Montag, 18. August 2014

We are family

(Der Song zum Blog)

Ich sitze in einem schwarzen Mercedes, auf dem Weg nach Köln Marienburg, einer noblen Villengegend, in der sich auch das Filmhaus der „Nesthocker“ befindet. Es ist Herbst. Ich bin 20 Jahre alt. Kurz nach meinem Ausstieg aus „Verbotene Liebe“ habe ich die Hauptrolle neben Sabine Postel in einer neuen Familienserie fürs ZDF ergattert. Es soll eine moderne Variante von „Ich heirate eine Familie“ werden, dem Klassiker des Genres; vielleicht ist es kein schlechtes Omen, dass der damalige Kameramann nun auch die Kamera bei unserer Serie führt.

Als ich das Casting noch vor mir hatte und das erste Drehbuch las wusste ich, dass ich die Rolle spielen musste. Die Serie war witzig und schnell geschrieben, und ich hatte sofort tausend Ideen, wie dieser Oliver Brand zu meiner Figur werden sollte.
An dem Tag des Castings hinterließ ich aber erst einmal nicht den besten Eindruck, denn ich kam, völlig unüblich für mich (Ähem…), zu spät. Ich erinnere mich, wie ich sofort in den Castingraum gebracht wurde, wo Sabine bereits auf mich wartete. Es war mir unsagbar peinlich, dass ich alle hatte warten lassen, und dachte, dass der Drops schon gelutscht sei und ich mich eigentlich gleich wieder verabschieden konnte. In dem Moment, in dem mir dieser Gedanke kam, wurde ich völlig ruhig, und möglicherweise half mir genau dieses Gefühl beim Spielen der folgenden Szene: Ich sollte mich als Sohn bei „Mutter Sabine“ aus Bequemlichkeit einquartieren und sie davon überzeugen, mich wieder aufzunehmen. Es lief recht glatt, dennoch war ich mir danach unsicher, ob das gereicht hatte.
Es hatte. Ich erfuhr nur einen Tag später, dass man mir die Rolle gab.
Kurz darauf wurde ich als Anspielpartner für ein anderes Casting gebraucht; wir suchten meine Serienschwester. Eine der aussichtreichsten Kandidatinnen war Alexandra Schalaudek, mit der ich nicht nur jahrelang bei „Verbotene Liebe“ gespielt hatte, sondern die auch Hauptdarstellerin in meinem „So in Love“-Video gewesen war. Um ehrlich zu sein, hoffte ich sehr, sie mache das Rennen, aber als Tanja Wedhorn kam, wusste ich, dass man ihr die Rolle geben würde. Und das war genauso gut.
Die Rollenverteilung ist bei dem ein oder anderen sowieso eine recht interessante Geschichte. Andreas Elsholz zum Beispiel bekam seine Rolle nur, weil ich ihn gedrängt hatte, zur Release-Party meines ersten Albums zu erscheinen. Auf dieser Party lernte er den Produzenten der Serie kennen, der eigentlich jemand ganz anderes auf dem Zettel hatte, und gewann noch in jener Nacht die Rolle des Ex-Freundes meiner Schwester. (Auf den versprochenen Scheck von Andreas warte ich immer noch…) Und meine Serien-Oma sollte ursprünglich von der großartigen Liselotte Pulver gespielt werden, die mich mit der Sesamstraße durch meine Kindheit begleitet hatte. Aber Margret Homeyer, die letztendlich die Rolle ergatterte, habe ich sofort in mein Herz geschlossen. Zwischen uns beiden war es von Anfang an die große Liebe. :-)

Margret ist es auch, die mich als erste empfängt, als ich die Tür zum Maskenwagen öffne. Sie herzt mich und drückt mich an sich, ihre Haare fest eingespannt in Lockenwickler.
„Wie heißt noch mal dein Schart-Hit?“, sagt sie.
„Mein was?“, sage ich lachend und weiß natürlich, dass sie Chart-Hit meint.
„Wir sprachen gerade drüber“, sie deutet auf Chrissie von der Maske. „Irgendwas mit Tuneit.“ Sie dehnt das Uuuuuu.
„Forever Tonight.“ Ich lache und wische ihr über den Arm. Mit Popmusik hat sie es nicht so. In einer Szene einen Tag zuvor sollte sie den Namen „Elton John“ aussprechen und sagte permanent „Elton Johnton“, was sie so trocken (und dadurch so komisch) herüberbrachte, dass es den Sprung in die gesendete Fassung schaffte.

Mit Serienmama Sabine hatte ich von Tag eins an ein inniges Verhältnis. Wir malten uns ständig aus, wie eine Szene noch lustiger sein könnte, wenn man mal über die Strenge schlagen dürfte. Wir verbrachten viel Zeit am Set miteinander. Sie ist vollkommen unprätentiös und wurde eine echte Vertrauensperson für mich.
Mit Andreas traf ich mich öfters privat. Wir machten uns lustig über alles und jeden, vor allem übereinander. Er hatte großen Spaß daran, meine Haare kurz vor einer Szene durcheinander zu wirbeln, und ich imitierte ihn immer dann, wenn wir eine gemeinsame Szene hatten, die Kamera aber gerade nur auf ihn gerichtet war.
Dann gab es noch Helmut Zierl, der den Freund meiner Mutter spielte. Ich kenne niemanden, der bei jeder Begegnung einen neuen schmutzigen Witz auf Lager hat. Irgendwann im Laufe des Tages stellte er sich neben einen, sagte erst einmal nichts und wisperte einem dann einen schmutzigen Witz zu, der in den seltensten Fällen witzig war. Bei den ersten Malen lachte man aus Höflichkeit. Bei den nächsten Malen reichte es noch für ein mitleidiges Lächeln. Aber er gab nie auf.

Die erste Szene des Tages habe ich mit Felicitas Woll, die meine Dauer-On-Off-Beziehung spielt. In der Folge eröffne ich einen Frühstücksservice, mit dem ich am Ende natürlich gründlich baden gehe. Apropos „baden“: Kurz nach meiner Begegnung mit Margret stehe ich für den Dreh unter der Dusche mit Felicitas. Angezogen. Ich jedenfalls. Sie soll den Duschvorhang zuziehen und ihren BH hinausschmeißen, was sie sichtlich nervös macht.
„Guck mir nicht auf die Brüste!“, sagt sie und droht mir lachend mit ausgestrecktem Finger.
Ich recke die Hände hoch, als sei ich ertappt worden. „Keine Sorge, ich gucke dir nicht auf die Brüste.“
„Und bitte!“, hören wir von draußen die Regisseurin rufen. Fee zieht den Duschvorhang zu, zieht sich dann hibbelig den BH aus und wirft ihn nach draußen.
„Mist!“, zische ich leise.
„Was?“, wispert Fee mit großen Augen.
„Ich hab dir auf die Brüste geguckt.“
Sie schlägt mir spielerisch mit einer Hand auf den Arm, dann können wir beide darüber lachen.

Es gibt natürlich unzählige kleine Anekdoten aus dem Hintergrund der „Nesthocker“ zu erzählen, nicht nur amüsante. Ein Schauspieler, der bereits in einer vorherigen Folge meinen besten Kumpel gespielt hatte, stürzte kurz vor dem nächsten Dreh unweit des Doms ein paar Meter tief auf die Straße und verstarb nur einen Tag vor Drehbeginn. Es war eine schlimme Erfahrung, diesem jungen Menschen nur Tage zuvor bei der Kostümprobe begegnet zu sein und sich zu erinnern, wie sehr er sich auf die Dreharbeiten gefreut hatte. Jetzt war er einfach nicht mehr da. Und es fiel mir unheimlich schwer, mit seinem „Ersatz“, Denis Moschitto, zu spielen und so zu tun, als sei nichts gewesen (was nicht an Denis lag, der ein wunderbarer Kollege war).
Hinter den Kulissen ergab sich die ein oder andere romantische Verwicklung. Tanja Wedhorn verliebte sich in den Kamerassistenten (und ich mich in Margret, aber das hatten wir ja bereits). Ich selber hatte nie was mit einer der Darstellerinnen, aus dem einfach Grund, dass ich vergeben war. Was meine Rolle anging, so hatte ich das Gefühl, in jeder zweiten Folge mit einer anderen Schauspielerin im Bett zu liegen. Absurd wurde es, als ich mit Anne-Sophie Briest hinter einer Schattenwand den Geschlechtsakt simulieren sollte und in der Nachbearbeitung mein eigener Song „In Heaven“ als Hintergrundmusik eingefügt wurde. Vielleicht hat das aber auch Andreas veranlasst, zuzutrauen wär’s ihm…

Nach meiner dritten Szene des Tages werde ich abgeholt, um in der Kölnarena für die Bravo-Super-Show zu proben, erst danach geht es am Set für mich weiter. Irgendwann am Abend ist dann Schluss. Ein weiterer Drehtag mit einem großartigen Team geht zu Ende.
Es war eine wunderbare Zeit. Nach einem Dreh wird immer so schnell gesagt, wie toll man sich doch verstanden hat und dass alle wie eine große Familie waren. Eine Familie waren wir nur in der Serie, aber toll haben wir uns tatsächlich verstanden. Wir waren eine richtig gute Truppe, und am Ende konnten wir stolz sein, nicht nur auf eine handwerklich gut gemachte Serie, sondern auch auf den erfolgreichsten Serienstart des Jahres. Aus irgendeinem Grund funktionierten wir für das Publikum als Familie; vielleicht, weil sich der Spaß, den wir beim Dreh hatten, über den Bildschirm übertragen hat. Vielleicht aber auch, weil sich diese Serie eben um das eine drehte, das jeder von uns braucht.

Montag, 28. April 2014

April in Paris

(Der Song zum Blog)

Paris, du vielleicht schönste schmutzige Stadt der Welt. Viele deiner kleinen Seitengassen wirken so heruntergekommen wie eine längst erloschene Liebe. Über die Ufer der Seine trägst du schäumend vor Empörung Plastikflaschen, zerrissene Schuhe, alte Regenschirme, eben alles, was Touristen von den Ausflugsschiffen schmeißen, an Land. Auf deinen Wochenmärkten dünstet das Fleisch ungekühlt in der Sonne, Hühner hängen schlapp und gelb an Haken, Macarons liegen eimerweise aufeinander gestapelt und wirken längst nicht mehr so appetitlich wie in den Auslagen des Konditors Pierre Hermé.

Ich laufe über den Boulevard Haussmann. Mir weht der Geruch von Miesmuscheln entgegen, die in jedem Restaurant der Umgebung angeboten werden. Er ist mir so vertraut wie mir alles hier vertraut erscheint.
Ich bin schon einmal hier gewesen.
Ich setze mich an den letzten freien Bistrotisch eines von Efeu umrankten Cafés, bestelle Milchkaffee, obwohl ich den sonst gar nicht trinke, nehme mir „The Goldfinch“, den neuen Roman von Donna Tartt, zur Hand und habe das Gefühl, seit Ewigkeiten hier zu leben.
Es ist früher Abend. Die Sonne senkt sich bereits hinter die Spitzen der windschiefen Hausdächer. Als der Milchkaffee gebracht wird, schlage ich das Buch zu, nehme einen kleinen Schluck und lasse meinen Blick umherschweifen. Der milde Wind weht eine Seite der "Le Parisien" über die Straßen. Die Wolken ziehen wie Torten auf einem Fließband über die Stadt hinweg. Eine blass geschminkte junge Frau kommt auf das Café zugelaufen, kramt in ihrer Handtasche, zwischen ihren Lippen eine unangezündete Zigarette mit Spitze. Ihre Stirn ist in Falten gezogen. Mit ihrem Cloché wirkt sie wie eine Zeitreisende aus den 1920er Jahren. Sie bleibt direkt vor meinem Tisch stehen und atmet durch. Ich stehe auf, um ihr die kleine Flamme eines Streichholzes entgegen zu halten. Obwohl ich selber Nichtraucher bin, trage ich immer welche bei mir; wer weiß, wann du mal auf einer einsamen Insel strandest, dann bist du froh über eine Schachtel Streichhölzer.
Die Frau bedankt sich mit einem überraschten Lächeln. Erst dann scheint sie zu bemerken, dass ich Anzug und Krawatte trage und fragt mich, ob ich auf dem Weg zu irgendeiner Party sei. (Zwischen ihrem wohlklingenden, für mich aber weitestgehend unverständlichen Französisch, höre ich das Wort „partie“ heraus.) Ich verneine.
Ein Hupen ertönt; es klingt wie das Quaken einer kotzenden Ente. Ein schwarzer Ford T wartet auf sie. Ihm sind winkende Arme entwachsen. Kurz sieht die Frau zu dem Wagen, winkt den Rufenden zu, sieht dann wieder zu mir und fragt mich auf Englisch, ob ich sie begleiten möchte; sie hat gleich bemerkt, dass ich ihre Sprache nicht beherrsche. Obwohl ich nicht umhinkomme, es charmant zu finden, und es mich interessiert, wohin der alte Ford T mich gebracht hätte, muss ich ihr leider eine Absage erteilen. Ich habe bereits eine Verabredung. Wäre ich mitgefahren, vielleicht wäre es mir wie Owen Wilson in Woody Allens „Midnight in Paris“ ergangen, und nicht sie, sondern ich wäre der Zeitreisende gewesen.
Sie macht eine Schnute, dreht sich dann aber wortlos um und trippelt zu ihren Leuten. Die Begegnung mit ihr erscheint mir derart unwirklich, dass ich mich bereits zwei Minuten später frage, ob sie bloß ein Tagtraum von Lewis Carroll gewesen ist. Auch das macht Paris mit dir: Die Stadt ist wie ein Märchenbuch, in dem du eine kleine schillernde Anekdote bist.

In den Irrgärten der Metro verlaufe ich mich kurz darauf beinahe. Als die Bahn einfährt, wirbelt der Fahrtwind meine Krawatte auf. Ich fahre ein paar Stationen und erreiche mit den letzten Winkelzügen der Abenddämmerung wieder die obere Welt, lichtdurchflutet und auf perfekte Weise unaufgeräumt, als sei ich Teil der sepiafarbenen Aufnahme eines Fotobandes. Ein Blick auf meine Armbanduhr zeigt: Ich habe noch etwas Zeit.
Mein Weg führt mich zu „Shakespeare & Company“, der wahrscheinlich schönsten Buchhandlung der Welt. Das Original-Geschäft war während der Wirren des Ersten Weltkriegs im November 1919 von Sylvia Beach eröffnet worden und hatte sich schnell zum Treffpunkt literarischer Größen wie Ernest Hemingway, Ezra Pound und F. Scott Fitzgerald entwickelt. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Sylvia Beach interniert und ihr Laden geschlossen. 1964 benannte George Whitman seine Buchhandlung an der Rue de la Bûcherie Nr. 37 zu Ehren Beachs‘ schließlich in „Shakespeare & Company“ um. Bis zu seinem Tod konnten Reisende zwischen den Regalen auf einer Matratze übernachten, wenn sie im Gegenzug ein paar Stunden im Laden aushalfen.
Ich könnte den ganzen Tag hier verbringen, schmökere in dem ein oder anderen Buch, gehe die knarrende Treppe hinauf, entdecke ein Klavier und einen Schaukelstuhl, nehme mir einen Roman zur Hand („Telegraph Avenue“ von Michael Chabon) und setze mich auf die Fensterbank, lese in die ersten Seiten hinein, lasse mich aber immer wieder von dem Blick hinaus auf die Seine ablenken. Ein Hochzeitspaar wird auf der Promenade abgelichtet, betrachtet von Umstehenden, als seien sie die Attraktion eines Wanderzirkus. Ich beobachte eine Weile, wie die Fotografin versucht, das Paar in Szene zu setzen; der Wind weht der Braut immer wieder den Schleier vors Gesicht. Dann sehe ich schließlich auf meine Armbanduhr, klappe das Buch zu und mache mich wieder auf den Weg: Ich habe ein wenig die Zeit verbummelt.

Ich eile über die Straßen, winde mich durch stauende, hupende Autos, lasse mich schließlich von einem Taxi fahren, steige an der großen Treppe aus, nehme mehrere Stufen auf einmal und schalte erst auf Schritttempo um, als ich wieder in der Zeit bin.
Sie wartet bereits. Hat mir den Rücken zugewandt und sieht über das abendliche Paris hinweg, das sich wie schlimmster Postkartenkitsch vor uns ausbreitet. Ihr dunkelgrünes Kleid glänzt matt im Licht der Laterne. Sie trägt ihre Haare hochgesteckt, eine Strähne hat sich gelöst und fällt ihr in den Nacken, was ich in dem Augenblick wahnsinnig sexy finde.
Heute Morgen hatte ein geheimnisvoller Umschlag vor der Tür ihrer Berliner Altbauwohnung gelegen. Darin ein Flugticket nach Paris und eine kurze Nachricht:
Heute Abend um 22 Uhr,
dort, wo alles begonnen hat.

Sechs Wochen haben wir uns nun nicht mehr gesehen. Während ich zwischen Studium und Job, zwischen Köln, Berlin und München gewandelt bin, kümmert sie sich um ihr Studium, um ihre Arbeit am Theater und um Anfragen ihrer Modellagentur, die sie für einen Werbespot nach Südafrika schicken möchte. Wäre ich einer dieser coolen Leute, würde ich sagen: Ganz schön „busy“, aber alleine durch meine Leidenschaft für Literatur galt ich bereits als Jugendlicher alles andere als cool.
„Ich hoffe, ich bin nicht zu spät“, sage ich leise, um sie nicht zu erschrecken. Sie dreht sich um und schickt mir ihr Lächeln durch das Dunkel. Ihr Blick geht zur großen Uhr hinter mir, dann schüttelt sie den Kopf.
Ich krame in der Innentasche meines Jacketts und hole einen MP3-Player hervor. Es ist wie vor ein paar Jahren. Ich verbeuge mich ungelenk, sehe sie mit übertrieben distinguiertem Blick an, reiche ihr meine Hand und nehme ihre in meine; insgeheim hoffe ich nicht, dass ich nach meinem Lauf wie ein verschwitzter Iltis rieche und in meiner Nähe die Gänseblümchen eingehen.
Aber die uns umgebende Botanik hat Glück: Das Deo wirkt.
Und dann ertönen die ersten Klänge von „April in Paris“ von Ella Fitzgerald und Louis Armstrong, und wir beginnen zu tanzen.
„Ist das sehr kitschig?“, frage ich sie, und sie lacht.
„Total“, sagt sie.
„Okay“, ich puste gespielt erleichtert Luft aus den Wangen. „Dann läuft ja alles wie geplant.“
„Ach ja? Was hast du denn noch so geplant?“
Ich tue so, als hätte ich sie nicht gehört, muss aber schmunzeln und spüre die Aufregung in Form eines angenehmen Kribbelns durch meine Beine ziehen. Und nicht unweit entfernt sitzt auf einem Mäuerchen Ernest Hemingway und trinkt auf uns.






Dienstag, 25. Februar 2014

Happy





Was macht Dich glücklich?

Als ich damals von meiner Asientour zurückkam, stellte ich mir genau diese Frage. Ich hatte einen Marathon an Auftritten, Fototerminen und Interviews hinter mir, war vor zehntausenden Menschen aufgetreten, und nun saß ich wieder in meiner Bude und wünschte mir, zehn Gänge herunter zu schalten und etwas vollkommen anderes zu machen.

Es ergab sich zu dieser Zeit, dass einer meiner damaligen Freunde, Robert, seinen Zivildienst in einer Schule für geistig und körperlich behinderte Kinder leistete. Diese Arbeit hatte mich schon immer interessiert, also holte ich mir die Erlaubnis der Schule ein und begleitete meinen Kumpel schließlich für einen Tag, der einschneidend für mein Leben werden sollte. Denn hier interessierte sich keiner dafür, wer ich war. Ich war einfach ein Freund, den die Schüler schon nach kurzer Zeit in ihren Reihen akzeptierten. Ein paar von ihnen lernte ich gleich am ersten Tag näher kennen, zum Beispiel Haitem, den 15jährigen Deutsch-Türken, der immer eine herumgedrehte Kappe auf dem Kopf trug, umwickelt mit einem Stirnband Marke „Karate Kid“. Er war einen halben Kopf größer als ich, schlacksig, Zahnspange im Mund und ein unerschütterliches Grinsen auf den Lippen, und wenn er etwas sagte, dann knapp und abgehackt. Meistens sprach er von seiner Flamme Jessica (mit einem J, das nicht wie Dsch ausgesprochen wird). Die beiden liefen immer Arm in Arm auf dem Schulhof entlang, beziehungsweise legte Haitem seinen Arm um Jessica, die das einfach mal so hinnahm. Haitem flanierte geradezu mit ihr über den Platz, latschte quer über aufgemalte Kreidebilder, sprengte Fußballspiele, nur damit bloß jeder mitbekam, dass er und Jessica ein Paar waren. (Ich bin mir allerdings bis heute nicht sicher, ob Jessica das auch so gesehen hat.)

Dann gab es da noch Günther (kölsch ausgesprochen: Jünnnther), auch 15 Jahre alt, mit rheinischem Dialekt, den er genussvoll kultivierte, und überzeugt davon, Busfahrer zu sein. In der Pause ging er von Pfahl zu Pfahl, pustete durch die Backen, zog an einer imaginären Bremse und rief die Station aus.

Kathrin, eine weitere Schülerin, saß in der Außenreihe mir gegenüber und sah mich während des Unterrichts die ganze Zeit unverhohlen an, lächelte verträumt und kicherte immer dann, wenn ich zu ihr blickte. „Ach Christian“, sagte sie immer seufzend, wenn sie in der Pause an mir vorbei ging. Mehr hörte ich nie von ihr.

Geleitet wurde die Klasse, in der ich aushalf, von Renate, einer gemütlich molligen etwas über 60jährigen Frau mit schwarz gefärbten Haaren und einer Stimme, die von vierzig Jahren Kettenrauchen zeugte. Apropos: Sie war mit Ketten behängt wie ein Christbaum (man hörte sie durch das Geklimper jedes Mal schon von Weitem kommen) und ihr Kajal war immer leicht verrutscht. Aber sie trug ihr Herz am rechten Fleck, ging völlig souverän und selbstverständlich mit den Jugendlichen um, schäkerte mit Robert und mir und versprühte einen robusten Charme. Es war ihr letztes Jahr vor der Pensionierung, vielleicht war sie auch deswegen so entspannt.

Von dem Probetag an besuchte ich die Schule regelmäßig. Jeden Morgen begrüßten die Schüler mich wie einen alten Freund, riefen schon von Weitem meinen Namen, umarmten mich, lachten mich an und erzählten mir die neuesten Geschichten. Schon lange nicht mehr hatte ich mich so herzlich aufgenommen gefühlt. Die Arbeit im Mediengeschäft hatte durchaus Spaß gemacht, aber menschliche Wärme fand man dort eher in Minustemperaturen vor. Hier war ich nicht nur für Menschen interessant, solange ich ihnen von Nutzen war, und es liegt wohl viel näher an der Wahrheit, wenn ich sage, dass mir die Zeit mit den Jugendlichen mehr genutzt hat als es umgekehrt der Fall ist. Wenn ich nicht dagewesen wäre, hätte jemand anderes den Job gemacht, aber für mich waren die Schüler unersetzlich.

Man darf nicht glauben, die Kinder und Jugendlichen an dieser Schule seien aufgrund ihrer Behinderungen nicht intelligent gewesen. Man konnte sich mit vielen von ihnen ganz normal unterhalten. In ihren Träumen und Idealen unterschieden sie sich nicht von allen anderen Teenagern. Haitem fand 50 Cent cool, Birte träumte davon, Tänzerin zu werden. Ihre Schwächen zeigten sich oftmals erst, wenn man sich mit ihnen im Unterricht zusammensetzte. Einmal versuchte ich Haitem mittels eines Rechenschiebers Grundkenntnisse der Mathematik nahe zu bringen, doch schon bei der Aufgabe 12 plus 23 brauchte er zehn Sekunden bis er mich schließlich grinsend ansah und sagte: „Dreiunddreißig.“
„Nein“, entgegnete ich.
„Vierunddreißig.“
„Knapp.“
„Fünfunddreißig.“
„Hast du gerechnet oder geraten?“
„Ja.“
„Beides?“
„Ja.“
Ich legte meine Stirn in Falten. „Verarschst du mich gerade?“ 
Auf Haitems Mund breitete sich ein sonniges Grinsen aus, als mir plötzlich jemand von der Seite sachte ins Ohr pustete, etwas, das mir bei der richtigen Frau durchaus eine Gänsehaut bereiten kann, in diesem Fall jedoch keinerlei Effekt auf mich hatte, da es Humann gewesen war. Humann war Autist. In der Regel saß er einfach auf seinem Platz, sah sich um, lächelte hier und da, pfiff manchmal, zeigte aber ansonsten nur selten eine Regung. Ich erinnere mich jedoch an einen Ausflug auf den Weihnachtsmarkt. Als Robert Humann auf eines der Karusselpferde setzte und das Karussel sich zu drehen begann, kiekste er mit einem Mal, hopste auf dem Pferd und lachte und winkte und war so lebendig wie nie zuvor. Alle waren völlig erstaunt, winkten ihm zu, redeten aufgeregt durcheinander, als würden sie einem ganz außergewöhnlichen Ereignis beiwohnen (was vielleicht auch so war) und freuten sich darüber, dass Humann sich freute. Diese kleinen „Wunder“ gab es immer wieder. 

Die Jugendlichen hatten zwar ein Handicap, aber deswegen waren sie nicht unbedingt unglücklicher als andere. Oft dachte ich, dass sie sogar wesentlich zufriedener mit ihrem Leben waren, denn sie mussten sich seit ihrer Geburt alles erkämpfen, was für die meisten anderen in Deutschland selbstverständlich ist. Sie erschienen mir dankbarer für das, was sie hatten. In vielen Dingen verlief der Schulalltag genauso wie an allen anderen Schulen auch: Es wurde geliebt, gelästert, gestritten, versöhnt. Den Teenagern hier waren Markenklamotten nicht weniger wichtig als Teenagern einer gewöhnlichen Tagesschule. Zwei Dinge fielen mir allerdings sehr früh auf: Die Jugendlichen auf der Behindertenschule waren weit weniger zynisch als andere und schlossen einen unumwunden in ihr Herz. Und: Die politisch unkorrektesten Witze über Behinderte machen Behinderte selbst. Nicht selten kam es auf dem Schulhof zu kurzen Wortgefechten a la:
„Gib mir sofort den Ball zurück, du Mongo!“
„Wen nennst du hier ‚Mongo‘, Kapitän Rübenbein?!“
„Wieso? Du bist doch’n Mongo.“
„Und du hast ein Rübenbein.“
Danach umarmten die beiden Streithähne sich, klatschten einander lachend ab und spielten zusammen Fußball. Den Schulalltag an dieser Einrichtung habe ich somit wesentlich weniger agressiv erlebt, als ich ihn mir an vielen Tagesschulen vorstelle. Das zu erleben, empfand ich als Glück.

Jedesmal, wenn die Schulklingel das Unterrichtsende verkündete, sprang Günther, der Busfahrer, auf und rief: „Endstation! Alle aussteigen!“, worauf der Rest der Klasse ebenfalls aufsprang und sich Richtung Ausgang bewegte.

So gingen die Wochen und Monate dahin, eine Zeit, in der wir immer wieder einen Anlass zu feiern fanden. Im Februar trafen wir uns verkleidet zur großen Karnevalsfeier in der Schule, bei der Lehrer mit Schülern schunkelten und lauthals kölsche Lieder sangen. Günther (in seinem Busfahrerkostüm) stand an der CD-Anlage, vor ihm zwei Stapel mit CDs von den Höhnern, den Bläck Föös, den Paveiern und anderen kölschen Bands, die garantiert aus seiner Privatsammlung stammten. Haitem flanierte mit Jessica im Schwitzkasten quer durch die feiernde Meute. Sie war als Marienkäfer verkleidet, er als Raper (was in seinem Fall bedeutete, dass er eigentlich so aussah wie immer). Mit Robert stand ich an der Seite und half, Getränke auszuschenken. Wir selber tranken dabei Bier aus Pappbechern, sangen mit oder ließen uns von Schülern und Lehrern manchmal auf die Tanzfläche ziehen. Als ich von meinem Tanz zurückkehrte und einen kühlen Schluck Bier trank, hörte ich von der Seite plötzlich: „Ach Christian…“ Ich schmunzelte Kathrin zu, die sofort einen puterroten Kopf bekam. 

Im Juli feierten wir ein rauschendes Sommerfest. Auf dem Vorplatz hatten die Jugendlichen eine Band zusammengestellt, die mit Günther als Frontsänger, viel Spaß und ohne Gnade ein kölsches Lied nach dem anderen zerschredderte. Es roch nach Würstchen, Bier und frischen Waffeln, Haitem flanierte mit Jessica im Würgegriff an den Tischen mit Kaffee und Kuchen vorbei, und Kathrin stierte mich von ihrem Platz aus an, mit einem riesigen Stück Sahnetorte auf einem Teller. In der Turnhalle wurden Schaukämpfe zwischen Schülern und Lehrern veranstaltet, bei denen ich später den Ansager mimte und an deren Ende natürlich die Lehrer ihre Schüler immer gewinnen ließen. 

Schließlich jedoch war das Schuljahr vorbei, und es hieß Abschied nehmen. An unserem letzten Tag kochten Robert und ich mit den Schülern irgendein chinesisches Gericht, das garantiert kein Chinese freiwillig essen würde. Aus Klopapier bastelten wir uns Kochmützen und schafften es tatsächlich, etwas auf den Tisch zu stellen, das allen schmeckte. Gemeinsam mit Renate bildeten wir noch einmal eine fröhliche Runde, aber sie stand dennoch deutlich im Schatten des nahenden Abschieds.

Als ich mich schließlich von Günther verabschiedete, sagte er nur: „Machet jut, Jung, nä! Und nit verjessen: Verpass den Bus nit, der wartet nit extra auf disch.“ Diesen beinahe philosophischen Rat habe ich mir seitdem immer zu Herzen genommen (und trotzdem oft genug den Bus verpasst – Mist, der wartet wirklich nicht auf mich…).
In einiger Entfernung sah ich Kathrin stehen, die mich traurig ansah; so hatte ich sie noch nie erlebt. Ich ging zu ihr, lächelte sie an und sagte: „Alles in Ordnung?“
Sie nickte hastig, grinste dann unvermittelt übers ganze Gesicht und reichte mir ein Gänseblümchen. Gerührt nahm ich es entgegen und umarmte Kathrin, die spürbar zitterte. „Ach Kathrin“, sagte ich.
Haitem wartete mit Jessica im Arm darauf, in den Bus einsteigen zu können, der vor der Schule stand.
„Pass auf dich auf, Haitem, ja?“, sagte ich, als ich zu ihm trat.
„Ja“, erwiderte er.
„Und auf Jessica natürlich.“
„Ja.“
„Krieg ich ne Einladung, wenn sie sich von dir in ne Hochzeit reinquatschen lässt?“
„Ja.“
„Sagst du auch irgendwann mal 'nein'?“
„Ja.“
Ich lächelte ihn an, sagte noch: „Ich hoffe, nicht ausgerechnet vor dem Traualtar.“
Dann nahm ich Haitem in den Arm.

Und das war es dann. Ein knappes Jahr hatte ich viel Zeit mit meinen Freunden verbracht, für die nun ein neuer Lebensabschnitt begann; einige von ihnen nahmen nach dem Sommer die Arbeit in einer Behindertenwerkstatt auf. Ein neuer Abschnitt hatte für mich bereits begonnen, an jenem Tag, an dem ich zum ersten Mal diese Schule besucht hatte. Hat die Zeit mich glücklich gemacht? In den Augenblicken selber mit Sicherheit schon, und was anderes soll Glück auch sein, als das Gefühl, einen Moment festhalten und bewahren zu wollen, wissend, dass er vergeht. Aber was macht es aus, das ganz große Glück?

Einige Zeit später traf ich Haitem zusammen mit Jessica zufällig auf der Straße wieder. Erfreut reichten wir uns die Hände.
„Wohin des Weges?“, fragte ich ihn.
Haitem strahlte - was sonst? – und sagte: „Edeka.“
„Oho. Kocht ihr?“
Er schüttelte den Kopf. „Pflanze kaufen.“
Ich schaute ihn an und erhob gespielt mahnend einen Zeigefinger. „Aber kein Marihuana anbauen!“
„Ne.“
„Hey, du hast ‚nein‘ gesagt.“ Jedenfalls so halb…
„Ja.“
Jessica beließ es wie immer bei einem verschüchterten Lächeln. Ich strahlte die beiden an, drückte sie dann überfallartig und kurz an mich, wünschte ihnen alles Gute und sah ihnen noch eine Weile hinterher, wie sie gemeinsam die Straße hinab flanierten, immer kleiner wurden, bis der Schlund der großen Stadt sie verschluckte. So einfach ist das manchmal, mit dem Glück, dachte ich: Eine Pflanze kaufen bei Edeka, mehr braucht es eben nicht, wenn man die richtige Jessica an seiner Seite hat.

Mittwoch, 29. Januar 2014

Colorblind


(In seinem großartigen Buch "Winterjournal" beschreibt Autor Paul Auster, aus dem Blickwinkel seines Körpers, Stationen seines bisherigen Lebens in der Du-Perspektive. Diese Technik übernehme ich für den folgenden Text.)

Es gibt ein paar Dinge, die du dir als Kind niemals vorstellen kannst. Dass dein Herz nicht so aussieht wie es überall dargestellt wird, sondern eher wie ein handgroßer Klumpen Fleisch, aus dem Tentakel und Röhren herauswachsen, zum Beispiel. Dass diese Masse, dein Herz, so weich sie auch ist, gebrochen werden kann, zum Beispiel. Dass sich dieses Herz wieder erholen und neu justieren kann. Dass das Leben irgendwann kein Spiel mehr sein wird. Dass dein Vater stirbt, zum Beispiel. Und dann wirst du älter und all diese Wahrheiten blättern sich vor dir auf wie die aktuelle Tageszeitung, all das ist auf einmal Realität, und alles, was du denken kannst, ist: Scheiße.

Du bist vierzehn Jahre alt. Du hast geglaubt, das, was hinter dir liegt, sei schwierig gewesen, in Wahrheit jedoch wird es noch viel härter werden. Aber daran kannst du gerade nicht denken. Du denkst überhaupt an gar nichts, weil sich jeder Gedanke sofort mit ihm verknüpft, und du weißt, wenn das erst passiert, wirst du nicht mehr aufhören können zu weinen.
Unbewusst fasst du dir an die kleine Narbe in deinem Gesicht. Dein Blick wandert in das dunkle Grab hinab, und du glaubst erst gar nicht, dass er da unten in dieser glänzenden Kiste liegt, das erscheint dir aus vielerlei Gründen nicht logisch, und dir geht die kindliche Frage durch den Kopf, warum er nun da unten sein soll, wenn dir deine Religion doch weismachen will, dass er in den Himmel gekommen ist. Aber er ist wirklich nicht mehr da. Das Spiel ist vorbei, dein Herz ist gebrochen und zurück bleiben nur Verlierer.

Du bist vierunddreißig Jahre alt.
Du wachst neben ihr auf. Ihre Haare fallen wirr über ihre Stirn, ihr Atem ist leise und gleichmäßig, ihr Mund leicht geöffnet. Ihre Füße liegen frei. Vorsichtig setzt du dich auf und ziehst die Decke über sie, bleibst schließlich so sitzen, starrst in das morgendliche Licht, das durch das Fenster in den Raum scheint, lässt deinen Blick über die Kartons und ausgeräumten Bücher und CDs schweifen, wägst ab, ob du schon aufstehen sollst, legst dich dann aber doch noch einmal hin, ganz nahe an sie, die sich sofort in deine Umarmung hinein wurschtelt. Seit über drei Jahren teilst du dein Leben nun mit ihr. Sie ist die erste Frau, von der du dich verstanden fühlst. Sie ist die einzige, die mit dir das Grab deines Vaters besucht hat. Du staunst, wie sich jemand, der so klug und schön ist wie sie, für dich entscheiden konnte. So viele Dinge sind zuvor geschehen, die dir das Herz gebrochen haben, aber vielleicht ist die Trennung im Jahr eures Kennenlernens das beste, was dir passieren konnte. Schließlich hat sie dich hierher geführt. Zu ihr. Zu deiner zukünftigen Frau.

Du bist neun Jahre alt.
Es ist Vater-Sohn-Tag. Du stehst mit ihm in der Küche und bereitest den Teig für selbstgemachte Pizza vor, was nicht so recht gelingen will, weil keiner von euch beiden eine Ahnung vom Kochen hat. Der Teig klebt an euren Händen, will sich nicht ausrollen lassen, und ihr beginnt stattdessen, euch wie kleine Kinder mit dem Teig zu bewerfen. (Genau genommen bist zumindest du zu dem Zeitpunkt ja nun tatsächlich noch ein Kind…) Das klebrige Zeug findet sich noch Tage später in allen möglichen Ecken und Ritzen der Küche wieder; wie Zeugen eines Glücks, das jedoch nicht so fest an dir haftet wie du es dir wünschen würdest. Du bist dir schon früh gewahr, dass alles vergänglich ist. Auch deswegen hat dieser scheinbar belanglose Tag mit ihm solch eine Bedeutung für dich, wie überhaupt jeder Tag mit ihm im Nachhinein eine Bedeutung für dich hat.

Du bist sieben Jahre alt.
Auf deinem kleinen Fahrrad mit der gelben Fahne und der Tröte am Lenker radelst du gefolgt von deiner Mutter in die Einfahrt des Tennisclubs, in dem du mit deiner Familie so viele glückliche Stunden verbracht hast. Es ist ein warmer Sommertag, daran erinnerst du dich ganz genau und an deine von Calippo-Eis verklebten Finger. Hinter der nächsten Kurve kommt dir ein Motorrad entgegengebraust. In deiner Erinnerung ist es so schnell wie der Road Runner, in Wahrheit sicher wesentlich gemächlicher unterwegs, aber immer noch in solch einem Tempo, dass keiner von euch ausweichen und den Unfall verhindern kann. In hohem Bogen fliegst du von deinem Rad und landest auf dem harten Pflaster. Beide Knie sind aufgeschlagen, und auch aus einem Schnitt unter deinem linken Auge läuft Blut. Es ist so schnell vonstatten gegangen, dass du gar nicht richtig realisierst, was überhaupt passiert ist, und eigentlich willst du es ziemlich cool finden, dass du wie ein Stuntman durch die Luft geflogen bist, würde nicht dein halber Körper brennen vor Schmerz. Und so fängst du eben doch zu heulen an, auch damit dieser verdammte Motorradfahrer sich noch schlechter fühlt.
Du spürst die starken warmen Arme deines Vaters um dich und hörst seine tiefe beruhigende Stimme, die dir eine unnachahmliche Sicherheit vermittelt. Er eilt mit dir ins Clubhaus, um dich verarzten zu lassen und dir das größte Eis aller Zeiten zu spendieren, für deine „Tapferkeit“, wie er sagt, was du nicht ganz nachvollziehen kannst, was du aber natürlich für dich behältst, um die Prämie nicht zu gefährden.

Es ist Sonntagmorgen. Du bist nun doch aufgestanden. Ein paar Minuten setzt du dich auf das Sofa im Wohnzimmer, umgeben von Büchern, liest die letzten Seiten von Jeff Lemires großartiger Graphic Novel „Essex County“, legst das Buch danach zur Seite und schaust durch die Balkontür hinaus. Regen prasselt auf die Straßen. Das Geräusch wirkt einschläfernd, aber bevor dir die Augen wieder zufallen, schwingst du dich mit einem Ruck vom Sofa.
Im Badezimmer reibst du dir über deine Arme und blickst in den Spiegel, direkt in die verschlafenen Augen eines Mannes, der gerade exakt so alt aussieht wie er ist. Mit einem Finger streichst du über die kleine Narbe in deinem Gesicht, knapp unter deinem rechten Auge; wie der Pizzateig an der Küchenwand eine Spur, die dein Leben hinterlassen hat, um dich daran zu erinnern, dass deine Erinnerungen tatsächlich einmal gelebte Augenblicke gewesen sind. 

Du stehst an seinem Grab.
Du bist vierzehn Jahre alt.
Du bist vierundzwanzig Jahre alt.
Du bist vierunddreißig Jahre alt.
Wo ist nur die Zeit geblieben?

Auf einmal legen sich zwei Arme um dich. Sie vermitteln dir eine neue Sicherheit. Du blickst in den Spiegel.

Du blickst in deine nahe Zukunft. Du bist Mitte dreißig. In deinen Armen hältst du deine Tochter, gerade erst geboren, ein verknautschtes kleines Wunder. Dein Blick will sich keine Sekunde von ihr abwenden. Du bist der Vater, der sie beschützen und der sie doch eines Tages zurück lassen wird.
Aber noch nicht.
Du lächelst.
Noch bin ich da.