Montag, 2. September 2013

Where are we now?

Der folgende Brief ist eine jener Nachrichten, die einer meiner besten Freunde, zurzeit auf mehrmonatiger Reise um die Welt, und ich vor Kurzem ausgetauscht haben. Für diesen Blog habe ich den Brief editiert, ein paar Dinge hinzugefügt und andere herausgestrichen.




Mein guter Freund,

nichts ist so unvorhersehbar wie das Leben. Wer hätte vor einem Jahr, vor drei, vor fünf Jahren gedacht, dass wir nun stehen, wo wir stehen … Und wir sind immer noch da.

Nun bist Du schon seit über zwei Monaten auf einem weit entfernten Flecken der Erde, erlebst viele Dinge, die Du Dir wahrscheinlich noch am Abreisetag nicht hättest vorstellen können. Wie ist das Leben, wenn man sich einfach treiben lässt? Verändern sich die Gedanken? Verschieben sich Prioritäten und der Blick auf die Welt und damit auch unweigerlich auf das eigene Leben?
   Gerade jetzt frage ich mich, wo Du wohl bist, was Du machst, woran Du denkst, wenn Du alleine bist.

Eben habe ich mir ein aktuelles Foto von Dir angesehen. Es zeigt Dich mit geschwärztem Gesicht, was nur bedeuten kann, dass du a) wieder irgendeine Schule gestrichen hast oder b) Deine Kreditkarte wieder nicht funktioniert und Du Dir mit Schlammcatchen Geld fürs Abendessen verdienen willst oder c) Dich kopfstehend eingeschissen hast. (Alles drei im Übrigen eine herrliche Vorstellung.)
Ach, Fotos sind eine trügerische Sache. Sie halten in der Regel den scheinbar glücklichen Augenblick fest. Momentaufnahmen, die uns meistens lachend zeigen, Fotoalben voller lächelnder Gesichter, das Leben ein einziger Spaß, so scheint es, und damit auch der reflexartige Blick auf das eigene Ich und die Frage: War ich damals glücklicher?
   Früher, als Fotos noch auf einen hinterher zu entwickelnden Film gebannt wurden, wäre ich im Leben nicht darauf gekommen, mein Mittagessen aus vier verschiedenen Perspektiven zu fotografieren. Wenn ich ein Foto schoss, dann weil dieser Augenblick für mich wirklich Bedeutung hatte; weil ich ihn festhalten wollte, damit die Erinnerung daran nicht allzu schnell verblasst. Ich machte mir Gedanken darum, schließlich war die Anzahl der möglichen Fotos stark limitiert.
   Heute wird jeder Kartoffelsalat fotografiert, um bei Facebook allen, die es nicht interessiert, die Breaking News aufzuzwingen, was für einen geilen Kartoffelsalat man doch zubereitet hat. Überhaupt: Fotos und Facebook … Hier werden Beziehungen bis ins kleinste Detail abgebildet, die Fotolovestory des 21. Jahrhundert findet im Internet statt, damit auch alle sehen, wie supidupiglücklich man ist. (In der Regel haben sich genau diese Beziehungen nach kurzer Zeit wieder erledigt, woraufhin die Fotoschwemme mit einem Mal versiegt.) Herrlich auch die unzähligen, sympathisch uneitlen Eigenportraits. Neulich sah ich beim Account eines Freundes, wie die Schwester seiner Ex ein Foto von sich gepostet hatte – stark geschminkt, perfekt gestylt, aus genau jenem Winkel abgelichtet, den sie für sich am vorteilhaftesten erachtet zu haben schien, nachbearbeitet mit Weichzeichner und Farbfilter. Darüber ihr Kommentar: „Ein schneller Schnappschuss vor dem Schlafengehen.“ Ach ja, die schnöde Welt des schönen Scheins.
   Manchmal ist nichts so fatal wie der Besitz unendlicher Möglichkeiten.

Das jedoch – mein Freund – gilt sicher nicht für Dich. Du hast gerade die Freiheit, Deinen Weg wortwörtlich selbst festzulegen, und Du hast Dich zunächst für ein Schweigekloster entschieden. Deine folgenden Tage wirst Du also nun mit meditieren, spazieren gehen, lesen und nachdenken verbringen, eine Kombination, wie sie in unserer hektischen Zeit kaum noch möglich scheint. Ich habe eine Ahnung, wie schwierig es für Dich sein wird. Dich mit Deinen inneren Dämonen zu konfrontieren. Den Riss in Deinem Herzen zu spüren. Loszulassen.
   Ich stelle mir gerade vor, wie Du schweigend in Streit mit einem der Mönche gerätst und wie ihr euch via Notizzetteln disst. Keine Sprache, keine Gewalt, aber diese immer größer werdende Wut aufeinander, bis ihr euch - aus lauter Verzweiflung über eure limitierten Möglichkeiten - gegenseitig mit vollen Backen anpustet, um irgendwie Dampf abzulassen. Auf diese Weise wäre auch das Kanzler-Duell erträglicher gewesen: Peer guckt böse in Merkels Richtung, Merkel pustet Peer trotzig ins Gesicht.
   Ein bisschen Schweigen wäre für so manchen sicher ebenfalls eine gute Zwischenlösung. In einer Zeit, in der jeder alles mit jedem kommuniziert und dabei pausenlos aneinander vorbeigeredet wird, sehne auch ich mich nach wortlosem Verständnis. Keine Zweideutigkeiten mehr, sondern die klare Botschaft - oder eben einfach: Schweigen. 
   Möglicherweise bietet Dir diese Zeit im Kloster ein paar Antworten auf die von Dir wieder und wieder gestellte Frage nach dem Sinn. Mir ist bewusst, dass Du nicht vor allem deswegen so abrupt aufgebrochen bist, weil Du nach etwas suchst, sondern vor allem, weil Du das, was Du gefunden hattest, verloren hast. 
   Vielleicht müssen Träume, die einem am meisten bedeuten, unerreichbar erscheinen, damit wir irgendetwas haben, wofür dieser oftmals beschwerliche Weg einen Sinn ergibt, und das Schlimmste, was einem passieren kann, ist ein erfüllter Traum.
   Aber vielleicht ist das auch pseudopsychologischer Unsinn, und wir sollten uns etwas in Entspannung üben, was das Leben angeht. Möglicherweise ist die Erkenntnis, dass das alles gar keinen tiefergehenden Sinn hat, sogar befreiend, denn dann können wir doch machen, was wir wollen, es ist sowieso egal. Ein Sinn nimmt einen ja auch gleich in die Pflicht: Du musst das und das tun, um diesen Sinn in Deinem Leben zu erreichen. Ach… Entweder Du gewinnst den Friedensnobelpreis oder Du legst Dich in die Hängematte unter dem Kirschbaum und siehst in den Himmel. Egal.

Wenn ich meine kleine Nichte betrachte, wird mir jedoch bewusst, dass unser Leben aus zwei unterschiedlichen Geschichten besteht. Kinder lachen auf eine Weise, wie sie es als Erwachsene nie wieder tun, so frei und unbeschwert, vollkommen ohne einen Gedanken daran, dass diese Geschichte nicht gut ausgehen könnte. Kein Blick zurück in die Vergangenheit, keine Vorstellung von der Zukunft, bis auf den Wunsch, eines Tages „Lokführer“ oder „Astronautin“ zu sein, eine Vision, die dir als Kind aber noch derart weit entfernt erscheint, dass du es gleich wieder beiseite wischst. Alles bleibt, wie es ist. Veränderung gibt es nur in erfundenen Geschichten.
   Dass dem nicht so ist, habe ich selbst mit acht Jahren erfahren müssen. Damals lief im Fernsehen „Cinderella 87“, eine zu der Zeit total angesagte moderne Verfilmung des Aschenputtel-Märchens. Cindy, die Hauptfigur, wurde gespielt von Bonnie Bianco. Als ich sie zum ersten Mal sah, war ich sofort rettungslos in sie verknallt. Ihre großen braunen, traurigen Augen, ihre braunen Haare, diese Lippen, der Blick, der nach Schutz Ausschau zu halten schien. Sie war in meinem Leben sozusagen das Ur-Reh.
   Kurz darauf hatte Bonnie Bianco einen Musik-Auftritt in einer ARD-Show. Ich kann Dir nicht sagen, wie enttäuscht ich war, als ich sie sah. Sie hatte sich punkig geschminkt, die Haare hochgestylt, die Hose zerrissen, Lederjacke. Das war nicht das Reh, in das ich mich verliebt hatte. Sie war anders. Sie hatte sich weiter entwickelt und mir damit zum ersten Mal im Leben vor Augen geführt, dass die Dinge sich laufend ändern; dass nichts so bleibt, wie es ist. Das war der Moment, in dem die zweite Geschichte meines Lebens begann.

Wenn Dir während Deiner Reise Zweifel kommen, ob dieser Weg einen Sinn ergibt, dann sage ich klar: Ja. Selbst wenn sich danach alles für Dich wie vorher anfühlt. Selbst wenn es schlimmer als besser wird: Du bist aus Deiner Routine ausgebrochen und hast einiges erlebt. Jetzt bereits. Du hast viele Menschen getroffen und Orte gesehen, die sicher etwas in Dir verändert haben. Natürlich funktioniert die Flucht vor dem Schmerz nicht, da die Erinnerungen und die Hoffnung immer mitreisen. Aber dies ist Deine Geschichte, und die finde ich richtig spannend. Und ich freue mich, dass ich ein kleiner Teil dieser Geschichte bin und noch viele weitere Episoden mit Dir zusammen erleben werde.
   Danke für Deine kompromisslose Freundschaft! Danke, dass Du meine Träume ernst nimmst! Danke für den Dynamo, den Du mir vor sechs Jahren per Gutschein zum Geburtstag geschenkt hast und den ich nie erhalten habe, und dass Du bei unserem Wok-Abend zum Furzen auf den Balkon gegangen bist!
   Lass uns den Friedensnobelpreis gewinnen!
   Oder wir fangen erst mal mit der Hängematte an, blicken durch den Wipfel des Kirschbaums in den Himmel und denken uns: Das ist auch okay.

Pass auf Dich auf!

Dein Freund
Christian

(PS: Ein schneller Schnappschuss vor dem Schlafengehen.)