Montag, 14. Oktober 2013

Blurred lines

(Hier hörst und siehst (!) Du Song & Video zum Blog)
 
Manuel, Uli und ich stehen nebeneinander und sehen gebannt auf den Computermonitor. Durch den geöffneten Fensterspalt strömt warme Sommerluft in den Raum, aber Uli ist erst in den vergangenen zwei Minuten so richtig heiß geworden. „Das ist das Schönste, was ich je gesehen habe“, sagt er mit großen Augen und bewegt seine Beine tänzerisch zur laut aufgedrehten Musik. „Die ist perfekt“, bestätigt Manuel. „Da. Da. Diese Bewegung …“ Uli deutet auf das brunette Model, das kokett und rehäugig wie ein bockiges Kind auf der Stelle stapft und damit den Text des Liedes persifliert.
  Wir sehen Robin Thickes Video zu seinem Song „Blurred Lines“. Also, eigentlich sehen wir nur das brunette Model. Ich meine, die Jungs. Mich interessiert die natürlich überhaupt nicht. Ehrlich. Wirklich.
   „Die würde perfekt zu mir passen“, sagt Uli.
   „Hast du sie denn schon kennengelernt?“, frage ich.
   „Nein, aber ich hätte nichts dagegen.“
  Während diese schöne Frau vor unseren Blicken ein Miniaturcabriolet über ihren Rücken gleiten lässt und selbst dabei noch entzückend aussieht (jedenfalls nach Meinung der Jungs), geht mir die Frage durch den Kopf, ob es tatsächlich den Menschen gibt, der perfekt zu einem passt und ob das überhaupt erstrebenswert ist für eine gute Beziehung. 

Das Internet bietet bereits jetzt unzählige Gelegenheiten, den perfekt zugeschnittenen Partner zu finden. Wer sich bei sogenannten Partnerbörsen anmeldet, kann sich gewiss sein, ausschließlich Angebote nach Maß zu erhalten. Wohnt er in der Nähe? Teilt sie meine Leidenschaft für Ausdauersport? Ist er nicht auf den Mund gefallen? Reist sie gerne mit dem Rucksack durch Asien? Träumt er von einer eigenen Familie? Schläft sie bei geöffnetem oder geschlossenem Fenster? Was wir sonst innerhalb einer längeren Zeitspanne herausfinden müssen, serviert uns das Internet gleich mit einem Schlag. Die Partnersuche als gegenseitiges Bewerbungsgespräch hat jedoch nur noch wenig mit jenem romantischen Liebesideal zu tun, das wir von Liebesromanen und Hollywoodfilmen vorgelebt bekommen. Dabei belegen Verkaufszahlen und Kinoeinnahmen, dass wir immer noch von diesem Liebesideal träumen. Allerdings scheint es in unserer heutigen Gesellschaft einfach nicht mehr praktisch zu sein, sich alleine seinen Gefühlen hinzugeben. In einer Zeit, in der unser Wert vor allem davon abhängt, ob wir produktiv und erfolgreich sind, wird auch die Suche nach einem Partner zum Symbol für den eigenen Erfolg und will möglichst effektiv gestaltet sein. Während wir tagsüber unseren Verpflichtungen nachgehen und uns abends im Fitnessstudio für den zukünftigen Partner in Form bringen, selektiert die Partnervermittlung im Internet die passenden Kandidaten für den freien Platz im künftigen Eigenheim. Nach dem Training müssen wir dann bloß noch – mit dem Salat zur Hand – die Wahl treffen, welches Foto uns am meisten anspricht. Genau hier liegt einer der Knackpunkte: Das Verlieben geschieht nicht mehr aus einem Impuls heraus und ohne Rücksicht auf Risiko, es wird zur bewussten Entscheidung, ein Prozess, der eigentlich erst einsetzt, wenn aus Verliebtheit Liebe wird.
   Medienwissenschaftler Jo Groebel sagt der Ehe, die ihren Ursprung im Internet findet, eine rosige Zukunft voraus. Bereits jetzt gäbe es erste US-Studien, die belegen, dass Internet-Ehen länger halten als jene, die sich im normalen Leben anbahnen. Etwas, das bis vor Kurzem noch romantisch verklärt als „Schicksal“ bezeichnet wurde, wird also nun von eigener Hand herbeigeführt. Ein Gefühl, das ein minutiös eingerichtetes Leben auf den Kopf stellen kann, soll kontrolliert werden. Der bodenlose Fall wird aufgefangen von der autonomen Handlung.
    Doch worin liegen die Gründe dafür?
   Romantik scheint heute immer weniger als beständige Beziehungsbasis anerkannt zu sein. An ihre Stelle tritt ein Pragmatismus, der zwar keinen Volltreffer garantiert, zumindest jedoch die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass wir unsere Zeit nicht mit dem falschen Partner vergeuden. Eine Trennung soll nicht nur vermieden werden, weil sie schmerzt, sondern um zu verhindern, dass unsere Spielfigur wieder auf Anfang zurückgesetzt wird und wir das gleiche Spiel noch einmal von Neuem spielen müssen.
   Auch die Sexualität befindet sich durch das Internet im Wandel. Es finden sich kaum mehr Stellen, an denen Jugendliche den Wert des langsamen gegenseitigen Erkundens vermittelt bekommen. Wer sich auf den zahllosen einschlägigen Seiten umsieht, muss den Eindruck gewinnen: Sex hat etwas mit Macht und Durchhaltevermögen zu tun. Alles scheinbar Unnötige – Stimmung, Musik, Küssen, sich Zeit lassen – wird ersetzt durch möglichst viele Stellungswechsel und die ewig gleiche Abfolge diverser Praktiken, die immer im Orgasmus des Mannes, aber nie in dem der Frau münden. Für Jugendliche, die durch das Internet aufgeklärt werden, entsteht so der Eindruck, es gebe nur eine richtige Form von Sex und die sei immer mit der Unterwerfung der Frau durch den sich alles einfach nehmenden Mann verknüpft.
   Eine Partnerwahl im heutigen Sinne gab es in der vorindustriellen Gesellschaft nicht. Die Ehe war weniger die Verbindung zweier Menschen als das Verbandeln zweier Familien oder Sippen. Wird unsere Partnerwahl mittlerweile zum Teil durch Fragebogen-Kriterien heutiger Partnerbörsen begrenzt, war der Radius der Möglichkeiten zu jener Zeit bereits vorgängig von Herkunft, Stand und Besitz bis zu ethnischer Zugehörigkeit und Religion bestimmt. Verantwortlich dafür war ein Netzwerk, das ganz ohne Wlan eine Verbindung herstellte: Familie und Verwandtschaft. Die Heirat diente weniger als Höhepunkt der gemeinsamen Liebe denn als Zweckmäßigkeit zur Wirtschafts- und Standesgemeinschaft.
  Jene Bündnisse waren natürlich meist geprägt von Zwängen. Persönliche Wünsche mussten unterdrückt werden. Von diesen Fesseln haben sich die Menschen hierzulande zum Glück längst befreit. Doch folgten wir eine Zeitlang endlich unserem Herzen, wird das Gefühl der romantischen Liebe mittlerweile mehr und mehr durch den Kopf verdrängt.
   Was bedeutet es heute, „Ich liebe dich“ zu sagen?
   Kaum ein Satz hat in den vergangenen Jahren wohl eine derartige Entwertung erfahren wie „Ich liebe dich“. Wir wollen alles groß und zwar sofort, Entwicklung ist da nur störend. „Ich liebe dich“ soll nicht bekennen, sondern binden. Was eigentlich bedeutet „Ich bin verknallt in dich, bin total verwirrt, bin in diesem Augenblick glücklich, fühle mich wie 15“ wird in eine einfache Formel gepackt, die jedoch völlig am Thema vorbeigeht. Wir fühlen uns in diesem Augenblick nicht nur wie 15, wir verhalten uns auch so. In den Monaten des Verliebtseins, wenn das Hormon Oxytocin unsere Synapsen wie einen Cocktail durcheinander wirbelt, bedeutet ein „Ich liebe dich“ nichts anderes als „Ich liebe dieses undefinierbare Gefühl in deiner Nähe“. Und weil es sich nicht so leicht beschreiben lässt, gehen manche den einfachen Weg und sagen viel zu früh die drei magischen Worte, die dadurch jedoch bedeutungslos werden. In besagten ersten Monaten schalten Dopamin, Endorphin und Serotonin derart den Verstand aus, dass wir gar nicht in der Lage sind, den anderen objektiv zu beurteilen. Unsere Vernunft wird ausgeschaltet. In einer Gesellschaft, in der Kontrollverlust jedoch zu den größten Ängsten und Vernunft zu den erstrebenswertesten Tugenden gehört, ist diese chemische Reaktion immer weniger willkommen. Um dieses ungewisse Gefühl zu kontrollieren, geben wir ihm schließlich den einfachst möglichen Namen: „Liebe“. War früher „Ich liebe dich“ also die Frage „Liebst du mich?“, ist es heute die Aufforderung „Liebe mich!“ Die wichtigste Regel unter Schriftstellern lautet: Nicht behaupten, zeigen. Da das Zeigen von Liebe aber auch Angriffsflächen bietet und zudem zeitaufwendig sein kann, wird eben viel zu oft zu der Formel „Ich liebe dich“ gegriffen; eine Aussage, welche auch in einer bereits eingeschlafenen Beziehung als Beweis für Gefühle herhalten muss, die irgendwann bloß noch behauptet werden. Eben diese Formelhaftigkeit ist es jedoch, die der Liebe ihre Romantik raubt.
   Das soll alles nicht heißen, dass ein „Ich liebe dich“ oder der Verstand die Ernsthaftigkeit von Gefühlen untergraben. Im Gegenteil: Ein „Ich liebe dich“ mit Verstand schweißt Partner zusammen und macht ein Verhalten legitim, dass ohne dieses Bekenntnis möglicherweise anstößig, zumindest jedoch einen Schritt über das Ziel hinaus wäre. Und natürlich ist die Romantik längst nicht aus unserer Gesellschaft verschwunden, das wäre auch zu schade. Romantik halte ich für unerlässlich, heute mehr denn je, und ich bin überzeugt, dass der neue Pragmatismus der alten Vorstellung von romantischer Liebe neue Impulse versetzt. Vielleicht gilt in diesem Fall: Je größer die eine Bewegung, desto größer die andere. 
  Wir träumen alle gerne von der einen, das Leben überdauernden, hingebungsvollen Liebe, die uns von Autoren wie Nicholas Sparks oder Filmen wie „Pretty Woman“ versprochen werden. Die Realität ist bloß manchmal eine andere: Eine Partnerschaft ist nicht selbstlos, viel mehr ist sie ein ungeschriebener Vertrag zwischen zwei Menschen, und  „Bis dass der Tod euch scheidet“ gilt heute nur solange bis einer von beiden sich die Mühe macht, das Kleingedruckte zu lesen. Ehen werden aus pragmatischen Gründen geschlossen – Nachwuchs, Steuervergünstigungen und andere finanzielle und rechtliche Vorteile. Bei der Suche nach dem „besten“ Partner spielt die Einschätzung des eigenen sozialen Tauschwertes eine gewichtige Rolle: Wir bemühen uns um Personen,  von denen wir annehmen, dass sie uns als Partner akzeptieren werden. Die Ehe ist insofern immer realistischer als die romantische Liebe. Hierin besteht der entscheidende Unterschied: In der romantischen Liebe führt die Selbstaufgabe zur Selbstgewinnung. In der pragmatischen Partnerschaft gibt es eine Beziehung nur zwischen zwei „Selbsten“: Wir suchen einander, um wir selbst zu sein, und trennen uns wieder, um wir selbst zu bleiben.