Dienstag, 25. März 2014

Marry you

                                              (Der Antrag zum Blog)


Nun hat J. also geheiratet. Ich sehe ein Bild von ihr, auf dem sie neben ihrem Mann am Straßenrand steht, weißes Kleid, ein Strauß Rosen in der Hand, glücksstrahlend aus allen Poren. Sie hat es mir gerade gezeigt und wartet nun auf eine Reaktion von mir. Wir sitzen im Café ihrer Mutter, es ist ein sonniger Sonntag, der Duft von Kaffee und Rührei weht an mir vorüber, als der Kellner (J.s’ Vater) Teller balancierend unseren Tisch passiert. Ich sehe mir das Foto eine ganze Weile an. Irgendwann habe ich den Eindruck, die beiden Fotografierten bewegen sich, wenn ich sie nur lange genug anstarre.

Zwei meiner drei Exfreundinnen sind somit unter der Haube, und die dritte wird sicher auch nicht mehr lange warten. Unweigerlich denke ich an meine eigene Hochzeit. Als Kind machst du dir noch wenig Gedanken darüber, denn du hast das Gefühl, dass diese Dinge – Hochzeit und Kinder – sich eines Tages von ganz alleine fügen werden. Und es erscheint dir noch so unendlich weit entfernt, ein vollkommen anderer Film. Als Kind wünschst du dir, erwachsen zu sein und kannst dir gleichzeitig überhaupt nicht vorstellen, dass du es eines Tages tatsächlich einmal bist (was auch immer das eigentlich genau bedeuten mag). Vor ein paar Jahren hätte ich mir vorstellen können, zu heiraten. Mit 34 Jahren ist dieser Konjunktiv nun einer Gewissheit gewichen, und wenn ich noch viel länger warte mit dem Kniefall vor meiner Zukünftigen, brauche ich einen Krankenpfleger, um wieder hochzukommen.

Viele Frauen kaufen sich ihr Hochzeitskleid bereits lange bevor sie überhaupt jemanden gefunden haben, dem sie in der Hochzeitsnacht einen Blick darunter gestatten. Ich habe immerhin bereits den Anzug für den Heiratsantrag, und diesen Text kann ich jetzt nur aus dem Grund veröffentlichen, weil X zurzeit nicht im Land ist. (Reist gerade mit dem Bus durch Bosnien. Zuvor zu zweit ein paar Tage in Wien gewesen, wo es ihr so sehr gefiel, dass sie ernsthaft darüber nachdenkt, dort weiter zu studieren, was durchaus eine gewisse Komik birgt.)

Ich weiß schon seit Langem, wie ich es machen werde.
Es gibt für Heiratsanträge jedoch ein paar klare „Nicht-Geher“, oder wie wir coolen jungen Leute heute sagen: No-Go’s. 

Die Top 3 der beschissensten Heiratsanträge aller Zeiten: 

Platz 3: In der Karaokebar, wenn Du Dich in nüchternem Zustand zielsicher für Bruno Mars‘ Antragslied Nummer eins „Marry you“ entscheidest und dann, wenn Du an der Reihe bist und bereits zehn Wodka intus hast, mit Inbrunst die Refrainzeile leicht verfälscht als „Hey baby, I think I wanna bury you“ singst. 

Platz 2: Per Whatsapp, mittels eines Textes, der eigentlich so gedacht war: „Meine Liebste! Ich möchte Dich auf diesem Wege fragen, ob Du mich zum Mann nehmen willst!?“, leider jedoch von der Autokorrektur so weitergegeben wird: „Meine Dickste! Ich möchte Dich auf dieser Waage fragen, ob Du nicht abnehmen willst!?“ 

Platz 1: Im Fernsehen mit einem Strauß abgewetzter Tulpen, die ein RTL-Redakteur gerade von der Tanke geklaut und Dir in die Hand gedrückt hat, neben der Alliterationskillerin Vera Int Veen, die das Ganze mit süßlich gehässigem Terriergrinsen kommentiert: „Zauberhaft! Der brünftige Bulettenverkäufer X küsst die schöne Schuhträgerin Y in den debil-dämlichen Doofenhimmel.“

„Was sagst du?“ J. wischt mit einer Hand zwischen Foto und meinem Gesicht, um mich aus meiner augenscheinlichen Trance zu erwecken.
„Ich werde deine anzüglichen Sprüche vermissen“, ist das Erste, was mir einfällt, in Wahrheit dient es aber bloß der Überbrückung, bis ich wirklich einen brauchbaren Gedanken gefasst habe.
„Die kriegst du auch so“, sagt J., und die Anzüglichkeit in ihrer Stimme beruhigt mich in dem Augenblick tatsächlich ein wenig. Unweigerlich fassen wir uns an den Händen und sehen fast zeitgleich auf das Foto, das ich mittlerweile auf den Tisch gelegt habe. Zwischen uns. Wir halten uns aneinander fest, ohne ein Wort zu sagen, und wirken in dem Augenblick für Außenstehende sicher wie zwei, die auf der Reling des schwankenden Schiffes stehen und nicht wissen, ob sie den Sprung ins kalte Wasser wagen sollen. Mit einem Mal fühlen wir uns einander ganz nah, ein merkwürdiges Band, das sich um uns schließt, nur für einen Augenblick, und uns daran erinnert, wie leicht es hätte passieren können, dass wir zwei es wären, die sich auf dem Foto derart glückstrunken zeigten. Aber als uns auffällt, dass J. den Sprung ins kalte Wasser bereits getan hat, lassen wir etwas lockerer. Uns ist klar: Wir konnten einander bloß festhalten, weil wir wussten, dass es uns möglich sein würde, wieder loszulassen.

Schwieriger wird das, wenn du jemanden liebst. Bist du bereit, alles zu riskieren, selbst wenn du in jedem Fall etwas verlieren wirst? Entscheidest du dich für das bequeme Leben?

Draußen taucht die untergehende Sonne den Himmel in ein William-Turner-Gemälde. Im Hintergrund läuft A. A. Bondis‘ melancholisches „I can see the pines are dancing“. Das Kinn auf eine Hand gestützt rühre ich in meinem Tee (in dem es rein gar nichts zu rühren gibt) und sehe durch das große Rundbogenfenster hinaus.
„Du hättest es mir vorher sagen sollen“, höre ich mich selber reden.
 „Wozu? Damit du an der Stelle, an der der Pfarrer fragt, ob jemand etwas gegen diese Hochzeit hat, ‚ich‘ rufen kannst?“ Ich fange J.‘s spöttischen Blick auf und stoße schmunzelnd Luft durch die Nase.
„Ich hätte mir extra mein Superman-Kostüm angezogen.“ Wir lachen uns beide an, aber ich werde schnell wieder ernster. Mir ist selber nicht bewusst, was mich gerade so beschäftigt, bis ich es ausspreche: „Ich hätte dir gerne noch ein paar Dinge gesagt.“
„Das kannst du doch immer noch.“
„Jetzt ist es etwas anderes. Du bist eine verheiratete Frau.“
„Oh, ist es versaut?“
„Auch.“ Ich lache sie an, strecke mich dann, verschränke kopfschüttelnd die Arme und blicke wieder hinaus. „Nein, keine Ahnung. Vielleicht bin ich gerade nur etwas sentimental. Ich freue mich für dich.“ Und das ist die Wahrheit. Dass J.‘s Hochzeit mich trotz ihrer frühen Verlobung so überrascht, bedeutet nicht, ich würde ihr das alles nicht gönnen. Ich freue mich tatsächlich für sie. Und doch gibt es ein paar Dinge, die – das merke ich gerade – noch ausgesprochen werden wollen, nicht nur ihr gegenüber. Allerdings – das merke ich im gleichen Augenblick – ist die Frist dafür nicht die Hochzeit einer meiner Ex-Freundinnen, sondern der Gedanke an meine eigene. Was gibt es vorher noch zu sagen? Oder ist es dafür jetzt zu spät? 

Das kannst du immer noch, klingt mir J.‘s Stimme auf dem Rückweg im Ohr. Als ich zu Hause ankomme, habe ich einen Entschluss gefasst: Ich greife mir Stift und Papier, lasse A. A. Bondys‘ Songs im Hintergrund laufen und nehme mir den Abend bis in die Nacht hinein Zeit. Ich schreibe drei Briefe, an jede meiner Ex-Freundinnen einen, und spreche darin alles aus, was ich ihnen noch sagen möchte: Der Brief an J. beinhaltet unter anderem ein paar Versautheiten (ich will mein Publikum schließlich bei Laune halten). Der Brief an N. wird ein Streifzug durch unsere gemeinsamen knapp sieben Jahre. Den Brief an T. nenne ich „Letzte Seite“; sie wird wissen, warum. Alle drei beinhalten eine Einladung zu meiner Hochzeit, für die es noch nicht einmal ein Ja-Wort gibt.
Ich lege die Briefe in meine Schublade, und alleine in diesem Augenblick empfinde ich eine tiefe, mir selbst unerklärliche Erleichterung. Es ist alles gesagt, und es ist so wunderbar zu wissen, dass ich die Briefe irgendwann abschicken werde.

Ich beende den Tag mit ein paar Erledigungen für Medizin, mit vorbereitender Redaktionsarbeit und Formularen. Zwischendurch kontrolliere ich mindestens dreimal, ob ich mein Ticket nach Paris auch wirklich schon eingesteckt habe. Und als mein Blick schließlich auf eines der zahllosen offiziellen Papiere fällt, lächle ich ein Charlie-Brown-Lächeln übers ganze Gesicht: Oben in der linken Ecke lese ich das Wort Antrag.


Kommentare:

  1. Krissie, безразлично, твои письма всегда занимательны. Я охотно читаю иллюзии. Ты - как раз правильный мечтатель, сказочник

    AntwortenLöschen
  2. AAAAAHHHHH, wenn ich russisch schreibe wird mein Kommentar abgedruckt. Chrissie, Du bist echt goldig, man muss dich ganz einfach gerne haben........
    LG PETER

    AntwortenLöschen