Dienstag, 26. Juni 2012

The day I turned into a ghost

                                         (Der Song zum Blog)


Ich stehe zwischen zwei Supermarktregalen, gefüllt mit Desserts und Hipp-Gläsern. Im Hintergrund läuft der hippe Hit einer hippen Künstlerin, die ich nicht kenne, was wohl der Beweis dafür ist, wie wenig hipp ich selber bin. Irgendwo habe ich mal gehört, dass die Hintergrundmusik in Supermärkten nach dem Takt des Herzschlags ausgewählt wird, um den Kunden auf diese Weise ein wohliges Gefühl zu vermitteln und so für mehr Umsatz zu sorgen. Wenn es wirklich danach ginge, müssten sie allerdings in diesem Augenblick die Drum’n Bass Nummer „Fasten your seatbelts“ von Pendulum spielen: Mein Herz schlägt mit 180 Beats pro Minute. Ich bin die zwei Kilometer hierher in Rekordzeit gerannt, weil es kurz vor Ladenschluss und mir auf einmal eingefallen ist, dass ich für den kommenden Abend noch etwas besorgen wollte und am nächsten Tag keine Zeit mehr dafür sein wird.
Ich spreche eine etwa Anfang Zwanzigjährige Mitarbeiterin des Supermarkts auf ein Dessert an, weil ich es nicht ausfindig machen kann. Ihre krauseligen dunklen Haare springen ihr ins Gesicht. Der süßliche Duft ihres Parfums verklebt mir gleich meine Nasenscheidewand. Jemand sollte ihr sagen, dass es wesentlich preiswerter ist, in ganz normalem Wasser zu baden anstelle dafür eimerweise Parfum zu benutzen, wobei dieses eigentlich ziemlich preiswert riecht.
Sie führt mich zu einem Regal, holt zwei verschiedene Packungen hervor und fragt: „Single- oder Doppelpack?“
Sie sieht mich an, als hätte sie mir gerade die Eine-Million-Euro-Frage gestellt. Ich merke, wie ich einen Augenblick zögere. Der Publikumsjoker bringt in diesem Fall wohl nichts. Der 50/50-Joker ergibt noch viel weniger Sinn.
Anrufen fällt auch weg. Da ist niemand.
Meine Antwort lautet: „Single.“
Die Frage nach „Single“ oder „Doppelpack“ stellt sich im wahren Leben auch tagtäglich: Singles warten darauf, endlich wieder zum erlesenen Club der turtelnden Pärchen zu gehören, während Pärchen, die das Turteln hinter sich gelassen haben, nach einer gewissen Zeit die Vorteile des Alleinseins entdecken.
Everything must change.
Ich schreibe seit sechs Jahren auf einem Notebook, das mittlerweile bloß noch hochfährt, wenn ich mich vorher mit beiden Händen auf seine Tastatur stütze und ihm eine Her(t)zmassage verpasse. Die Kunststoffverkleidung, die den Monitor umrahmt, ist an einer Seite abgesplittert und der Lüfter schnauft in einer Tour durch. Ich weiß, dass eine Trennung unvermeidlich ist, aber irgendwie hänge ich an dem alten Kasten. Ihm habe ich so vieles anvertraut. Er alleine kennt die ersten, unlesbaren Versionen meiner Romane; die sehnsuchtsvollen Zeilen, die ich Allie geschrieben habe, ohne sie je abzuschicken. Vor Kurzem brachte Apple nun das neue Macbook Pro heraus, ein schickes Teil mit hoher Auflösung, enorm viel Power, einer 1a-Verarbeitung und diesem „Haben wollen“-Gefühl. Andererseits ist mir die Applesekte nicht sonderlich sympathisch. Soll ich mit dieser Firma wirklich eine (Geschäfts)-Beziehung eingehen? Wenn Apple-Geräte auch viel Gigahertz besitzen, bleiben sie für mich doch seelenlos. Es ist wohl in dem Bereich genauso wie mit allem: Wir wollen immer das, was wir nicht haben. Und wenn wir es haben, wollen wir etwas anderes.
Zwei meiner Freunde haben sich kürzlich nach langjähriger Beziehung getrennt. Das Ende einer Beziehung wird auch immer als ein „kleiner Tod“ bezeichnet, aber anders als wir es in jeder vierten Todesanzeige lesen, kommt der letzte Atemzug einer Liebe selten „plötzlich und unerwartet“. Begraben kann man die ganze Sache aber trotzdem.
Als ich acht Jahre alt war, verliebte ich mich in die Tochter meiner Lehrerin. Sie war göttlich. Sie war wunderschön. Sie war ein Jahr älter. Sie war das erste Mädchen, das mir mein Herz brach.
Nach dieser alles verändernden Abweisung, gründete ich einen Club, den „Club der gebrochenen Herzen“. Ich fand eine etwas versteckte Feuerstelle im Park, wo die Treffen mit anderen gebrochenen Herzen stattfinden sollten, um einander Trost zu spenden, auf die doofen Mädchen zu schimpfen und sich mit Limonade die Kante zu geben. Ich sandte den Termin für das erste Treffen via Flüsterpost durch die Schule, immer mit dem Hinweis, dass Mädchen streng verboten seien. Ich war mir sicher, Anführer einer Revolution zu sein, ohne zu wissen, was das überhaupt ist.
Als ich zum verabredeten Zeitpunkt zur Feuerstelle kam, wartete ich zwei Stunden vergeblich auf jemanden. Immer wieder, wenn es hinter einem Gebüsch raschelte, sah ich auf, aber es waren nur Vögel, Hasen und Mäuse, die mir Gesellschaft leisteten, und die waren nie alleine. Konnte es wirklich sein, dass ich der einzige Grundschüler mit einem gebrochenen Herzen war? Enttäuscht vergrub ich die Hände in den Taschen meiner himmelblauen Leinenhose und wollte schon abziehen, als ein Mädchen aus meiner Parallelklasse auftauchte (ich glaube, sie hieß Lina) und mich mit leiser Stimme fragte, ob dies der Club sei. Ich hatte zwar ausdrücklich gesagt, keine Mädchen dabei haben zu wollen, aber bei der Auslese blieb mir kaum eine Wahl, also bejahte ich und wir setzten uns nebeneinander, wo wir erst einmal eine Ewigkeit schwiegen, bis sie ein Butterbrot hervor holte und mir eine Hälfte anbot. Das war in der Top 2 der schönsten Dinge, die ich je von einem Mädchen bekommen hatte, die respektable Nummer Zwei.
Der Kuss am Ende des Treffens war die Nummer Eins.
Als wir uns voneinander verabschiedeten war ich bis über beide Ohren in sie verliebt, weswegen ich den „Club der gebrochenen Herzen“ für aufgelöst erklärte.
Es ist Montagabend. Ich bin zweiunddreißig und schon wieder Schüler. Der Unterricht ist vorbei und ich treffe mich mit L. (Initialie vom Autoren geändert). Sie hat mir ein paar Tage zuvor vier nüchterne Zeilen per Whatsapp geschickt: „Wir haben es beendet.“ Das Ende ihrer Beziehung mit K. (Initialie vom Autoren geändert) bedauerte ich zwar, aber es überraschte mich nicht. Seit vielen Monaten hatte es immer wieder Spannungen gegeben, die zu Frustrationen, die zu unzähligen Gesprächen, die zum Stillstand und nun zum Ende geführt hatten. Was die beiden jedoch besser beherrschen als die meisten anderen, ist sich bereits jetzt gewiss zu sein, einander nicht verlieren zu wollen. Zwischen ihnen gibt es kein böses Blut, keinen Betrug, bloß ein paar kleine Vorwürfe, die im Laufe der Zeit in die Erkenntnis umschlagen werden, es eben doch zu fünfzig Prozent selber in den Sand gesetzt zu haben. Liebe ist Arbeit, heißt es so schön. Aber wenn sich eine Beziehung wie Arbeit anfühlt, sprich: anstrengend wird, verwechseln die meisten diese Widrigkeiten mit dem Ende der gemeinsamen Möglichkeiten. L. und K. haben an ihrer Beziehung gearbeitet bis zur Erschöpfung; die Kündigung war logische Konsequenz.
Meine Beziehungen waren bisher zum größten Teil sauber auseinander gegangen. Wenn ich spürte, dass trotz aller Versuche meine Gefühle nicht mehr reichten, beendete ich die Sache von Angesicht zu Angesicht. Ich halte nichts von Emails und Chatnachrichten, um als Paar miteinander zu kommunizieren. Gefühle aufzuschreiben kann Dir selbst Erkenntnis bringen, nie aber dem Empfänger der Nachricht, der in jeden Satz drei mögliche Subtexte interpretiert, weil ihm zur Sprache der dazugehörige Ausdruck fehlt. Als ich die Beziehung mit J. beendete, sprach ich ganz ruhig mit ihr. Es wurde nicht das große Drama späterer Enden. Wir waren beide noch sehr jung und hatten uns innerlich wahrscheinlich schon lange Zeit darauf vorbereitet, nicht der letzte Partner im Leben des Anderen gewesen zu sein.
So war es mit N. nicht. Fast sieben Jahre meines Lebens habe ich an ihrer Seite verbracht, und ich bereue nicht einen Tag. Wenn es jemanden gibt, der die Sache in den Sand gesetzt hat, dann bin ich das, da ich damals einfach noch nicht bereit war, mein Leben vollkommen zu verändern. Ich bin mir sicher, sie hat die meiste Zeit gespürt, dass es eigentlich vernünftig war, einen Schlussstrich zu ziehen, aber wenn Gefühle im Spiel sind, schaltet die Ratio aus, und das ist auch gut so. An dem Tag, an dem es mit uns zu Ende ging, saßen wir zusammen im Auto, diskutierten über unsere verzwickte Lage, bis ich sagte: „Ja, aber … Was machen wir denn jetzt?“ Daraufhin brachen wir beide in Tränen aus, weil wir genau wussten: Es gab keinen anderen Weg mehr für uns, als diesen einen direkt nach Hause, um es dort zu beenden.
Danach begann für mich eine Zeit, in der ich den „Club der gebrochenen Herzen“ das ein oder andere Mal wieder gebraucht hätte. Eine Frau kam wie ein Sturm in mein Leben, wirbelte alles durcheinander und hinterließ nichts als Zerstörung. Eine Andere wandte sich von mir ab, als sie merkte, dass sie sich mehr in die Vorstellung von mir als in mich selbst verliebt hatte. Sie brauchte mich nicht mehr. Oder anders gesagt: Als unsere Beziehung anfing, Arbeit zu werden, suchte sie sich einen anderen Job und verschwand. Ich fühlte mich weggegeben und ausgetauscht wie ein alter Laptop, der bloß noch lästig ist.
Aber das ist lange her. Heute, da ich keine Gefühle mehr für sie hege, kommen mir diese Frauen manchmal wie eine Geschichte vor, die mir jemand erzählt hat und an die ich mich bloß noch in Teilen erinnere. Ich würde sie gerne wiedersehen, um herauszufinden, ob wir einander noch erkennen, oder ob sie bloß der schönste Irrtum meines Lebens gewesen sind.
Ich sitze L. in einem Thai-Restaurant mit neongrellem Licht gegenüber. Sie hat mir alles erzählt, die quälenden Details eines letzten Aufbäumens, bevor beide sich eingestehen müssen, dass sie nicht miteinander alt werden. Nach ihren Ausführungen möchte ich gerne etwas Kluges sagen, aber mir fällt absolut nichts ein. Obwohl ich genau weiß, wie sich ein gebrochenes Herz anfühlt, kenne ich nichts, was zur Heilung beiträgt. Meiner Erfahrung nach, gibt es auch kein Mittel – letztendlich muss man immer alleine dadurch. Also schweige ich.
Während wir beide da sitzen, geknickt wie Trauernde, geht mir durch den Kopf, dass wir wohl alle immer wieder zwischen zwei Supermarktregalen stehen und Entscheidungen treffen müssen. Möglicherweise hinkt der Vergleich; wenn wir erst einmal ein gebrochenes Herz haben, hilft sowieso kein „Alles Liebe“-Tee oder die Limonade aus dem Grundschulautomaten. Aber Sie kennen doch diesen Augenblick, in dem sich mit einem Mal der ehemals vertraute Ort fremd anfühlt, oder? Den dumpfen Schmerz in der Brust. Den Knacks. Niemand wächst auf ohne dieses Gefühl.
Willkommen im Club!

Montag, 18. Juni 2012

Rule the world


Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Wir haben noch etwa ein halbes Jahr und dann wird der Laden dicht gemacht. Weltuntergang.
Adios Planet! You meant the world to me. Oder wie die Generation „Facebook“ sagen würde: Off to nowhere. Irgendwie ist es schon merkwürdig, dass die Welt sich nach einem Kalender richtet, den kein Schwein bei sich zu Hause hängen hat. Und wenn ich „Maya“ höre, denke ich viel mehr an eine übergewichtige Honigbiene. Aber nun ist die Erde dem Untergang geweiht, das scheint beschlossene Sache, und da Michael Jackson und „friends“ bereits in den 1980ern „We are the world“ gesungen haben, ist klar: Wir Menschen werden in die ganze Sache auch noch mit hineingezogen. Was für eine hinterhältige Welt! Dabei haben wir sie immer so gut behandelt. Ich meine, okay, wir roden den Regenwald, rotten Tierarten aus, schicken Abgase in die Atmosphäre und ab und zu läuft auch mal der ein oder andere Öltanker aus. Und – zugegeben – die Veröffentlichung von „Modern Talking“-Alben war auch echt fies. Mit jedem neuen Bohlen-Lied haben wir schon mal einen kleinen Vorgeschmack bekommen, wie sich so eine Apokalypse anfühlt. Aber muss die Welt gleich derart beleidigt reagieren und komplett untergehen? Was soll dem armen Christian Wulff dieses Jahr denn noch alles passieren? Ist natürlich klar, warum der so lange an dem Amt des Bundespräsidenten festgehalten hat. Der hat sich wahrscheinlich gesagt: „Warum sollte ich jetzt hinschmeißen? Ich kann als letzter Bundespräsident Deutschlands in die Geschichte eingehen.“
So ein Weltuntergang ist übrigens das perfekte Wahlkampfthema für einen amerikanischen Präsidenten. Es ist doch ganz einfach: Es wird derjenige gewählt, der als Erster verkündet: „Ich werde die Apokalypse verhindern.“ Dazu könnte Obama wunderbar sein „Yes, we can“ recyceln. Er kann nur gewinnen: Geht die Welt nicht unter, hat er sein Wahlversprechen eingehalten und ist endlich der Messias, als der er schon vor vier Jahren gefeiert wurde. Tritt die Dicke-Bienen-Prophezeiung ein, kann es ihm egal sein, weil dann eh alles egal ist.
Überhaupt sollten wir einen Weltuntergang nicht so negativ sehen. Er bietet auch unzählige Chancen. Zum Beispiel ist mit einem rapiden Preissturz von Immobilien zu rechnen. Wer gibt schon ein paar Millionen für eine Villa aus, die ein paar Wochen später pulverisiert wird? Andererseits werden Reisen wohl unbezahlbar, weil jeder noch was von der Welt sehen will, bevor der große Knall kommt. Was meinen Sie, wie voll es auf Bali sein wird. Und auf Mauritius. Während in Bad Berleburg geisterhafte Leere herrscht. Dafür werden da die Villen wiederum besonders günstig zu haben sein, aber das war wahrscheinlich immer so.
Ich frage mich, wie die Sache ablaufen soll. Wird uns nach 65 Millionen Jahren mal wieder ein Meteorit einen Besuch abstatten, der uns wie die Dinosaurier ins Jenseits katapultiert? Schießen uns Außerirdische auf den Mond (metaphorisch gesprochen)? Platzt die Erde vor Wut? Wie auch immer, ich sehe dem 21. Dezember mit Würde entgegen, wissend: Ich hatte ein nicht perfektes, aber ein gutes Leben. Vielleicht werde ich vorher eine Kapsel ins Weltall schießen, mit Fotos, Lieblingssongs, ein paar Büchern und einem Brief an wen auch immer. Und vorne drauf klebe ich ein Schild, auf dem steht: Christian W. – ein Mann von Welt.