Montag, 23. Dezember 2013

This is the last time




Ich balanciere mein Notebook auf meiner linken Handfläche wie der Kellner sein Tablett, mit konzentriertem Blick auf den Bildschirm, nur kurz abgelenkt von Irina. Sie trägt ein schwarzes Kleid, dass in seiner eierschalenfarbenen Version durchaus sommertauglich gewesen wäre. In den vergangenen drei Jahren haben wir Schüler einander stets in unseren Alltagsklamotten erlebt; kein Wunder, dass wir heute das ein oder andere Aha-Erlebnis haben. So auch bei Irina. Mit ihren großen Rehaugen besieht sie sich kritisch die Bühne. „Du siehst sehr hübsch aus“, sage ich, als ich an ihr vorbeiwische und setze mich drei Meter weiter an den Bühnenrand, den Blick wieder auf den Bildschirm gerichtet. „Danke!“, höre ich sie in einem Tonfall sagen, so, als sei sie von diesem Kompliment überrascht. Ich sehe auf und bemerke ihr zufriedenes Lächeln, als plötzlich Richard auf mich zugeeilt kommt. „Wo ist der Beamer?“, fragt er.

„Ich habe keine Ahnung. Das sollte eigentlich alles organisiert sein.“

„Isses aber nicht. Bisher steht nur eine Leinwand auf der Bühne.“

„Zur Not müssen wir Schattenspiele mit den Händen machen. Ich kann ein Krokodil mit Brille formen …“

„Scheiße.“

Er stürmt weiter, um Herrn Simons zu finden, unser Geschichtslehrer und der Verantwortliche für die Technik. Innerlich bete ich, dass er uns weiter helfen kann. Mir ist gerade eingefallen: ich kann gar kein Krokodil mit Brille als Schatten formen (plus: Ich bin mir nicht sicher, ob das für eine halbe Stunde Showprogramm trägt).

Gemeinsam mit acht Schülern habe ich einen Abschlussfilm über die Schule gedreht; eine Pseudodoku, die unseren Englischlehrer als ehemaligen Pornodarsteller, den Rest der Lehrer als zügellosen Verein mit Perücken-Fetish und überhaupt die ganze Schule als einen Ort des Grauens darstellt. Herrlich, dass man mit Mitte dreißig immer noch genauso albern ist wie mit neunzehn. Aber heute darf und soll einfach alles erlaubt sein. Dies ist schließlich meine um 15 Jahre verschobene Abifeier.

Als ich Ende 2010 den Entschluss fasste, mein Abitur nachzuholen, befand sich mein Leben im Umbruch. Ich hatte eine schmerzliche Trennung hinter mir und konnte mir nicht vorstellen, jemals wieder so zu lieben und zu leben wie zuvor. (Heute kann ich mir nicht mehr vorstellen, meine Ex-Freundin zu lieben, und bin froh, dass auch mein Leben sich weiter entwickelt hat – so ändern sich die Zeiten.)

Der Gedanke, dass Abitur nachzuholen waberte schon lange in mir. Einmal saß ich sogar bereits 2005 bei einem anderen Abendgymnasium im Sekretäriat, um meine Bewerbung einzureichen. Letztendlich konnte ich mich jedoch einfach nicht überwinden. Die Jahre an meinem Tagesgymnasium waren teilweise geprägt von gezielter Demütigung. Meine Mathematiklehrerin, Frau Juling, gab sich nicht mal Mühe, mir die Thematik verständlich zu machen. Stattdessen erinnere ich mich an eine Situation, die ich nie vergessen werde und die ich bereits in einem früheren Blog beschrieben habe: Kurz nach dem Tod meines Vaters schrieben wir eine Mathearbeit. Ich verstand nichts, hoffte aber, mich noch auf eine 4 retten zu können. Als Frau Juling die Arbeiten zurückgab, verkündete sie den Notenspiegel, und als es hieß, niemand habe eine 5, atmete ich erleichtert auf. Das sah Frau Juling ganz offenbar, und es schien sie derart wütend zu machen, dass sie es sich nicht nehmen ließ lautstark zu sagen: „Aber es gibt eine 6, und die hat der Christian.“

In anderen Fächern wurden meine Hefte vor versammelter Klasse auseinander genommen, bis alle Einzelblätter auf dem Boden lagen, um den anderen zu demonstrieren, wie unordentlich ich meine Hefte führte. Als ich mich an der Klippe zum Sitzenbleiben befand, gab es keine aufmunternden Worte, stattdessen raunte mir eine Lehrerin zu, dass jetzt Schluss sein müsse mit dem Quatsch. (Sie bezog sich auf meine Dreharbeiten bei „Verbotene Liebe“, die ihr, wie den meisten Lehrern an dieser Schule, sauer aufstießen; es hatte sich wohl herum gesprochen, dass ich dort weit mehr Geld als jeder von ihnen verdiente.)

All diese und weitere Erfahrungen haben mich natürlich geprägt.

Als meine Musik schließlich von heute auf morgen in den Charts durch die Decke schoss, tat ich das einzig richtige in dem Augenblick: Ich meldete mich von der Schule ab und ging von einem auf den anderen Tag nicht mehr hin. Von der ersten Sekunde an hab ich diese Entscheidung nicht bereut. Oh nein, es fühlte sich großartig an, eine riesige Last fiel mir von den Schultern.

Und dennoch blieb all die Jahre danach das Gefühl, aufgegeben zu haben. Während meine Freunde um mich herum beinahe ausnahmslos das Abitur gemacht hatten, blieb mir das Gefühl desjenigen, der gescheitert war.

Das war der einzige Grund, warum ich mich schließlich dazu entschloss, den Abschluss an der Abendschule nun doch noch nachzuholen. Es ging mir nicht darum, ein Studium zu beginnen. Ich hatte keine konkreten Pläne. Ich tat das bloß für mich, für mein Gefühl.

Es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

Und jetzt sitze ich drei Jahre später am Bühnenrand der Aula und treffe die letzten Vorbereitungen für das Abendprogramm meiner Abiturfeier. Um mich herum wirbeln ein paar meiner Mitschüler, die für andere Dinge an diesem Abend eingeteilt sind: Das Buffet wird aufgestellt, der Teppich gesaugt, Stühle gerückt, Kerzen verteilt, dekoriert und geputzt. Alles wird bereit gemacht für den einen Abend, auf den wir alle, diese Schicksalsgemeinde aus ehemals Gescheiterten, seit drei Jahren hinarbeiten.

Kurze Zeit später sitzen wir auf unseren Plätzen, lauschen den Reden des Direktors, der Ko-Rektorin und unseres Stufenleiters, Guido, der auch unser Englischlehrer gewesen ist und nicht nur zu den hervorragendsten Lehrern, sondern auch zu den besten Menschen gehört, die ich je kennenlernen durfte. Er ist sichtlich nervös, aber er hat sich Mühe gegeben mit seiner Rede. Seine Pointen sitzen und der Jubel trägt ihn kurz darauf bis zu seinem Platz zurück.

Dann ist meine Stunde gekommen. Ich hüpfe vom Rand auf die Bühne, schnappe mir das Mikrofon und halte eine spontane Rede; ich hatte diesbezüglich nichts vorbereitet, da jemand anderes eigentlich diesen Part übernehmen sollte, kurz zuvor aber abgesprungen war. Tatsächlich erweist sich gerade das als Vorteil, da ich einfach frei Schnauze über die Macken der Lehrer „herziehe“ und damit zum Glück das Publikum zumindest soweit unterhalte, dass sie mich nicht gleich von der Bühne pfeifen (alles schon erlebt …).

Schließlich präsentiere ich unseren Film; zum Glück haben sich Herr Simons, der Beamer und das passende Kabel dazu noch rechtzeitig gefunden. Als das Licht gedimmt wird und ich die Bühne verlasse, schnappe ich mir Guido und platziere ihn neben mich in die erste Reihe. Dieser Film ist auch und im Besonderen ihm gewidmet, da er uns als Lehrer und Stufenleiter von Anfang an begleitet hat.

Die Reaktion des Publikums konnte sich keiner von uns besser wünschen: Alle (inklusive Lehrerschaft und Direktor) johlen vor Lachen; es gibt hier und da Szenenapplaus; ein erstauntes Raunen geht durch die Reihen, als Überraschungsgast Oliver Kalkofe mitten im Film auftaucht und ebenfalls über Guido „lästert“; und am Ende brandet großer Applaus auf, der auch nicht endet, als das Licht wieder angeht und ich schon längst wieder auf der Bühne stehe, stellvertretend für alle Neun, die an diesem Film mitgewirkt haben und denen ich ebenfalls applaudiere.

Nur wenige Augenblicke später verkünde ich offiziell Schulschluss und setze mich wieder auf meinen Platz, um auf die Zeugnisübergabe zu warten. Guido nimmt mich in den Arm. Er ist sichtlich bewegt von dem Film und von dem nahenden Abschied. In den vergangenen drei Jahren sind wir Schüler besonders mit ihm zusammengewachsen. (Im Laufe des Abends werden noch viele Umarmungen zwischen Schülern und Schülern und Lehrern und Schülern verteilt; beinahe niemandem fällt der Abschied leicht.)

Und dann ist es endlich soweit: Guido betritt mit dem Direktor und der stellvertretenden Direktorin die Bühne und ruft alphabetisch unsere Namen auf. Klar, dass ich mit meinem Nachnamen immer einer der Letzten bin …

Jeder von uns ist sichtlich darauf bedacht, bloß nicht die Treppe hinaufzustolpern in diesem entscheidenden Moment. Die Damen raffen ihre Kleider, die Herren machen jeden Schritt mit ihren rutschigen Sohlen ganz bedächtig über die Stufen. Die Fotos und Videos, die Freunde und Verwandte von dem Augenblick machen, sollen makellos sein.

Schließlich bin ich an der Reihe. Mein Lied wird gespielt (ich habe mir „This is the last time“ von Keane ausgesucht), während ich mich auf den Weg zur Bühne mache. Auf der kleinen Treppe kann ich es mir nicht verkneifen, absichtlich über meine Füße und auf die Bühne zu stolpern, worauf Guido mir das Abiturzeugnis um die Ohren haut – ‚nicht mal am Ende kann der Bengel ernst bleiben‘. Die meisten vor mir haben Guido, der Situation angemessen, die Hand geschüttelt, aber wir schließen uns in die Arme, und dann ich halte den Wisch tatsächlich nach fünfzehn Jahren doch noch in meinen Händen. In diesem Augenblick fällt eine unbeschreibliche Last von meinen Schultern ab.

Der Direktor, ein Mann mit Rauschebart, schüttelt mir die Hand und sagt: „Das ist ein brillantes Abitur. Damit können Sie alles machen, was sie wollen“, womit er wohl nicht so etwas meint wie, den Hintern abwischen, sondern, dass mir alle Möglichkeiten offen stehen. (20 Minuten später wird mein Deutschlehrer mir sagen, dass ihm meine satirischen Beiträge immer am besten gefallen haben - so viel zum "brillanten" Abitur...) Aber das ist für mich in dem Augenblick nicht entscheidend. Daran denke ich in dem Augenblick gar nicht. Ich halte mein Abitur in den Händen, das ist das allerwichtigste. Nach der schlimmen Zeit an meinem Tagesgymnasium und Jahren, in denen ich es mir nicht zutraute, den Abschluss nachzuholen und diesen Komplex endlich loszuwerden, habe ich es tatsächlich geschafft. Es war ein weiter, ein harter Weg, aber die Lehrer haben es uns allen so leicht wie möglich gemacht, nicht vorher aufzugeben (und trotzdem haben von zu Beginn 92 Schülern am Ende nur 26 das Abitur geschafft).

Dies ist unser Triumph.

Mein Abschluss ist zugleich der bestmögliche Abschluss des Jahres. Nun warten neue spannende Aufgaben auf mich: Ein Studium. Eine Hochzeit. Ein Baby. Ich kann es nicht erwarten.

Doch an all das denke ich in dem Augenblick, da ich mein Abitur in Händen halte, gar nicht. Mir geht nur ein einziger Gedanke durch den Kopf: Das ist das beste Weihnachtsgeschenk, das ich mir je gemacht habe. Und das ist so wahr wie „zwei mal drei macht vier, widewidewitt, und drei macht neune“.

Frohe Weihnachten!

(Dieses kurze Video zeigt den Moment der Abiturübergabe ...)


Montag, 14. Oktober 2013

Blurred lines

(Hier hörst und siehst (!) Du Song & Video zum Blog)
 
Manuel, Uli und ich stehen nebeneinander und sehen gebannt auf den Computermonitor. Durch den geöffneten Fensterspalt strömt warme Sommerluft in den Raum, aber Uli ist erst in den vergangenen zwei Minuten so richtig heiß geworden. „Das ist das Schönste, was ich je gesehen habe“, sagt er mit großen Augen und bewegt seine Beine tänzerisch zur laut aufgedrehten Musik. „Die ist perfekt“, bestätigt Manuel. „Da. Da. Diese Bewegung …“ Uli deutet auf das brunette Model, das kokett und rehäugig wie ein bockiges Kind auf der Stelle stapft und damit den Text des Liedes persifliert.
  Wir sehen Robin Thickes Video zu seinem Song „Blurred Lines“. Also, eigentlich sehen wir nur das brunette Model. Ich meine, die Jungs. Mich interessiert die natürlich überhaupt nicht. Ehrlich. Wirklich.
   „Die würde perfekt zu mir passen“, sagt Uli.
   „Hast du sie denn schon kennengelernt?“, frage ich.
   „Nein, aber ich hätte nichts dagegen.“
  Während diese schöne Frau vor unseren Blicken ein Miniaturcabriolet über ihren Rücken gleiten lässt und selbst dabei noch entzückend aussieht (jedenfalls nach Meinung der Jungs), geht mir die Frage durch den Kopf, ob es tatsächlich den Menschen gibt, der perfekt zu einem passt und ob das überhaupt erstrebenswert ist für eine gute Beziehung. 

Das Internet bietet bereits jetzt unzählige Gelegenheiten, den perfekt zugeschnittenen Partner zu finden. Wer sich bei sogenannten Partnerbörsen anmeldet, kann sich gewiss sein, ausschließlich Angebote nach Maß zu erhalten. Wohnt er in der Nähe? Teilt sie meine Leidenschaft für Ausdauersport? Ist er nicht auf den Mund gefallen? Reist sie gerne mit dem Rucksack durch Asien? Träumt er von einer eigenen Familie? Schläft sie bei geöffnetem oder geschlossenem Fenster? Was wir sonst innerhalb einer längeren Zeitspanne herausfinden müssen, serviert uns das Internet gleich mit einem Schlag. Die Partnersuche als gegenseitiges Bewerbungsgespräch hat jedoch nur noch wenig mit jenem romantischen Liebesideal zu tun, das wir von Liebesromanen und Hollywoodfilmen vorgelebt bekommen. Dabei belegen Verkaufszahlen und Kinoeinnahmen, dass wir immer noch von diesem Liebesideal träumen. Allerdings scheint es in unserer heutigen Gesellschaft einfach nicht mehr praktisch zu sein, sich alleine seinen Gefühlen hinzugeben. In einer Zeit, in der unser Wert vor allem davon abhängt, ob wir produktiv und erfolgreich sind, wird auch die Suche nach einem Partner zum Symbol für den eigenen Erfolg und will möglichst effektiv gestaltet sein. Während wir tagsüber unseren Verpflichtungen nachgehen und uns abends im Fitnessstudio für den zukünftigen Partner in Form bringen, selektiert die Partnervermittlung im Internet die passenden Kandidaten für den freien Platz im künftigen Eigenheim. Nach dem Training müssen wir dann bloß noch – mit dem Salat zur Hand – die Wahl treffen, welches Foto uns am meisten anspricht. Genau hier liegt einer der Knackpunkte: Das Verlieben geschieht nicht mehr aus einem Impuls heraus und ohne Rücksicht auf Risiko, es wird zur bewussten Entscheidung, ein Prozess, der eigentlich erst einsetzt, wenn aus Verliebtheit Liebe wird.
   Medienwissenschaftler Jo Groebel sagt der Ehe, die ihren Ursprung im Internet findet, eine rosige Zukunft voraus. Bereits jetzt gäbe es erste US-Studien, die belegen, dass Internet-Ehen länger halten als jene, die sich im normalen Leben anbahnen. Etwas, das bis vor Kurzem noch romantisch verklärt als „Schicksal“ bezeichnet wurde, wird also nun von eigener Hand herbeigeführt. Ein Gefühl, das ein minutiös eingerichtetes Leben auf den Kopf stellen kann, soll kontrolliert werden. Der bodenlose Fall wird aufgefangen von der autonomen Handlung.
    Doch worin liegen die Gründe dafür?
   Romantik scheint heute immer weniger als beständige Beziehungsbasis anerkannt zu sein. An ihre Stelle tritt ein Pragmatismus, der zwar keinen Volltreffer garantiert, zumindest jedoch die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass wir unsere Zeit nicht mit dem falschen Partner vergeuden. Eine Trennung soll nicht nur vermieden werden, weil sie schmerzt, sondern um zu verhindern, dass unsere Spielfigur wieder auf Anfang zurückgesetzt wird und wir das gleiche Spiel noch einmal von Neuem spielen müssen.
   Auch die Sexualität befindet sich durch das Internet im Wandel. Es finden sich kaum mehr Stellen, an denen Jugendliche den Wert des langsamen gegenseitigen Erkundens vermittelt bekommen. Wer sich auf den zahllosen einschlägigen Seiten umsieht, muss den Eindruck gewinnen: Sex hat etwas mit Macht und Durchhaltevermögen zu tun. Alles scheinbar Unnötige – Stimmung, Musik, Küssen, sich Zeit lassen – wird ersetzt durch möglichst viele Stellungswechsel und die ewig gleiche Abfolge diverser Praktiken, die immer im Orgasmus des Mannes, aber nie in dem der Frau münden. Für Jugendliche, die durch das Internet aufgeklärt werden, entsteht so der Eindruck, es gebe nur eine richtige Form von Sex und die sei immer mit der Unterwerfung der Frau durch den sich alles einfach nehmenden Mann verknüpft.
   Eine Partnerwahl im heutigen Sinne gab es in der vorindustriellen Gesellschaft nicht. Die Ehe war weniger die Verbindung zweier Menschen als das Verbandeln zweier Familien oder Sippen. Wird unsere Partnerwahl mittlerweile zum Teil durch Fragebogen-Kriterien heutiger Partnerbörsen begrenzt, war der Radius der Möglichkeiten zu jener Zeit bereits vorgängig von Herkunft, Stand und Besitz bis zu ethnischer Zugehörigkeit und Religion bestimmt. Verantwortlich dafür war ein Netzwerk, das ganz ohne Wlan eine Verbindung herstellte: Familie und Verwandtschaft. Die Heirat diente weniger als Höhepunkt der gemeinsamen Liebe denn als Zweckmäßigkeit zur Wirtschafts- und Standesgemeinschaft.
  Jene Bündnisse waren natürlich meist geprägt von Zwängen. Persönliche Wünsche mussten unterdrückt werden. Von diesen Fesseln haben sich die Menschen hierzulande zum Glück längst befreit. Doch folgten wir eine Zeitlang endlich unserem Herzen, wird das Gefühl der romantischen Liebe mittlerweile mehr und mehr durch den Kopf verdrängt.
   Was bedeutet es heute, „Ich liebe dich“ zu sagen?
   Kaum ein Satz hat in den vergangenen Jahren wohl eine derartige Entwertung erfahren wie „Ich liebe dich“. Wir wollen alles groß und zwar sofort, Entwicklung ist da nur störend. „Ich liebe dich“ soll nicht bekennen, sondern binden. Was eigentlich bedeutet „Ich bin verknallt in dich, bin total verwirrt, bin in diesem Augenblick glücklich, fühle mich wie 15“ wird in eine einfache Formel gepackt, die jedoch völlig am Thema vorbeigeht. Wir fühlen uns in diesem Augenblick nicht nur wie 15, wir verhalten uns auch so. In den Monaten des Verliebtseins, wenn das Hormon Oxytocin unsere Synapsen wie einen Cocktail durcheinander wirbelt, bedeutet ein „Ich liebe dich“ nichts anderes als „Ich liebe dieses undefinierbare Gefühl in deiner Nähe“. Und weil es sich nicht so leicht beschreiben lässt, gehen manche den einfachen Weg und sagen viel zu früh die drei magischen Worte, die dadurch jedoch bedeutungslos werden. In besagten ersten Monaten schalten Dopamin, Endorphin und Serotonin derart den Verstand aus, dass wir gar nicht in der Lage sind, den anderen objektiv zu beurteilen. Unsere Vernunft wird ausgeschaltet. In einer Gesellschaft, in der Kontrollverlust jedoch zu den größten Ängsten und Vernunft zu den erstrebenswertesten Tugenden gehört, ist diese chemische Reaktion immer weniger willkommen. Um dieses ungewisse Gefühl zu kontrollieren, geben wir ihm schließlich den einfachst möglichen Namen: „Liebe“. War früher „Ich liebe dich“ also die Frage „Liebst du mich?“, ist es heute die Aufforderung „Liebe mich!“ Die wichtigste Regel unter Schriftstellern lautet: Nicht behaupten, zeigen. Da das Zeigen von Liebe aber auch Angriffsflächen bietet und zudem zeitaufwendig sein kann, wird eben viel zu oft zu der Formel „Ich liebe dich“ gegriffen; eine Aussage, welche auch in einer bereits eingeschlafenen Beziehung als Beweis für Gefühle herhalten muss, die irgendwann bloß noch behauptet werden. Eben diese Formelhaftigkeit ist es jedoch, die der Liebe ihre Romantik raubt.
   Das soll alles nicht heißen, dass ein „Ich liebe dich“ oder der Verstand die Ernsthaftigkeit von Gefühlen untergraben. Im Gegenteil: Ein „Ich liebe dich“ mit Verstand schweißt Partner zusammen und macht ein Verhalten legitim, dass ohne dieses Bekenntnis möglicherweise anstößig, zumindest jedoch einen Schritt über das Ziel hinaus wäre. Und natürlich ist die Romantik längst nicht aus unserer Gesellschaft verschwunden, das wäre auch zu schade. Romantik halte ich für unerlässlich, heute mehr denn je, und ich bin überzeugt, dass der neue Pragmatismus der alten Vorstellung von romantischer Liebe neue Impulse versetzt. Vielleicht gilt in diesem Fall: Je größer die eine Bewegung, desto größer die andere. 
  Wir träumen alle gerne von der einen, das Leben überdauernden, hingebungsvollen Liebe, die uns von Autoren wie Nicholas Sparks oder Filmen wie „Pretty Woman“ versprochen werden. Die Realität ist bloß manchmal eine andere: Eine Partnerschaft ist nicht selbstlos, viel mehr ist sie ein ungeschriebener Vertrag zwischen zwei Menschen, und  „Bis dass der Tod euch scheidet“ gilt heute nur solange bis einer von beiden sich die Mühe macht, das Kleingedruckte zu lesen. Ehen werden aus pragmatischen Gründen geschlossen – Nachwuchs, Steuervergünstigungen und andere finanzielle und rechtliche Vorteile. Bei der Suche nach dem „besten“ Partner spielt die Einschätzung des eigenen sozialen Tauschwertes eine gewichtige Rolle: Wir bemühen uns um Personen,  von denen wir annehmen, dass sie uns als Partner akzeptieren werden. Die Ehe ist insofern immer realistischer als die romantische Liebe. Hierin besteht der entscheidende Unterschied: In der romantischen Liebe führt die Selbstaufgabe zur Selbstgewinnung. In der pragmatischen Partnerschaft gibt es eine Beziehung nur zwischen zwei „Selbsten“: Wir suchen einander, um wir selbst zu sein, und trennen uns wieder, um wir selbst zu bleiben.

Montag, 2. September 2013

Where are we now?

Der folgende Brief ist eine jener Nachrichten, die einer meiner besten Freunde, zurzeit auf mehrmonatiger Reise um die Welt, und ich vor Kurzem ausgetauscht haben. Für diesen Blog habe ich den Brief editiert, ein paar Dinge hinzugefügt und andere herausgestrichen.




Mein guter Freund,

nichts ist so unvorhersehbar wie das Leben. Wer hätte vor einem Jahr, vor drei, vor fünf Jahren gedacht, dass wir nun stehen, wo wir stehen … Und wir sind immer noch da.

Nun bist Du schon seit über zwei Monaten auf einem weit entfernten Flecken der Erde, erlebst viele Dinge, die Du Dir wahrscheinlich noch am Abreisetag nicht hättest vorstellen können. Wie ist das Leben, wenn man sich einfach treiben lässt? Verändern sich die Gedanken? Verschieben sich Prioritäten und der Blick auf die Welt und damit auch unweigerlich auf das eigene Leben?
   Gerade jetzt frage ich mich, wo Du wohl bist, was Du machst, woran Du denkst, wenn Du alleine bist.

Eben habe ich mir ein aktuelles Foto von Dir angesehen. Es zeigt Dich mit geschwärztem Gesicht, was nur bedeuten kann, dass du a) wieder irgendeine Schule gestrichen hast oder b) Deine Kreditkarte wieder nicht funktioniert und Du Dir mit Schlammcatchen Geld fürs Abendessen verdienen willst oder c) Dich kopfstehend eingeschissen hast. (Alles drei im Übrigen eine herrliche Vorstellung.)
Ach, Fotos sind eine trügerische Sache. Sie halten in der Regel den scheinbar glücklichen Augenblick fest. Momentaufnahmen, die uns meistens lachend zeigen, Fotoalben voller lächelnder Gesichter, das Leben ein einziger Spaß, so scheint es, und damit auch der reflexartige Blick auf das eigene Ich und die Frage: War ich damals glücklicher?
   Früher, als Fotos noch auf einen hinterher zu entwickelnden Film gebannt wurden, wäre ich im Leben nicht darauf gekommen, mein Mittagessen aus vier verschiedenen Perspektiven zu fotografieren. Wenn ich ein Foto schoss, dann weil dieser Augenblick für mich wirklich Bedeutung hatte; weil ich ihn festhalten wollte, damit die Erinnerung daran nicht allzu schnell verblasst. Ich machte mir Gedanken darum, schließlich war die Anzahl der möglichen Fotos stark limitiert.
   Heute wird jeder Kartoffelsalat fotografiert, um bei Facebook allen, die es nicht interessiert, die Breaking News aufzuzwingen, was für einen geilen Kartoffelsalat man doch zubereitet hat. Überhaupt: Fotos und Facebook … Hier werden Beziehungen bis ins kleinste Detail abgebildet, die Fotolovestory des 21. Jahrhundert findet im Internet statt, damit auch alle sehen, wie supidupiglücklich man ist. (In der Regel haben sich genau diese Beziehungen nach kurzer Zeit wieder erledigt, woraufhin die Fotoschwemme mit einem Mal versiegt.) Herrlich auch die unzähligen, sympathisch uneitlen Eigenportraits. Neulich sah ich beim Account eines Freundes, wie die Schwester seiner Ex ein Foto von sich gepostet hatte – stark geschminkt, perfekt gestylt, aus genau jenem Winkel abgelichtet, den sie für sich am vorteilhaftesten erachtet zu haben schien, nachbearbeitet mit Weichzeichner und Farbfilter. Darüber ihr Kommentar: „Ein schneller Schnappschuss vor dem Schlafengehen.“ Ach ja, die schnöde Welt des schönen Scheins.
   Manchmal ist nichts so fatal wie der Besitz unendlicher Möglichkeiten.

Das jedoch – mein Freund – gilt sicher nicht für Dich. Du hast gerade die Freiheit, Deinen Weg wortwörtlich selbst festzulegen, und Du hast Dich zunächst für ein Schweigekloster entschieden. Deine folgenden Tage wirst Du also nun mit meditieren, spazieren gehen, lesen und nachdenken verbringen, eine Kombination, wie sie in unserer hektischen Zeit kaum noch möglich scheint. Ich habe eine Ahnung, wie schwierig es für Dich sein wird. Dich mit Deinen inneren Dämonen zu konfrontieren. Den Riss in Deinem Herzen zu spüren. Loszulassen.
   Ich stelle mir gerade vor, wie Du schweigend in Streit mit einem der Mönche gerätst und wie ihr euch via Notizzetteln disst. Keine Sprache, keine Gewalt, aber diese immer größer werdende Wut aufeinander, bis ihr euch - aus lauter Verzweiflung über eure limitierten Möglichkeiten - gegenseitig mit vollen Backen anpustet, um irgendwie Dampf abzulassen. Auf diese Weise wäre auch das Kanzler-Duell erträglicher gewesen: Peer guckt böse in Merkels Richtung, Merkel pustet Peer trotzig ins Gesicht.
   Ein bisschen Schweigen wäre für so manchen sicher ebenfalls eine gute Zwischenlösung. In einer Zeit, in der jeder alles mit jedem kommuniziert und dabei pausenlos aneinander vorbeigeredet wird, sehne auch ich mich nach wortlosem Verständnis. Keine Zweideutigkeiten mehr, sondern die klare Botschaft - oder eben einfach: Schweigen. 
   Möglicherweise bietet Dir diese Zeit im Kloster ein paar Antworten auf die von Dir wieder und wieder gestellte Frage nach dem Sinn. Mir ist bewusst, dass Du nicht vor allem deswegen so abrupt aufgebrochen bist, weil Du nach etwas suchst, sondern vor allem, weil Du das, was Du gefunden hattest, verloren hast. 
   Vielleicht müssen Träume, die einem am meisten bedeuten, unerreichbar erscheinen, damit wir irgendetwas haben, wofür dieser oftmals beschwerliche Weg einen Sinn ergibt, und das Schlimmste, was einem passieren kann, ist ein erfüllter Traum.
   Aber vielleicht ist das auch pseudopsychologischer Unsinn, und wir sollten uns etwas in Entspannung üben, was das Leben angeht. Möglicherweise ist die Erkenntnis, dass das alles gar keinen tiefergehenden Sinn hat, sogar befreiend, denn dann können wir doch machen, was wir wollen, es ist sowieso egal. Ein Sinn nimmt einen ja auch gleich in die Pflicht: Du musst das und das tun, um diesen Sinn in Deinem Leben zu erreichen. Ach… Entweder Du gewinnst den Friedensnobelpreis oder Du legst Dich in die Hängematte unter dem Kirschbaum und siehst in den Himmel. Egal.

Wenn ich meine kleine Nichte betrachte, wird mir jedoch bewusst, dass unser Leben aus zwei unterschiedlichen Geschichten besteht. Kinder lachen auf eine Weise, wie sie es als Erwachsene nie wieder tun, so frei und unbeschwert, vollkommen ohne einen Gedanken daran, dass diese Geschichte nicht gut ausgehen könnte. Kein Blick zurück in die Vergangenheit, keine Vorstellung von der Zukunft, bis auf den Wunsch, eines Tages „Lokführer“ oder „Astronautin“ zu sein, eine Vision, die dir als Kind aber noch derart weit entfernt erscheint, dass du es gleich wieder beiseite wischst. Alles bleibt, wie es ist. Veränderung gibt es nur in erfundenen Geschichten.
   Dass dem nicht so ist, habe ich selbst mit acht Jahren erfahren müssen. Damals lief im Fernsehen „Cinderella 87“, eine zu der Zeit total angesagte moderne Verfilmung des Aschenputtel-Märchens. Cindy, die Hauptfigur, wurde gespielt von Bonnie Bianco. Als ich sie zum ersten Mal sah, war ich sofort rettungslos in sie verknallt. Ihre großen braunen, traurigen Augen, ihre braunen Haare, diese Lippen, der Blick, der nach Schutz Ausschau zu halten schien. Sie war in meinem Leben sozusagen das Ur-Reh.
   Kurz darauf hatte Bonnie Bianco einen Musik-Auftritt in einer ARD-Show. Ich kann Dir nicht sagen, wie enttäuscht ich war, als ich sie sah. Sie hatte sich punkig geschminkt, die Haare hochgestylt, die Hose zerrissen, Lederjacke. Das war nicht das Reh, in das ich mich verliebt hatte. Sie war anders. Sie hatte sich weiter entwickelt und mir damit zum ersten Mal im Leben vor Augen geführt, dass die Dinge sich laufend ändern; dass nichts so bleibt, wie es ist. Das war der Moment, in dem die zweite Geschichte meines Lebens begann.

Wenn Dir während Deiner Reise Zweifel kommen, ob dieser Weg einen Sinn ergibt, dann sage ich klar: Ja. Selbst wenn sich danach alles für Dich wie vorher anfühlt. Selbst wenn es schlimmer als besser wird: Du bist aus Deiner Routine ausgebrochen und hast einiges erlebt. Jetzt bereits. Du hast viele Menschen getroffen und Orte gesehen, die sicher etwas in Dir verändert haben. Natürlich funktioniert die Flucht vor dem Schmerz nicht, da die Erinnerungen und die Hoffnung immer mitreisen. Aber dies ist Deine Geschichte, und die finde ich richtig spannend. Und ich freue mich, dass ich ein kleiner Teil dieser Geschichte bin und noch viele weitere Episoden mit Dir zusammen erleben werde.
   Danke für Deine kompromisslose Freundschaft! Danke, dass Du meine Träume ernst nimmst! Danke für den Dynamo, den Du mir vor sechs Jahren per Gutschein zum Geburtstag geschenkt hast und den ich nie erhalten habe, und dass Du bei unserem Wok-Abend zum Furzen auf den Balkon gegangen bist!
   Lass uns den Friedensnobelpreis gewinnen!
   Oder wir fangen erst mal mit der Hängematte an, blicken durch den Wipfel des Kirschbaums in den Himmel und denken uns: Das ist auch okay.

Pass auf Dich auf!

Dein Freund
Christian

(PS: Ein schneller Schnappschuss vor dem Schlafengehen.)