Montag, 11. Februar 2013

Losing my Religion

(Der Song zum Blog)

Der Papst tritt zurück. Moment mal … Ist der nicht mit Gott verheiratet? Heißt das etwa, der Papst lässt sich scheiden??
Viel zu vermissen gibt es nicht. Als Benedikt 2005 seinen Dienst antrat, wurde ein Hype in Gang gesetzt, der sich in seiner bizarrsten Form als Poster des Papstes in der Bravo präsentierte. Der Papst sollte auf einmal cool sein. Nennen Sie mich verrückt, aber cool finde ich nicht, dass der Papst Homosexualität als Sünde verurteilt. Und auch nicht, dass der Papst sich gegen Kondome in Südafrika ausspricht, wo sich Jahr für Jahr Millionen Menschen mit HIV infizieren. Und: Wäre es nicht toll, jetzt einen wirklich coolen Papst zu bekommen, der nicht dabei hilft, Kindesmissbrauch durch katholische Priester zu vertuschen?
Ich selber bin katholisch getauft. Meine Familie war nie besonders gläubig, wie haben nicht vor dem Schlafengehen gebetet, und vor allem meine Mutter regte sich regelmäßig über die konservativen Ansichten der katholischen Kirche auf. Auch ich hatte von Anfang an ein zwiespältiges Verhältnis zu dieser Institution. In meiner Grundschulzeit sind wir manchmal mit der Klasse in eine nahegelegene kleine Kirche gegangen, wo ich mich durch Gottesdienste mit todtraurigen Liedern quälte. Ich fragte mich, warum hier ständig von einer „Feier“ die Rede war, wenn mir die Songs, die gesungen wurden, jedesmal die Laune verdarben. Mit Kirche verband ich neben dem So-tun-als-ob-Singen trauriger Lieder auch harte Sitzbänke, öde Predigten (von denen ich aufgrund der miserablen Akustik nicht einmal die Hälfte verstand) und die Verlangsamung der Zeit. Eine Stunde während einer Messe erschien mir wie ein ganzer Tag. Die Aussicht, dass ich dieser Düsternis nach einer Kommunion noch öfter ausgesetzt sein sollte, gruselte mich derart, dass ich heftig intervenierte und meine Eltern mir zugestanden, eben nicht zur Kommunion zu gehen.
Auch während meiner Zeit auf einem streng katholischen, von einer Nonne (Schwester Cordula) geführten Gymnasium, musste ich mich jeden Mittwochmorgen vor dem Unterricht in den Gottesdienst kämpfen. Der Pastor war ein relativ junger, recht entspannter Mann, kurze lockige Haare, Schnurrbart, mit diesem latent zufriedenen Lächeln auf den Lippen, so als habe er vorher eine Riesentüte geraucht. Als jemand, der nicht zur Kommunion gegangen ist, durfte ich mir natürlich offiziell keine Hostie abholen, aber dieser Teil der Messe war der einzige, der Bewegung ins Spiel  brachte, weswegen ich das nicht so streng sah und mir dennoch regelmäßig diese pappigen Dinger abholte. Ich nannte es „Gottes Essensausgabe“, und ein barmherziger Gott hatte sicher nichts dagegen, wenn ein hungriger Schüler sich das kleine Stück Esspapier mitnahm.
Für einen Mittwochmorgen sollte ich mit ein paar Freunden den Gottesdienst gestalten. Wir wollten etwas buntes, lautes, verrücktes und vor allem UN-langweiliges machen. Also planten wir die Messe wie eine große Samstagabendshow mit Gags, Gästen und Sketchen. Sogar ein paar Werbeunterbrechungen bauten wir ein und verkauften das Ganze als Kritik an der Gesellschaft, die immer mehr nach Entertainment statt stiller Andacht in der Kirche verlangte (womit wir uns im Grunde selber kritisierten). Bei den anderen Schülern kam diese Form der Messe fantastisch an, und das Lächeln des Pastors ließ den Anschein aufkommen, dass auch ihm die Abwechslung gefiel (wobei der ja immer lächelte). Aber an Schwester Cordulas zusammengekniffenen Lippen meinte ich zu erkennen, dass ihr der Teil mit der Werbung für Billy-Boy-Kondome nicht so recht passte. Vielleicht weckten wir in ihr aber auch bloß Sehnsüchte, wer weiß das schon.
Ansonsten kam ich mit den Nonnen an meiner Schule eigentlich immer recht gut aus. Bei Schwester Hildegundis lernten wir Sticken, was, wenn ich so darüber nachdenke, eigentlich eine glatte Lüge ist, denn gelernt habe ich dabei gar nichts. Das große Projekt dieser Klasse war es, jeden einen eigenen Stoffpinguin sticken zu lassen. Ich fand das urkomisch, weil die Ergebnisse alle eher wie Stoffnonnen aussahen, und ich frage mich heute, ob das Projekt aus Schwester Hildegundis‘ subtilem Humorverständis heraus entstanden ist. Ich war der letzte, der mit seiner Stoffnonne fertig wurde, und auch nur durch die Hilfe zweier tatkräftiger Mädchen, die ich aufgrund meines ausbaufähigen Charmes für meine Zwecke instrumentalisieren konnte. Es reichte trotzdem nur für eine 3 minus.
Würde ich der katholischen Kirche ein Zeugnis ausstellen, sie würde nicht mit einer 3 minus davon kommen. Wie kann es sein, dass eine mutmaßlich vergewaltigte Frau von zwei katholischen Kliniken abgelehnt wird? Was für eine Bedeutung hat das Wort „Barmherzigkeit“ aus dem Mund eines Martin Lohmann (Chefredakteur eines katholischen Fernsehsenders), wenn er allen Ernstes von einer vergewaltigten Frau erwartet, das Kind ihres Peinigers auszutragen? Es gibt durchaus Fälle von Frauen, die sich selbst in solch einer Situation für das Kind entscheiden, und man kann nur den höchsten Respekt davor haben. Das ist eine gewaltige Entscheidung. Aber es muss jeder Frau freigestellt sein zu entscheiden, diese durch eine Gewalttat entstandene Schwangerschaft rechtzeitig abzubrechen. Martin Lohman redet davon, dass das Leben geschützt werden muss. Aber denkt er dabei einmal an das Leben der Frau? An ein Leben, in dem sie tagtäglich in die Augen ihres Vergewaltigers blicken muss, wenn sie ihr Kind sieht? Will man diese Frau tatsächlich ein zweites Mal leiden lassen, wenn ihr Leben nach dieser furchtbaren Tat doch eh schon nie mehr so sein wird, wie es mal war? Was, wenn diese Frau einen Partner hat? Sollen die beiden gezwungen werden, Eltern des Kindes ihres Vergewaltigers zu sein?  
Äußerungen, wie Lohmann und andere Kirchenvertreter sie tätigen, sind ein unerträglicher Skandal, zum Glück jedoch auch ebenso irrelevant: In diesem Land herrscht die Trennung von Kirche und Staat. Die katholische Kirche hat überhaupt keine Entscheidungsgewalt, wenn es um Dinge wie die Pille danach oder die Homo-Ehe geht, und das ist verdammt beruhigend. Das Selbstbestimmungsrecht des Menschen sollte über alle Religionen hinweg gelten.
Meine Meinung, was den Gottesdienst angeht, habe ich inzwischen jedoch etwas revidiert. Mittlerweile gehe ich zu seltenen Gelegenheiten gerne in kleine Kapellen, setze mich dann auf die (gar nicht mal so harten) Bänke und lausche dem Pastor und dem Gesang. Und auch wenn ich diesen Glauben nicht teilen kann, so verstehe ich doch, warum viele Menschen diese Form der Gemeinschaft suchen: Sie bietet eine Form der Geschlossenheit, die sie in der Welt „da draußen“ verloren glauben. Ich aber entziehe mich eben dieser Sache nach ein paar Minuten ganz bewusst wieder, schleiche mich aus der Kirche, schließe die schwere Eisentür hinter mir und denke: Geschlossenheit, schön und gut. Aber für die Kirche wird es Zeit, sich endlich zu öffnen. 
Mein Vorschlag: Der nächste Papst wird eine Frau. Eine lesbische Frau. Das wäre wirklich mal ein Poster in der Bravo wert.