Dienstag, 18. Dezember 2012

Happy now


(Der Song zum Blog) 
Eigentlich hatte ich mich bloß mit Manuel zu einem schnellen Tee um Mitternacht treffen wollen; ich wartete in einem Café mit schummrigem Kerzenlicht und Heizungswärme auf ihn und sah durch das Fenster dem Schneetreiben zu. Aber jetzt stehe ich mit Manuel und Claudio auf dem Zuckerpuckel in Leverkusen, nachts um eins, kurz davor, mit dem Schlitten den Hang hinab zu rasen.

Zu den besten (wie auch zu den schlimmsten) Augenblicken im Leben gehören jene, die unverhofft passieren.

Manuel und Claudio sind in Leverkusen aufgewachsen. Claudio ist mit Unbehagen an den Ort seiner Kindheit zurückgekehrt; auf der Hinfahrt wird er immer stiller, sieht aus dem Fenster, schüttelt wieder und wieder den Kopf und seufzt. Ein bittersüßer Schmerz scheint sich auf einmal in ihm ausgebreitet zu haben, den Manuel und ich gleich eindämmen wollen, indem wir mit betont lockeren Sprüchen eine oberflächlich positive Grundstimmung zu schaffen versuchen. Ich bin mir sicher, Claudio durchschaut diesen Trick, aber er lässt sich gerne davon mitreißen, zumindest tut er so.

Bevor wir schließlich auf dem Zuckerpuckel stehen (den ich mir irgendwie größer vorgestellt habe, was möglicherweise an Manuels Gabe liegt, Dinge mit einer gewissen Überdramatik zu verkaufen), strullt Claudio in einen Busch. Vielleicht ist das sein symbolischer Weg, auf die Vergangenheit zu pissen. Möglicherweise muss er aber auch einfach bloß mal.

Am Ende des Zuckerpuckels liegt ein schwarzer See. Wenn unsere Schuhe als Bremsen versagen, werden wir ihn in wenigen Augenblicken von seinem Grund aus betrachten können. Das hält Manuel natürlich nicht davon ab, ungebremst den Hang hinabzurasen, aber er hat Glück: Kurz vor dem Ufer stoppt ihn ein Dornenbusch. Wenige Minuten später vermisst er auf einmal Portemonnaie und Schlüssel, aber auch hier meint Fortuna es gut mit ihm, denn beides findet sich kurz darauf in Manuels Wagen. Damit trifft ihn wohl mal wieder jene Form von Glück, die einem das sichere Gefühl gibt, vom Schicksal latent verarscht zu werden.

Nach ein paar Rodelfahrten machen wir eine Pause mit Ingwer-Zitrone-Tee. Augenblick, klingt das in Ihren Ohren gerade auch total uncool? Alles klar, also: Nach ein paar Rodelfahrten machen wir eine Pause mit Whisky und heißem Rum. Wir schütten uns becherweise damit zu; keine Ahnung, wie die ganzen Ingwerscheiben da rein gekommen sind …

Es ist kurz nach drei, als wir uns auf den Heimweg machen. Die nächste spontane Idee kommt von Claudio, der vorschlägt, bei Uli, einem gemeinsamen Bekannten vorbeizufahren. Uli ist siebenundvierzig Jahre alt, ein ehemaliger Stripper, der sich heute mit allen möglichen Jobs durchs Leben schlägt; unter anderem arbeitet er als Doppelgänger von Bruce Willis. Diese kurzen Fakten alleine reichen mir, um ihn in meinem nächsten Roman als Figur einbauen zu wollen.

Als wir ihn anrufen und ihn bitten, ans Fenster seiner Dachwohnung zu kommen, sieht er kurz darauf mit zugekniffenen Augen zu uns herunter. Er ist halbnackt. „Ich trainiere gerade“, ruft er lachend, nachdem er uns erkannt hat. Wir stapfen mit nassen Schuhen die Treppe zu ihm in die Wohnung. Uli hat sich schnell ein T-Shirt übergezogen, umarmt uns freudig und bittet uns in sein Wohnzimmer. Die unaufgeräumte Bude ist ihm sichtlich peinlich, aber da wir schließlich alle der männlichen Zunft angehören, fühlen wir uns gleich heimisch inmitten seines Chaos.

Uli – der perfekte Gastgeber – breitet eine liebevolle Mischung wohlklingender Beuteltees vor uns aus: Lachende Sonne (Vanille), Neuer Morgen (Grün), Saftiger Obstkorb (Früchte) und Durchfalltee. Auch wenn die Poesie des letztgenannten Tees mich geradezu überwältigt, entscheide ich mich doch für die lachende Sonne, schließlich ist die – im Gegensatz zum Durchfall – immer willkommen.

Uli hat sich während eines Jobs in Spanien in eine junge Spanierin verliebt: Jade, deren „J“ im Namen wie ein angedeutetes „Ch“ ausgesprochen wird. „Sie ist Model“, erzählt Uli, und wir drei nicken, ohne es ihm zu glauben. Dann zückt er ein Foto von ihr. Manuel fallen beinahe die Augäpfel aus den Höhlen. „Shit!“, bricht es aus ihm heraus. „Sie IST Model.“ Vor uns zeigt sich eine Anfang Zwanzigjährige bildhübsche Frau, die ihren Ende Vierzigjährigen Vater im Arm zu halten scheint, der verdächtig nach Bruce Willis aussieht, in Wahrheit aber weder der Eine noch der Andere ist.

„Der Altersunterschied macht mir zu schaffen. Das mit ihr hat eh keine Zukunft“, sagt Uli.

„Warum? Alter …“ Manuel muss dieses Bild immer wieder betrachten, um es glauben zu können, kann es aber trotzdem nicht fassen.

 „Seid ihr so richtig verliebt ineinander?“, frage ich Uli.

„Total. Sie kann die Finger gar nicht von mir lassen. Vielleicht glaubt sie, dass ich Bruce Willis bin.“

Ich sehe mich in seiner Bude um.

„War sie schon mal hier?“

„Letzte Woche“, sagt Uli.

„Dann weiß sie, dass du nicht Bruce Willis bist.“

„Die Kleine raubt mir den Verstand.“ Uli fläzt sich in seinen Ledersessel, der bedenklich quietscht unter der muskulösen Last. „Nach Weihnachten lerne ich ihre Eltern kennen.“

„Bring ihnen etwas mit“, rät Manuel enthusiastisch, als würde er sein Alter Ego unter die Haube bringen wollen. „Spanische Eltern stehen total auf sowas. Schenk ihnen eine Flasche Wein!“

„Oder Durchfalltee“, schlage ich vor.

„Wenn ihr total verknallt ineinander seid, genießt es doch einfach“, meint Claudio. „Ich habe keine Ahnung, ob dieses Leben einen Sinn ergibt. Aber sich zu lieben und nicht zusammen zu sein erscheint mir dann doch sinnlos.“ Daraufhin verfällt er gleich in Gedanken. Ich sehe ihn mitfühlend an.

„Na ja, jetzt werde ich sie nächste Woche erst einmal besuchen, dann sehen wir weiter.“ Uli wischt das Thema damit beiseite und erzählt von seinem Dreh im Januar für den nächsten Bruce-Willis-Film in L.A.. Er wird den Superstar in ein paar Actionszenen doubeln, um ihn jünger wirken zu lassen. Da sieht man mal wieder: Alter ist relativ. Neben Jade wirkt Uli vielleicht alt, aber in Hollywood ist er der junge Bruce Willis.

Als wir wieder aufbrechen, ist es nach fünf Uhr. Wir haben Hunger und beschließen, in Köln noch einen morgendlichen Happen zu essen. Um diese Uhrzeit haben natürlich bloß noch Dönerläden geöffnet, also setzen wir uns schließlich mit Pommes und Türkischer Pizza an einen Tisch. Claudio, der strenge Veganer, freut sich bereits auf seine Fritten, als seine Gutmenschen-Augen auf einmal ein angefressenes Döner am Nachbartisch fokussieren. Er ist dagegen, Fleisch zu essen. Aber er ist noch mehr dagegen, Fleisch wegzuschmeißen. Also packt er sich den angekauten Lappen und stopft ihn sich auf eine unappetitliche Weise in den Rachen. Manuel und ich bekommen fast so große Augen wie bei dem Bild von Jade, bloß ist an diesem Döner noch mehr Fett dran als an Ulis neuer Freundin. An Claudios Rückfall in die primitive Fleischfresserzunft ist nicht nur die Tatsache an sich erstaunlich. Wenn man bedenkt, dass er mittlerweile nicht mal mehr Türklinken mit der Hand anfasst, (wahrscheinlich aus Angst, sich irgendwelche Keime einzufangen oder sowas), ist es bemerkenswert zu sehen, dass er sich ohne Bedenken ein Döner einverleibt, das möglicherweise vor ihm jemand angespeichelt hat, der sich mit einem schlimmen Herpes herumschlägt. Wenn Claudio diesen Döner komplett in sich reinstopft, hat der Abend eine weitere unverhoffte Anekdote zu bieten. Zudem wird er wahrscheinlich die nächsten Tage mit heftigen Magenproblemen zu kämpfen haben. Wo ist der Durchfalltee, wenn man ihn wirklich braucht?

Claudio tut es tatsächlich. Und dennoch wird es für alle Anwesenden der schöne Ausklang einer unverhofften Nacht. Drauen rieseln noch immer Flocken vom Himmel herab. Langsam wird es wieder hell. Wir sitzen an einem Tisch, in irgendeiner versifften Dönerbude, unter einer Lampe mit viel zu grellem Neonlicht, und wir lachen über das, was wir erlebt haben, und freuen uns, dass wir diesen vergangenen paar Stunden einen wunderbaren Sinn geben konnten. Schlafen werden wir morgen.

Ich denke dabei an mein Jahr zurück. An alles, was passiert ist. An das, was so geblieben ist, wie es vorher war und wie es nie war. Und ich blicke nach vorne. Die letzten Tage des Jahres werden mir – wenn alles nach Plan verläuft – den besten Jahresausklang meines Lebens bereiten: Weihnachten verbringen mit meiner Frau und meiner Familie und Silvester feiern in Oxford – mit Gary Barlow. Wenn das nicht die perfekten Perspektiven für einen gelungenen Start ins Jahr 2013 sind! Darauf einen Durchfalltee!

Mittwoch, 29. August 2012

It was a short summer, Charlie Brown

(Der Filmausschnitt zum Blog)

Ich stehe, die Hände in den Hosentaschen, vor dem Meer und sehe hinaus. Die Sonne brennt auf meine Schultern. Das Wasser ist kinderbeckenwarm, was kein Wunder ist, schließlich wird es seit Wochen täglich von 36 Grad Außentemperatur aufgeheizt.
Ich befinde mich über 1000 Kilometer von zu Hause entfernt. Ich bin die Strecke mit einem Mietwagen gefahren, einem VW Golf in Silber Metallic, der sich im Gegensatz zum Meer bereits nach Minuten aufgeheizt hat, als hätte ich die Klimaanalage aus Versehen auf Stufe „Sauna“ eingestellt. Vorhin habe ich es kaum vom Fahrersitz herunter geschafft, da ich an dem beigefarbenenen Leder festgeklebt bin. Dies ist der letzte Augenblick am Meer, bevor ich gleich erneut in den Wagen steigen und Richtung Lyon fahren werde, Zwischenstation, um morgen schließlich wieder in Köln einzukehren. Ich sehe die Weite, atme die salzige Luft ein, spüre den leichten Windzug, der meinen Nacken kühlt, und mich überkommt in diesem Augenblick eine Ahnung, wie Freiheit (ich meine jene fernab von Internet und Handy, sprich: die Freiheit der westlichen Welt im 21. Jahrhundert) sich anfühlt. Es ist schon merkwürdig: Je weiter ich von meinem gewohnten Leben entfernt bin, desto näher scheine ich mir selbst zu kommen.

 
Mir blieben bloß fünf Tage in der Provence, aber die habe ich ausgekostet. Schon lange wollte ich mit dem Auto durch diese Region reisen. Als ich elf Jahre alt war, fuhr ich mit meiner Familie im vollbepackten Wagen in die Bretagne. Es war das Jahr 1990. Deutschland war gerade wiedervereinigt und spielte eine fantastische Fußballweltmeisterschaft. Das Finale sahen wir alle bei französischen Freunden. Ich weiß noch, wie mein Vater nach dem verwandelten Siegtor sagte, wie unbefriedigend es sei, durch einen Elfmeter die Weltmeisterschaft zu gewinnen, und ich, der keine Ahnung von Fußball hatte, aber meinen Vater für den coolsten Mann auf Erden hielt, pflichtete ihm bei.
Die Strände in der Region waren grobsteinig, was meiner Mutter überhaupt nicht gefiel. Sie suchte uns immer den einen, auch noch so kleinen Platz, an dem der Strand aus feinem weißen Sand bestand. Meine Großeltern väterlicherseits hatten sich in der Nähe ein Zimmer in einem Hotel genommen. Jeden Morgen lief ich die zweihundert Meter zu ihnen hinüber und aß ein Croissant mit Cassis-Marmelade. Nachmittags gab es dann Cassis-Eis, und an einem Kiosk besorgte ich mir Kaugummi mit Cassis-Aroma. Der schlaue Leser wird bemerkt haben, dass ich Cassis ziemlich gerne mochte, allerdings fand ich erst später heraus, dass diese wundersame Geschmackssorte, von der ich noch nie zuvor gehört hatte, in Wahrheit profane Johannisbeere ist.

 
Das Licht der Nachmittagssonne zerspringt auf der Wasseroberfläche in Abermillionen kleine Funken. Eben bin ich wieder und wieder hineingesprungen, nun lasse ich mich von der Wärme trocknen und sehe stattdessen, ihr dabei zu, wie sie die letzten Augenblicke dieses Freiheitsgefühls genießt. Ich hätte diese Reise nicht ohne sie gemacht. Mit ihr kann ich mir alles vorstellen. Aber nach dem Wochenende kehrt zunächst einmal der Alltag zurück, der an diesem Ort so weit entfernt scheint wie kaum etwas sonst.
Als wir hierher gefahren sind, haben wir die steigende Temperatur auf der Anzeige im Auto mitgezählt. Es war wettermäßig ein miserabler Sommer in Deutschland, und wir sehnten uns nach Sonne, Meer, Weinbergen, Lavendelduft und Wochenmärkten.
Den ersten Halt machten wir in Dijon, wo wir ein kuscheliges Dachzimmer für einen geringen Preis bekamen (so gut und so preiswert haben wir in den Tagen danach nicht ansatzweise mehr geschlafen …).


Am nächsten Morgen besorgten wir uns Croissants und machten uns gleich wieder auf den Weg Richtung Aix en Provence. Auf dem prachtvollen Cours Mirabeau schlenderten wir um Mitternacht über den Nachtmarkt, der bevölkert war von Musikern, Seifenverkäufern und Malern. In der Luft waberte ein Duftmix aus Honig, Blumen, Kräutern, Wein. Cassis konnte ich nicht ausmachen. An einem Stand verkaufte jemand Eis für 3,90 Euro pro Kugel. Überall – außer an dem Eisstand – durfte man kosten, Pasten aus Knoblauch und getrockneten Tomaten, französischen Nugat, gefüllte Oliven, Wein aus provenzialischem Anbau, und weil wir im Urlaub waren, schmeckte alles gleich dreimal so gut (war aber auch viermal so teuer).

 
Kurz darauf begann die erste von vier mehr und mehr verzweifelten Suchen nach einem Hotelzimmer. Nachts um halb zwei findet man in dieser Gegend anscheinend bloß noch etwas mit Serienkiller-Flair. An Tag eins landen wir in einer Wohnanlage, in der der junge Rezeptionist hemmungslos mit meiner Begleiterin zu flirten versucht, ungeachtet der Tatsache, dass ich direkt daneben stehe. Tag zwei führt uns in eben jenes Serienkiller-Hotel. Die Gänge zum Zimmer sind düster. Der rote PVC-Boden wirft Blasen. Als wir unser Lager für die Nacht betreten, stelle ich fest, dass die Tür sich erst nach einiger Kraftanstrengung schließen, sich aber ohne großen Widerstand (und ohne das Benötigen eines Schlüssels) wieder öffnen lässt. Am nächsten Morgen verlassen wir mit Sonnenaufgang das Hotel. Wir leben, das ist mehr, als unsere Albträume uns glauben machten.
Auf einem der vielen Wochenmärkte in der Gegend finde ich kleine Jutesäcke mit Kräutern der Provence, die sich bestens als Mitbringsel eignen.


Danach fahren wir ans Meer, springen in das kühle Nass, kehren erst am frühen Abend zurück und setzen uns mit frischem Brot, Schinken, Oliven und Weißwein an einen Brunnen in der Altstadt. Nicht weit entfernt läuten die Glocken einer kleinen Kirche. Abends kehren wir noch einmal zu dem Nachtmarkt zurück, um Seife zu kaufen und den beiden Musikern zu lauschen, die melancholische Gitarrenmusik spielen und dazu sehnsuchtsvolle Texte auf Französisch singen; jedenfalls gehe ich davon aus, dass die Texte sehnsuchtsvoll sind. Möglicherweise singen sie aber auch so etwas wie „Ihr seid alle Sackgesichter!“, aber immerhin: Sie singen es sehnsuchtsvoll.
Am darauffolgenden Morgen besuchen wir Gordes, ein kleines Städtchen, in dem Russell Crowe „Ein gutes Jahr“ gedreht hat und von dem wir uns wenigstens einen guten Tag erhoffen. Wir passieren Weinberge und Olivenbäume, blicken hinab auf ein weites grünes Tal, schlendern über Backstein, vorbei an efeuumrankten Brasserien und himmelblau gestrichenen Feinkostläden.


 
Während später die Sonne untergeht, setzen wir uns in ein Restaurant am Hafen von Cassis, wo ich allein schon aufgrund des Städtenamens an den Familienurlaub in der Bretagne erinnert werde. Ich rieche Johannisbeere in der Luft, und das Hotel meiner Großeltern scheint wieder nur zweihundert Meter entfernt. Es ist, als müsste ich bloß um die Ecke laufen, und da wären sie wieder: Kaffee trinkend hinter der Glaswand, die einen größzügigen Einblick in den Frühstücksraum des Hotels gibt, meine Oma mit ihren Gesundheitslatschen wippend, mein Opa mit dem vollen weißen Haar und dem ewig verwirbelten Haarbüschel auf dem Hinterkopf, lebendig. Die rührigen Gedanken werden unterbrochen, als sie aufschreit, weil der Kellner ihr mit seinem ganzen Gewicht auf den dicken Zeh getreten ist, dies aber mit französischer Arroganz geflissentlich übersieht und ohne ein Wort der Entschuldigung seines Weges eilt.


 
Die Nacht hält schließlich ein Hotel bereit, das im Internet vielversprechend aussah und sich in der Wirklichkeit als nichtshaltend herausstellt. Es befindet sich direkt am regelmäßig befahrenen Bahnhof. Alle paar Minuten rumpelt ein Zug an unserem Fenster vorbei, sodass die Kleiderhaken im Schrank klappern. Im Gegensatz zu ihr bin ich jedoch jemand, der sogar an einer Formel-1-Strecke einratzt (was in diesem konkreten Beispiel vielleicht auch damit zu tun hat, dass ich Formel 1 unsagbar langweilig finde). Für sie allerdings soll dies die zweite Nacht in Folge werden, in der sie nur unruhig schläft.
Der nächste Tag ist Abreisetag.
Während wir uns auf dem Weg nach Lyon befinden, denke ich daran, wie ich vor wenigen Stunden noch die Weite des Meeres gesehen habe und wie die Wellen an meine Beine gespült sind. Jetzt rauscht unter uns wieder der Asphalt hinweg.
In Lyon kommen wir erst an, als es bereits dunkel ist. Das Ufer der Rhône ist von matten Lichtkugeln umrahmt. Wir parken den Wagen in einer kleinen Seitenstraße und flanieren an einem Buchladen vorbei, in dem zwei ältere Herren über irgendetwas eine heitere Debatte führen. Von den Baumkronen über uns baumeln bunte Lampignons, eine alte Frau mit Kopftuch schiebt einen quietschenden Einkaufswagen, prall gefüllt mit Toilettenpapier, über die Straße; entweder sie hat eine sehr große Familie oder etwas falsches gegessen und nun eine von mehreren unangenehmen Nächten vor sich.
 
 
Wir spazieren mitten über einen prächtigen Boulevard und anschließend mit langsamen Schritten über die Brücke, die uns an das andere Ufer der Rhône führt. Unter uns fährt ein Vergnügungsschiff vorbei, auf dem ältere Menschen zu Barjazz tanzen. Dies ist eine jener Nächte, die viel zu perfekt sind, um wahr sein zu können, denke ich, werde aber kurz darauf eines besseren belehrt, als wir uns wieder auf die Suche nach einem Hotel, dem letzten unserer Reise, begeben. Es wird immer später, und wir wollen bloß noch schlafen. Kurz wäge ich die Option ab, es sich unter der Brücke bequem zu machen, da finden wir schließlich doch noch eine Bleibe.
Noch während auf unserem Zimmer der Wasserkocher vor sich hinschnurrt, damit wir einen letzten Mitternachtsbeuteltee trinken können, schlafen wir ein.
 

 
Der finale Tag unserer Reise besteht aus viel Asphalt, einer Raststätte, einem Wespenstich und dem Gepäck voller Schmutzwäsche und Erinnerungen. Deutschland erwartet uns mit einem Wetterphänomen: Als ich, zurück in unserer Wohnung, mit den Händen in den Hosentaschen an der Balkontür stehe wie in der Provence am Meer, betrachte ich eine gewaltige Wolke über dem Haus, in der alle zwei, drei Sekunden ein Blitz aufzuckt. Die Waschtrommel hinter mir dreht sich unermüdlich. In meinem Kalender steht für den folgenden Tag dick angestrichen: Schulbeginn! Ich höre ihre tapsenden Schritte hinter mir über den Boden huschen, drehe mich um und sehe sie nackt im Türrahmen stehen. „Ich dusche“, sagt sie und sieht mich fragend mit ihren Rehaugen an. Dann verschwindet sie mit einem Augenaufschlag im Bad.
Ich schmunzle. Alles wieder beim alten, und doch fühlt es sich so unverbraucht an, geht es mir durch den Sinn. Und: Blitze in einer einzigen Wolke habe ich noch nie so gesehen.
Zurückkehren ist immer auch wie Ankommen im eigenen, wirklichen Leben. Wie neu anfangen. Im Hintergrund erklingt Musik von Kings of Convenience, und ich höre sie dazu summen, und in dem Moment habe ich das untrügliche Gefühl, nach einer langen Reise – tatsächlich – endlich angekommen zu sein.

 

Mittwoch, 18. Juli 2012

Warning sign

                                                                              (Der Song zum Blog)

Als ich sie letztes Jahr nach langer Zeit wieder traf, verlief unser Wiedersehen derart holprig, dass ich hätte vorgewarnt sein sollen. Sie selber sah das offenbar anders: Am Ende unserer Begegnung fragte sie mich, ob wir uns mal wieder treffen wollten, sie sei demnächst für eine Weile in Köln, um Theater zu spielen. Mein Bauchgefühl sagte: „Nein.“ Mein Mund sagte: „Ja“, meinte aber eigentlich „Nein“, und es wäre besser gewesen, es dabei zu belassen. Als wir Nummern austauschten, wunderte ich mich, dass sie meine Telefonnummer noch besaß, nach all der Zeit. Dann verabschiedeten wir uns und damit war die Sache für mich vergessen.
Die folgenden Monate dachte ich keine Sekunde mehr an die Begegnung. Warum auch? E. hatte mein Leben nur kurz gestreift. Sie war der flüchtige Augenblick gewesen, von dem man nach ein paar Jahren zumindest in Erwägung zieht, dass man ihn bloß geträumt hat.
Kennengelernt hatte ich sie im Haus meines Agenten. Wir betranken uns, sie erzählte endlos von ihren Schauspielengagements (die es zu diesem Zeitpunkt nie gegeben hat), ich schrieb ihr ein Gedicht, von dem ich behauptete, es in diesem Augenblick verfasst zu haben (in Wahrheit hatte es schon Jahre lang in meiner Schublade gelegen). Diese kleinen Schwindeleien waren Ausdruck dafür, wie ähnlich wir beide diesen Abend einschätzten: als eine Begegnung, die nicht auf etwas Langfristiges aus war. Dererlei Aufeinandertreffen gab es zwischen uns in den folgenden Wochen noch ein paar Mal, aber sehr schnell zeigte sich, dass wir absolut gar nichts gemein hatten und in derart unterschiedlichen Welten lebten, dass sogar ein Tête-à-tête bald seinen Reiz verlor. Es hatte zwischen uns mit Lügen begonnen und mit Lügen ging es auch weiter, einfach weil wir uns nicht die Mühe machten, auch nur so zu tun, als seien wir ernsthaft als Mensch aneinander interessiert. Sie schien zudem krampfhaft darauf bedacht, die Rolle, in der sie sich gefiel, perfekt zu spielen. Irgendwann strengte mich das so sehr an, dass ich sie schließlich durchs Casting fallen ließ, nach dem Motto: Melden Sie sich nicht bei uns! Wir melden uns bei Ihnen.
Etwa vier Monate nach unserem Wiedersehen, meldete sie sich dann aber doch per SMS bei mir. Sie sei jetzt in Düsseldorf und wie mein Plan für Sonntagabend aussehe. Ihrer sah offenbar vor, mich ihrem Theaterstück auszusetzen, um anschließend gemeinsam essen zu gehen. Ich sagte zu. Warum eigentlich nicht?, dachte ich, worauf mein Hirn mir dutzende Gründe runterratterte, die gegen ein Treffen sprachen. Es ging nicht um Gefühle oder etwas derartiges; über den Punkt war ich mit ihr längst hinaus (wenn wir überhaupt jemals dort angekommen waren). Vielmehr ahnte ich, dass wir uns einfach nichts zu sagen hatten. Ich sah uns schon voreinander sitzen, darum bemüht so zu tun, als sei man tatsächlich am Leben des Anderen interessiert. Die gemeinsame Vergangenheit war derart unbedeutend, dass die Erinnerungen daran kaum die Vorspeise überstehen würden.
Trotz meiner Bedenken, verabredete ich mich mit ihr für den kommenden Sonntagabend. So schlimm kann es schon nicht werden, dachte ich.
Ich hatte ja keine Ahnung.
Die erste Verabredung musste sie allerdings kurzfristig verschieben. Die zweite konnte ich nicht einhalten. Alleine, dass wir das Treffen vor uns herschoben, hätte Zeichen genug sein müssen für den Widerwillen in uns.
Aber schließlich gab es keine Ausreden mehr. Nach einer Verabredung mit meinen Freunden Julia und Manuel in Würselen, setzte ich mich in den Wagen und fuhr nach Düsseldorf. Das Theaterstück hatte ich erfolgreich umgehen können. Ich nahm mir für das Essen jedoch vor, meine Bedenken beiseite zu legen und mich gegebenenfalls sogar positiv überraschen zu lassen.
Die erste Überraschung erwartete mich allerdings bereits auf dem Weg zu ihr: Die Autobahn nach Düsseldorf war teilweise gesperrt, ich musste ausweichen, hatte aber keine Ahnung, wolang es jetzt ging. Mein Navi wollte mich immer wieder auf die Autobahn zurückschicken, und so war bald klar, dass ich nicht pünktlich sein würde. E. zeigte Verständnis und schrieb mir, dass sie schon auf dem Weg zum Restaurant sei, um dort auf mich zu warten. Hey, vielleicht hatte ich mich tatsächlich in ihr getäuscht und sie war mittlerweile viel entspannter als früher.
Fünf Minuten später schrieb sie mir, wo ich denn bliebe, sie habe Hunger und werde sich schon mal eine Suppe bestellen. Währenddessen kämpfte ich mit der unverständlichsten Umleitung, der ich je ausgesetzt war, und versuchte parallel, den richtigen Weg nach Düsseldorf und zu ihrer Besänftigung zu finden.
Düsseldorf erreichte ich schließlich. Bei E. befand ich mich allerdings in einer Sackgasse.
Nachdem ich endlich einen Parkplatz gefunden hatte, musste ich mich einen halben Kilometer via Handy durch die Straßenschluchten der verbotenen Stadt leiten lassen. Mittlerweile hatte E. ihre Schlagzahl deutlich erhöht und schickte mir jede halbe Minute eine Nachricht, wo ich denn verdammt nochmal bliebe. Gerade als ich ihr erklären wollte, dass ich mich verdammt nochmal auf dem Weg befände, tat mein Akku das, was auch ich in dem Augenblick hätte tun sollen und verabschiedete sich. Entgeistert blieb ich stehen. Ich hatte keine Ahnung, wo ich war und wohin ich musste. Mir blieb also bloß noch, zum Auto zurückzukehren, um mithilfe des Navigationsgeräts den Weg noch einmal neu aufzurollen. Leider hatte ich die ganze Zeit jedoch starr auf die Wegbeschreibung meines Handys geblickt und mir nicht gemerkt, woher ich überhaupt gekommen war. Wo zum Teufel war das Auto?
Habe ich erwähnt, dass es mittlerweile zu regnen begonnen hatte?
Durch meinen Kopf dröhnte ein epochales „SCHEISSE!“ Alles sprach gegen dieses Treffen. Aber wahrscheinlich war E. mittlerweile sowieso wutentbrannt abgedüst. Ich glaube kaum, dass sie je auf einen Mann warten musste.
Aber das war für mich in dem Augenblick zweitrangig: Es galt zunächst, das Auto wiederzufinden. Nach zwanzig Minuten des ziellosen Herumirrens, wähnte ich mich schon die Nacht in irgendeinem kalten Hausflur verbringend, als ich – wie auch immer – plötzlich in die Straße gelangte, in der das Auto stand. Regennass, aber glücklich, fuhr ich auf direktem Weg zum Restaurant. Das verfügte übrigens über einen eigenen Parkplatz, ein kleines, aber nicht unwichtiges Detail, das E. mir verschwiegen hatte …
Ich sah sie bereits von draußen. Sie saß an einem der hinteren Tische, mit einem Getränk und einer Suppenschale. Das gelbe Licht der Hängelampe über ihr warf einen Schatten auf ihr Gesicht. Nun meldete sich mein schlechtes Gewissen doch. Welche Umstände auch immer zu meiner Verspätung geführt hatten, es gibt schöneres, als eine Dreiviertel Stunde allein an einem Restauranttisch zu sitzen und dem Kellner zweimal sagen zu müssen, dass die Verabredung gleich noch kommt. Mit entschuldigendem Blick ging ich auf sie zu und bat sie gleich um Verzeihung: „Da war dieser riesige Bär, der mich überfallen hat, und ich konnte gerade noch davon kommen, weil ich mich an die Klauen eines Adlers herangehängt habe …“, sagte ich scherzhaft. E. schien jedoch nicht zu Witzen aufgelegt. Sie bedachte mich mit einem verständnislosen Blick und sagte: „Alles gut, alles gut, alles gut“, so zackig hintereinander weg wie ein japanischer Koch mit seinem Messer umgeht. Während ich mich ihr gegenüber setzte, wurde mir klar, dass der Abend ganz genau so ablaufen würde, wie ich es erwartet hatte: laaaaaang, humorbefreit und einseitig. Es würde einer dieser Abende werden, an dem ich der Motor der Unterhaltung sein musste, damit wir nicht schweigend voreinander saßen, und das hieß: es würde anstrengend werden.
Die Vorspeise: Eine leichte Suppe aus Belanglosigkeiten mit einem lockeren Themenschaum.
Ich: „Wie läuft es im Theater?“
Sie: „Sehr gut. Ist jetzt nicht so das anspruchsvolle Stück … Mehr so Boulevard halt … Normalerweise mache ich sowas nicht.“
Ich: „Und wie sind die Kollegen?“
Sie: „Ganz okay. Gibt bessere Schauspieler. Ich bin natürlich Profi genug, um sie mitzuziehen, aber das ist manchmal ganz schön anstrengend für mich. Ich kann deren Texte besser als sie selbst. Der Regisseur ist etwas überfordert, weswegen ich immer wieder das Heft in die Hand nehmen muss.“
Ich: „Solange es dem Publikum gefällt …“
Sie: „Das Theater ist immer voll. Letztens hatte ich einen mit Dauerhusten. Da habe ich unterbrochen und gewartet, bis er so gütig war, den Saal zu verlassen. So ein Idiot! Zum Glück bin ich eine ziemlich gute Komödiantin und habe das gleich wieder aufgefangen. Die Crew hat sich schon bei den Proben über mich kaputt gelacht …“
Ich (denke): „Kann ich mir vorstellen.“
Ich (sage): „Ich hätte es gerne gesehen.“
Sie: „ … Aber ich habe eine Kollegin, die ständig etwas auszusetzen hat, an allem. Boah, das ist so anstrengend.“
Daraufhin folgte eine etwa zehnminütige Ausführung darüber, was E. an ihrer Kollegin auszusetzen hatte, und es war eine Menge. Kurz überlegte ich, ob E. eine gespaltene Persönlichkeit besaß und über sich selber redete (was nicht ungewöhnlich gewesen wäre – in den ersten dreißig Sekunden hatte sie das Wort „Ich“ siebenmal gebracht). Über eine Kollegin herzuziehen, ist ein skurriler Einstieg für eine Unterhaltung mit jemandem, den man seit Ewigkeiten nicht gesehen hat (die kurze Begegnung vor ein paar Monaten mal ausgenommen). Die Vorspeise war damit doch ziemlich versalzen.
Der Hauptgang: Einseitige Konversation – medium – auf einer Sauce Gähnaise garniert mit einem Beilagensalat aus selbstgefälligen Antworten und Desinteresse.
Ich: „Was hast du gemacht die letzten Jahre?“
Sie: „Boah, total viel.“
Ich: „Und was?“
Sie: „Schauspieljobs.“
Ich: „Ah!“
Ich nahm eine Gabel Spaghetti und kaute sehr lange darauf herum. Zum bestimmt vierten Mal seit meinem Eintreffen warf ich einen flüchtigen Blick auf die Uhr an der Wand.
Dann:
Ich: „Zum … Beispiel?“
Sie: „Na ja, viele Movies und Episodenhauptrollen. Prime Time. Cobra 11, Rosamunde Pilcher …“
Ich: „Könntest du dir vorstellen, auch mal eine tägliche Serie zu drehen?“
Sie: „Nein, überhaupt nicht. Die Drehbücher haben nicht mein gewohntes Niveau. Außerdem drehen sie da ja zwischen 25 und 45 Minuten Material am Tag. Nein, das ist zu viel. Ich könnte mich ja gar nicht richtig auf jede einzelne Szene konzentrieren. Als Schauspieler musst du doch Zeit zum Atmen haben …“
Ich (atmend): „Also, ich habe dort sehr viel gelernt. Und die Atmosphäre in solch einem Team ist super. Wie in einem Feriencamp.“
Sie: „Dafür brauche ich aber keine Daily. Und ich verbreite eigentlich überall gute Laune.“
Ich stopfte mir eine weitere Gabel Spaghetti in den Mund, um nichts erwidern zu müssen, lächelte sie dabei an und kaute wieder seeeehr lange.
So ging das eine ganze, ganze, GANZE laaaaaange Weile. E. hatte viel zu erzählen über sich, über ihr Talent, ihre Einzigartigkeit. Aber selbst dabei wirkte sie so routiniert und gelangweilt, als würde sie gerade die 300. Vorstellung des ewig gleichen Stücks liefern. Bei all den bedeutenden Geschichten aus ihrem aufregenden Leben, war es natürlich verständlich, dass sie keine Zeit mehr fand, sich mit den Belanglosigkeiten meines erbärmlichen Daseins zu beschäftigen. Vielleicht war das ihre Rache für mein Zuspätkommen, aber für so clever hielt ich sie dann doch nicht.
Als unsere Teller abgeräumt wurden, war ich den ganzen Fragenkatalog plus Notfallfragen für schwierige Fälle durch und fühlte mich wie von einer Dampfwalze überrollt. Ich wollte bloß noch weg.
„Eine Frage …“, meinte sie schließlich. Ich wurde hellhörig. Konnte es sein, dass jetzt, nach 75 Minuten tatsächlich der Moment gekommen war, in dem sie auch endlich mal etwas von MIR wissen wollte?
Tatsächlich:
Sie: „Willst du noch ein Dessert?“
Ich (innerlich): „Neeeeeeeein!“
Ich (äußerlich): „Och, ich bin eigentlich recht voll. Du?“
Sie: „Wollen wir uns eins teilen?“
Ich (innerlich): „Neeeeeeein!“
Ich (äußerlich): „Okay.“
Wieder dröhnte dieses epochale „SCHEISSE!“ durch meine Gedanken. Da war ich mit dem Kopf schon vom Schafott gerutscht, und nun das.
Dessert: Eisiges Schweigen umhüllt von einer Kruste aus Fluchtreflex.
E. bestellte Pfannkuchen mit Vanilleeis.
Sie: „Ich mag das Restaurant. Ich könnte den ganzen Abend hier sitzen.“
Ich: „Die schließen wahrscheinlich gleich. Wärst du mal pünktlich gewesen.“
Ich schmunzelte, aber E. bedachte mich mit einem kurzen kühlen Blick, der wie ein Messerstich wirkte. Ich glaube, sie hätte in diesem Augenblick Lust gehabt, mich ganz langsam zu erwürgen. Genau das war der Moment, in dem ich Spaß daran bekam, den vermaledeiten Abend mit Ironie enden zu lassen, allerdings befürchtete ich, dass ihre Unfähigkeit zur Selbstironie jede Möglichkeit dazu aufgesaugt hatte. Oh Gott, warum dauerte das mit dem Dessert so lange? Und warum hatte ich nicht auf mein Bauchgefühl gehört und alle Warnsignale übersehen?
Als die Pfannkuchen endlich vor uns lagen, hoffte ich, dass E. dem Leiden schnell ein Ende machte. Bedauerlicherweise hatte sie jedoch zu ihrem Lieblingsthema zurückgefunden. Während sie also ausgiebig über sich redete, führte sie alle paar Minuten ein kleines Fitzelstück des Pfannkuchens an ihren Mund, hielt inne und redete weiter. Nervös wippte ich mit einem Fuß hin und her. Selbst wenn ich wollte, ich könnte ihren Monolog nicht widergeben: Ich hörte gar nicht mehr richtig zu, nickte hier und da verständnisvoll, sagte „Ach“, wenn sie etwas mit großen Augen erzählte und versuchte unbemerkt, sehr große Stücke von dem Pfannkuchen auf meine Gabel zu pieksen. Ich hatte überhaupt keinen Hunger mehr, im Gegenteil: Ich war übermäßig voll. Aber ich musste hier raus, also zwang ich mir das Zeug rein.
Ihr pikierter Blick auf den bald darauf leeren Teller verriet mir, dass sie mich für einen gefräßigen Egoisten hielt. Ich war der gefräßige Egoist, der zu spät kam, blöde Witze riss und in einer täglichen Serie mitgespielt hatte. Damit durfte ich wohl auf ihrer Liste der begehrenswerten Männer mittlerweile einen verdienten letzten Platz erreicht haben.
Als sie ihre Theateraufführung beendet hatte und die Rechnung gebracht wurde, kam ihre zweite und letzte Frage an mich: „Darf ich zahlen?“
Eigentlich hatte ich geplant, das Essen zu übernehmen, quasi als Lehrgeld. Aber nun wäre das so gewesen, als würde ein Folteropfer für seine Qualen auch noch Geld hinlegen. Also sagte ich: „Wirklich?“ und schob ihr die Rechnung hin. Dann fügte ich an: „Dankeschön! Das nächste Mal zahl aber ich“, in der wohligen Gewissheit, dass es kein „nächstes Mal“ geben würde.
Nach einer Ewigkeit seit meinem Eintreffen traten wir wieder an die Freiheit, und ich – ihr Publikum – war bloß noch froh, das Theater hinter mir zu haben. Es war zwar das erwartete Ein-Frau-Stück gewesen, aber ich hatte mir wenigstens etwas mehr Unterhaltung erhofft.
Der Absacker: Ein Magenbitter.
Zum Abschied nahmen wir uns kurz in den Arm.
Sie: „War schön, mit Dir zu plaudern.“
Ich: „Ja, es war wirklich interessant …“
Sie: „Ich liebe es, Geschichten anderer Menschen zu hören. Als Schauspielerin sauge ich das förmlich auf.“
Ich: „Ich fühl mich auch schon total leer.“
Dann ging E. zu ihrem Porsche, öffnete die Fahrertür, drehte sich zu mir und sagte: „Ich hoffe, wir sehen uns bald mal wieder.“
„Würde mich freuen“, antwortete ich.
Und das waren dann die letzten Lügen zwischen ihr und mir.

Dienstag, 26. Juni 2012

The day I turned into a ghost

                                         (Der Song zum Blog)


Ich stehe zwischen zwei Supermarktregalen, gefüllt mit Desserts und Hipp-Gläsern. Im Hintergrund läuft der hippe Hit einer hippen Künstlerin, die ich nicht kenne, was wohl der Beweis dafür ist, wie wenig hipp ich selber bin. Irgendwo habe ich mal gehört, dass die Hintergrundmusik in Supermärkten nach dem Takt des Herzschlags ausgewählt wird, um den Kunden auf diese Weise ein wohliges Gefühl zu vermitteln und so für mehr Umsatz zu sorgen. Wenn es wirklich danach ginge, müssten sie allerdings in diesem Augenblick die Drum’n Bass Nummer „Fasten your seatbelts“ von Pendulum spielen: Mein Herz schlägt mit 180 Beats pro Minute. Ich bin die zwei Kilometer hierher in Rekordzeit gerannt, weil es kurz vor Ladenschluss und mir auf einmal eingefallen ist, dass ich für den kommenden Abend noch etwas besorgen wollte und am nächsten Tag keine Zeit mehr dafür sein wird.
Ich spreche eine etwa Anfang Zwanzigjährige Mitarbeiterin des Supermarkts auf ein Dessert an, weil ich es nicht ausfindig machen kann. Ihre krauseligen dunklen Haare springen ihr ins Gesicht. Der süßliche Duft ihres Parfums verklebt mir gleich meine Nasenscheidewand. Jemand sollte ihr sagen, dass es wesentlich preiswerter ist, in ganz normalem Wasser zu baden anstelle dafür eimerweise Parfum zu benutzen, wobei dieses eigentlich ziemlich preiswert riecht.
Sie führt mich zu einem Regal, holt zwei verschiedene Packungen hervor und fragt: „Single- oder Doppelpack?“
Sie sieht mich an, als hätte sie mir gerade die Eine-Million-Euro-Frage gestellt. Ich merke, wie ich einen Augenblick zögere. Der Publikumsjoker bringt in diesem Fall wohl nichts. Der 50/50-Joker ergibt noch viel weniger Sinn.
Anrufen fällt auch weg. Da ist niemand.
Meine Antwort lautet: „Single.“
Die Frage nach „Single“ oder „Doppelpack“ stellt sich im wahren Leben auch tagtäglich: Singles warten darauf, endlich wieder zum erlesenen Club der turtelnden Pärchen zu gehören, während Pärchen, die das Turteln hinter sich gelassen haben, nach einer gewissen Zeit die Vorteile des Alleinseins entdecken.
Everything must change.
Ich schreibe seit sechs Jahren auf einem Notebook, das mittlerweile bloß noch hochfährt, wenn ich mich vorher mit beiden Händen auf seine Tastatur stütze und ihm eine Her(t)zmassage verpasse. Die Kunststoffverkleidung, die den Monitor umrahmt, ist an einer Seite abgesplittert und der Lüfter schnauft in einer Tour durch. Ich weiß, dass eine Trennung unvermeidlich ist, aber irgendwie hänge ich an dem alten Kasten. Ihm habe ich so vieles anvertraut. Er alleine kennt die ersten, unlesbaren Versionen meiner Romane; die sehnsuchtsvollen Zeilen, die ich Allie geschrieben habe, ohne sie je abzuschicken. Vor Kurzem brachte Apple nun das neue Macbook Pro heraus, ein schickes Teil mit hoher Auflösung, enorm viel Power, einer 1a-Verarbeitung und diesem „Haben wollen“-Gefühl. Andererseits ist mir die Applesekte nicht sonderlich sympathisch. Soll ich mit dieser Firma wirklich eine (Geschäfts)-Beziehung eingehen? Wenn Apple-Geräte auch viel Gigahertz besitzen, bleiben sie für mich doch seelenlos. Es ist wohl in dem Bereich genauso wie mit allem: Wir wollen immer das, was wir nicht haben. Und wenn wir es haben, wollen wir etwas anderes.
Zwei meiner Freunde haben sich kürzlich nach langjähriger Beziehung getrennt. Das Ende einer Beziehung wird auch immer als ein „kleiner Tod“ bezeichnet, aber anders als wir es in jeder vierten Todesanzeige lesen, kommt der letzte Atemzug einer Liebe selten „plötzlich und unerwartet“. Begraben kann man die ganze Sache aber trotzdem.
Als ich acht Jahre alt war, verliebte ich mich in die Tochter meiner Lehrerin. Sie war göttlich. Sie war wunderschön. Sie war ein Jahr älter. Sie war das erste Mädchen, das mir mein Herz brach.
Nach dieser alles verändernden Abweisung, gründete ich einen Club, den „Club der gebrochenen Herzen“. Ich fand eine etwas versteckte Feuerstelle im Park, wo die Treffen mit anderen gebrochenen Herzen stattfinden sollten, um einander Trost zu spenden, auf die doofen Mädchen zu schimpfen und sich mit Limonade die Kante zu geben. Ich sandte den Termin für das erste Treffen via Flüsterpost durch die Schule, immer mit dem Hinweis, dass Mädchen streng verboten seien. Ich war mir sicher, Anführer einer Revolution zu sein, ohne zu wissen, was das überhaupt ist.
Als ich zum verabredeten Zeitpunkt zur Feuerstelle kam, wartete ich zwei Stunden vergeblich auf jemanden. Immer wieder, wenn es hinter einem Gebüsch raschelte, sah ich auf, aber es waren nur Vögel, Hasen und Mäuse, die mir Gesellschaft leisteten, und die waren nie alleine. Konnte es wirklich sein, dass ich der einzige Grundschüler mit einem gebrochenen Herzen war? Enttäuscht vergrub ich die Hände in den Taschen meiner himmelblauen Leinenhose und wollte schon abziehen, als ein Mädchen aus meiner Parallelklasse auftauchte (ich glaube, sie hieß Lina) und mich mit leiser Stimme fragte, ob dies der Club sei. Ich hatte zwar ausdrücklich gesagt, keine Mädchen dabei haben zu wollen, aber bei der Auslese blieb mir kaum eine Wahl, also bejahte ich und wir setzten uns nebeneinander, wo wir erst einmal eine Ewigkeit schwiegen, bis sie ein Butterbrot hervor holte und mir eine Hälfte anbot. Das war in der Top 2 der schönsten Dinge, die ich je von einem Mädchen bekommen hatte, die respektable Nummer Zwei.
Der Kuss am Ende des Treffens war die Nummer Eins.
Als wir uns voneinander verabschiedeten war ich bis über beide Ohren in sie verliebt, weswegen ich den „Club der gebrochenen Herzen“ für aufgelöst erklärte.
Es ist Montagabend. Ich bin zweiunddreißig und schon wieder Schüler. Der Unterricht ist vorbei und ich treffe mich mit L. (Initialie vom Autoren geändert). Sie hat mir ein paar Tage zuvor vier nüchterne Zeilen per Whatsapp geschickt: „Wir haben es beendet.“ Das Ende ihrer Beziehung mit K. (Initialie vom Autoren geändert) bedauerte ich zwar, aber es überraschte mich nicht. Seit vielen Monaten hatte es immer wieder Spannungen gegeben, die zu Frustrationen, die zu unzähligen Gesprächen, die zum Stillstand und nun zum Ende geführt hatten. Was die beiden jedoch besser beherrschen als die meisten anderen, ist sich bereits jetzt gewiss zu sein, einander nicht verlieren zu wollen. Zwischen ihnen gibt es kein böses Blut, keinen Betrug, bloß ein paar kleine Vorwürfe, die im Laufe der Zeit in die Erkenntnis umschlagen werden, es eben doch zu fünfzig Prozent selber in den Sand gesetzt zu haben. Liebe ist Arbeit, heißt es so schön. Aber wenn sich eine Beziehung wie Arbeit anfühlt, sprich: anstrengend wird, verwechseln die meisten diese Widrigkeiten mit dem Ende der gemeinsamen Möglichkeiten. L. und K. haben an ihrer Beziehung gearbeitet bis zur Erschöpfung; die Kündigung war logische Konsequenz.
Meine Beziehungen waren bisher zum größten Teil sauber auseinander gegangen. Wenn ich spürte, dass trotz aller Versuche meine Gefühle nicht mehr reichten, beendete ich die Sache von Angesicht zu Angesicht. Ich halte nichts von Emails und Chatnachrichten, um als Paar miteinander zu kommunizieren. Gefühle aufzuschreiben kann Dir selbst Erkenntnis bringen, nie aber dem Empfänger der Nachricht, der in jeden Satz drei mögliche Subtexte interpretiert, weil ihm zur Sprache der dazugehörige Ausdruck fehlt. Als ich die Beziehung mit J. beendete, sprach ich ganz ruhig mit ihr. Es wurde nicht das große Drama späterer Enden. Wir waren beide noch sehr jung und hatten uns innerlich wahrscheinlich schon lange Zeit darauf vorbereitet, nicht der letzte Partner im Leben des Anderen gewesen zu sein.
So war es mit N. nicht. Fast sieben Jahre meines Lebens habe ich an ihrer Seite verbracht, und ich bereue nicht einen Tag. Wenn es jemanden gibt, der die Sache in den Sand gesetzt hat, dann bin ich das, da ich damals einfach noch nicht bereit war, mein Leben vollkommen zu verändern. Ich bin mir sicher, sie hat die meiste Zeit gespürt, dass es eigentlich vernünftig war, einen Schlussstrich zu ziehen, aber wenn Gefühle im Spiel sind, schaltet die Ratio aus, und das ist auch gut so. An dem Tag, an dem es mit uns zu Ende ging, saßen wir zusammen im Auto, diskutierten über unsere verzwickte Lage, bis ich sagte: „Ja, aber … Was machen wir denn jetzt?“ Daraufhin brachen wir beide in Tränen aus, weil wir genau wussten: Es gab keinen anderen Weg mehr für uns, als diesen einen direkt nach Hause, um es dort zu beenden.
Danach begann für mich eine Zeit, in der ich den „Club der gebrochenen Herzen“ das ein oder andere Mal wieder gebraucht hätte. Eine Frau kam wie ein Sturm in mein Leben, wirbelte alles durcheinander und hinterließ nichts als Zerstörung. Eine Andere wandte sich von mir ab, als sie merkte, dass sie sich mehr in die Vorstellung von mir als in mich selbst verliebt hatte. Sie brauchte mich nicht mehr. Oder anders gesagt: Als unsere Beziehung anfing, Arbeit zu werden, suchte sie sich einen anderen Job und verschwand. Ich fühlte mich weggegeben und ausgetauscht wie ein alter Laptop, der bloß noch lästig ist.
Aber das ist lange her. Heute, da ich keine Gefühle mehr für sie hege, kommen mir diese Frauen manchmal wie eine Geschichte vor, die mir jemand erzählt hat und an die ich mich bloß noch in Teilen erinnere. Ich würde sie gerne wiedersehen, um herauszufinden, ob wir einander noch erkennen, oder ob sie bloß der schönste Irrtum meines Lebens gewesen sind.
Ich sitze L. in einem Thai-Restaurant mit neongrellem Licht gegenüber. Sie hat mir alles erzählt, die quälenden Details eines letzten Aufbäumens, bevor beide sich eingestehen müssen, dass sie nicht miteinander alt werden. Nach ihren Ausführungen möchte ich gerne etwas Kluges sagen, aber mir fällt absolut nichts ein. Obwohl ich genau weiß, wie sich ein gebrochenes Herz anfühlt, kenne ich nichts, was zur Heilung beiträgt. Meiner Erfahrung nach, gibt es auch kein Mittel – letztendlich muss man immer alleine dadurch. Also schweige ich.
Während wir beide da sitzen, geknickt wie Trauernde, geht mir durch den Kopf, dass wir wohl alle immer wieder zwischen zwei Supermarktregalen stehen und Entscheidungen treffen müssen. Möglicherweise hinkt der Vergleich; wenn wir erst einmal ein gebrochenes Herz haben, hilft sowieso kein „Alles Liebe“-Tee oder die Limonade aus dem Grundschulautomaten. Aber Sie kennen doch diesen Augenblick, in dem sich mit einem Mal der ehemals vertraute Ort fremd anfühlt, oder? Den dumpfen Schmerz in der Brust. Den Knacks. Niemand wächst auf ohne dieses Gefühl.
Willkommen im Club!