Mittwoch, 29. August 2012

It was a short summer, Charlie Brown

(Der Filmausschnitt zum Blog)

Ich stehe, die Hände in den Hosentaschen, vor dem Meer und sehe hinaus. Die Sonne brennt auf meine Schultern. Das Wasser ist kinderbeckenwarm, was kein Wunder ist, schließlich wird es seit Wochen täglich von 36 Grad Außentemperatur aufgeheizt.
Ich befinde mich über 1000 Kilometer von zu Hause entfernt. Ich bin die Strecke mit einem Mietwagen gefahren, einem VW Golf in Silber Metallic, der sich im Gegensatz zum Meer bereits nach Minuten aufgeheizt hat, als hätte ich die Klimaanalage aus Versehen auf Stufe „Sauna“ eingestellt. Vorhin habe ich es kaum vom Fahrersitz herunter geschafft, da ich an dem beigefarbenenen Leder festgeklebt bin. Dies ist der letzte Augenblick am Meer, bevor ich gleich erneut in den Wagen steigen und Richtung Lyon fahren werde, Zwischenstation, um morgen schließlich wieder in Köln einzukehren. Ich sehe die Weite, atme die salzige Luft ein, spüre den leichten Windzug, der meinen Nacken kühlt, und mich überkommt in diesem Augenblick eine Ahnung, wie Freiheit (ich meine jene fernab von Internet und Handy, sprich: die Freiheit der westlichen Welt im 21. Jahrhundert) sich anfühlt. Es ist schon merkwürdig: Je weiter ich von meinem gewohnten Leben entfernt bin, desto näher scheine ich mir selbst zu kommen.

 
Mir blieben bloß fünf Tage in der Provence, aber die habe ich ausgekostet. Schon lange wollte ich mit dem Auto durch diese Region reisen. Als ich elf Jahre alt war, fuhr ich mit meiner Familie im vollbepackten Wagen in die Bretagne. Es war das Jahr 1990. Deutschland war gerade wiedervereinigt und spielte eine fantastische Fußballweltmeisterschaft. Das Finale sahen wir alle bei französischen Freunden. Ich weiß noch, wie mein Vater nach dem verwandelten Siegtor sagte, wie unbefriedigend es sei, durch einen Elfmeter die Weltmeisterschaft zu gewinnen, und ich, der keine Ahnung von Fußball hatte, aber meinen Vater für den coolsten Mann auf Erden hielt, pflichtete ihm bei.
Die Strände in der Region waren grobsteinig, was meiner Mutter überhaupt nicht gefiel. Sie suchte uns immer den einen, auch noch so kleinen Platz, an dem der Strand aus feinem weißen Sand bestand. Meine Großeltern väterlicherseits hatten sich in der Nähe ein Zimmer in einem Hotel genommen. Jeden Morgen lief ich die zweihundert Meter zu ihnen hinüber und aß ein Croissant mit Cassis-Marmelade. Nachmittags gab es dann Cassis-Eis, und an einem Kiosk besorgte ich mir Kaugummi mit Cassis-Aroma. Der schlaue Leser wird bemerkt haben, dass ich Cassis ziemlich gerne mochte, allerdings fand ich erst später heraus, dass diese wundersame Geschmackssorte, von der ich noch nie zuvor gehört hatte, in Wahrheit profane Johannisbeere ist.

 
Das Licht der Nachmittagssonne zerspringt auf der Wasseroberfläche in Abermillionen kleine Funken. Eben bin ich wieder und wieder hineingesprungen, nun lasse ich mich von der Wärme trocknen und sehe stattdessen, ihr dabei zu, wie sie die letzten Augenblicke dieses Freiheitsgefühls genießt. Ich hätte diese Reise nicht ohne sie gemacht. Mit ihr kann ich mir alles vorstellen. Aber nach dem Wochenende kehrt zunächst einmal der Alltag zurück, der an diesem Ort so weit entfernt scheint wie kaum etwas sonst.
Als wir hierher gefahren sind, haben wir die steigende Temperatur auf der Anzeige im Auto mitgezählt. Es war wettermäßig ein miserabler Sommer in Deutschland, und wir sehnten uns nach Sonne, Meer, Weinbergen, Lavendelduft und Wochenmärkten.
Den ersten Halt machten wir in Dijon, wo wir ein kuscheliges Dachzimmer für einen geringen Preis bekamen (so gut und so preiswert haben wir in den Tagen danach nicht ansatzweise mehr geschlafen …).


Am nächsten Morgen besorgten wir uns Croissants und machten uns gleich wieder auf den Weg Richtung Aix en Provence. Auf dem prachtvollen Cours Mirabeau schlenderten wir um Mitternacht über den Nachtmarkt, der bevölkert war von Musikern, Seifenverkäufern und Malern. In der Luft waberte ein Duftmix aus Honig, Blumen, Kräutern, Wein. Cassis konnte ich nicht ausmachen. An einem Stand verkaufte jemand Eis für 3,90 Euro pro Kugel. Überall – außer an dem Eisstand – durfte man kosten, Pasten aus Knoblauch und getrockneten Tomaten, französischen Nugat, gefüllte Oliven, Wein aus provenzialischem Anbau, und weil wir im Urlaub waren, schmeckte alles gleich dreimal so gut (war aber auch viermal so teuer).

 
Kurz darauf begann die erste von vier mehr und mehr verzweifelten Suchen nach einem Hotelzimmer. Nachts um halb zwei findet man in dieser Gegend anscheinend bloß noch etwas mit Serienkiller-Flair. An Tag eins landen wir in einer Wohnanlage, in der der junge Rezeptionist hemmungslos mit meiner Begleiterin zu flirten versucht, ungeachtet der Tatsache, dass ich direkt daneben stehe. Tag zwei führt uns in eben jenes Serienkiller-Hotel. Die Gänge zum Zimmer sind düster. Der rote PVC-Boden wirft Blasen. Als wir unser Lager für die Nacht betreten, stelle ich fest, dass die Tür sich erst nach einiger Kraftanstrengung schließen, sich aber ohne großen Widerstand (und ohne das Benötigen eines Schlüssels) wieder öffnen lässt. Am nächsten Morgen verlassen wir mit Sonnenaufgang das Hotel. Wir leben, das ist mehr, als unsere Albträume uns glauben machten.
Auf einem der vielen Wochenmärkte in der Gegend finde ich kleine Jutesäcke mit Kräutern der Provence, die sich bestens als Mitbringsel eignen.


Danach fahren wir ans Meer, springen in das kühle Nass, kehren erst am frühen Abend zurück und setzen uns mit frischem Brot, Schinken, Oliven und Weißwein an einen Brunnen in der Altstadt. Nicht weit entfernt läuten die Glocken einer kleinen Kirche. Abends kehren wir noch einmal zu dem Nachtmarkt zurück, um Seife zu kaufen und den beiden Musikern zu lauschen, die melancholische Gitarrenmusik spielen und dazu sehnsuchtsvolle Texte auf Französisch singen; jedenfalls gehe ich davon aus, dass die Texte sehnsuchtsvoll sind. Möglicherweise singen sie aber auch so etwas wie „Ihr seid alle Sackgesichter!“, aber immerhin: Sie singen es sehnsuchtsvoll.
Am darauffolgenden Morgen besuchen wir Gordes, ein kleines Städtchen, in dem Russell Crowe „Ein gutes Jahr“ gedreht hat und von dem wir uns wenigstens einen guten Tag erhoffen. Wir passieren Weinberge und Olivenbäume, blicken hinab auf ein weites grünes Tal, schlendern über Backstein, vorbei an efeuumrankten Brasserien und himmelblau gestrichenen Feinkostläden.


 
Während später die Sonne untergeht, setzen wir uns in ein Restaurant am Hafen von Cassis, wo ich allein schon aufgrund des Städtenamens an den Familienurlaub in der Bretagne erinnert werde. Ich rieche Johannisbeere in der Luft, und das Hotel meiner Großeltern scheint wieder nur zweihundert Meter entfernt. Es ist, als müsste ich bloß um die Ecke laufen, und da wären sie wieder: Kaffee trinkend hinter der Glaswand, die einen größzügigen Einblick in den Frühstücksraum des Hotels gibt, meine Oma mit ihren Gesundheitslatschen wippend, mein Opa mit dem vollen weißen Haar und dem ewig verwirbelten Haarbüschel auf dem Hinterkopf, lebendig. Die rührigen Gedanken werden unterbrochen, als sie aufschreit, weil der Kellner ihr mit seinem ganzen Gewicht auf den dicken Zeh getreten ist, dies aber mit französischer Arroganz geflissentlich übersieht und ohne ein Wort der Entschuldigung seines Weges eilt.


 
Die Nacht hält schließlich ein Hotel bereit, das im Internet vielversprechend aussah und sich in der Wirklichkeit als nichtshaltend herausstellt. Es befindet sich direkt am regelmäßig befahrenen Bahnhof. Alle paar Minuten rumpelt ein Zug an unserem Fenster vorbei, sodass die Kleiderhaken im Schrank klappern. Im Gegensatz zu ihr bin ich jedoch jemand, der sogar an einer Formel-1-Strecke einratzt (was in diesem konkreten Beispiel vielleicht auch damit zu tun hat, dass ich Formel 1 unsagbar langweilig finde). Für sie allerdings soll dies die zweite Nacht in Folge werden, in der sie nur unruhig schläft.
Der nächste Tag ist Abreisetag.
Während wir uns auf dem Weg nach Lyon befinden, denke ich daran, wie ich vor wenigen Stunden noch die Weite des Meeres gesehen habe und wie die Wellen an meine Beine gespült sind. Jetzt rauscht unter uns wieder der Asphalt hinweg.
In Lyon kommen wir erst an, als es bereits dunkel ist. Das Ufer der Rhône ist von matten Lichtkugeln umrahmt. Wir parken den Wagen in einer kleinen Seitenstraße und flanieren an einem Buchladen vorbei, in dem zwei ältere Herren über irgendetwas eine heitere Debatte führen. Von den Baumkronen über uns baumeln bunte Lampignons, eine alte Frau mit Kopftuch schiebt einen quietschenden Einkaufswagen, prall gefüllt mit Toilettenpapier, über die Straße; entweder sie hat eine sehr große Familie oder etwas falsches gegessen und nun eine von mehreren unangenehmen Nächten vor sich.
 
 
Wir spazieren mitten über einen prächtigen Boulevard und anschließend mit langsamen Schritten über die Brücke, die uns an das andere Ufer der Rhône führt. Unter uns fährt ein Vergnügungsschiff vorbei, auf dem ältere Menschen zu Barjazz tanzen. Dies ist eine jener Nächte, die viel zu perfekt sind, um wahr sein zu können, denke ich, werde aber kurz darauf eines besseren belehrt, als wir uns wieder auf die Suche nach einem Hotel, dem letzten unserer Reise, begeben. Es wird immer später, und wir wollen bloß noch schlafen. Kurz wäge ich die Option ab, es sich unter der Brücke bequem zu machen, da finden wir schließlich doch noch eine Bleibe.
Noch während auf unserem Zimmer der Wasserkocher vor sich hinschnurrt, damit wir einen letzten Mitternachtsbeuteltee trinken können, schlafen wir ein.
 

 
Der finale Tag unserer Reise besteht aus viel Asphalt, einer Raststätte, einem Wespenstich und dem Gepäck voller Schmutzwäsche und Erinnerungen. Deutschland erwartet uns mit einem Wetterphänomen: Als ich, zurück in unserer Wohnung, mit den Händen in den Hosentaschen an der Balkontür stehe wie in der Provence am Meer, betrachte ich eine gewaltige Wolke über dem Haus, in der alle zwei, drei Sekunden ein Blitz aufzuckt. Die Waschtrommel hinter mir dreht sich unermüdlich. In meinem Kalender steht für den folgenden Tag dick angestrichen: Schulbeginn! Ich höre ihre tapsenden Schritte hinter mir über den Boden huschen, drehe mich um und sehe sie nackt im Türrahmen stehen. „Ich dusche“, sagt sie und sieht mich fragend mit ihren Rehaugen an. Dann verschwindet sie mit einem Augenaufschlag im Bad.
Ich schmunzle. Alles wieder beim alten, und doch fühlt es sich so unverbraucht an, geht es mir durch den Sinn. Und: Blitze in einer einzigen Wolke habe ich noch nie so gesehen.
Zurückkehren ist immer auch wie Ankommen im eigenen, wirklichen Leben. Wie neu anfangen. Im Hintergrund erklingt Musik von Kings of Convenience, und ich höre sie dazu summen, und in dem Moment habe ich das untrügliche Gefühl, nach einer langen Reise – tatsächlich – endlich angekommen zu sein.