Samstag, 29. Juni 2013

Love of my life


Die Beziehung zu einem Partner durchläuft verschiedene Stadien, aber keines dieser Stadien ist derart paradox wie jenes, wenn die Beziehung keine mehr ist. Erst geht das Bemühen dahin, dann die Liebe, und mit dem Schweigen verschwindet Buchstabe für Buchstabe die ehemals verbindende Sprache, und statt Sex bleibt nur noch ein Ex.
Im vergangenen Herbst traf ich N., die Frau, mit der ich fast sieben Jahre meines Lebens verbracht habe. Wir gingen mit ihrer kleinen Tochter im nahe gelegenen Wald spazieren. Als N. mir vor ein paar Jahren verkündete, sie habe sich in ihren Nachbarn verliebt, dachte ich: „Abwarten, was daraus wird.“ Drei Monate später erzählte sie mir, dass sie schwanger sei. Mit dem Abwarten hatte sie es offenbar nicht so. Aber ich freute mich für sie. Mir war klar, dass ich in unserer Beziehung derjenige gewesen war, der verhindert hatte, inzwischen mehrfacher Familienvater zu sein, und zwischen uns hatte es in all den Jahren nie ein böses Wort gegeben, weder in der Beziehung noch während der Trennung oder danach. Das ist wohl auch der Hauptgrund, weswegen wir mittlerweile Freunde sein können.
Und dennoch ist es nicht das Gleiche wie mit meinen weiblichen Freundinnen, mit denen ich noch nie Tisch und Bett geteilt habe. N. und ich schlendern nebeneinander her, während ihre kleine Tochter Blätter vom Boden sammelt, und in mir kommt unweigerlich der Gedanke auf, dass das hier unsere Kleine sein könnte. Die Geborgenheit einer eigenen kleinen Familie ist etwas, um das ich N. in dem Moment beneide.
„Bist du glücklich?“, frage ich N. unvermittelt, selbst nicht sicher, was für eine Antwort ich darauf erwarte. Eigentlich ist dies die müßigste Frage überhaupt, denn ihre Antwort kann alleine den Augenblick erfassen, doch weil sie allumspannend klingt, sieht der Befragte sich gezwungen, sie auf sein gesamtes Leben zu beziehen, was bedeutet, dass die Antwort nie ehrlich ist. Nach außen sind immer alle „irgendwie glücklich“ – zumindest zufrieden, was im wohlhabenden Deutschland auf verdammt viele Leute zutrifft und somit gar nichts aussagt. „Ich kann nicht klagen“, ist dann die Standardantwort, was genauso gut heißen kann: „Mir geht’s beschissen, aber letzte Woche ging’s mir noch beschissener.“
„Mir geht’s gut“, gibt N. dann auch die passende Antwort.
„Und steht bereits die Planung für neuen Nachwuchs?“
„Um Himmels Willen“, N. sieht mich an, als hätte ich sie gefragt, ob sie sich einen Penis auf die Stirn transplantieren würde, „bei dem ganzen Stress mit der Schule, dem Haus und der Kleinen ist das gerade überhaupt kein Thema.“ Und dann fügt sie etwas an, womit ich nie gerechnet hätte: „Ich weiß nicht mal, ob ich überhaupt noch eins will.“
Überrascht bleibe ich stehen. Spricht da wirklich meine Ex-Freundin N.? Diejenige, die ich in meiner Vorstellung immer umringt von Kindern gesehen habe?
N. bemerkt meinen Blick. (Was kein Wunder ist: Sogar der Uhu in der Tanne äfft meine geweiteten Augen nach; ich fühle mich in diesem Wald gerade leicht verarscht.) „Na ja, ich weiß es noch nicht. S. ist ein Schatz, aber sie ist auch wahnsinnig anstrengend.“
Ich werfe einen Blick zu der Kleinen. Sie hat eine Art Höhle entdeckt und stürzt sich mit Gebrüll hinein.
„Ist doch total niedlich“, sage ich.
„Ja, du bekommst ja grad auch nur einen kurzen Ausschnitt mit. Wenn du den ganzen Film erst mal siehst, erkennst du die Schwachstellen.“
„Du meinst, nach dem Trailer hast du dir was anderes versprochen?“
N. lacht. „So ungefähr.“ Wir wissen beide, dass sie es nicht so meint. Kurz darauf nimmt sie ihre Tochter in die Arme und drückt sie an sich. Die Kleine lässt diese Geste mütterlicher Liebe kurz zu, ergreift dann N.‘s und meine Hand und lässt sich von uns ein paar Mal durch die Luft wirbeln. Alles ist so perfekt, wie es bei dem Spaziergang einer kleinen Familie an einem geruhsamen Nachmittag im Wald eben sein kann. Nur, dass wir keine Familie sind.
Als ein altes Paar an uns vorbei geht und zu mir sagt: „Goldig, Ihre Kleine“, fühle ich mich wie ein Kuckuck, der sich ins gemachte Nest setzt.
Dann gibt es da noch J., die mit einem 40jährigen Münchener zusammen war, bis sie die „Liebe ihres Lebens“ traf, mit der sie sich nur zwei Wochen später verlobte. Da ich weder Münchener bin noch jemals mit ihr verlobt war, gehe ich davon aus, dass sie mich eher als „Liebe eines Lebensabschnitts“ ansieht.
Ende Mai dieses Jahres treffen wir nach langer Zeit bei der Feier ihres 30. Geburtstags mal wieder aufeinander. Die Party findet im Haus ihrer Mutter statt, die dazu auch ihren großzügig bebauten Gemüsegarten zur Verfügung stellt. Ich bringe Claudio und Manuel mit zur Feier, die beide gerade Ablenkung gebrauchen können.
Als J. und ich uns sehen, fällt sie mir erfreut um den Hals. So ist das immer mit ihr. Wir hören Ewigkeiten nichts voneinander, aber wenn wir uns dann mal sehen, ist die Freude groß. Bei J. manchmal etwas zu groß, aber das, so denke ich, dürfte sich nun, da sie die Liebe ihres Lebens gefunden hat, auch erledigt haben.
„Herr Doktor Wunderlich“, sagt sie, bevor sie mich in ihre Arme schließt. Sie scheint in mir immer noch jemanden zu sehen, der ihr das Leben retten könnte. „Wie geht es Ihnen?“
„Ich kann nicht klagen“, antworte ich und schlage mir gedanklich gleich an die Stirn. Durch meinen Kopf dröhnt ein hallendes „Vollidiot“.
Auch der ehemalige Freund ihrer Mutter begrüßt mich herzlich. Er ist immer noch Teil einer sich wöchentlich treffenden Männergruppe, hat sein Fachabitur vor Kurzem nachgeholt und arbeitet nun als Kinderbetreuer. Aufgrund seiner immensen Schuhgröße haben J. und ich ihn früher immer Yeti genannt.
„Na, du“, sagt er mit seiner vertraut näselnden Stimme und stupst mich an. (Ja, tatsächlich, liebe Generation "Facebook": Anstupsen geht auch ohne, dass man sich einloggt ...)
„Hey“, sage ich. „Wie geht es dir? Bist du immer noch in der Männergruppe?“
„Ja klar. Zurzeit diskutieren wir über die Emanzipation des Mannes von der emanzipierten Frau …“
„Claudio“, rufe ich in die Menschenmenge, woraufhin nur Augenblicke später mein guter Freund neben uns steht. „Ich denke, ihr habt viel miteinander zu bereden.“ Ich stelle die beiden einander vor und suche dann das Weite. Gespräche mit dem Yeti über Themen der Männergruppe können sich unter Umständen bis zum Morgengrauen hinziehen, und da ich das Grauen nicht bis morgen hinziehen will, lasse ich Claudio den Vortritt.
J. sieht mich und winkt mich zu sich an den Tisch.
„Toll, oder?“, sagt sie.
„Ja, super Feier.“
„Nicht die Feier. Das mit dem Yeti und meiner Mutter.“
„Wie? Was?“
„Na, die beiden sind wieder zusammen. Nach sieben Jahren Trennung.“
„Was?“
Ich bin ernsthaft erstaunt, freue mich aber auch gleichzeitig. Die beiden sind Teil meiner Jugend.
„Sie waren sieben Jahre zusammen, sieben Jahre getrennt und sind jetzt wieder zusammen.“
„Das ist großartig. Wie kam es dazu? Haben die beiden sich bei einer Bootsfahrt in einem seiner Schuhe wieder angenähert?“
J. prustet los.
„Ich glaube“, sagt sie dann, „sie haben einfach gemerkt, dass sie einander brauchen. Die haben jahrelang versucht, das zu verdrängen. Aber im Alter wird man wohl klüger …“
J. wirft mir einen kurzen, aber intensiven Blick zu, nimmt dann einen Schluck aus ihrem riesigen Weinglas (ihr Gesicht verschwindet fast vollständig darin) und ergreift dann plötzlich meine Hand. „Gilt eigentlich unser Pakt noch?“, sagt sie dann mit einer erschreckenden Ernsthaftigkeit.
„Unser Pakt?“
„Wir haben damals ausgemacht, wenn wir mit 40 solo sind, heiraten wir.“ Ach nein, warte: Die erschreckende Ernsthaftigkeit klingt in DIESEM Satz mit.
Jetzt bin ich derjenige, der aufprustet. „Klar“, sage ich mit betonter Ironie in der Stimme. Den Ex-Partner scheint man ja dann doch für den Rest seines Lebens mit sich zu tragen.
Und dann gibt es da noch T., die ich nach Jahren wiedersah und mit der alles wesentlich komplizierter ablief. Aber das ist eine Geschichte, die einen eigenen Blog benötigt.
Da ich ein Freund langlebiger Beziehungen bin, begrenzt sich meine Zahl an Ex-Freundinnen nach heutiger Rechnung also auf zwei bis drei (je nachdem, wie das mit T. im Nachhein zu bewerten ist; ansonsten war alles nach N. eher Wunschvorstellung als ernstzunehmende Partnerschaft, X natürlich ausgenommen, aber sie ist ja nicht Teil dieses Themas, schließlich heißt sie X ohne E davor). Diese geringe Zahl mag für einen Mann in seinen 30ern ungewöhnlich sein, doch was ist schon normal. Die Hauptsache ist, es waren gute Beziehungen, an denen ich gewachsen bin und aus denen innige Freundschaften wurden. Wir verstehen einander, weil wir den anderen kennen wie kaum ein anderer. Was die Beziehung zu meinen Ex-Beziehungen angeht, bleibt mir folglich nichts anderes zu sagen als: Ich kann nicht klagen.