Montag, 28. November 2011

Circle of Life

(http://www.youtube.com/watch?v=o8ZnCT14nRc)

Mit 15 tat ich etwas, weil es einfach jeder machte. Nein, ich ging nicht in den Puff. Ich besuchte die Tanzschule. In einem Alter, in dem einem der Einlass in Clubs verwehrt wird (es sei denn, du hast einen gefälschten Ausweis), begnügten meine Freunde und ich uns damit, Samstagabends zur Disco in der Tanzschule zu gehen. Sonntags gabs Nachmittagstanz mit Bingo. Da konnte man sich schon mal ansehen, was einen sechzig Jahre später im Altersheim erwartet.

Die 1990er waren die Jahre des Dancepop. 1994 war Helmut Kohl noch Bundeskanzler, der Mauerfall bloß eine Handvoll Jahre alt, Internet und Handy waren Fremdwörter, und in der Mode wie im Fernsehen begann der Trend, zu kopieren statt zu kreieren. Die Disco in der Tanzschule endete jedesmal zu einer Zeit, zu der ein solcher Abend eigentlich erst beginnt: um 23 Uhr. Danach warteten draußen manchmal irgendwelche Italiener, für die wir schmächtigen Teenies dankbare Opfer waren. Ich konnte allerdings verhindern, dass sie mich verkloppten; sie riefen mir höchstens mal Dinge wie „Spasti“ oder „Schlumpf“ zu, aber so nannten sie jeden, deswegen nahm ich das kaum zur Kenntnis.

Die vier Stunden am Samstagabend, zwischen 19 und 23 Uhr, waren am Wochenende das Highlight für meine Freunde und mich. Wir zogen uns coole Klamotten an (zumindest wenn man Hosen, die sonst als Zelt gebraucht wurden, und knatschgrüne Pullover für cool hält), stylten unsere Haare zu coolen Frisuren und ließen uns von unseren Eltern bis an die Straßenecke ein paar Häuser weiter fahren, wo wir ausstiegen, um den Rest zu laufen, weil von seinen Eltern gebracht zu werden alles andere als cool war. Auch wenn ich nie in ein Mädchen aus der Tanzschule verknallt war: Die Aussicht darauf, dem anderen Geschlecht bei einem Engtanz näher zu kommen, war verlockend, und keine sollte denken, ich sei noch ein kleiner Junge. Das ist das Problem der Teenager: Sie versuchen so verzweifelt erwachsen zu wirken und erreichen dadurch nur umso mehr das Gegenteil.

Bei schummrigem Licht, einem Glas Cola, Salzstangen und Songs von Bon Jovi und Ace of Base, saßen meine Freunde und ich an unserem Tisch und warteten darauf, dass der erste sich traute, zu einem Mädchen zu gehen. Irgendwann kamen wir immer an den Punkt, an dem wir losten, und meistens verlor ich, was in dem Fall bedeutete: Ich musste ran. Eigentlich war das aber nur von Vorteil, denn wenn man zu lange wartete, kam irgendwann genau das Mädchen, mit dem du auf keinen Fall tanzen wolltest. Die, die dich schon die ganze Zeit angestiert hat. Die mit dem schlechten Atem. In dem dunklen Ambiente konnte man einiges übertünchen – Pickel, miese Klamotten, falsche Körperhaltung –, aber ich war nicht in der Lage, über die Länge eines Boyz-2-Men-Songs die Luft anzuhalten.

Es gab ein Mädchen in dem Kurs, die sich ganz offensichtlich in mich verknallt hatte. Das war zu einer Zeit, als in den Kinos Brad Pitt durch „Legenden der Leidenschaft“ zum Weltstar avancierte und jedes Mädchen auf ihn stand. Auch sie schwärmte mir von ihm vor, während wir zusammen an einem Tisch saßen, und ich nickte bloß, tat interessiert und fragte mich, wer zur Hölle dieser Bad Pritt sei. Irgendwann realisierte ich, dass sie mir bloß von dem Film erzählte, um irgendwie einen galanten Übergang zu finden auf die Frage, ob ich mit ihr ins Kino gehen wolle. Da ich nicht auf sie stand und ihr keine falschen Hoffnungen machen wollte, versuchte ich diesen Moment hinauszuzögern. Bevor sie mich jedoch fragen konnte, trat die mit dem schlechten Atem an unseren Tisch und bat mich um einen Tanz. Noch nie hatte ich mich so sehr auf dreieinhalb Minuten Unheil gefreut. Ich sagte dem Mädchen, das auf mich stand, ich käme gleich wieder, und tanzte mit dem Mädchen, das auf mir stand. Wiege – Cha Cha Cha. Wiege – Cha Cha Cha. Bei der Wiege trat sie mir jedesmal auf meinen linken Fuß, weswegen ich nach der letzten Wiege die Biege machte. Nicht, dass ich der legitime Nachfolger von Fred Astaire bin. Mein Prinzip war es, keines der Mädchen zu verletzen, was in diesem Bereich das Maximum meiner Fähigkeiten darstellte.

Am Ende des Kurses fand der Abschlussball in der Kölner Flora statt. Kaum eine Jugenderinnerung ist wohl derart präsent: Die Aufregung, das Schickmachen, die Ankunft, erste Fotos, die Mädchen in ihren Kleidern. Mich verbindet mit diesem Abend vor allem das Lied „Circle of Life“ von Elton John. „Der König der Löwen“ – noch ein Film dieser Zeit – war der Kinohit des Jahres, und während meine Freunde und ich uns vor dem Spiegel herausputzten, lief dieses Lied im CD-Spieler. Ist schon erstaunlich, wie Dinge rückblickend eine Bedeutung bekommen, die bloß durch einen Zufall entstanden sind. Gott, bin ich dankbar, dass wir damals nicht Dr. Alban gehört haben.

Meine Freunde und ich kamen uns vor wie kleine Gentlemen mit unseren gegelten Haaren und den schlecht sitzenden Anzügen. Ich trug eine bordeauxrote Fliege um den Hals, die mich wahrscheinlich aussehen ließ wie ein Bratpfannenverkäufer im Einkaufszentrum, und eine Pre-Harry-Potter-Brille mit runden Gläsern und einer schwarzen Fassung. Meine Schuhe glänzten mehr als ich beim Eröffnungstanz, aber ich hatte eine Partnerin, die auf mein mittelmäßiges Talent eingestellt war. Meine Freunde und ich gossen uns heimlich den Sekt für die Erwachsenen in den Orangensaft und waren bereits nach einem Glas angeschickert. Ich glaube, wir haben in unserer Ahnungslosigkeit aus Versehen zum Wodka gegriffen.

Irgendwann kam die, die was von mir wollte (und deren Namen ich längst vergessen habe), zu mir an den Tisch. Wir unterhielten uns eine Weile, bis sie schließlich die eine Frage herausbrachte: „Willst du mit mir gehen? Ins Kino meine ich …“

„Klar“, sagte ich ohne nachzudenken und wusste im gleichen Augenblick, dass dieses Treffen nie stattfinden würde und dass ich ein Arsch war. Sie hinzuhalten war nicht fair. Aber es herrschte eine gute Stimmung, sie war nett, ich war angetrunken und wollte ihr diesen Abend nicht versauen. Okay, in Wahrheit wollte ich wohl eher mir selbst den Abend nicht versauen, aber das kam in diesem Fall aufs Gleiche hinaus.

Kurz darauf fasste ich mir beim Sonntagsbingo dann allerdings doch ein Herz und sagte ihr, so freundlich, unaufgeregt und ehrlich wie möglich, dass ich nicht in sie verliebt sei und dass ich sie das wissen lassen wollte, um keine falschen Erwartungen zu erwecken. Vielleicht zum ersten Mal innerhalb meiner Zeit als Teenager tat ich nicht nur, als sei ich erwachsen, sondern verhielt mich auch entsprechend. Allerdings wurde mir bewusst, als sie mit gesenktem Kopf vor mir saß, dass ich mein Versprechen, keines der Mädchen zu verletzen, in diesem Augenblick gebrochen hatte.

Und das war dann auch das Ende meiner Tanzkarriere: Nach dem Silberkurs verließ ich die Tanzschule.

Ich habe die Zeit in bester Erinnerung, weil sie mir mit ihren verstauchten Füßen und gebrochenen Herzen ein Wegweiser war, der bis heute Bestand hat: Die richtigen Schritte zu machen. Die Führung im Tanz mit dem Schicksal zu übernehmen. Und im Leben wie in der Liebe den passenden Rhythmus zu finden.

Dienstag, 1. November 2011

Fix you


Ich bin kurz davor, die Luft zu verlieren. Es ist nicht kalt, es ist nicht warm, mein Empfinden ist taub. Ich schwimme. Weiß, ich muss an die Oberfläche gelangen, weiß nicht, wo sie ist, wo ich bin. Wo sie ist. Wer ich bin. Ich lasse mich tiefer sinken.
Unter Wasser bewegt sich alles in Zeitlupe.
Mein Blick ist milchig trübe, ich erkenne höchstens noch Schatten und Umrisse. Es hat mich getroffen, die Wunde ist tief, meine Kraft schwindet. Irgendetwas zieht mich runter. Bin zu schwach, um zu kämpfen. Kann Zeit tatsächlich heilen? Ich schließe die Augen und lasse mich treiben. Es scheint keine Alternative zu geben.
Ich öffne die Augen. Mit der Stille ist es vorbei: Hinter der Hecke gegenüber hat sich eine große Zigeunerfamilie versammelt, um zu picknicken. Das kenne ich schon. Eigentlich finde ich es gut, wenn Leute unerschrocken einem Ort wie diesem begegnen, aber das Durcheinanderrufen halte ich in diesem Augenblick dann doch für unangebracht. Wir sind hier schließlich nicht bei einer Auktion sondern auf dem Friedhof.
Mein Blick senkt sich auf den schlichten schwarzen Stein hinab, der in die Erde gelassen ist. Das Grab ist von vertrockneten Kastanienblättern bevölkert. Überhaupt ist heute auf dem gesamten Friedhof ziemlich viel los; „Allerheiligen“ ist der Tag des schlechten Gewissens, wenn Leute sich daran erinnern, dass da ja noch jemand liegt, der ihnen etwas bedeutet. Was solls, der hat ja Zeit ohne Ende. Um ehrlich zu sein, gehöre ich auch zu denen, die eher selten das Grab ihres nahen Verstorbenen besuchen. Dieser Ort hat einfach nichts mit ihm zu tun. Meine Erinnerung bietet mir einen so viel näheren Platz bei ihm. Aber ich mag Friedhöfe. Sie sind in der Hektik der Großstadt eine Oase, zu der ich mich hin und wieder zurückziehe, um zu lesen, spazieren zu gehen und zu schreiben. Einige Seiten meines Romans, ein paar Artikel für meinen Blog, sowie Briefe an T. sind hier entstanden. Hier ist es so still wie nirgendwo sonst in der Stadt. Es ist, als würden alle Außengeräusche von der Friedhofsmauer abgeblockt. Ein Friedhof bietet einen Fixpunkt, an dem man trauern kann, nicht nur um Verstorbene, auch um alte Lieben, um geplatzte Träume, um alles, was wir verlieren können.
Ich fahre oft an dem Krankenhaus vorbei, in dem er verstorben ist.
Es ist ein grauer, viereckiger Kasten. Hinter den Fensterscheiben sieht man weiße Gardinen, eine weiße Tapete, einen kleinen Röhrenfernseher von der Decke baumeln. Ein furchtbarer Gedanke, dass er seine letzten Tage an solch einem trüben Ort verbringen musste.
Vor dem Krankenhaus befindet sich eine Miniaturgrünfläche mit einer Sitzbank. Dieses Mal fahre ich nicht vorbei. Ich parke den Wagen hinter einer Baustelle, setze mich auf die Bank und starre auf die Eingangstür zum Krankenhaus. Manchmal werfe ich einen Blick auf meine Armbanduhr, so als würde ich darauf warten, dass er durch die Tür wieder hinaus kommt. Die Sonne scheint mir ins Gesicht; ich glaube, sie ist warm. Was kann ich tun, außer bleiben? Die Zeit würde Wunden am besten heilen, wenn sie sich zurückdrehen ließe.
Mit ein paar Handgriffen befreie ich den Grabstein von Blättern, Stielen und Ästen, tausche danach die alten verwelkten Rosen gegen neue aus. Dabei reiße ich mir an einem Dorn die dünne Haut zwischen Zeige- und Mittelfinger auf. Es blutet sofort und brennt. Provisorisch wickle ich ein Stück Taschentuch drum herum. Die Luft ist klar, aber nicht kalt. Ein traumhafter Herbst nach einem unterdurchschnittlichen Sommer, jedenfalls was die Temperatur angeht.
Als ich mich wieder aufrecht vor das Grab stelle, spüre ich, wie mir kurz die Luft wegbleibt. Die Zigeuner packen Klappstühle aus. Es ist zu befürchten, dass sie jeden Moment einen Grill aufstellen, also werfe ich einen letzten Blick zurück zu der Stelle, die bloß Symbol ist für die riesige Lücke, die er hinterlassen hat, und gehe noch ein Stück durch die Alleen.
Es dämmert bereits. Auf der Hauptstraße sind die Massen unterwegs, also spaziere ich durch die leereren und weitaus schöneren Nebengassen. Dieser Friedhof ist eine eigene Stadt und seine Mitbewohner die einzigen, unter denen nie ein Nachbarschaftsstreit ausbricht. Ich laufe vorbei am Kinderfriedhof, dessen Gräber mit Teddybären und Windrädern geschmückt sind, gehe unter Tannen her, die so dicht beieinander stehen, dass unter ihnen die Nacht bereits ausgebrochen ist. An „Allerheiligen“ ist der Friedhof ein noch wundersamerer Ort, da an keinem anderen Tag derart viele Lichter aufgestellt sind. Überall flackern Kerzen und Fackeln, ein Lichtermeer, das die Traurigkeit dieses Ortes mit Lebendigkeit überschwemmt.
Und ich schwimme. Ein Gefühl kehrt zurück, zuallererst in meine Hände, die sofort anfangen, sich durch das Wasser zu graben und sich so dem Gewicht an meinen Füßen entgegenstemmen. Für einen Augenblick schwebe ich auf der Stelle. Gerade möchte ich mich an diesen Zustand gewöhnen – es geht weder vorwärts noch zurück –, als mein Brustkorb sich aufbläht. Ich brauche dringend Luft zum Atmen. Meine Hände graben sich stärker ins Wasser. Sie schieben sich durch die Massen wie durch Menschenleiber, drängen sie beiseite mit aller Kraft.
Und dann … bewege ich mich. Aufwärts.
Die Krankenhaustür geht auf. Ich zucke zusammen, mein Herz schlägt mit voller Wucht gegen meinen Brustkorb. Eine junge Frau schiebt eine ältere Dame im Rollstuhl durch den Ausgang hinaus, sagt etwas zu ihr, dann verschwinden die beiden um die Ecke. Ich starre auf die Tür, die sich knatternd wieder schließt. Dies ist der letzte Ort, wo er lag - nicht sein Grab -, und ich scheine immer noch zu glauben, dass er irgendwo da drinnen ist. Ich scheine immer noch auf jene Hoffnung zu setzen, die zuletzt stirbt.
Ich lehne mich in die Bank zurück. Nicht weit entfernt läuten Kirchenglocken.
Wie Schnee liegen die Blätter auf dem Boden, und inmitten ihres Raschelns nehme ich plötzlich ganz leise Querflötenmusik. wahr. Ihre Sirenenklänge locken mich an, bis ich schließlich zu einer kleinen Kapelle gelange. Einen Augenblick stehe ich einfach unter einem der Fenster und lausche der Musik.
Wie können Wunden, die überhaupt nicht mehr zu sehen sind, immer noch weh tun?
Ich betrete die Kapelle. Vorne steht eine junge Frau mit langen braunen Haaren. Aber sie spielt gar nicht Flöte, wie ich zunächst gedacht hatte, sondern Klarinette. Schmunzelnd senke ich den Kopf. Der Friedhof scheint für mich heute auch ein Ort zu sein, an dem ich ein Klavier nicht von einem Schlagzeug unterscheiden kann.
Ein paar Minuten bleibe ich. An den Wänden hängen Totenmasken. Es sieht aus, als würden die Geister dieses Orts einen Blick durch die Mauern werfen. Irgendwer um mich herum scheint zwei Tonnen Knoblauch gegessen zu haben; mir weht ein Geruch entgegen wie in einer griechischen Großküche.
Nach ein paar Minuten nutze ich den Applaus für die Klarinettistin, um mich leise hinauszustehlen. In den vergangenen fünfzehn Minuten hat sich eine bilderbuchmäßige Abendschwärze über die Stadt gelegt, zwischen den dürren Ästen blätterloser Baumkronen glitzern der sichelförmige Mond und die ersten Sterne. Die flackernden Fackeln und Kerzen wirken im Dunkeln wie ihr Spiegelbild auf tosender See.
Als ich in meiner Manteltasche nach einem Taschentuch greifen will, spüre ich einen Stich zwischen Zeige- und Mittelfinger. Ich sehe nach der Wunde. Sie hat längst aufgehört zu bluten.
Man sieht nur noch einen kleinen Schnitt.
Ich kraule mich nach oben, bis ich schließlich durch die Wasseroberfläche stoße.
Ich stehe von der Parkbank auf, werfe einen letzten Blick hoch zu dem Fenster, hinter dem er lag.
Ich trete durch das Friedhofstor nach draußen.
Ich atme tief durch.
Wenn du jemanden für immer verlierst, heißt das nicht, dass du für immer verloren bist.
Es ist Zeit, zu gehen. Wunden werden heilen. Manchmal bleibt eine Narbe, die ich zwischendurch immer wieder spüre. Die mich daran erinnert, dass mein Leben weitergeht. Dass Dinge wieder gut werden können, oder wenigstens okay. Und dass es sich immer lohnt, um den einen Atemzug zu kämpfen, der mich zurück ins Leben bringt.
Du fehlst.