Montag, 19. Dezember 2011

River

(http://www.youtube.com/watch?v=QPCJxVCcWtk)

Wenn du ein Kind bist, baust du dir zum ersten Mal deine eigene überschaubare Welt zusammen: Du lässt Stofftiere sprechen, fliegst als tollkühner Held auf dem Rücken eines Drachen, spielst deine Lieblingsfilme nach, singst zur Musik aus dem CD-Player. Du schaffst diese Welt, um außerhalb der Regeln deiner Eltern etwas zu haben, das nur dir gehört. Dein Kinderzimmer wird zur Kammer deiner Geheimnisse. Als ich acht Jahre alt war, stellte ich meine Stofftiere und Master-Figuren in einer Reihe auf, vebeugte mich vor ihnen und fing an zu tanzen. Ich drehte mich im Kreis und ahmte die eleganten Bewegungen der Tänzer nach, die ich in dem Schwarz-Weiß-Kasten meiner Eltern gesehen hatte. Aber auch außerhalb der Wohnung gab es Orte, die ich zu meinen machte. Im Sommer fuhr ich mit meinen Freunden oft zu einem See am Rande der Stadt. Wenn wir wieder nach Hause radelten, kamen wir immer an dem Eiswagen im Park vorbei. Wir kauften uns zwei Bällchen für eine Mark und stellten unsere Räder dann an einem weiten Weizenfeld ab, um über den wellenartig schwingenden Ähren die langsam untergehende Sonne zu betrachten. Das war jedes Mal ein Naturschauspiel, dem wir uns nicht entziehen konnten. Wir blieben, bis das Eishörnchen aufgegessen war; oft länger als es unsere Eltern erlaubt hatten. An diesen Abenden sprachen wir meist über Mädchen oder Filme oder über Filme, die wir mit Mädchen zusammen sehen wollten. Einer meiner Freunde verkündete, dass er etwas über das Babys-machen herausgefunden habe und dass wir alle einer großangelegten Lüge aufgesessen seien. Ein anderer warf die Frage in die Runde, welches Mädchen jeder Einzelne heiraten wollte und wie der Antrag zu vollziehen sei. Nun gut, ich gebe zu: dieser „Andere“ war ich. Jeder von uns nannte einen Namen. Dass jemand nie heiraten würde, dieser Gedanke war in dem Alter völlig abwegig. „Wie wirst du sie fragen?“, wandte sich einer meiner Freunde an mich. Ich sah in die rote Sonne am Horizont. Die Luft roch nach verbranntem Holz. Über diese Frage musste ich nicht nachdenken. Mit acht Jahren hatte ich bereits eine ziemlich konkrete Vorstellung, wie mein Leben als sogenannter Erwachsener aussehen sollte.
Dreiundzwanzig Jahre später stehe ich an der gleichen Stelle. Der Sommer ist vorbei, in ein paar Tagen ist kalendarischer Winteranfang, aber schon jetzt ist es kalt wie im tiefsten Novosibirsk. Es riecht nach Schnee. In der vergangenen Nacht hat sich ein Mantel über die Stadt gelegt, der an unbetretenen Stellen weiß ist, auf Straßen jedoch nur noch ein brauner Matsch. Mein kleines rotes Fahrrad mit der Sieben-Gang-Schaltung wurde mittlerweile durch ein Auto ersetzt, das bloß sechs Gänge zu bieten hat und ein paar Meter hinter mir am Straßenrand steht. Immer wieder rauschen gleißende Scheinwerfer in meinem Rücken an mir vorbei, aber ich richte meinen Blick geradeaus. Die Sonne ist nicht zu sehen, sie hat sich hinter einer Mauer aus Wolken versteckt.
Ich denke daran, was in diesem Jahr alles passiert ist. An die Veränderungen, die Weiterentwicklungen, daran, wie eben doch immer alles anders kommt, als man denkt. Wenn eine Plattitüde wahr ist, dann diese. Ich habe ein paar sehr gute Entscheidungen getroffen in diesem Jahr, bin an mir selbst gewachsen, bin gescheitert und Irrtümern aufgesessen, habe also das durchschnittliche Jahr eines Zweiunddreißigjährigen hinter mir. Ich sehe meinen Atem neblig im Nichts verschwinden. Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen, und meine Gedanken kehren zurück zu den Monaten, die mich hierher geführt haben. Das ist schön, und es tut noch einmal weh.
Eine der besten Entscheidungen war jene für die Abendschule. Auch wenn es hart ist, nach den vielen Jahren noch einmal zurückzukehren, alles aufzuarbeiten, vor allem in Fächern, die mir damals überhaupt nicht lagen: es hat sich jetzt schon gelohnt. Sämtliche zehn Klausuren, die wir in den ersten beiden Semestern bisher geschrieben haben, konnte ich mit Eins abschließen. In Deutsch und Englisch stehe ich Eins Plus. Wer jetzt glaubt, dass es auf dem zweiten Bildungsweg leichter ist, gute Noten zu schreiben, dem nenne ich folgende Zahlen: 3,67. 3,54. 3,52. 3,65. Und das sind nur vier von zehn Klausur-Durchschnittsnoten der gesamten Klasse. Mein schulischer Erfolg zeigt jedoch weder, wie wahnsinnig intelligent ich bin, noch macht er einen besseren Menschen aus mir. Aber er beweist mir selbst, dass die Straße, die ich in „Alles geht vorbei“ besinge, noch längst nicht leer ist. Und dass ich ein widerlicher Streber bin. Princeton, ich komme!
Wenn ich an mein 2011 denke, erinnere ich mich aber vor allem an die Veränderung, die in mir stattgefunden hat. Nicht, dass ich ein komplett anderer Mensch geworden bin. Im Gegenteil: Ich habe das Gefühl, nach einer langen Zeit endlich wieder der zu sein, der ich bin. (Was immer das genau bedeuten mag.) Aber: Bin ich der, der ich als neunjähriger Junge werden wollte?
Ich denke an einen nasskalten Traumsommer. An Bücher in der Hängematte, bis es dunkel wird und die Grillen zirpen. Ich denke an den Tanz über den Dächern von Paris – oh, wie sehr ich mich nach Paris sehne – und an Wein in den Bergen der Provence. An das Meer; ich bekam nicht genug vom Meer. Ich denke an Nachtmärkte, an die Konzerte von Take That und Herbert Grönemeyer. An die Hochzeit von N. und die Geburt von M. Ich sehe Columbus, der den Höhnern, Howard Carpendale und Jürgen Domian begegnet ist, aber immer noch nach Indien sucht. Ich denke – wie jedesmal, wenn ein Jahr sich dem Ende neigt – an meinen Vater. An die flackernden Lichter auf dem Friedhof, die an magische Abende einer Kindheit erinnern und an einem Ort der Verstorbenen das Leben symbolisieren. Ich denke an meine Überraschungsfahrt nach Trier, wo ich mitten in der Nacht vor der Tür eines Studentenwohnheims stand. Ich denke an Abschied. An Menschen, die ich für immer verloren habe, obgleich sie immer noch quicklebendig und fröhlich durch die Welt spazieren. Aber auch an neue Freunde. An „Midnight in Paris“ und daran, wie weit der Film uns davon getragen hat. Ich denke an so viele Dinge, die ich gar nicht alle auflisten kann.
Ich denke an sie. Ich denke viel zu oft an sie.
Ich hülle mich tiefer in meinen Mantel, ziehe die Schultern hoch, wie jemand, der von rein gar nichts eine Ahnung hat (was ja nicht sein kann; ich meine, hey: zehn Klausuren, alle Eins, okay!?) und verharre so. Die Luft legt sich wie ein dünner eisiger Filter auf meine Wangen.
Wenn du dich nicht bewegst, spürst du die Kälte irgendwann nicht mehr.
Ich erinnere mich.
Ihr Name klingt dumpf, als ich ihn ausrufe. Sie steht mit dem Rücken zu mir. Ich erkenne sie zuerst an ihrem Mantel. Als sie sich zu mir umdreht, scheint sich inmitten all der umher irrenden Menschen ein Vakuum um uns zu legen. So hat alles angefangen. Und so wird es heute enden.
Sie hatte mir eine Nachricht geschrieben. Sie sei heute in der Stadt, nur an diesem Tag, sie würde mich gerne sehen. Ich hatte mit S. zusammen gesessen, der sich in einer Beziehung gefangen sieht, die er nicht will oder doch, er weiß es selber nicht genau. Mein Handy hatte geklingelt. Ihre Nachricht hatte mich völlig aus dem Konzept gebracht. Kurz vor ihrem Abflug hatte ich die Ausfahrt Richtung Düsseldorfer Flughafen genommen, weil ich sie sehen wollte. Weil ich nicht feige sein wollte und längst nicht alles gesagt war.
Sie sieht mich an, als hätte sie gewusst, dass ich komme. Sie scheint mich besser zu kennen als so manche Frau, in deren Leben ich mich weitaus länger verirrt habe. „Wann fliegst du?“, frage ich sie, als wir direkt voreinander stehen, zwischen uns die Kluft tausender Möglichkeiten. Ich verspüre den Drang, sie in den Arm zu nehmen und sie festzuhalten, bis ihr Flugzeug abgeflogen ist, oder länger. Aber in der gleichen Sekunde finde ich mich zum kotzen für diesen selbstsüchtigen Gedanken.
„In einer Stunde“, sagt sie. Ich verstehe sie kaum. Ihre Stimme klingt noch zerbrechlicher als sonst.
„Nein, ich meine … Du weißt …“
Sie senkt für einen Moment den Blick, so als würde sie abwägen, ob sie mir einen Kuss geben und mich einfach stehen lassen sollte. Sie scheint auf einmal Zweifel zu haben, ob es richtig war, mir eine Nachricht zu schicken.
„In drei Tagen“, sagt sie.
Ich nicke. Wäre ich ehrlich, würde ich jetzt seufzend mit dem Kopf schütteln. „Und wie lange bleibst du?“
„Ich weiß noch nicht. Ein paar Monate.“
„Okay“, sage ich und meine: „Scheiße!“
Ich würde ihr gerne so viele Dinge sagen, so viel von dem offenbaren, was ich wirklich empfinde. Aber ich tue das, was wir alle immer wieder machen: Ich wäge ab und komme zu dem Entschluss, dass es besser ist, die Wahrheit für mich zu behalten. Was würde es auch bringen? Sie und ich haben uns zum schlechtestmöglichen Zeitpunkt kennengelernt.
„Ich wünschte, es wäre alles anders gelaufen“, sage ich und überrasche mich selber damit.
„Ich auch.“ Ein flüchtiges Lächeln verirrt sich in ihrem Gesicht. Vielleicht geht ihr durch den Kopf, dass sie mich besser nie kennengelernt hätte. „Hör mal, der Grund, warum ich dich nochmal sehen wollte …“ Sie macht ein paar Schritte auf mich zu. „Ich bin dir nicht böse. Im Gegenteil: Ich bin dir dankbar, dass du immer ehrlich zu mir warst. Du hast nie mit mir gespielt, aus irgendwelchen egoistischen Gründen.“
Ich beiße die Zähne aufeinander. Wenn sie wüsste, wie kurz davor ich bin, etwas verdammt egoistisches zu tun.
„Ich bin noch nicht soweit“, sage ich.
„Ich weiß“, fügt sie schnell an; sie will es nicht noch einmal hören. Dann schultert sie ihre Reisetasche. Verständlich: Ich würde jetzt auch am liebsten vor mir flüchten. Sie tritt ganz nah an mich heran und umarmt mich. Als ich sie vorsichtig an mich heranziehe, merke ich, wie sie zittert und wie sie ihre Nase hochzieht und sich durchs Gesicht wischt. Oh Mann, ich bin ein sicherer Anwärter für den Titel „Vollidiot des Jahres“.
Ein wenig löst sie sich von mir, gibt mir einen Kuss, der leicht verunglückt zwischen Oberlippe und Nase landet, und legt eine Hand an meine Wange. „Hey, wer weiß … Vielleicht ändert sich schon bald alles“, flüstere ich. „Vielleicht wache ich morgen früh auf und …“
Sie legt mir einen Zeigefinger auf die Lippen. „Herrgott, mach den Augenblick jetzt nicht kaputt.“
„Ich? Ich finde, das hat dein halbgarer Kuss gerade schon erledigt.“
Wir lachen einander an. Der erste entspannte Augenblick zwischen uns beiden seit langem.
Als sie den Gang hinunter geht, läuft im Hintergrund leise Joni Mitchells Song „River“. Ich sehe ihr nach, bis sie hinter den Sicherheitskontrollen verschwunden ist, und gehe erst, als das Lied zu Ende ist.
Zwei Wochen später lernte ich X kennen.
Ein Autohupen lässt mich aus meinen Gedanken aufschrecken. Drei Jugendliche mit Nikolausmützen fahren johlend vorbei. Als ich mit meinem Blick ihrem Weg folge, sehe ich nicht weit entfernt eine Bushaltestelle. Ein Plakat hinter ihrer Glaswand wird vom Licht der Straßenlaterne getroffen, Werbung für eine Tanzschule. Ein Dachs in einem schwarz-weiß-gestreiften Smoking tanzt darauf mit einer Dachsdame. Ich kann nicht anders, ich muss lächeln und den Kopf schütteln und mich wundern. Es gab eine Zeit, in der ich kurze Geschichten über einen Dachs geschrieben habe, aber das ist lange her. Erstaunlich, wie oft so ein Leben aus Zufällen besteht. „Herr Dachs“, sage ich erstaunt, als wäre ich einem alten Freund begegnet. „Da sind Sie ja wieder. Wie geht es Ihnen? Und Fräulein Dachs? Und dem Igel, dem Maulwurf, dem Hasen, dem Wildschwein und dem Biber? Ach, der sitzt in seinem Jacuuuuuzzzzzi …“ Ich lache und komme mir überhaupt nicht bescheuert vor. Und dann mache ich etwas, das ich seit Ewigkeiten nicht getan habe: Ich schließe die Augen, breite die Arme aus und beginne zu tanzen. Mitten im dichten Schnee. Ich stelle mir die eleganten Tänzer im Schwarzweiß-Fernseher meiner Eltern vor, in ihren Fracks und mit den pomadierten Haaren. In meinen Gedanken erklingt "River" von Joni Mitchell. Könnte ich mich von außen betrachten, ich würde mich wohl für absolut gaga halten, aber hier sieht mich niemand. Keine Menschenseele. Und selbst wenn: In diesem selbstvergessenen Augenblick ist es mir egal. Ich tanze nicht für die Menschen, die in ihren Autos rauschend meinen Weg passieren. Ich ignoriere das Mädchen an der Haltestelle, die sich wahrscheinlich in ihre Fäustlinge lacht und dabei denkt, wie besoffen man sein muss, um so etwas zu tun. Ich tanze nicht für X oder für meine Familie oder meine Freunde.
Ich tanze nur für mich.

Montag, 5. Dezember 2011

Deeper Underground

(Achtung, Achtung: Dieser Blog enthält explizite Ausdrücke mit f, b und S. Sollten Sie empfindlich gegenüber jeglichem Schweinkram sein, empfehle ich, diesen Blog nicht zu lesen. Sollten Sie sich Lusterweiterung erhoffen, gilt das Gleiche! LG, Ihr Robin Futt.)


Das wohlige Gefühl der Vorweihnachtszeit hat mich ergriffen: Meine Wohnung ist in mattes Kerzenlicht getaucht, es riecht immer noch nach den selbstgebackenen Plätzchen vom Sonntag, meine Balkonfenster haben mittels künstlichem Schnee Sprossen erhalten und im Fernseher knistert ein Kaminfeuer die Behaglichkeit einer einsamen Berghütte in den Raum. Die erste Tasse Glühwein ist auch schon getrunken, und zwar mit meinem Studienkollegen Richard, mit dem ich gemeinsam die Straße hinab schlendere, berieselt von Bing Crosbys „White Christmas“, als mir plötzlich ein Laden in den Blick fällt. „Lass uns dahin, das wird lustig“, sage ich, und Richard nickt grinsend. Wenn noch etwas fehlt zur endgültigen Weihnachtsstimmung, dann ist es ein Besuch im Sexshop.
Sexshops verkaufen zwar alles für den Lustbedarf, präsentieren sich selber jedoch derart abtörnend, dass man sie eigentlich nur aus Jux betreten kann. Im Eingangsbereich begrüßt uns ein Schild mit dem Hinweis auf samstägige Pärchenabende im Kinobereich. Allerdings verraten die gar nicht, welcher Film laufen soll, und ich kaufe ungern die Katze im Sack, also schließe ich einen Besuch aus. Im Schaufenster hängt ein Schild auf dem steht: „Suchen junge, flexible Mitarbeiterin …“, was im Zusammenhang mit einem Sexshop alles mögliche heißen kann. Kurz überlege ich, ob ich mich für den Job einer Geschlechtsumwandlung unterziehen soll, aber so flexibel bin ich dann doch nicht.
Drinnen erwartet uns als erstes eine Wand mit Sexmagazinen. Ich hatte ja keine Ahnung, dass es so viele Hefte zu ein und dem selben Thema geben kann. Viel interessanter sind allerdings die Filme und ihre Titel und Inhaltsangaben. Sie sind der Grund, weswegen ich mich hierher gewagt habe und das Risiko eingehe, dass eine der Kundin mich erkennt und quer durch den Laden ruft: „Ey, Uschi, da steht Christian Wunderlich. Bei den Lederpeitschen.“ Der Verkäufer hinter dem Tresen lächelt uns wissend an; wir scheinen nicht die ersten zu sein, die sich aus reiner Belustigung hierher verirren.
Um die Pornotitel zu lesen, muss man leider auch ihre Szenenbilder in Kauf nehmen, was bisweilen traumatisch sein kann, wenn es zu Filmen kommt wie „Geile Omas – Ficken statt Stricken“ oder „Schwanger und schon wieder geil“. Dabei ist es vollkommen Latte … ähm, egal, welchen Titel der Film trägt: Die Fotos sind immer die gleichen. Passend zum 6. Dezember finde ich zum Beispiel einen Film mit dem festlichen Titel „Spritzgebäck vom Fickolaus“, auf dem ein Darsteller eine junge Frau mit seiner Rute bestraft. Da Richard für die Bundeswehr arbeitet, interessiert er sich für den Film „Im Gleichfick Arsch“, auf dessen DVD-Cover eine Frau im Tarnanzug von einem Mann mit einem Farn auf dem Kopf begattet wird. Für die Freunde der gepflegten Literatur gibt es Analogien (Analogien, nicht Analorgien) wie „Die Reise zum G-Punkt der Elke“ und „Moby Fick – im Arsch des Pottwals“. Auch Kinofreunde kommen hier auf ihre Kosten mit den Epen „Das Wunder von Bernd“ und „Der mit dem Wolfschwanz“.
Schließlich entdecke ich die VHS-Kassette (!) einer Zeichentrickporno-Sammlung (!!). Ähm … Ernsthaft? Wie verzweifelt muss man sein, sich beim Gangbang von Schneewittchen und den sieben Zwergen zu befriedigen? Auf der Kassette findet sich unter anderem der Film „Robin Futt“, der in seiner Inhaltsangabe mit einem gar drolligen Vers beschrieben wird: Wer bumst dich in den siebten Himmel? Es ist der Robin mit seinem Pimmel.“ Also, bei aller Liebe, wer davon geil wird hat ein ernsthaftes Problem.
Im nächsten Bereich stoße ich auf eine … finde ich eine Plastikausgabe von Dolly Buster vor, eine jener Pornodarstellerinnen, bei denen ich mich immer gefragt habe, wer diese aufgeblasenen … aufgepumpten Lippen/Brüste/Wangenknochen wirklich schön findet. Ich stelle mir vor, wie viele notgeile Typen mit dieser Figur bereits ein Foto gemacht haben, um es geifernd ihren Freunden zu zeigen. Dann schüttle ich den Kopf und mache ein Foto.
In der nächsten Abteilung stehen wir vor einem Regal mit Dildos und Vibratoren in allen Größen und Formen. Es gibt die verspielte Version in Gestalt eines Regenwurms, Delfins, Maulwurfs. Es gibt dicke, dünne, kleine, große, sehr große und welche in Elefantengröße, die aussehen wie Baseballschläger. Welche Frau soll sich damit pfählen? Jene, die schon zweimal Drillinge bekommen hat und nun schon wieder im 9. Monat ist? Stichwort: „Schwanger und schon wieder geil.“
Regelrecht erniedrigend für die Spezies Mann wird es im Bereich „Gummipuppen“. Was für ein Anblick, wenn Mutti früher vom Mädelsabend nach Hause kommt und Vatti im Wohnzimmer erwischt, wie er die Plastikversion von Pamela Anderson beglückt, er zuerst die Lust verliert, bevor Plastik-Pam die Luft verliert. Mir machen diese Puppen eher Angst, mit ihren starren Augen und den weit aufgerissenen Mündern. Da lockt mich schon eher der BH aus jenen Bonbons an, die X so liebt. Kurz überlege ich, ob ich ihn ihr mitnehmen soll. Allerdings kann sie ihn sich ja schlecht selber vom Körper knabbern, und ich müsste schon bis zur Besinnungslosigkeit betrunken sein, um mir einen BH anzuziehen. Dafür sind meine Brüste sowieso zu klein. Ist auch gar nicht meine Farbe. Aus der gleichen Kollektion gibt es zwar ebenfalls einen Herrenstring, aber der ist für’n Arsch.
Vielleicht also doch lieber die rosa Plüschhandschellen? Oder die Peitsche mit den Nägeln? Aber das tut doch weh. Ach so … Das soll es ja auch … Die Lust am Schmerz kann ich jedoch nicht so ganz teilen. Letztens zerbrach mir in meiner Hand ein Glas, und eine Scherbe schnitt sich tief in meinen Finger. Es brannte und blutete. Geil wurde ich davon nicht. Ist also auch nicht meine Richtung. Für den geselligen Spieleabend unter Freunden gibt es Spiele wie „Rausch der Sinne“ oder „Extremes Verlangen“, wobei das erste nach einem Drogen-Wettkampf klingt und das zweite nach meinem immer stärker werdenden Empfinden: dem extremen Verlangen, den Laden zu verlassen. Für heute habe ich genug Öffnungen und Penetrationswerkzeuge gesehen.
Wir schlendern Richtung Ausgang. Vorbei an Regalen mit „Enlargement Pills“, die „für mehr Penispower“ sorgen sollen und gleich neben den „Liebestropfen“ stehen, irgendein Wundermittel, das erstaunliches verspricht: Ein paar Tropfen ins Getränk der Person deines Herzens und innerhalb von Minuten soll sie derart rattig auf dich werden, dass sie ihre Finger nicht von dir lassen kann. Und das für nur 14.99 Euro. Da kommt dich ein Besuch im Pascha sicher deutlich teurer zu stehen. Blöd nur, wenn du die Gläser vertauschst und dir statt Scarlett Johansson plötzlich Johann Scarletsson hinterher steigt. Wahrscheinlicher ist jedoch eh, dass in den Fläschchen bloß Brausewasser ist. Wie auch immer: Die Methode ist mir zu unsicher, also stell ich auch dieses Produkt schweren Herzen wieder zurück an seinen Platz. So ganz nebenbei bin ich vielleicht altmodisch, aber mir ist es dann doch lieber, die Frau geht aus voller Überzeugung mit mir ins Bett, nicht weil ich sie mittels Überzuckerung gefügig gemacht habe. Mit dem besten Sex verhält es sich im Grunde wie mit Weihnachten: Es ist ein Geben und Nehmen. Fragen Sie Robin Futt.