Montag, 30. April 2012

When we were young


Die ersten Funken des Sommers glimmen. Der Wind wird kühler, die Gräser auf den Wiesen wachsen ungestüm durcheinander und die Bäume stecken ihre wieder dicht bewachsenen Köpfe zusammen und flüstern sich rauschend die Geheimnisse des Frühlings zu. 

Als ich noch ein Kind war vermutete ich hinter jeder Hecke, Elfen und Faunen, die mit weiten Kleidern über den von Moos bedeckten Waldboden fegten. Ich liebte den Wald. Im Gegensatz zu dem klar strukturierten Park, bot er tausende verschlungene Pfade, auf denen man sich verlieren konnte. Auf meiner Suche nach Elfen und Faunen schob ich des Öfteren knorrige Äste beiseite, und tatsächlich sah ich sie manchmal und hörte ich ihr Lachen, und ich hielt den Atem an aus Sorge, ich würde sie verscheuchen, wenn sie mich bemerkten. Das war eine Zeit, in der das gleiche ungeschriebene Gesetz auch für Figuren wie den Weihnachtsmann und den Osterhasen galt. Ich zweifelte ihre Existenz ebenso wenig an wie den fragwürdigen Umstand, dass sie verschwanden, sobald ich versuchte, einen Blick auf sie zu erhaschen. Als Kind brauchst du keine Beweise, um an etwas zu glauben, solange es nur von einer faszinierenden Geschichte gestützt wird. (Etwas, das allen Gläubigen gleich ist.) Und als ich die Elfen schließlich tatsächlich sah (so tatsächlich, wie Kinder Fantasiefiguren eben sehen können), wusste ich, dass es auch keinen Grund gab, den ersten Stimmen im Kindergarten zu vertrauen, die hinter vorgehaltener Hand das lächerliche Gerücht verbreiteten, der Weihnachtsmann sei bloß eine Erfindung der Erwachsenen. In Wahrheit stammten die Geschenke unter dem Tannenbaum von unseren Eltern. Ich fand das absolut widersinnig. Warum sollten Erwachsene sich so etwas ausdenken? Die würden sich doch ins eigene Fleisch schneiden, schließlich hieße das, sie gäben Unmengen an Geld für Präsente aus, für die sie keinerlei Dank erhalten. (Heute weiß ich, dass dies für Eltern ein lebenslanger Zustand ist.)

Ich sehne mich nicht zurück zu den Tagen meiner Kindheit. Aber manchmal wünschte ich, mir einen Teil dessen, woran ich als Kind geglaubt habe, bewahren zu können. Wenn ich heute an verästelten Hecken vorbeigehe, mache ich mir nicht mehr die Mühe, einen Blick dahinter zu werfen. Ich halte nicht den Atem an. Nicht, weil ich weiß, dass sich keine Elfen und Faune hinter dem Laub befinden, sondern aus Angst, sie nicht mehr zu sehen.

Wenn du aufhörst, an etwas zu glauben, verschwindet es, als wäre es nie da gewesen.

Ich müsste in dem Fall annehmen, als Kind bloß auf ein paar schöne Tagträume hereingefallen zu sein, und solange ich nicht hinter die Hecke blicke, gibt es dafür ebenso wenig Beweise wie für das Gegenteil. Möglicherweise ist das mein Weg, mir zumindest diesen kleinen Teil meiner Kindheit zu bewahren. Manchmal genügt die Möglichkeit, dass etwas wahr ist.

Wenn ich nun also durch frühlingshafte Alleen im Park spaziere, dann mit dem Wissen, als Kind einem Geheimnis auf die Spur gekommen zu sein, das den Erwachsenen verborgen bleibt. Und wenn ich Kinder über Wiesen tollen sehe (was mittlerweile immer seltener vorkommt), frage ich mich, ob sie ihm wohl auch schon auf die Spur gekommen sind, und dann wünsche ich ihnen, dass sie es sich bewahren solange sie können. Auch deswegen liebe ich den Frühling: Er ist für mich die Jahreszeit der Möglichkeiten – das gilt nicht nur für Kinder. Als Kind mag ich zwar Elfen entdeckt haben, aber ich habe auch so vieles übersehen: All die Farben; diesen frischen Geruch; das satte Grün der Blätter, wenn es regnet; das erste kühle Bier an einem lauen Abend. Diese klare Schönheit der Natur. Sie zu erleben ist wie Zurückkehren. Und staunen.