Dienstag, 18. Dezember 2012

Happy now


(Der Song zum Blog) 
Eigentlich hatte ich mich bloß mit Manuel zu einem schnellen Tee um Mitternacht treffen wollen; ich wartete in einem Café mit schummrigem Kerzenlicht und Heizungswärme auf ihn und sah durch das Fenster dem Schneetreiben zu. Aber jetzt stehe ich mit Manuel und Claudio auf dem Zuckerpuckel in Leverkusen, nachts um eins, kurz davor, mit dem Schlitten den Hang hinab zu rasen.

Zu den besten (wie auch zu den schlimmsten) Augenblicken im Leben gehören jene, die unverhofft passieren.

Manuel und Claudio sind in Leverkusen aufgewachsen. Claudio ist mit Unbehagen an den Ort seiner Kindheit zurückgekehrt; auf der Hinfahrt wird er immer stiller, sieht aus dem Fenster, schüttelt wieder und wieder den Kopf und seufzt. Ein bittersüßer Schmerz scheint sich auf einmal in ihm ausgebreitet zu haben, den Manuel und ich gleich eindämmen wollen, indem wir mit betont lockeren Sprüchen eine oberflächlich positive Grundstimmung zu schaffen versuchen. Ich bin mir sicher, Claudio durchschaut diesen Trick, aber er lässt sich gerne davon mitreißen, zumindest tut er so.

Bevor wir schließlich auf dem Zuckerpuckel stehen (den ich mir irgendwie größer vorgestellt habe, was möglicherweise an Manuels Gabe liegt, Dinge mit einer gewissen Überdramatik zu verkaufen), strullt Claudio in einen Busch. Vielleicht ist das sein symbolischer Weg, auf die Vergangenheit zu pissen. Möglicherweise muss er aber auch einfach bloß mal.

Am Ende des Zuckerpuckels liegt ein schwarzer See. Wenn unsere Schuhe als Bremsen versagen, werden wir ihn in wenigen Augenblicken von seinem Grund aus betrachten können. Das hält Manuel natürlich nicht davon ab, ungebremst den Hang hinabzurasen, aber er hat Glück: Kurz vor dem Ufer stoppt ihn ein Dornenbusch. Wenige Minuten später vermisst er auf einmal Portemonnaie und Schlüssel, aber auch hier meint Fortuna es gut mit ihm, denn beides findet sich kurz darauf in Manuels Wagen. Damit trifft ihn wohl mal wieder jene Form von Glück, die einem das sichere Gefühl gibt, vom Schicksal latent verarscht zu werden.

Nach ein paar Rodelfahrten machen wir eine Pause mit Ingwer-Zitrone-Tee. Augenblick, klingt das in Ihren Ohren gerade auch total uncool? Alles klar, also: Nach ein paar Rodelfahrten machen wir eine Pause mit Whisky und heißem Rum. Wir schütten uns becherweise damit zu; keine Ahnung, wie die ganzen Ingwerscheiben da rein gekommen sind …

Es ist kurz nach drei, als wir uns auf den Heimweg machen. Die nächste spontane Idee kommt von Claudio, der vorschlägt, bei Uli, einem gemeinsamen Bekannten vorbeizufahren. Uli ist siebenundvierzig Jahre alt, ein ehemaliger Stripper, der sich heute mit allen möglichen Jobs durchs Leben schlägt; unter anderem arbeitet er als Doppelgänger von Bruce Willis. Diese kurzen Fakten alleine reichen mir, um ihn in meinem nächsten Roman als Figur einbauen zu wollen.

Als wir ihn anrufen und ihn bitten, ans Fenster seiner Dachwohnung zu kommen, sieht er kurz darauf mit zugekniffenen Augen zu uns herunter. Er ist halbnackt. „Ich trainiere gerade“, ruft er lachend, nachdem er uns erkannt hat. Wir stapfen mit nassen Schuhen die Treppe zu ihm in die Wohnung. Uli hat sich schnell ein T-Shirt übergezogen, umarmt uns freudig und bittet uns in sein Wohnzimmer. Die unaufgeräumte Bude ist ihm sichtlich peinlich, aber da wir schließlich alle der männlichen Zunft angehören, fühlen wir uns gleich heimisch inmitten seines Chaos.

Uli – der perfekte Gastgeber – breitet eine liebevolle Mischung wohlklingender Beuteltees vor uns aus: Lachende Sonne (Vanille), Neuer Morgen (Grün), Saftiger Obstkorb (Früchte) und Durchfalltee. Auch wenn die Poesie des letztgenannten Tees mich geradezu überwältigt, entscheide ich mich doch für die lachende Sonne, schließlich ist die – im Gegensatz zum Durchfall – immer willkommen.

Uli hat sich während eines Jobs in Spanien in eine junge Spanierin verliebt: Jade, deren „J“ im Namen wie ein angedeutetes „Ch“ ausgesprochen wird. „Sie ist Model“, erzählt Uli, und wir drei nicken, ohne es ihm zu glauben. Dann zückt er ein Foto von ihr. Manuel fallen beinahe die Augäpfel aus den Höhlen. „Shit!“, bricht es aus ihm heraus. „Sie IST Model.“ Vor uns zeigt sich eine Anfang Zwanzigjährige bildhübsche Frau, die ihren Ende Vierzigjährigen Vater im Arm zu halten scheint, der verdächtig nach Bruce Willis aussieht, in Wahrheit aber weder der Eine noch der Andere ist.

„Der Altersunterschied macht mir zu schaffen. Das mit ihr hat eh keine Zukunft“, sagt Uli.

„Warum? Alter …“ Manuel muss dieses Bild immer wieder betrachten, um es glauben zu können, kann es aber trotzdem nicht fassen.

 „Seid ihr so richtig verliebt ineinander?“, frage ich Uli.

„Total. Sie kann die Finger gar nicht von mir lassen. Vielleicht glaubt sie, dass ich Bruce Willis bin.“

Ich sehe mich in seiner Bude um.

„War sie schon mal hier?“

„Letzte Woche“, sagt Uli.

„Dann weiß sie, dass du nicht Bruce Willis bist.“

„Die Kleine raubt mir den Verstand.“ Uli fläzt sich in seinen Ledersessel, der bedenklich quietscht unter der muskulösen Last. „Nach Weihnachten lerne ich ihre Eltern kennen.“

„Bring ihnen etwas mit“, rät Manuel enthusiastisch, als würde er sein Alter Ego unter die Haube bringen wollen. „Spanische Eltern stehen total auf sowas. Schenk ihnen eine Flasche Wein!“

„Oder Durchfalltee“, schlage ich vor.

„Wenn ihr total verknallt ineinander seid, genießt es doch einfach“, meint Claudio. „Ich habe keine Ahnung, ob dieses Leben einen Sinn ergibt. Aber sich zu lieben und nicht zusammen zu sein erscheint mir dann doch sinnlos.“ Daraufhin verfällt er gleich in Gedanken. Ich sehe ihn mitfühlend an.

„Na ja, jetzt werde ich sie nächste Woche erst einmal besuchen, dann sehen wir weiter.“ Uli wischt das Thema damit beiseite und erzählt von seinem Dreh im Januar für den nächsten Bruce-Willis-Film in L.A.. Er wird den Superstar in ein paar Actionszenen doubeln, um ihn jünger wirken zu lassen. Da sieht man mal wieder: Alter ist relativ. Neben Jade wirkt Uli vielleicht alt, aber in Hollywood ist er der junge Bruce Willis.

Als wir wieder aufbrechen, ist es nach fünf Uhr. Wir haben Hunger und beschließen, in Köln noch einen morgendlichen Happen zu essen. Um diese Uhrzeit haben natürlich bloß noch Dönerläden geöffnet, also setzen wir uns schließlich mit Pommes und Türkischer Pizza an einen Tisch. Claudio, der strenge Veganer, freut sich bereits auf seine Fritten, als seine Gutmenschen-Augen auf einmal ein angefressenes Döner am Nachbartisch fokussieren. Er ist dagegen, Fleisch zu essen. Aber er ist noch mehr dagegen, Fleisch wegzuschmeißen. Also packt er sich den angekauten Lappen und stopft ihn sich auf eine unappetitliche Weise in den Rachen. Manuel und ich bekommen fast so große Augen wie bei dem Bild von Jade, bloß ist an diesem Döner noch mehr Fett dran als an Ulis neuer Freundin. An Claudios Rückfall in die primitive Fleischfresserzunft ist nicht nur die Tatsache an sich erstaunlich. Wenn man bedenkt, dass er mittlerweile nicht mal mehr Türklinken mit der Hand anfasst, (wahrscheinlich aus Angst, sich irgendwelche Keime einzufangen oder sowas), ist es bemerkenswert zu sehen, dass er sich ohne Bedenken ein Döner einverleibt, das möglicherweise vor ihm jemand angespeichelt hat, der sich mit einem schlimmen Herpes herumschlägt. Wenn Claudio diesen Döner komplett in sich reinstopft, hat der Abend eine weitere unverhoffte Anekdote zu bieten. Zudem wird er wahrscheinlich die nächsten Tage mit heftigen Magenproblemen zu kämpfen haben. Wo ist der Durchfalltee, wenn man ihn wirklich braucht?

Claudio tut es tatsächlich. Und dennoch wird es für alle Anwesenden der schöne Ausklang einer unverhofften Nacht. Drauen rieseln noch immer Flocken vom Himmel herab. Langsam wird es wieder hell. Wir sitzen an einem Tisch, in irgendeiner versifften Dönerbude, unter einer Lampe mit viel zu grellem Neonlicht, und wir lachen über das, was wir erlebt haben, und freuen uns, dass wir diesen vergangenen paar Stunden einen wunderbaren Sinn geben konnten. Schlafen werden wir morgen.

Ich denke dabei an mein Jahr zurück. An alles, was passiert ist. An das, was so geblieben ist, wie es vorher war und wie es nie war. Und ich blicke nach vorne. Die letzten Tage des Jahres werden mir – wenn alles nach Plan verläuft – den besten Jahresausklang meines Lebens bereiten: Weihnachten verbringen mit meiner Frau und meiner Familie und Silvester feiern in Oxford – mit Gary Barlow. Wenn das nicht die perfekten Perspektiven für einen gelungenen Start ins Jahr 2013 sind! Darauf einen Durchfalltee!