Montag, 14. Mai 2012

I won't give up


(Hier hörst Du den Song zum Blog)
Das Leben fühlt sich manchmal an, als würde man in der längsten Warteschlange des Supermarktes hängen und dabei die komplette „Best-Of“-Scheibe von Kenny G. über sich ergehen lassen müssen. Irgendwie scheinen wir in allen Bereichen auf irgendetwas zu warten: Auf das große Glück; die lebenslange Liebe; die beste Nachricht des Jahres; den beruflichen Durchbruch; auf den Rückruf der Samstagabend-Bekanntschaft. Vor allem in kriselnden Beziehungen tendieren wir dazu, auf eine Veränderung zu warten. Ich habe Freunde, die sich schon vor langer Zeit eingestehen mussten, dass ihre Beziehung sie nicht vollends glücklich macht. Die ein Leben führen, das völlig in Ordnung für sie ist – mit einem Job, einer Beziehung, die funktioniert – die sich aber fast wöchentlich beklagen, wie sehr sie sich ein anderes Leben wünschen. Sie ändern trotzdem nichts. Sie haben sich ihr Leben nach dem Baukastenprinzip eingerichtet, und es wäre unbequem, aus diesen eingespielten Mustern auszubrechen. Manchmal wirkt es, als hätten sie in all ihrer Verkopftheit bereits den Gedanken aufgegeben, das Leben führen zu können, das sie wirklich ausfüllt, auch wenn das ein paar schmerzhafte Entscheidungen mit sich bringt.
Das Gefühl, aufgeben zu wollen, ist mir bestens bekannt. Vor Kurzem erreichte mich ein Schreiben, das ich ganz und gar nicht erwartet hatte:
Sehr geehrter Herr Wunderlich,
wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass Sie für die Aufnahme zur Hochbegabtenförderung zugelassen wurden. Herzlichen Glückwunsch!
Ohoo, warum konnten die mir das nicht schon vor 16 Jahren schicken? Dann hätte ich es meiner damaligen Mathelehrerin vorgelegt, um ihr klarzumachen, dass meine unterirdischen Leistungen Resultat sträflicher Unterforderung waren …
Aber auch heute kann ich mit diesem Schrieb etwas anfangen: Der Eintritt in den erlesenen Club der „Hochbegabten“ (die Anführungszeichen sind wichtig an dieser Stelle: Der IQ eines Menschen erscheint mir eher wie der Kurs des Dax – stetig schwankend. Ich fühle mich in diesem Augenblick vielmehr wie ein Hochstapler, ohne Anführungszeichen), also diese Aufnahme ermöglicht es mir, noch bevor ich das Abitur nachgeholt habe, mit einem Studium zu beginnen. Und vielleicht erhöht es meine Chancen, in anderthalb Jahren an einer der von mir favorisierten US-Unis angenommen zu werden. Die dürfen sich bloß nie mit meiner früheren Mathelehrerin unterhalten.
Wie auch immer, mein Alltag sieht nun jedenfalls so aus: Tagsüber zwischen Redaktionsarbeiten, Tonstudio und Uni hetzen, danach zur Abendschule. Dazwischen für Klausuren lernen und ein paar kleine Live-Auftritte für Ende 2012 planen. Ich will mich nicht beklagen und schon gar nicht werde ich so tun, als würde ich das alles total souverän erledigen. Es gibt Momente, in denen ich am liebsten aufgeben würde.
Zu Beginn des neuen Semesters fiel ich in ein kleines, aber tiefes Motivationsloch. Ich fühlte mich wie ein Betrüger; wie ein Joghurt, auf dessen Verpackung echter „Fruchtgenuss“ angepriesen wird und der dann doch nur mit billigen Aromen daherkommt. Ein fleischgewordener Etikettenschwindel. Alle vierzehn Klausuren der ersten Semester hatte ich mit „Sehr gut“ abgeschnitten und auf einmal hatte ich keine Ahnung, wie ich das ansatzweise wiederholen sollte. Mit einem dementsprechend schlechten Gefühl ging ich aus der Englisch-, der Mathe- und der Deutschklausur. In der Uni saß ich inmitten der anderen Studierenden und hatte den Eindruck, als Einziger kein Wort von dem zu verstehen, was Professor S. da vorne sagte.
Ich habe schon so manches aufgegeben. Als Kind wollte ich Koch werden, aber mittlerweile weiß ich natürlich, dass meine Begabung im kulinarischen Bereich höchstens für den Eigenbedarf ausreicht. Ich selber wurde auch schon aufgegeben, von Allie, die ihr bequem eingerichtetes, funktionierendes Leben für mich nicht durcheinander wirbeln wollte. Eine Entscheidung, die sich für mich als goldrichtig erwies, denn ich denke inzwischen bloß noch an sie, wenn ich Blogs zu einem passenden Thema schreibe, was zeigt, dass sie nicht die Frau meines Leben gewesen ist.
An einigen Dingen wie auch Menschen lohnt es sich jedoch immer festzuhalten.
Mit meinen Freunden Claudio und Manuel besuche ich das Konzert einer Frau, die nie aufgegen hat, ihren Traum, eigene Musik in die Welt hinauszutragen, zu verwirklichen. Die Location ist kleiner als noch vor zwei Jahren, es sind ein paar hundert Leute da.
Ich habe sie seit Ewigkeiten nicht gesehen. Ein Weile unterhalte ich mich mit meinen Freunden, amüsiert über das Paradoxon, das uns der Anblick zweier Rocker bietet, die in der ersten Reihe stehen und so wirken, als hätten sie die Veranstaltung mit einem Metallica-Konzert verwechselt, bis schließlich das Licht gedimmt wird.
Und dann ist sie auf einmal wieder da.
Als sie die Bühne betritt, ist es, als falle eine Last von meinen Schultern, so als hätte ich durchaus die Möglichkeit in Betracht gezogen, sie sei bloß ein Bild meiner Fantasie gewesen. Aber sie zeigt sich, wie ich sie in Erinnerung habe: herzlich und auf den Punkt konzentriert. Und doch ist etwas anders als sonst: Ihre Fröhlichkeit wirkt streckenweise etwas bemüht. Als sich unsere Blicke treffen, lächle ich sie zuversichtlich an, als wolle ich jemandem Mut machen, der zum ersten Mal auf der Bühne steht, was man von ihr nun wirklich nicht behaupten kann. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, wird mir klar, dass mein Lächeln auf sie ebenso bemüht gewirkt haben muss.
Das Konzert verläuft musikalisch erwartungsgemäß überzeugend. In ihrem letzten Lied wendet sie ihren Blick mit der Zeile „Without you here there’s no use“ noch einmal unvermittelt zu mir, hebt ihre linke Augenbraue und widmet sich dann wieder dem Rest des Publikums. Es sind diese zwei Sekunden, die mich dazu veranlassen, nach dem Konzert noch auf sie zu warten. Eigentlich wollten wir Jungs etwas essen. Es ist kalt und Claudio hat Heißhunger auf Pommes. Aber ich bleibe noch, unterhalte mich mit dem Schlagzeuger der Band, bis sie schließlich in die Dunkelheit der Nacht tritt. Erst einmal halte ich mich zurück, da sie von den Rockern belagert wird, die ihr, wie ich mittlerweile weiß, hinterher reisen und sicher schon hunderte Fotos mit und dutzende Autogramme von ihr besitzen.
Als sie mich schließlich sieht und wir aufeinanderzu treten, wirkt sie im wahrsten Sinne des Wortes unterkühlt. Es ist nach Mitternacht und die Temperaturen zumindest gefühlt unter Null. „Christian Wunderlich“, begrüßt sie mich mit ihrer leisen Stimme und dem nordischen Akzent, und ich muss lachen, weil ich noch nie gehört habe, wie sie meinen Namen komplett ausspricht. Ich nenne ebenfalls mit leicht scherzhaftem Unterton ihren Namen, worauf sie lächelt.
„Ich habe deine Email erhalten“, sagt sie. Ihre Nasenspitze ist leicht gerötet. „Ich konnte bisher nicht antworten, weil ich ja grad auf Tour bin.“ Ihr förmlicher Ton ist den Fans um sie herum geschuldet. Ich verstehe das: Heute ist sie die öffentliche Person. Eine normale Unterhaltung ist unter diesen Umständen nicht möglich. Vielleicht hätte ich gar nicht kommen sollen.
„Schon okay.“
Einer der Rocker schleicht sich wieder an sie heran und hält ihr das vielleicht zehnte Foto zum signieren hin. „Darf ich noch einmal …?“, sagt er, worauf ich einen Schritt zurück trete und sie mich entschuldigend ansieht. Wir verabreden uns schnell noch lose für den Oktober zum gemeinsamen Songschreiben (eine Idee, die schon lange im Raum steht, aber aus zeitlichen Gründen bisher nicht umsetzbar war). Dann verabschiede ich mich von ihr, stecke die Hände in die Hosentasche und entferne mich von dem Grüppchen, das sie wieder umkreist. Als ich noch einmal zurückblicke, steht sie im Arm des Rockers, um für ein gemeinsames Foto zu posieren. Als hätte sie meinen Blick bemerkt, sieht sie in dem Moment zu mir. Ihr Lächeln schmilzt die kühle Luft. Sie zieht ihre linke Augenbraue hoch.  
Und in dem Augenblick wird mir eines bewusst: Wenn ich jetzt gehe, bedeutet es nicht, dass ich aufgebe. Manchmal gibt es Menschen, die Du jahrelang nicht siehst; deren Leben mit Deinem nichts mehr zu tun haben; von denen Du Dich abgewandt hast; die Du trotzdem nicht vergisst, weil Dich tausend Dinge an sie erinnern.
Den einen Menschen, den Du nicht aufgeben kannst.