. Ihr dunkelgrünes Kleid glänzt matt im Licht der Laterne. Sie trägt ihre Haare hochgesteckt, eine Strähne hat sich gelöst und fällt ihr in den Nacken, was ich in dem Augenblick wahnsinnig sexy finde.
Heute Morgen hatte ein geheimnisvoller Umschlag vor der Tür ihrer Berliner Altbauwohnung gelegen. Darin ein Flugticket nach Paris und eine kurze Nachricht:
Heute Abend um 22 Uhr,
dort, wo alles begonnen hat.

Sechs Wochen haben wir uns nun nicht mehr gesehen. Während ich zwischen Studium und Job, zwischen Köln, Berlin und München gewandelt bin, kümmert sie sich um ihr Studium, um ihre Arbeit am Theater und um Anfragen ihrer Modellagentur, die sie für einen Werbespot nach Südafrika schicken möchte. Wäre ich einer dieser coolen Leute, würde ich sagen: Ganz schön „busy“, aber alleine durch meine Leidenschaft für Literatur galt ich bereits als Jugendlicher alles andere als cool.
„Ich hoffe, ich bin nicht zu spät“, sage ich leise, um sie nicht zu erschrecken. Sie dreht sich um und schickt mir ihr Lächeln durch das Dunkel. Ihr Blick geht zur großen Uhr hinter mir, dann schüttelt sie den Kopf.
Ich krame in der Innentasche meines Jacketts und hole einen MP3-Player hervor. Es ist wie vor ein paar Jahren. Ich verbeuge mich ungelenk, sehe sie mit übertrieben distinguiertem Blick an, reiche ihr meine Hand und nehme ihre in meine; insgeheim hoffe ich nicht, dass ich nach meinem Lauf wie ein verschwitzter Iltis rieche und in meiner Nähe die Gänseblümchen eingehen.
Aber die uns umgebende Botanik hat Glück: Das Deo wirkt.
Und dann ertönen die ersten Klänge von „April in Paris“ von Ella Fitzgerald und Louis Armstrong, und wir beginnen zu tanzen.
„Ist das sehr kitschig?“, frage ich sie, und sie lacht.
„Total“, sagt sie.
„Okay“, ich puste gespielt erleichtert Luft aus den Wangen. „Dann läuft ja alles wie geplant.“
„Ach ja? Was hast du denn noch so geplant?“
Ich tue so, als hätte ich sie nicht gehört, muss aber schmunzeln und spüre die Aufregung in Form eines angenehmen Kribbelns durch meine Beine ziehen. Und nicht unweit entfernt sitzt auf einem Mäuerchen Ernest Hemingway und trinkt auf uns.






1 Kommentar:

  1. Hi Chris, ich hätte so sehr gehofft, dass Du Englandfan bist. Da ich öfters mal in England bin habe ich mir schon vorgestellt, wie Du reagieren würdest, wenn ich dich auf der Fähre erkennen würde. Höchstwahrscheinlich würdest Du deine Identität verleugnen.

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