Donnerstag, 2. Mai 2013

Michael Robartes and the Dancer



Vergangenen Sonntag war Bruce Willis bei mir zu Gast.
Als es an der Tür klingelt, weiß ich mit einem Blick auf die Küchenuhr, wer es ist. Da Manuel eben eine Verspätung angekündigt hat und Claudio die Pünktlichkeit immer um etwa eine Stunde verschiebt, kann es nur Uli sein, der vor meiner Haustür steht. In meinem Blog „Happy Now“ habe ich unser letztes Treffen in Leverkusen beschrieben, die Nacht auf dem Zuckerpuckel, den Besuch bei Uli morgens um 3, den Durchfalltee, den er uns kredenzte (hier noch einmal nachzulesen: http://christian-wunderlich.blogspot.de/2012/12/happy-now.html). Heute treffen wir vier endlich wieder aufeinander.
Uli ist Lebenskünstler. Er hat als Stripper Frauen verrückt gemacht, bis sie umgekippt sind, als Comedy-Kellner Gläser umgekippt, bis die Gäste verrückt geworden sind; er verkauft Uhren und Kinderspielzeug auf Märkten und übernimmt hier und da kleine Rollen in Fernsehserien. Aber vor allem eine Rolle ist ihm auf den Leib geschneidert: Er ist Double für Bruce Willis. 
Als er durch meine Wohnungstür tritt, trägt er seine Lederjacke und die Sonnenbrille und begrüßt mich mit amerikanischem Kaugummi-Akzent. Er hat dieses Bruce-Willis-Gesicht aufgesetzt, die Mundfalte zieht tiefe Furchen, die Stelle zwischen Stirn und Nasenrücken wellt sich.
„Mr. Willis“, rufe ich begeistert, „it’s such an honor. Come in, please!“ Wir umarmen uns, Bruce nimmt die Sonnenbrille wieder ab und plötzlich steht Uli vor mir.
„Ich bin seit zweiundvierzig Stunden wach“, sagt er. „Und ich hab Obst mitgebracht.“ Er hält strahlend eine Tüte mit Erdbeeren, Bananen mit schwarzen Stellen, Physallis, einer angedunkelten Melone und Tomaten in die Höhe. Tomaten sind definitiv mein Lieblingsobst. 
Dann zückt er schließlich – unerwartet wie einen Revolver – eine kleine Packung Irgendwas. Als ich die Aufschrift lese, muss ich grinsen. „Du hast Durchfalltee mitgebracht“, stelle ich nüchtern fest. „Der kann uns in Anbetracht des Zustands deiner Obsttüte noch äußerst nützlich sein.“
„Ich frage mich wirklich, warum die das Zeug ‚Durchfalltee‘ genannt haben“, wundert Uli sich und nimmt Platz auf einem der Thekenstühle. „Eigentlich müsste es doch ‚Anti-Durchfalltee‘ heißen.“
Bevor ich mit ihm über Sinn und Unsinn dieser zugegeben recht rustikalen Benennung des Tees sinieren kann, klingelt es erneut und Manuel steht vor der Tür. „Durchfalltee!“, ist das erste, was er ruft, als er die Küche betritt, und er streckt triumphierend und laut lachend die Arme in die Luft. 
Claudio ist – wie erwartet – der letzte, der dazu stößt. Er hat ein paar Flaschen Fassbrause dabei, womit der Männerabend endlich beginnen kann. Ich biete allen einen Tee an. „Walnuss oder Durchfalltee?“, frage ich in die Runde und muss zugleich daran denken: ‚Wir sind so verdammt kernige Typen: Wir bestreiten unseren Männerabend mit Obst, Fassbrause und Durchfalltee.‘ Okay, wenn wir gleich noch Germanys next Topmodel zusammen gucken, hol ich X‘ Schminkset aus dem Bad und wir lackieren uns alle die Nägel…
Doch dazu kommt es nicht. Manuel hat Reisefotos dabei, die er uns präsentieren will. Er ist gerade von einer dreiwöchigen (Tor)Tour durch Neuseeland zurückgekehrt, während der er einiges gesehen hat: Ein Krankenhaus von innen; das 2200-Euro-Objektiv seiner Kamera und wie es majestätisch an einem Stein zerschellte; Straßen und was man so aus der Frontscheibe eines Reisecampers sieht, während er über Asphalt rollt. Der straff durchorganisierte Reiseplan sah immer nur eine kurze Verweildauer an den verweilenswerten Orten Neuseelands vor. 
Sie meinen, absurder geht’s nicht? Stimmt.
Na gut, stimmt nicht: Er hat diese Reise mit der Frau verbracht, mit der er zwei Tage zuvor Schluss gemacht hat. Und das ist längst nicht alles, aber der Rest würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen.
Vier stahlharte Typen setzen sich vor die Glotze, mit Bier und Steaks, und sehen sich Predator an und lassen dabei laut Black Sabbath laufen.
Und jetzt wie es wirklich gewesen ist:
Vier butterweiche Männer setzen sich vor die Glotze, mit Smoothies und einer Tüte getrocknete Ananas, und sehen sich Urlaubsbilder an und lassen dabei leise Kenny G. laufen. (Zu unserer Ehrenrettung muss ich jedoch hinzufügen, dass Kenny G. als ironische Untermalung der Fotos dienen soll.) 
Sich Fotos anderer Leute anzuschauen ist eine heikle Angelegenheit. Um den schmalen Grad zwischen ehrlichem Interesse und dem Wunsch, in einen tiefen Schlaf zu verfallen, zu bewältigen, muss der Vorführende drei Dinge perfekt ausbalancieren:
- Die Auswahl
- Die Menge
- Den Reisebericht
Wenn sich Motive zu oft wiederholen, ist das ebenso der Killer wie wenn man weiß, dass man noch viertausend Fotos vor sich hat und/oder der Vortragende seinen Bericht auf Stichworte beschränkt wie: „Hier waren wir in…“ oder „Das ist ein…“

Manuel hat es jedoch geschafft: Während wir seine Fotos betrachten, stellt sich in uns allen das angenehm sehnsüchtige Gefühl von Fernweh ein; dieser melancholische Wunsch, sofort die Koffer zu packen und auszusteigen. Wir sehen Traumstrände, türkise Seen, glasklare Flüsse, sattgründe Wälder, schneebedeckte Bergkuppen, Täler, die sich weit und tief durch das Land ziehen. Manuel hat Regenbögen und schimmernde Lichtreflexe festgehalten; manches davon ist wahnsinnig kitschig, was wir hier und da mit einem leicht spöttischen Unterton erwähnen, um uns den Rest Männlichkeit zu bewahren. Dann nehmen wir einen Schluck von unseren Smoothies und lauschen weiter Kenny G.‘s Version von „Careless Whisper“.
Zwischendrin legen wir immer wieder eine Pause ein; nicht weil wir sie brauchen, sie ergibt sich jedesmal auf natürliche Weise. „Deine Freundin ist verdammt hübsch“, sagt Uli mit dem Blick zu einem Foto von X, einer Portraitaufnahme, die auf dem Notenständer meines Klaviers steht. „Ich habe mich ja auf Manuels Geburtstag nur ein paar Minuten mit ihr unterhalten. Aber ich finde, ihr passt perfekt zusammen.“
„Frechheit. Ich finde meine Freundin ist ziemlich intelligent“, widerspreche ich gespielt empört.
„Was ist eigentlich mit deiner Freundin, Manuel? Ich habe gehört, das ist schwierig…“
Manuel atmet durch und erzählt in einer Kurzfassung den aktuellen Stand der Dinge. Ich weiß nicht, ob Frauen sich darüber bewusst sind, aber Männer unterhalten sich untereinander tatsächlich über ihre Beziehungen, bzw. Nicht-Beziehungen.
„Ich bin momentan total durcheinander. Keine Ahnung, ob ich die richtigen Entscheidungen treffe“, meint Manuel.
„Das wirst du schon noch merken, wenn sich das alles ein wenig gesetzt hat“, entgegne ich und lehne mich an ein Kissen. 
Uli seufzt und erzählt uns von Jade, der jungen Spanierin, die ihm den Kopf verdreht hat. (Leser meines Blogs „Happy Now“ werden sich vielleicht an sie erinnern: Jade, ausgesprochen mit einem gehauchten „Ch“.) Der Altersunterschied zwischen den beiden lag zahlenmäßig im sommerlich heißen Temperaturbereich, und so hat Uli sich schweren Herzens entschlossen, die Beziehung zu beenden. „Irgendwann stand sie dann plötzlich vor meiner Tür. Ist einfach aus Spanien zu mir geflogen und hat mich mit Tränen in den Augen angesehen. Das hat weh getan.“
„Warum hast du es dann beendet?“, fragt Claudio.
„Es hätte einfach keine Zukunft gehabt.“
„Aber habt ihr euch nicht verstanden? Hattest du das Gefühl, ihr passt nicht zueinander?“,
„Nein, überhaupt nicht. Es hat perfekt gepasst. So etwas habe ich noch nie vorher erlebt.“
„Dann ist es natürlich verständlich, dass du es beendest“; sage ich. „So eine funktionierende Beziehung ist wirklich schlimm.“
„Ich weiß ja auch nicht.“ Uli scheint alles andere als überzeugt von dieser Trennung und lehnt sich ergeben ins Kissen zurück. Claudio nickt und seufzt. In dieser Geste liegt das vollkommene Verstehen: Claudio befindet sich im Grunde in der exakt gleichen Situation. Es ist schon eine merkwürdige Angewohnheit von uns allen, dass wir oft im Leben ausgerechnet jene Menschen aus unserem Leben ausschließen, nach denen wir uns am meisten sehnen. Vielleicht ist man nicht immer mit dem Menschen zusammen, den man am meisten liebt, sondern mit jenem, der gerade am besten zur eigenen Lebenssituation passt. Auch wenn das bedeutet, allein zu sein. 
„Ob es für jeden den einen Menschen gibt, den er nicht vergessen kann?“, werfe ich einen Gedanken in die Runde, allerdings in einem Ton, als hätte ich gefragt, ob Interesse an einer Portion Zitronensorbet herrsche (eine Frage, die ich nur Minuten später tatsächlich stellen werde). 
Uli nickt sofort.
„Das kenne ich“, sagt er. „Ich habe zwanzig Jahre lang meine Ex-Freundin nicht aus dem Kopf bekommen. Zwanzig Jahre, das muss man sich mal vorstellen. Sie war so eine tolle Frau, das hat perfekt gepasst zwischen uns. Sowas habe ich nach ihr nie wieder erlebt.“
„Warum habt ihr euch getrennt?“, frage ich.
„Weil sie `ne Schlampe war.“
„Wie herzergreifend.“
„Apropos ‚Schlampe‘“, sagt Uli gleich und erzählt uns, wie er nach unserem letzten Besuch bei ihm in Leverkusen seine ganze Bude auf den Kopf gestellt hat. Seine unaufgeräumte Wohnung sei ihm dermaßen peinlich gewesen, meint er, dass er tagelang geputzt habe. „Sogar der Toaster blitzt und blinkt wie neu. Und dann ist meine Nachbarin zu mir in die Küche gekommen und meinte, ob ich eine neue Küche habe, und ich sagte: ‚Nee, nee, ich habe geputzt.‘ Die ist aus allen Wolken gefallen.“
Jep, das ist definitiv etwas, wofür wir Männer uns Verdienstorden verleihen wollen: wenn wir tatsächlich mal die Wohnung geputzt haben. 
„Letzte Woche habe ich ihre Schwester kennen gelernt. Ich war so scharf auf sie, das glaubt ihr gar nicht. Irgendwann habe ich sogar meine Sonnenbrille aufgesetzt und mein Bruce-Willis-Gesicht gemacht.“
„Und? Hat es was gebracht?“, fragt Manuel.
„Nee, sie wollte bloß ein Autogramm von mir.“
„Du hättest ihr deine Küche zeigen sollen“, sage ich lakonisch.
„Das brauchte ich gar nicht mehr“, sagt Uli begeistert. „Zwei Tage später ruft sie mich an und sagt:‘Ich hab gehört, du willst poppen?‘ Jetzt sind wir für Donnerstag bei mir verabredet.“
„Alter!“, sagt Manuel. „Perfekt, dass du deine Bude jetzt so sauber hast. Überrasch sie mit irgendwas.“
„Genau“, sage ich. „Mach ihr nen Toast und brüh `nen Durchfalltee auf!“
„Wenn sie deinen Toaster sieht, flippt sie aus“, fällt auch Claudio in meine Frotzeleien mit ein.
„Und wenn nichts zwischen euch läuft, wird wenigstens das Toastbrot heiß“, füge ich an.
Anschließend raten Claudio, Manuel und ich ihm jedoch alle das Gleiche, nämlich, dass er sich gar nicht erst mit dieser Frau treffen sollte. Es gibt wohl kaum etwas unerotischeres, als wenn sich dir jemand, von dem du nicht einmal den Vornamen weißt, anbietet wie der Bäcker am Abend das alte Brot vom Vortag. Dies ist wieder einer jener Augenblicke, in denen ich heilfroh bin, kein Single zu sein.
Draußen vor meinem Balkon sehe ich die Knospen an den Kastanienbäumen. Ein lauer Wind rauscht durch die Wipfel, und wenn sie bald gestopft sind mit Blättern wird es sich Abends wieder anhören, als hätte ich ein Meer vor der Tür. Ich freue mich auf die warmen Sommerabende, geht es mir durch den Kopf. Es werden wohl die letzten in dieser Wohnung sein, nächstes Jahr um diese Zeit wird sich einiges verändert haben, eine Tatsache, der ich mit Vorfreude, Spannung und Angst entgegenblicke. „I have heard said – there is great danger in the body”, sage ich schließlich in einen kurzen Augenblick gedankenvoller Stille hinein, ansonsten nur durchbrochen von der 16. Wiederholung von Kenny G.‘s widerlicher „Careless Whisper“-Version. Ich sage es wie zu mir selbst, fast flüsternd leise.
„Was ist das?“, fragt Claudio.
„Yeats. Michael Robartes and the Dancer.” Ich verweise mit einem Nicken auf eine Anthologie amerikanischer und englischer Gedichte, die im Regal neben den Peanutsbüchern steht. 
Als Manuel sich wieder den Fotos auf dem Fernseher zuwendet und die Diashow fortgesetzt werden soll, sieht Claudio zu mir und sagt leise: „Wer ist es bei dir?“, um nach meinem fragenden Blick anzufügen: „Gibt es in deinem Leben auch die Eine, die du nicht vergessen kannst?“, aber bevor es mir möglich ist, auch nur darüber nachzudenken (wobei das sicher keine Frage ist, über deren Antwort man ernsthaft sinnieren muss), erzählt Manuel etwas von großen runden Steinen an einem Strand, und wir wenden uns wieder dem Bildschirm zu.
Manuel berichtet davon, wie er eine Forelle gefangen, ausgenommen und am Abend als perfektes Filet serviert hat. Ich vergewissere mich, ob es dem Veganer Claudio die Tränen in die Augen treibt, aber er hält sich wacker. Immer wieder – immer dann, wenn ein besonders schönes Panoramabild von Neuseeland erscheint – wirft er stattdessen den gleichen Satz in die Runde: „Da kann man doch wunderbar leben.“ Er träumt schon lange von einem Ort, an dem er sich zu Hause fühlen kann; früher hatte er ihn in seiner Freundin, aber seit die beiden nicht mehr zusammen sind, scheint er ziemlich verloren umherzuirren. Er selber befindet sich auf einer schier nicht enden wollenden Reise, ohne einmal durchzuatmen und sich umzusehen und klare Gedanken zu fassen; wahrscheinlich macht genau das ihm Angst.
Vielleicht verreisen wir nicht in erster Linie, damit wir etwas hinter lassen können, sondern vor allem um anzukommen. (Vielleicht ist das aber auch Bullshit und wir verreisen schlicht und ergreifend, weil wir eine gute Zeit haben wollen, was für mich durchaus mindestens ebenso plausibel klingt.)
Als die Diashow beendet ist, sagt Manuel plötzlich: „Wie lernt man am besten Frauen kennen?“
„Indem man ihnen seine geputzte Küche zeigt“, sagt Claudio.
„Stimmt“, gebe ich ihm Recht. „Ich habe einmal zufällig eine vor meinem Kühlschrank getroffen, und jetzt sind wir schon seit fast drei Jahren zusammen.“
„Ernsthaft, Leute. Wie geht das?“
Claudio wendet sich ihm zu. Oh Gott, ich weiß, was jetzt kommt. Er hat sich letztes Jahr das Buch eines sogenannten „Pick-Up-Artists“ gekauft. Das Hauptproblem an der Sache ist: Keiner meiner Freunde sucht ernsthaft die schnelle Nummer. Sie sehnen sich alle nach mehr. Deswegen rate ich Manuel schließlich – nachdem Claudio die Weisheiten des Buchs mit verstörender Ernsthaftigkeit (sprich: ironisch) mit uns geteilt hat – sich einfach nicht zu verstellen, sich nichts vorher auszudenken, stattdessen sich darauf zu verlassen, so wie er ist zu genügen. Irgendwann findet sie sowieso die Wahrheit heraus. Ich mach mir da nichts vor: Das Schicksal einer Beziehung hängt stark davon ab, ob die Frauen sich in genau diesem Augenblick weiter für uns entscheiden oder ob sie den Jungen an ihrer Seite gegen einen anderen Erziehungsbedürftigen ersetzen.

Wir sehen uns noch den Kinotrailer zu „Before Midnight“ an, den von mir lang ersehnten dritten Teil nach „Before Sunrise“ und „Before Sunset“, und lösen dann unseren ultracoolen Männerabend auf. Es wird nicht der letzte in diesem noch jungen Frühling sein, da sind wir vier uns einig. Als die drei meine Wohnung verlassen, trete ich auf den Balkon und winke ihnen zu. Alle zerstreuen sich wieder. Jeder kehrt in seinen Tag zurück. Aber es ist ein gutes Gefühl, geht es mir durch den Kopf, während ich meinen Freunden hinterher blicke, dass wir alle zwar unterschiedliche Ziele haben, wir uns jedoch auf einer gemeinsamen Reise befinden. Manchmal ist ja auch der Weg das Ziel, so holprig er sich hier und da auch gestalten mag. Und Smoothies, getrocknete Ananasstückchen und Durchfalltee sind gar nicht mal der schlechteste Proviant.