Dienstag, 25. Februar 2014

Happy





Was macht Dich glücklich?

Als ich damals von meiner Asientour zurückkam, stellte ich mir genau diese Frage. Ich hatte einen Marathon an Auftritten, Fototerminen und Interviews hinter mir, war vor zehntausenden Menschen aufgetreten, und nun saß ich wieder in meiner Bude und wünschte mir, zehn Gänge herunter zu schalten und etwas vollkommen anderes zu machen.

Es ergab sich zu dieser Zeit, dass einer meiner damaligen Freunde, Robert, seinen Zivildienst in einer Schule für geistig und körperlich behinderte Kinder leistete. Diese Arbeit hatte mich schon immer interessiert, also holte ich mir die Erlaubnis der Schule ein und begleitete meinen Kumpel schließlich für einen Tag, der einschneidend für mein Leben werden sollte. Denn hier interessierte sich keiner dafür, wer ich war. Ich war einfach ein Freund, den die Schüler schon nach kurzer Zeit in ihren Reihen akzeptierten. Ein paar von ihnen lernte ich gleich am ersten Tag näher kennen, zum Beispiel Haitem, den 15jährigen Deutsch-Türken, der immer eine herumgedrehte Kappe auf dem Kopf trug, umwickelt mit einem Stirnband Marke „Karate Kid“. Er war einen halben Kopf größer als ich, schlacksig, Zahnspange im Mund und ein unerschütterliches Grinsen auf den Lippen, und wenn er etwas sagte, dann knapp und abgehackt. Meistens sprach er von seiner Flamme Jessica (mit einem J, das nicht wie Dsch ausgesprochen wird). Die beiden liefen immer Arm in Arm auf dem Schulhof entlang, beziehungsweise legte Haitem seinen Arm um Jessica, die das einfach mal so hinnahm. Haitem flanierte geradezu mit ihr über den Platz, latschte quer über aufgemalte Kreidebilder, sprengte Fußballspiele, nur damit bloß jeder mitbekam, dass er und Jessica ein Paar waren. (Ich bin mir allerdings bis heute nicht sicher, ob Jessica das auch so gesehen hat.)

Dann gab es da noch Günther (kölsch ausgesprochen: Jünnnther), auch 15 Jahre alt, mit rheinischem Dialekt, den er genussvoll kultivierte, und überzeugt davon, Busfahrer zu sein. In der Pause ging er von Pfahl zu Pfahl, pustete durch die Backen, zog an einer imaginären Bremse und rief die Station aus.

Kathrin, eine weitere Schülerin, saß in der Außenreihe mir gegenüber und sah mich während des Unterrichts die ganze Zeit unverhohlen an, lächelte verträumt und kicherte immer dann, wenn ich zu ihr blickte. „Ach Christian“, sagte sie immer seufzend, wenn sie in der Pause an mir vorbei ging. Mehr hörte ich nie von ihr.

Geleitet wurde die Klasse, in der ich aushalf, von Renate, einer gemütlich molligen etwas über 60jährigen Frau mit schwarz gefärbten Haaren und einer Stimme, die von vierzig Jahren Kettenrauchen zeugte. Apropos: Sie war mit Ketten behängt wie ein Christbaum (man hörte sie durch das Geklimper jedes Mal schon von Weitem kommen) und ihr Kajal war immer leicht verrutscht. Aber sie trug ihr Herz am rechten Fleck, ging völlig souverän und selbstverständlich mit den Jugendlichen um, schäkerte mit Robert und mir und versprühte einen robusten Charme. Es war ihr letztes Jahr vor der Pensionierung, vielleicht war sie auch deswegen so entspannt.

Von dem Probetag an besuchte ich die Schule regelmäßig. Jeden Morgen begrüßten die Schüler mich wie einen alten Freund, riefen schon von Weitem meinen Namen, umarmten mich, lachten mich an und erzählten mir die neuesten Geschichten. Schon lange nicht mehr hatte ich mich so herzlich aufgenommen gefühlt. Die Arbeit im Mediengeschäft hatte durchaus Spaß gemacht, aber menschliche Wärme fand man dort eher in Minustemperaturen vor. Hier war ich nicht nur für Menschen interessant, solange ich ihnen von Nutzen war, und es liegt wohl viel näher an der Wahrheit, wenn ich sage, dass mir die Zeit mit den Jugendlichen mehr genutzt hat als es umgekehrt der Fall ist. Wenn ich nicht dagewesen wäre, hätte jemand anderes den Job gemacht, aber für mich waren die Schüler unersetzlich.

Man darf nicht glauben, die Kinder und Jugendlichen an dieser Schule seien aufgrund ihrer Behinderungen nicht intelligent gewesen. Man konnte sich mit vielen von ihnen ganz normal unterhalten. In ihren Träumen und Idealen unterschieden sie sich nicht von allen anderen Teenagern. Haitem fand 50 Cent cool, Birte träumte davon, Tänzerin zu werden. Ihre Schwächen zeigten sich oftmals erst, wenn man sich mit ihnen im Unterricht zusammensetzte. Einmal versuchte ich Haitem mittels eines Rechenschiebers Grundkenntnisse der Mathematik nahe zu bringen, doch schon bei der Aufgabe 12 plus 23 brauchte er zehn Sekunden bis er mich schließlich grinsend ansah und sagte: „Dreiunddreißig.“
„Nein“, entgegnete ich.
„Vierunddreißig.“
„Knapp.“
„Fünfunddreißig.“
„Hast du gerechnet oder geraten?“
„Ja.“
„Beides?“
„Ja.“
Ich legte meine Stirn in Falten. „Verarschst du mich gerade?“ 
Auf Haitems Mund breitete sich ein sonniges Grinsen aus, als mir plötzlich jemand von der Seite sachte ins Ohr pustete, etwas, das mir bei der richtigen Frau durchaus eine Gänsehaut bereiten kann, in diesem Fall jedoch keinerlei Effekt auf mich hatte, da es Humann gewesen war. Humann war Autist. In der Regel saß er einfach auf seinem Platz, sah sich um, lächelte hier und da, pfiff manchmal, zeigte aber ansonsten nur selten eine Regung. Ich erinnere mich jedoch an einen Ausflug auf den Weihnachtsmarkt. Als Robert Humann auf eines der Karusselpferde setzte und das Karussel sich zu drehen begann, kiekste er mit einem Mal, hopste auf dem Pferd und lachte und winkte und war so lebendig wie nie zuvor. Alle waren völlig erstaunt, winkten ihm zu, redeten aufgeregt durcheinander, als würden sie einem ganz außergewöhnlichen Ereignis beiwohnen (was vielleicht auch so war) und freuten sich darüber, dass Humann sich freute. Diese kleinen „Wunder“ gab es immer wieder. 

Die Jugendlichen hatten zwar ein Handicap, aber deswegen waren sie nicht unbedingt unglücklicher als andere. Oft dachte ich, dass sie sogar wesentlich zufriedener mit ihrem Leben waren, denn sie mussten sich seit ihrer Geburt alles erkämpfen, was für die meisten anderen in Deutschland selbstverständlich ist. Sie erschienen mir dankbarer für das, was sie hatten. In vielen Dingen verlief der Schulalltag genauso wie an allen anderen Schulen auch: Es wurde geliebt, gelästert, gestritten, versöhnt. Den Teenagern hier waren Markenklamotten nicht weniger wichtig als Teenagern einer gewöhnlichen Tagesschule. Zwei Dinge fielen mir allerdings sehr früh auf: Die Jugendlichen auf der Behindertenschule waren weit weniger zynisch als andere und schlossen einen unumwunden in ihr Herz. Und: Die politisch unkorrektesten Witze über Behinderte machen Behinderte selbst. Nicht selten kam es auf dem Schulhof zu kurzen Wortgefechten a la:
„Gib mir sofort den Ball zurück, du Mongo!“
„Wen nennst du hier ‚Mongo‘, Kapitän Rübenbein?!“
„Wieso? Du bist doch’n Mongo.“
„Und du hast ein Rübenbein.“
Danach umarmten die beiden Streithähne sich, klatschten einander lachend ab und spielten zusammen Fußball. Den Schulalltag an dieser Einrichtung habe ich somit wesentlich weniger agressiv erlebt, als ich ihn mir an vielen Tagesschulen vorstelle. Das zu erleben, empfand ich als Glück.

Jedesmal, wenn die Schulklingel das Unterrichtsende verkündete, sprang Günther, der Busfahrer, auf und rief: „Endstation! Alle aussteigen!“, worauf der Rest der Klasse ebenfalls aufsprang und sich Richtung Ausgang bewegte.

So gingen die Wochen und Monate dahin, eine Zeit, in der wir immer wieder einen Anlass zu feiern fanden. Im Februar trafen wir uns verkleidet zur großen Karnevalsfeier in der Schule, bei der Lehrer mit Schülern schunkelten und lauthals kölsche Lieder sangen. Günther (in seinem Busfahrerkostüm) stand an der CD-Anlage, vor ihm zwei Stapel mit CDs von den Höhnern, den Bläck Föös, den Paveiern und anderen kölschen Bands, die garantiert aus seiner Privatsammlung stammten. Haitem flanierte mit Jessica im Schwitzkasten quer durch die feiernde Meute. Sie war als Marienkäfer verkleidet, er als Raper (was in seinem Fall bedeutete, dass er eigentlich so aussah wie immer). Mit Robert stand ich an der Seite und half, Getränke auszuschenken. Wir selber tranken dabei Bier aus Pappbechern, sangen mit oder ließen uns von Schülern und Lehrern manchmal auf die Tanzfläche ziehen. Als ich von meinem Tanz zurückkehrte und einen kühlen Schluck Bier trank, hörte ich von der Seite plötzlich: „Ach Christian…“ Ich schmunzelte Kathrin zu, die sofort einen puterroten Kopf bekam. 

Im Juli feierten wir ein rauschendes Sommerfest. Auf dem Vorplatz hatten die Jugendlichen eine Band zusammengestellt, die mit Günther als Frontsänger, viel Spaß und ohne Gnade ein kölsches Lied nach dem anderen zerschredderte. Es roch nach Würstchen, Bier und frischen Waffeln, Haitem flanierte mit Jessica im Würgegriff an den Tischen mit Kaffee und Kuchen vorbei, und Kathrin stierte mich von ihrem Platz aus an, mit einem riesigen Stück Sahnetorte auf einem Teller. In der Turnhalle wurden Schaukämpfe zwischen Schülern und Lehrern veranstaltet, bei denen ich später den Ansager mimte und an deren Ende natürlich die Lehrer ihre Schüler immer gewinnen ließen. 

Schließlich jedoch war das Schuljahr vorbei, und es hieß Abschied nehmen. An unserem letzten Tag kochten Robert und ich mit den Schülern irgendein chinesisches Gericht, das garantiert kein Chinese freiwillig essen würde. Aus Klopapier bastelten wir uns Kochmützen und schafften es tatsächlich, etwas auf den Tisch zu stellen, das allen schmeckte. Gemeinsam mit Renate bildeten wir noch einmal eine fröhliche Runde, aber sie stand dennoch deutlich im Schatten des nahenden Abschieds.

Als ich mich schließlich von Günther verabschiedete, sagte er nur: „Machet jut, Jung, nä! Und nit verjessen: Verpass den Bus nit, der wartet nit extra auf disch.“ Diesen beinahe philosophischen Rat habe ich mir seitdem immer zu Herzen genommen (und trotzdem oft genug den Bus verpasst – Mist, der wartet wirklich nicht auf mich…).
In einiger Entfernung sah ich Kathrin stehen, die mich traurig ansah; so hatte ich sie noch nie erlebt. Ich ging zu ihr, lächelte sie an und sagte: „Alles in Ordnung?“
Sie nickte hastig, grinste dann unvermittelt übers ganze Gesicht und reichte mir ein Gänseblümchen. Gerührt nahm ich es entgegen und umarmte Kathrin, die spürbar zitterte. „Ach Kathrin“, sagte ich.
Haitem wartete mit Jessica im Arm darauf, in den Bus einsteigen zu können, der vor der Schule stand.
„Pass auf dich auf, Haitem, ja?“, sagte ich, als ich zu ihm trat.
„Ja“, erwiderte er.
„Und auf Jessica natürlich.“
„Ja.“
„Krieg ich ne Einladung, wenn sie sich von dir in ne Hochzeit reinquatschen lässt?“
„Ja.“
„Sagst du auch irgendwann mal 'nein'?“
„Ja.“
Ich lächelte ihn an, sagte noch: „Ich hoffe, nicht ausgerechnet vor dem Traualtar.“
Dann nahm ich Haitem in den Arm.

Und das war es dann. Ein knappes Jahr hatte ich viel Zeit mit meinen Freunden verbracht, für die nun ein neuer Lebensabschnitt begann; einige von ihnen nahmen nach dem Sommer die Arbeit in einer Behindertenwerkstatt auf. Ein neuer Abschnitt hatte für mich bereits begonnen, an jenem Tag, an dem ich zum ersten Mal diese Schule besucht hatte. Hat die Zeit mich glücklich gemacht? In den Augenblicken selber mit Sicherheit schon, und was anderes soll Glück auch sein, als das Gefühl, einen Moment festhalten und bewahren zu wollen, wissend, dass er vergeht. Aber was macht es aus, das ganz große Glück?

Einige Zeit später traf ich Haitem zusammen mit Jessica zufällig auf der Straße wieder. Erfreut reichten wir uns die Hände.
„Wohin des Weges?“, fragte ich ihn.
Haitem strahlte - was sonst? – und sagte: „Edeka.“
„Oho. Kocht ihr?“
Er schüttelte den Kopf. „Pflanze kaufen.“
Ich schaute ihn an und erhob gespielt mahnend einen Zeigefinger. „Aber kein Marihuana anbauen!“
„Ne.“
„Hey, du hast ‚nein‘ gesagt.“ Jedenfalls so halb…
„Ja.“
Jessica beließ es wie immer bei einem verschüchterten Lächeln. Ich strahlte die beiden an, drückte sie dann überfallartig und kurz an mich, wünschte ihnen alles Gute und sah ihnen noch eine Weile hinterher, wie sie gemeinsam die Straße hinab flanierten, immer kleiner wurden, bis der Schlund der großen Stadt sie verschluckte. So einfach ist das manchmal, mit dem Glück, dachte ich: Eine Pflanze kaufen bei Edeka, mehr braucht es eben nicht, wenn man die richtige Jessica an seiner Seite hat.