Montag, 23. Dezember 2013

This is the last time




Ich balanciere mein Notebook auf meiner linken Handfläche wie der Kellner sein Tablett, mit konzentriertem Blick auf den Bildschirm, nur kurz abgelenkt von Irina. Sie trägt ein schwarzes Kleid, dass in seiner eierschalenfarbenen Version durchaus sommertauglich gewesen wäre. In den vergangenen drei Jahren haben wir Schüler einander stets in unseren Alltagsklamotten erlebt; kein Wunder, dass wir heute das ein oder andere Aha-Erlebnis haben. So auch bei Irina. Mit ihren großen Rehaugen besieht sie sich kritisch die Bühne. „Du siehst sehr hübsch aus“, sage ich, als ich an ihr vorbeiwische und setze mich drei Meter weiter an den Bühnenrand, den Blick wieder auf den Bildschirm gerichtet. „Danke!“, höre ich sie in einem Tonfall sagen, so, als sei sie von diesem Kompliment überrascht. Ich sehe auf und bemerke ihr zufriedenes Lächeln, als plötzlich Richard auf mich zugeeilt kommt. „Wo ist der Beamer?“, fragt er.

„Ich habe keine Ahnung. Das sollte eigentlich alles organisiert sein.“

„Isses aber nicht. Bisher steht nur eine Leinwand auf der Bühne.“

„Zur Not müssen wir Schattenspiele mit den Händen machen. Ich kann ein Krokodil mit Brille formen …“

„Scheiße.“

Er stürmt weiter, um Herrn Simons zu finden, unser Geschichtslehrer und der Verantwortliche für die Technik. Innerlich bete ich, dass er uns weiter helfen kann. Mir ist gerade eingefallen: ich kann gar kein Krokodil mit Brille als Schatten formen (plus: Ich bin mir nicht sicher, ob das für eine halbe Stunde Showprogramm trägt).

Gemeinsam mit acht Schülern habe ich einen Abschlussfilm über die Schule gedreht; eine Pseudodoku, die unseren Englischlehrer als ehemaligen Pornodarsteller, den Rest der Lehrer als zügellosen Verein mit Perücken-Fetish und überhaupt die ganze Schule als einen Ort des Grauens darstellt. Herrlich, dass man mit Mitte dreißig immer noch genauso albern ist wie mit neunzehn. Aber heute darf und soll einfach alles erlaubt sein. Dies ist schließlich meine um 15 Jahre verschobene Abifeier.

Als ich Ende 2010 den Entschluss fasste, mein Abitur nachzuholen, befand sich mein Leben im Umbruch. Ich hatte eine schmerzliche Trennung hinter mir und konnte mir nicht vorstellen, jemals wieder so zu lieben und zu leben wie zuvor. (Heute kann ich mir nicht mehr vorstellen, meine Ex-Freundin zu lieben, und bin froh, dass auch mein Leben sich weiter entwickelt hat – so ändern sich die Zeiten.)

Der Gedanke, dass Abitur nachzuholen waberte schon lange in mir. Einmal saß ich sogar bereits 2005 bei einem anderen Abendgymnasium im Sekretäriat, um meine Bewerbung einzureichen. Letztendlich konnte ich mich jedoch einfach nicht überwinden. Die Jahre an meinem Tagesgymnasium waren teilweise geprägt von gezielter Demütigung. Meine Mathematiklehrerin, Frau Juling, gab sich nicht mal Mühe, mir die Thematik verständlich zu machen. Stattdessen erinnere ich mich an eine Situation, die ich nie vergessen werde und die ich bereits in einem früheren Blog beschrieben habe: Kurz nach dem Tod meines Vaters schrieben wir eine Mathearbeit. Ich verstand nichts, hoffte aber, mich noch auf eine 4 retten zu können. Als Frau Juling die Arbeiten zurückgab, verkündete sie den Notenspiegel, und als es hieß, niemand habe eine 5, atmete ich erleichtert auf. Das sah Frau Juling ganz offenbar, und es schien sie derart wütend zu machen, dass sie es sich nicht nehmen ließ lautstark zu sagen: „Aber es gibt eine 6, und die hat der Christian.“

In anderen Fächern wurden meine Hefte vor versammelter Klasse auseinander genommen, bis alle Einzelblätter auf dem Boden lagen, um den anderen zu demonstrieren, wie unordentlich ich meine Hefte führte. Als ich mich an der Klippe zum Sitzenbleiben befand, gab es keine aufmunternden Worte, stattdessen raunte mir eine Lehrerin zu, dass jetzt Schluss sein müsse mit dem Quatsch. (Sie bezog sich auf meine Dreharbeiten bei „Verbotene Liebe“, die ihr, wie den meisten Lehrern an dieser Schule, sauer aufstießen; es hatte sich wohl herum gesprochen, dass ich dort weit mehr Geld als jeder von ihnen verdiente.)

All diese und weitere Erfahrungen haben mich natürlich geprägt.

Als meine Musik schließlich von heute auf morgen in den Charts durch die Decke schoss, tat ich das einzig richtige in dem Augenblick: Ich meldete mich von der Schule ab und ging von einem auf den anderen Tag nicht mehr hin. Von der ersten Sekunde an hab ich diese Entscheidung nicht bereut. Oh nein, es fühlte sich großartig an, eine riesige Last fiel mir von den Schultern.

Und dennoch blieb all die Jahre danach das Gefühl, aufgegeben zu haben. Während meine Freunde um mich herum beinahe ausnahmslos das Abitur gemacht hatten, blieb mir das Gefühl desjenigen, der gescheitert war.

Das war der einzige Grund, warum ich mich schließlich dazu entschloss, den Abschluss an der Abendschule nun doch noch nachzuholen. Es ging mir nicht darum, ein Studium zu beginnen. Ich hatte keine konkreten Pläne. Ich tat das bloß für mich, für mein Gefühl.

Es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

Und jetzt sitze ich drei Jahre später am Bühnenrand der Aula und treffe die letzten Vorbereitungen für das Abendprogramm meiner Abiturfeier. Um mich herum wirbeln ein paar meiner Mitschüler, die für andere Dinge an diesem Abend eingeteilt sind: Das Buffet wird aufgestellt, der Teppich gesaugt, Stühle gerückt, Kerzen verteilt, dekoriert und geputzt. Alles wird bereit gemacht für den einen Abend, auf den wir alle, diese Schicksalsgemeinde aus ehemals Gescheiterten, seit drei Jahren hinarbeiten.

Kurze Zeit später sitzen wir auf unseren Plätzen, lauschen den Reden des Direktors, der Ko-Rektorin und unseres Stufenleiters, Guido, der auch unser Englischlehrer gewesen ist und nicht nur zu den hervorragendsten Lehrern, sondern auch zu den besten Menschen gehört, die ich je kennenlernen durfte. Er ist sichtlich nervös, aber er hat sich Mühe gegeben mit seiner Rede. Seine Pointen sitzen und der Jubel trägt ihn kurz darauf bis zu seinem Platz zurück.

Dann ist meine Stunde gekommen. Ich hüpfe vom Rand auf die Bühne, schnappe mir das Mikrofon und halte eine spontane Rede; ich hatte diesbezüglich nichts vorbereitet, da jemand anderes eigentlich diesen Part übernehmen sollte, kurz zuvor aber abgesprungen war. Tatsächlich erweist sich gerade das als Vorteil, da ich einfach frei Schnauze über die Macken der Lehrer „herziehe“ und damit zum Glück das Publikum zumindest soweit unterhalte, dass sie mich nicht gleich von der Bühne pfeifen (alles schon erlebt …).

Schließlich präsentiere ich unseren Film; zum Glück haben sich Herr Simons, der Beamer und das passende Kabel dazu noch rechtzeitig gefunden. Als das Licht gedimmt wird und ich die Bühne verlasse, schnappe ich mir Guido und platziere ihn neben mich in die erste Reihe. Dieser Film ist auch und im Besonderen ihm gewidmet, da er uns als Lehrer und Stufenleiter von Anfang an begleitet hat.

Die Reaktion des Publikums konnte sich keiner von uns besser wünschen: Alle (inklusive Lehrerschaft und Direktor) johlen vor Lachen; es gibt hier und da Szenenapplaus; ein erstauntes Raunen geht durch die Reihen, als Überraschungsgast Oliver Kalkofe mitten im Film auftaucht und ebenfalls über Guido „lästert“; und am Ende brandet großer Applaus auf, der auch nicht endet, als das Licht wieder angeht und ich schon längst wieder auf der Bühne stehe, stellvertretend für alle Neun, die an diesem Film mitgewirkt haben und denen ich ebenfalls applaudiere.

Nur wenige Augenblicke später verkünde ich offiziell Schulschluss und setze mich wieder auf meinen Platz, um auf die Zeugnisübergabe zu warten. Guido nimmt mich in den Arm. Er ist sichtlich bewegt von dem Film und von dem nahenden Abschied. In den vergangenen drei Jahren sind wir Schüler besonders mit ihm zusammengewachsen. (Im Laufe des Abends werden noch viele Umarmungen zwischen Schülern und Schülern und Lehrern und Schülern verteilt; beinahe niemandem fällt der Abschied leicht.)

Und dann ist es endlich soweit: Guido betritt mit dem Direktor und der stellvertretenden Direktorin die Bühne und ruft alphabetisch unsere Namen auf. Klar, dass ich mit meinem Nachnamen immer einer der Letzten bin …

Jeder von uns ist sichtlich darauf bedacht, bloß nicht die Treppe hinaufzustolpern in diesem entscheidenden Moment. Die Damen raffen ihre Kleider, die Herren machen jeden Schritt mit ihren rutschigen Sohlen ganz bedächtig über die Stufen. Die Fotos und Videos, die Freunde und Verwandte von dem Augenblick machen, sollen makellos sein.

Schließlich bin ich an der Reihe. Mein Lied wird gespielt (ich habe mir „This is the last time“ von Keane ausgesucht), während ich mich auf den Weg zur Bühne mache. Auf der kleinen Treppe kann ich es mir nicht verkneifen, absichtlich über meine Füße und auf die Bühne zu stolpern, worauf Guido mir das Abiturzeugnis um die Ohren haut – ‚nicht mal am Ende kann der Bengel ernst bleiben‘. Die meisten vor mir haben Guido, der Situation angemessen, die Hand geschüttelt, aber wir schließen uns in die Arme, und dann ich halte den Wisch tatsächlich nach fünfzehn Jahren doch noch in meinen Händen. In diesem Augenblick fällt eine unbeschreibliche Last von meinen Schultern ab.

Der Direktor, ein Mann mit Rauschebart, schüttelt mir die Hand und sagt: „Das ist ein brillantes Abitur. Damit können Sie alles machen, was sie wollen“, womit er wohl nicht so etwas meint wie, den Hintern abwischen, sondern, dass mir alle Möglichkeiten offen stehen. (20 Minuten später wird mein Deutschlehrer mir sagen, dass ihm meine satirischen Beiträge immer am besten gefallen haben - so viel zum "brillanten" Abitur...) Aber das ist für mich in dem Augenblick nicht entscheidend. Daran denke ich in dem Augenblick gar nicht. Ich halte mein Abitur in den Händen, das ist das allerwichtigste. Nach der schlimmen Zeit an meinem Tagesgymnasium und Jahren, in denen ich es mir nicht zutraute, den Abschluss nachzuholen und diesen Komplex endlich loszuwerden, habe ich es tatsächlich geschafft. Es war ein weiter, ein harter Weg, aber die Lehrer haben es uns allen so leicht wie möglich gemacht, nicht vorher aufzugeben (und trotzdem haben von zu Beginn 92 Schülern am Ende nur 26 das Abitur geschafft).

Dies ist unser Triumph.

Mein Abschluss ist zugleich der bestmögliche Abschluss des Jahres. Nun warten neue spannende Aufgaben auf mich: Ein Studium. Eine Hochzeit. Ein Baby. Ich kann es nicht erwarten.

Doch an all das denke ich in dem Augenblick, da ich mein Abitur in Händen halte, gar nicht. Mir geht nur ein einziger Gedanke durch den Kopf: Das ist das beste Weihnachtsgeschenk, das ich mir je gemacht habe. Und das ist so wahr wie „zwei mal drei macht vier, widewidewitt, und drei macht neune“.

Frohe Weihnachten!

(Dieses kurze Video zeigt den Moment der Abiturübergabe ...)

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