Mittwoch, 18. Juli 2012

Warning sign

                                                                              (Der Song zum Blog)

Als ich sie letztes Jahr nach langer Zeit wieder traf, verlief unser Wiedersehen derart holprig, dass ich hätte vorgewarnt sein sollen. Sie selber sah das offenbar anders: Am Ende unserer Begegnung fragte sie mich, ob wir uns mal wieder treffen wollten, sie sei demnächst für eine Weile in Köln, um Theater zu spielen. Mein Bauchgefühl sagte: „Nein.“ Mein Mund sagte: „Ja“, meinte aber eigentlich „Nein“, und es wäre besser gewesen, es dabei zu belassen. Als wir Nummern austauschten, wunderte ich mich, dass sie meine Telefonnummer noch besaß, nach all der Zeit. Dann verabschiedeten wir uns und damit war die Sache für mich vergessen.
Die folgenden Monate dachte ich keine Sekunde mehr an die Begegnung. Warum auch? E. hatte mein Leben nur kurz gestreift. Sie war der flüchtige Augenblick gewesen, von dem man nach ein paar Jahren zumindest in Erwägung zieht, dass man ihn bloß geträumt hat.
Kennengelernt hatte ich sie im Haus meines Agenten. Wir betranken uns, sie erzählte endlos von ihren Schauspielengagements (die es zu diesem Zeitpunkt nie gegeben hat), ich schrieb ihr ein Gedicht, von dem ich behauptete, es in diesem Augenblick verfasst zu haben (in Wahrheit hatte es schon Jahre lang in meiner Schublade gelegen). Diese kleinen Schwindeleien waren Ausdruck dafür, wie ähnlich wir beide diesen Abend einschätzten: als eine Begegnung, die nicht auf etwas Langfristiges aus war. Dererlei Aufeinandertreffen gab es zwischen uns in den folgenden Wochen noch ein paar Mal, aber sehr schnell zeigte sich, dass wir absolut gar nichts gemein hatten und in derart unterschiedlichen Welten lebten, dass sogar ein Tête-à-tête bald seinen Reiz verlor. Es hatte zwischen uns mit Lügen begonnen und mit Lügen ging es auch weiter, einfach weil wir uns nicht die Mühe machten, auch nur so zu tun, als seien wir ernsthaft als Mensch aneinander interessiert. Sie schien zudem krampfhaft darauf bedacht, die Rolle, in der sie sich gefiel, perfekt zu spielen. Irgendwann strengte mich das so sehr an, dass ich sie schließlich durchs Casting fallen ließ, nach dem Motto: Melden Sie sich nicht bei uns! Wir melden uns bei Ihnen.
Etwa vier Monate nach unserem Wiedersehen, meldete sie sich dann aber doch per SMS bei mir. Sie sei jetzt in Düsseldorf und wie mein Plan für Sonntagabend aussehe. Ihrer sah offenbar vor, mich ihrem Theaterstück auszusetzen, um anschließend gemeinsam essen zu gehen. Ich sagte zu. Warum eigentlich nicht?, dachte ich, worauf mein Hirn mir dutzende Gründe runterratterte, die gegen ein Treffen sprachen. Es ging nicht um Gefühle oder etwas derartiges; über den Punkt war ich mit ihr längst hinaus (wenn wir überhaupt jemals dort angekommen waren). Vielmehr ahnte ich, dass wir uns einfach nichts zu sagen hatten. Ich sah uns schon voreinander sitzen, darum bemüht so zu tun, als sei man tatsächlich am Leben des Anderen interessiert. Die gemeinsame Vergangenheit war derart unbedeutend, dass die Erinnerungen daran kaum die Vorspeise überstehen würden.
Trotz meiner Bedenken, verabredete ich mich mit ihr für den kommenden Sonntagabend. So schlimm kann es schon nicht werden, dachte ich.
Ich hatte ja keine Ahnung.
Die erste Verabredung musste sie allerdings kurzfristig verschieben. Die zweite konnte ich nicht einhalten. Alleine, dass wir das Treffen vor uns herschoben, hätte Zeichen genug sein müssen für den Widerwillen in uns.
Aber schließlich gab es keine Ausreden mehr. Nach einer Verabredung mit meinen Freunden Julia und Manuel in Würselen, setzte ich mich in den Wagen und fuhr nach Düsseldorf. Das Theaterstück hatte ich erfolgreich umgehen können. Ich nahm mir für das Essen jedoch vor, meine Bedenken beiseite zu legen und mich gegebenenfalls sogar positiv überraschen zu lassen.
Die erste Überraschung erwartete mich allerdings bereits auf dem Weg zu ihr: Die Autobahn nach Düsseldorf war teilweise gesperrt, ich musste ausweichen, hatte aber keine Ahnung, wolang es jetzt ging. Mein Navi wollte mich immer wieder auf die Autobahn zurückschicken, und so war bald klar, dass ich nicht pünktlich sein würde. E. zeigte Verständnis und schrieb mir, dass sie schon auf dem Weg zum Restaurant sei, um dort auf mich zu warten. Hey, vielleicht hatte ich mich tatsächlich in ihr getäuscht und sie war mittlerweile viel entspannter als früher.
Fünf Minuten später schrieb sie mir, wo ich denn bliebe, sie habe Hunger und werde sich schon mal eine Suppe bestellen. Währenddessen kämpfte ich mit der unverständlichsten Umleitung, der ich je ausgesetzt war, und versuchte parallel, den richtigen Weg nach Düsseldorf und zu ihrer Besänftigung zu finden.
Düsseldorf erreichte ich schließlich. Bei E. befand ich mich allerdings in einer Sackgasse.
Nachdem ich endlich einen Parkplatz gefunden hatte, musste ich mich einen halben Kilometer via Handy durch die Straßenschluchten der verbotenen Stadt leiten lassen. Mittlerweile hatte E. ihre Schlagzahl deutlich erhöht und schickte mir jede halbe Minute eine Nachricht, wo ich denn verdammt nochmal bliebe. Gerade als ich ihr erklären wollte, dass ich mich verdammt nochmal auf dem Weg befände, tat mein Akku das, was auch ich in dem Augenblick hätte tun sollen und verabschiedete sich. Entgeistert blieb ich stehen. Ich hatte keine Ahnung, wo ich war und wohin ich musste. Mir blieb also bloß noch, zum Auto zurückzukehren, um mithilfe des Navigationsgeräts den Weg noch einmal neu aufzurollen. Leider hatte ich die ganze Zeit jedoch starr auf die Wegbeschreibung meines Handys geblickt und mir nicht gemerkt, woher ich überhaupt gekommen war. Wo zum Teufel war das Auto?
Habe ich erwähnt, dass es mittlerweile zu regnen begonnen hatte?
Durch meinen Kopf dröhnte ein epochales „SCHEISSE!“ Alles sprach gegen dieses Treffen. Aber wahrscheinlich war E. mittlerweile sowieso wutentbrannt abgedüst. Ich glaube kaum, dass sie je auf einen Mann warten musste.
Aber das war für mich in dem Augenblick zweitrangig: Es galt zunächst, das Auto wiederzufinden. Nach zwanzig Minuten des ziellosen Herumirrens, wähnte ich mich schon die Nacht in irgendeinem kalten Hausflur verbringend, als ich – wie auch immer – plötzlich in die Straße gelangte, in der das Auto stand. Regennass, aber glücklich, fuhr ich auf direktem Weg zum Restaurant. Das verfügte übrigens über einen eigenen Parkplatz, ein kleines, aber nicht unwichtiges Detail, das E. mir verschwiegen hatte …
Ich sah sie bereits von draußen. Sie saß an einem der hinteren Tische, mit einem Getränk und einer Suppenschale. Das gelbe Licht der Hängelampe über ihr warf einen Schatten auf ihr Gesicht. Nun meldete sich mein schlechtes Gewissen doch. Welche Umstände auch immer zu meiner Verspätung geführt hatten, es gibt schöneres, als eine Dreiviertel Stunde allein an einem Restauranttisch zu sitzen und dem Kellner zweimal sagen zu müssen, dass die Verabredung gleich noch kommt. Mit entschuldigendem Blick ging ich auf sie zu und bat sie gleich um Verzeihung: „Da war dieser riesige Bär, der mich überfallen hat, und ich konnte gerade noch davon kommen, weil ich mich an die Klauen eines Adlers herangehängt habe …“, sagte ich scherzhaft. E. schien jedoch nicht zu Witzen aufgelegt. Sie bedachte mich mit einem verständnislosen Blick und sagte: „Alles gut, alles gut, alles gut“, so zackig hintereinander weg wie ein japanischer Koch mit seinem Messer umgeht. Während ich mich ihr gegenüber setzte, wurde mir klar, dass der Abend ganz genau so ablaufen würde, wie ich es erwartet hatte: laaaaaang, humorbefreit und einseitig. Es würde einer dieser Abende werden, an dem ich der Motor der Unterhaltung sein musste, damit wir nicht schweigend voreinander saßen, und das hieß: es würde anstrengend werden.
Die Vorspeise: Eine leichte Suppe aus Belanglosigkeiten mit einem lockeren Themenschaum.
Ich: „Wie läuft es im Theater?“
Sie: „Sehr gut. Ist jetzt nicht so das anspruchsvolle Stück … Mehr so Boulevard halt … Normalerweise mache ich sowas nicht.“
Ich: „Und wie sind die Kollegen?“
Sie: „Ganz okay. Gibt bessere Schauspieler. Ich bin natürlich Profi genug, um sie mitzuziehen, aber das ist manchmal ganz schön anstrengend für mich. Ich kann deren Texte besser als sie selbst. Der Regisseur ist etwas überfordert, weswegen ich immer wieder das Heft in die Hand nehmen muss.“
Ich: „Solange es dem Publikum gefällt …“
Sie: „Das Theater ist immer voll. Letztens hatte ich einen mit Dauerhusten. Da habe ich unterbrochen und gewartet, bis er so gütig war, den Saal zu verlassen. So ein Idiot! Zum Glück bin ich eine ziemlich gute Komödiantin und habe das gleich wieder aufgefangen. Die Crew hat sich schon bei den Proben über mich kaputt gelacht …“
Ich (denke): „Kann ich mir vorstellen.“
Ich (sage): „Ich hätte es gerne gesehen.“
Sie: „ … Aber ich habe eine Kollegin, die ständig etwas auszusetzen hat, an allem. Boah, das ist so anstrengend.“
Daraufhin folgte eine etwa zehnminütige Ausführung darüber, was E. an ihrer Kollegin auszusetzen hatte, und es war eine Menge. Kurz überlegte ich, ob E. eine gespaltene Persönlichkeit besaß und über sich selber redete (was nicht ungewöhnlich gewesen wäre – in den ersten dreißig Sekunden hatte sie das Wort „Ich“ siebenmal gebracht). Über eine Kollegin herzuziehen, ist ein skurriler Einstieg für eine Unterhaltung mit jemandem, den man seit Ewigkeiten nicht gesehen hat (die kurze Begegnung vor ein paar Monaten mal ausgenommen). Die Vorspeise war damit doch ziemlich versalzen.
Der Hauptgang: Einseitige Konversation – medium – auf einer Sauce Gähnaise garniert mit einem Beilagensalat aus selbstgefälligen Antworten und Desinteresse.
Ich: „Was hast du gemacht die letzten Jahre?“
Sie: „Boah, total viel.“
Ich: „Und was?“
Sie: „Schauspieljobs.“
Ich: „Ah!“
Ich nahm eine Gabel Spaghetti und kaute sehr lange darauf herum. Zum bestimmt vierten Mal seit meinem Eintreffen warf ich einen flüchtigen Blick auf die Uhr an der Wand.
Dann:
Ich: „Zum … Beispiel?“
Sie: „Na ja, viele Movies und Episodenhauptrollen. Prime Time. Cobra 11, Rosamunde Pilcher …“
Ich: „Könntest du dir vorstellen, auch mal eine tägliche Serie zu drehen?“
Sie: „Nein, überhaupt nicht. Die Drehbücher haben nicht mein gewohntes Niveau. Außerdem drehen sie da ja zwischen 25 und 45 Minuten Material am Tag. Nein, das ist zu viel. Ich könnte mich ja gar nicht richtig auf jede einzelne Szene konzentrieren. Als Schauspieler musst du doch Zeit zum Atmen haben …“
Ich (atmend): „Also, ich habe dort sehr viel gelernt. Und die Atmosphäre in solch einem Team ist super. Wie in einem Feriencamp.“
Sie: „Dafür brauche ich aber keine Daily. Und ich verbreite eigentlich überall gute Laune.“
Ich stopfte mir eine weitere Gabel Spaghetti in den Mund, um nichts erwidern zu müssen, lächelte sie dabei an und kaute wieder seeeehr lange.
So ging das eine ganze, ganze, GANZE laaaaaange Weile. E. hatte viel zu erzählen über sich, über ihr Talent, ihre Einzigartigkeit. Aber selbst dabei wirkte sie so routiniert und gelangweilt, als würde sie gerade die 300. Vorstellung des ewig gleichen Stücks liefern. Bei all den bedeutenden Geschichten aus ihrem aufregenden Leben, war es natürlich verständlich, dass sie keine Zeit mehr fand, sich mit den Belanglosigkeiten meines erbärmlichen Daseins zu beschäftigen. Vielleicht war das ihre Rache für mein Zuspätkommen, aber für so clever hielt ich sie dann doch nicht.
Als unsere Teller abgeräumt wurden, war ich den ganzen Fragenkatalog plus Notfallfragen für schwierige Fälle durch und fühlte mich wie von einer Dampfwalze überrollt. Ich wollte bloß noch weg.
„Eine Frage …“, meinte sie schließlich. Ich wurde hellhörig. Konnte es sein, dass jetzt, nach 75 Minuten tatsächlich der Moment gekommen war, in dem sie auch endlich mal etwas von MIR wissen wollte?
Tatsächlich:
Sie: „Willst du noch ein Dessert?“
Ich (innerlich): „Neeeeeeeein!“
Ich (äußerlich): „Och, ich bin eigentlich recht voll. Du?“
Sie: „Wollen wir uns eins teilen?“
Ich (innerlich): „Neeeeeeein!“
Ich (äußerlich): „Okay.“
Wieder dröhnte dieses epochale „SCHEISSE!“ durch meine Gedanken. Da war ich mit dem Kopf schon vom Schafott gerutscht, und nun das.
Dessert: Eisiges Schweigen umhüllt von einer Kruste aus Fluchtreflex.
E. bestellte Pfannkuchen mit Vanilleeis.
Sie: „Ich mag das Restaurant. Ich könnte den ganzen Abend hier sitzen.“
Ich: „Die schließen wahrscheinlich gleich. Wärst du mal pünktlich gewesen.“
Ich schmunzelte, aber E. bedachte mich mit einem kurzen kühlen Blick, der wie ein Messerstich wirkte. Ich glaube, sie hätte in diesem Augenblick Lust gehabt, mich ganz langsam zu erwürgen. Genau das war der Moment, in dem ich Spaß daran bekam, den vermaledeiten Abend mit Ironie enden zu lassen, allerdings befürchtete ich, dass ihre Unfähigkeit zur Selbstironie jede Möglichkeit dazu aufgesaugt hatte. Oh Gott, warum dauerte das mit dem Dessert so lange? Und warum hatte ich nicht auf mein Bauchgefühl gehört und alle Warnsignale übersehen?
Als die Pfannkuchen endlich vor uns lagen, hoffte ich, dass E. dem Leiden schnell ein Ende machte. Bedauerlicherweise hatte sie jedoch zu ihrem Lieblingsthema zurückgefunden. Während sie also ausgiebig über sich redete, führte sie alle paar Minuten ein kleines Fitzelstück des Pfannkuchens an ihren Mund, hielt inne und redete weiter. Nervös wippte ich mit einem Fuß hin und her. Selbst wenn ich wollte, ich könnte ihren Monolog nicht widergeben: Ich hörte gar nicht mehr richtig zu, nickte hier und da verständnisvoll, sagte „Ach“, wenn sie etwas mit großen Augen erzählte und versuchte unbemerkt, sehr große Stücke von dem Pfannkuchen auf meine Gabel zu pieksen. Ich hatte überhaupt keinen Hunger mehr, im Gegenteil: Ich war übermäßig voll. Aber ich musste hier raus, also zwang ich mir das Zeug rein.
Ihr pikierter Blick auf den bald darauf leeren Teller verriet mir, dass sie mich für einen gefräßigen Egoisten hielt. Ich war der gefräßige Egoist, der zu spät kam, blöde Witze riss und in einer täglichen Serie mitgespielt hatte. Damit durfte ich wohl auf ihrer Liste der begehrenswerten Männer mittlerweile einen verdienten letzten Platz erreicht haben.
Als sie ihre Theateraufführung beendet hatte und die Rechnung gebracht wurde, kam ihre zweite und letzte Frage an mich: „Darf ich zahlen?“
Eigentlich hatte ich geplant, das Essen zu übernehmen, quasi als Lehrgeld. Aber nun wäre das so gewesen, als würde ein Folteropfer für seine Qualen auch noch Geld hinlegen. Also sagte ich: „Wirklich?“ und schob ihr die Rechnung hin. Dann fügte ich an: „Dankeschön! Das nächste Mal zahl aber ich“, in der wohligen Gewissheit, dass es kein „nächstes Mal“ geben würde.
Nach einer Ewigkeit seit meinem Eintreffen traten wir wieder an die Freiheit, und ich – ihr Publikum – war bloß noch froh, das Theater hinter mir zu haben. Es war zwar das erwartete Ein-Frau-Stück gewesen, aber ich hatte mir wenigstens etwas mehr Unterhaltung erhofft.
Der Absacker: Ein Magenbitter.
Zum Abschied nahmen wir uns kurz in den Arm.
Sie: „War schön, mit Dir zu plaudern.“
Ich: „Ja, es war wirklich interessant …“
Sie: „Ich liebe es, Geschichten anderer Menschen zu hören. Als Schauspielerin sauge ich das förmlich auf.“
Ich: „Ich fühl mich auch schon total leer.“
Dann ging E. zu ihrem Porsche, öffnete die Fahrertür, drehte sich zu mir und sagte: „Ich hoffe, wir sehen uns bald mal wieder.“
„Würde mich freuen“, antwortete ich.
Und das waren dann die letzten Lügen zwischen ihr und mir.