Mittwoch, 29. Januar 2014

Colorblind


(In seinem großartigen Buch "Winterjournal" beschreibt Autor Paul Auster, aus dem Blickwinkel seines Körpers, Stationen seines bisherigen Lebens in der Du-Perspektive. Diese Technik übernehme ich für den folgenden Text.)

Es gibt ein paar Dinge, die du dir als Kind niemals vorstellen kannst. Dass dein Herz nicht so aussieht wie es überall dargestellt wird, sondern eher wie ein handgroßer Klumpen Fleisch, aus dem Tentakel und Röhren herauswachsen, zum Beispiel. Dass diese Masse, dein Herz, so weich sie auch ist, gebrochen werden kann, zum Beispiel. Dass sich dieses Herz wieder erholen und neu justieren kann. Dass das Leben irgendwann kein Spiel mehr sein wird. Dass dein Vater stirbt, zum Beispiel. Und dann wirst du älter und all diese Wahrheiten blättern sich vor dir auf wie die aktuelle Tageszeitung, all das ist auf einmal Realität, und alles, was du denken kannst, ist: Scheiße.

Du bist vierzehn Jahre alt. Du hast geglaubt, das, was hinter dir liegt, sei schwierig gewesen, in Wahrheit jedoch wird es noch viel härter werden. Aber daran kannst du gerade nicht denken. Du denkst überhaupt an gar nichts, weil sich jeder Gedanke sofort mit ihm verknüpft, und du weißt, wenn das erst passiert, wirst du nicht mehr aufhören können zu weinen.
Unbewusst fasst du dir an die kleine Narbe in deinem Gesicht. Dein Blick wandert in das dunkle Grab hinab, und du glaubst erst gar nicht, dass er da unten in dieser glänzenden Kiste liegt, das erscheint dir aus vielerlei Gründen nicht logisch, und dir geht die kindliche Frage durch den Kopf, warum er nun da unten sein soll, wenn dir deine Religion doch weismachen will, dass er in den Himmel gekommen ist. Aber er ist wirklich nicht mehr da. Das Spiel ist vorbei, dein Herz ist gebrochen und zurück bleiben nur Verlierer.

Du bist vierunddreißig Jahre alt.
Du wachst neben ihr auf. Ihre Haare fallen wirr über ihre Stirn, ihr Atem ist leise und gleichmäßig, ihr Mund leicht geöffnet. Ihre Füße liegen frei. Vorsichtig setzt du dich auf und ziehst die Decke über sie, bleibst schließlich so sitzen, starrst in das morgendliche Licht, das durch das Fenster in den Raum scheint, lässt deinen Blick über die Kartons und ausgeräumten Bücher und CDs schweifen, wägst ab, ob du schon aufstehen sollst, legst dich dann aber doch noch einmal hin, ganz nahe an sie, die sich sofort in deine Umarmung hinein wurschtelt. Seit über drei Jahren teilst du dein Leben nun mit ihr. Sie ist die erste Frau, von der du dich verstanden fühlst. Sie ist die einzige, die mit dir das Grab deines Vaters besucht hat. Du staunst, wie sich jemand, der so klug und schön ist wie sie, für dich entscheiden konnte. So viele Dinge sind zuvor geschehen, die dir das Herz gebrochen haben, aber vielleicht ist die Trennung im Jahr eures Kennenlernens das beste, was dir passieren konnte. Schließlich hat sie dich hierher geführt. Zu ihr. Zu deiner zukünftigen Frau.

Du bist neun Jahre alt.
Es ist Vater-Sohn-Tag. Du stehst mit ihm in der Küche und bereitest den Teig für selbstgemachte Pizza vor, was nicht so recht gelingen will, weil keiner von euch beiden eine Ahnung vom Kochen hat. Der Teig klebt an euren Händen, will sich nicht ausrollen lassen, und ihr beginnt stattdessen, euch wie kleine Kinder mit dem Teig zu bewerfen. (Genau genommen bist zumindest du zu dem Zeitpunkt ja nun tatsächlich noch ein Kind…) Das klebrige Zeug findet sich noch Tage später in allen möglichen Ecken und Ritzen der Küche wieder; wie Zeugen eines Glücks, das jedoch nicht so fest an dir haftet wie du es dir wünschen würdest. Du bist dir schon früh gewahr, dass alles vergänglich ist. Auch deswegen hat dieser scheinbar belanglose Tag mit ihm solch eine Bedeutung für dich, wie überhaupt jeder Tag mit ihm im Nachhinein eine Bedeutung für dich hat.

Du bist sieben Jahre alt.
Auf deinem kleinen Fahrrad mit der gelben Fahne und der Tröte am Lenker radelst du gefolgt von deiner Mutter in die Einfahrt des Tennisclubs, in dem du mit deiner Familie so viele glückliche Stunden verbracht hast. Es ist ein warmer Sommertag, daran erinnerst du dich ganz genau und an deine von Calippo-Eis verklebten Finger. Hinter der nächsten Kurve kommt dir ein Motorrad entgegengebraust. In deiner Erinnerung ist es so schnell wie der Road Runner, in Wahrheit sicher wesentlich gemächlicher unterwegs, aber immer noch in solch einem Tempo, dass keiner von euch ausweichen und den Unfall verhindern kann. In hohem Bogen fliegst du von deinem Rad und landest auf dem harten Pflaster. Beide Knie sind aufgeschlagen, und auch aus einem Schnitt unter deinem linken Auge läuft Blut. Es ist so schnell vonstatten gegangen, dass du gar nicht richtig realisierst, was überhaupt passiert ist, und eigentlich willst du es ziemlich cool finden, dass du wie ein Stuntman durch die Luft geflogen bist, würde nicht dein halber Körper brennen vor Schmerz. Und so fängst du eben doch zu heulen an, auch damit dieser verdammte Motorradfahrer sich noch schlechter fühlt.
Du spürst die starken warmen Arme deines Vaters um dich und hörst seine tiefe beruhigende Stimme, die dir eine unnachahmliche Sicherheit vermittelt. Er eilt mit dir ins Clubhaus, um dich verarzten zu lassen und dir das größte Eis aller Zeiten zu spendieren, für deine „Tapferkeit“, wie er sagt, was du nicht ganz nachvollziehen kannst, was du aber natürlich für dich behältst, um die Prämie nicht zu gefährden.

Es ist Sonntagmorgen. Du bist nun doch aufgestanden. Ein paar Minuten setzt du dich auf das Sofa im Wohnzimmer, umgeben von Büchern, liest die letzten Seiten von Jeff Lemires großartiger Graphic Novel „Essex County“, legst das Buch danach zur Seite und schaust durch die Balkontür hinaus. Regen prasselt auf die Straßen. Das Geräusch wirkt einschläfernd, aber bevor dir die Augen wieder zufallen, schwingst du dich mit einem Ruck vom Sofa.
Im Badezimmer reibst du dir über deine Arme und blickst in den Spiegel, direkt in die verschlafenen Augen eines Mannes, der gerade exakt so alt aussieht wie er ist. Mit einem Finger streichst du über die kleine Narbe in deinem Gesicht, knapp unter deinem rechten Auge; wie der Pizzateig an der Küchenwand eine Spur, die dein Leben hinterlassen hat, um dich daran zu erinnern, dass deine Erinnerungen tatsächlich einmal gelebte Augenblicke gewesen sind. 

Du stehst an seinem Grab.
Du bist vierzehn Jahre alt.
Du bist vierundzwanzig Jahre alt.
Du bist vierunddreißig Jahre alt.
Wo ist nur die Zeit geblieben?

Auf einmal legen sich zwei Arme um dich. Sie vermitteln dir eine neue Sicherheit. Du blickst in den Spiegel.

Du blickst in deine nahe Zukunft. Du bist Mitte dreißig. In deinen Armen hältst du deine Tochter, gerade erst geboren, ein verknautschtes kleines Wunder. Dein Blick will sich keine Sekunde von ihr abwenden. Du bist der Vater, der sie beschützen und der sie doch eines Tages zurück lassen wird.
Aber noch nicht.
Du lächelst.
Noch bin ich da.