Montag, 24. Oktober 2011

Der Telefonmann

(http://www.youtube.com/watch?v=488R2SGldNM)

Letztens erreichte mich eine Nachricht von meiner Ex-Freundin J.: „Die Chinesen nennen dieses Phänomen ‚Ein Sack voller Geld’: Dieses Jahr haben wir vier außergewöhnliche Daten: 1.1.11 / 1.11.11 / 11.1.11 / 11.11.11! Zudem hat der Monat Oktober dieses Jahr 5 Sonntage, 5 Montage und 5 Samstage – Das ist nur alle 823 Jahre der Fall. Wenn Du die letzten beiden Zahlen Deines Geburtsjahres mit dem Alter, welches Du dieses Jahr geworden bist, zusammenzählst, erhältst Du die Zahl 111. Diese Zahl ist dieses Jahr für alle gleich und das bedeutet das Jahr des Geldes!!! Diese Jahre sind hauptsächlich als ‚Besitz von Geld’ bekannt. Dieses chinesische Sprichtwort sagt, dass Du dies 8 guten Freunden weitersagen musst, und das Geld kommt in den nächsten 4 Tagen, wie es durch das Feng-Shui erklärt ist. Diejenigen, die es nicht weiterleiten, erhalten auch kein Geld. Testet das mal – es ist zwar unglaublich, aber warte ab.“

Diese Kettenmail macht mir folgende Dinge deutlich: 1. J. sieht mich als einen von 8 guten Freunden. 2. J. braucht dringend Kohle. 3. Wer auch immer das geschrieben hat, sollte seinen Stil überarbeiten. Das „Alter, welches Du dieses Jahr geworden bist“? Ernsthaft? Ich habe noch nie jemanden gefragt: ‚Hey, wie Alter bist du dieses Jahr eigentlich geworden?’ 4. Anscheinend hat es gewirkt. J. hat sich seitdem nicht mehr gemeldet. Wahrscheinlich sitzt sie schon am Strand ihrer eigenen Insel in der Südsee und freut sich, dass sie so clever war. Kurzzeitig bin ich versucht, die Mail an acht Bankberater weiterzuleiten, um mal zu sehen, was da möglicherweise für mich herausspringt. Und jemand muss umgehend Griechenland informieren! Kettenmails. Natürlich! Dass Angela Merkel darauf noch nicht gekommen ist.

Dabei ist das ein altbekanntes System.

Bereits als Kind kannte ich solche Nachrichten. In einer Zeit, in der das Internet allerdings noch in ferner Zukunft lag, nannte man es KettenBRIEF. (Liebe Jugendliche: Ein Brief ist eine Mail in Papierform. Papier ist ein Produkt, mittels dessen eure Vorfahren sich im Unterricht haben Nachrichten zukommen lassen, also quasi der Vorgänger der SMS.) Oft sagten diese Kettenbriefe sogar den baldigen Tod voraus, wenn man die Nachricht nicht weiterleitete. Ich hab sie trotzdem weggeschmissen, und seitdem hat sich nicht einmal meine Sehstärke sonderlich verschlechtert. Was ausstarb war die Kommunikation per Brief, was traurig genug ist.

Aber es sind nicht nur dererlei Kettenmails, die mir manchmal so richtig gepflegt auf den Nerv gehen. Mittlerweile erhalte ich mehr SMS-Nachrichten von meinem Telefonanbieter als von Freunden (was nichts über den Gehalt meiner Freundschaften aussagt; der Mailverkehr hat sich auf Internetalternativen verlegt). Ständig erhalte ich Informationen über meine aktuelle Punktezahl, die ich im Shop gegen tolle Sachen eintauschen kann, wie eine Luftmatratze oder eine Klobrille mit dem Logo des Telefonanbieters, was nun wirklich für’n Arsch ist. Auch an dem kostenlosen Download des aktuellen Chartkrachers XY habe ich kein Interesse. Und: Nein, ich will auch an keiner Verlosung teilnehmen, zu deren Bedingung es gehört, dem Telefonanbieter meine Daten zur freien Verfügung zu überlassen. Die gehen mit meiner Telefonnummer eh schon viel zu laisse fair um, wie sie mir mit ihren nervigen Nachrichten immer wieder beweisen.

Natürlich gibt es auch jene Nachrichten, die in der Regel den direkten Weg in den Spamordner finden. Von irgendwelchen Medikamenten aus Kanada bis über „Enlarge your penis“-Angebote war alles dabei. Aber was soll ich damit? Meine Medikamente hol ich mir in der Apotheke um die Ecke.

Ich frage mich, welche verschachtelten Wege unsere Daten gehen, die wir im Internet hinterlassen. Wenn ich auf Spiegel Online einen Artikel lese, erscheint rechts ein Banner mit einer Werbung, die genau auf meine Interessen zugeschnitten ist. Woher zum Teufel weiß der Spiegel das? Wo haben die überall ihre Spione? Sowas findet man allerdings heutzutage überall im Netz, bei amazon.de, bei Facebook, überall dort, wo wir unsere Spuren hinterlassen, scheint sich irgendeine schlaue Maschine zu merken, was unsere Interessen sind. Diese Info wird dann weitergeleitet an eine riesige Werbemaschinerie, die uns nun gezielt zum Kauf verlocken kann. Mann, bin ich froh, mein Indiana-Jones-Kostüm im stationären Handel gekauft zu haben. Sonst würde ich überschüttet mit Werbebannern, die mir Lederpeitschen schmackhaft machen wollen.

Aber mal ernsthaft: Wie privat sind wir eigentlich noch in einer Zeit, in der das Öffentlichmachen von Informationen und die ständige Ereichbarkeit zum guten Ton gehören? Manchmal schalte ich mein Handy bewusst für ein paar Stunden aus, um mal nicht permanent verfügbar zu sein, eine Handlung, die so manchen regelrecht zu provozieren scheint. „Ich habe dreimal versucht, dich zu erreichen“, hört man dann vorwurfsvoll und bekommt ein schlechtes Gewissen, so als sei es die Pflicht eines jeden, immer parat zu stehen. Der Luxus des 20. Jahrhunderts fand sich in der immer schnelleren Verfügbarkeit des Menschen. Der Luxus des 21. Jahrhunderts wird darin bestehen, sich eben dieser Verfügbarkeit zu entziehen. Aber das werden die großen Konzerne schon zu verhindern wissen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Apple bei seinem iPhone den Ausschalter abschafft. Das wird die Sensation der nächsten Präsentation, und Steve Jobs sieht von seiner iCloud lächelnd dabei zu.

Ich habe J.’s Kettenmail nicht weitergeleitet und damit in Kauf genommen, weiter ein armer Künstler zu sein, der bei Suppe und Brot in seiner Lehmhütte darbt. Für dieses Schicksal gibt es sicher auch irgendein kluges chinesisches Sprichwort; ich werde mal X in Nanjing fragen, die müsste es wissen. Allerdings schickte ich J. eine Antwort.

Lesen Sie sich bitte noch einmal die Original-Nachricht vom Anfang dieses Blogs durch, bevor Sie sich ansehen, was ich J. darauf entgegnete.

Gelesen? Gut. Hier meine Antwort: „Die geistig Verwirrten nennen dieses Phänomen ‚Ein Hirn voller Luft’: Dieses Jahr haben wir 365 stinknormale Daten: 1.1.11 / 2.1.11 / 3.1.11 / 4.1.11 usw. Zudem hat der Monat Februar dieses Jahr 4 Montage, 4 Dienstage, 4 Mittwoche, 4 Donnerstage, 4 Freitage, 4 Samstage und 4 Sonntage. Außerdem kehren die Dinosaurier auf die Erde zurück – Das ist nur alle 235 Millionen Jahre der Fall. Wenn Du die letzten beiden Zahlen Deines Geburtsjahres mit dem Alter Deiner Urgroßmutter zusammenzählst, Du dabei einen Shake mixt und vergisst, den Mixer mit dem Deckel zu verschließen, erhältst Du irgendeine unerhebliche Zahl und eine gehörig versaute Küche. Dieser Umstand ist dieses Jahr und alle folgenden Jahre für alle gleich, und das bedeutet der Tag des Putzens!!! Diese Tage sind hauptsächlich als ‚Besitz von Putzmitteln’ bekannt. Dieses geistig verwirrte Sprichwort sagt, dass Du dies 1 Mitarbeiter der Geschlossenen weitersagen musst, und die Männer mit der Zwangsjacke kommen in den nächsten 4 Minuten, wie es durch das psychologische Gutachten erklärt ist. Diejenigen, die es nicht weiterleiten, erhalten auch keine Medikamente. Testet das mal – es ist zwar unglaublich, aber warte ab.“ Versenden Sie den Link zu diesem Blog an 8 gute Freunde, dann werden Sie lange leben, reich, weltberühmt, kriegen einen Geschenkkorb, der auf Ihre Wünsche zugeschnitten ist, mit Wurst und Eiern und Honig und Putzmitteln, und zudem erhalten Sie eine Heizdecke, auf dem der ganze Käse noch einmal in Großbuchstaben abgedruckt ist. Posten Sie zu diesem Zweck Ihre Bankdaten öffentlich bei Facebook, dann sind die Sachen schon morgen auf dem Weg zu Ihnen. Sagt ein chinesisches Sprichtwort. Ehrlich! Hey, MIR können Sie doch vertrauen ...

Montag, 17. Oktober 2011

Coming Home

(http://www.youtube.com/watch?v=qe_y10yRsQM)

„Ich weiß einfach nicht weiter.“ Er sieht mich an, als würde er sich von mir die Generallösung für alle seine Probleme erhoffen, aber alles, was ich tun kann ist, seinem Blick standzuhalten und tief durchzuatmen. Keine Ahnung, was ihm das sagen soll. „Ich stecke irgendwie fest“, fährt er fort. „Ich weiß, dass ich etwas verändern müsste, mache es aber nicht.“ Klassiker, denke ich, ohne es auszusprechen. Er ist eben einer von so vielen, die nicht das Leben führen, das sie sich erhofft haben.

Mein guter Freund – nennen wir ihn S. –, der mit beinahe resignierendem Ausdruck auf meinem Sofa sitzt, ist keine Ausnahme. In meiner Generation fällt es mir immer häufiger auf: In einer Zeit, in der wir sind, was wir tun, verbringen wir unglaublich viel Zeit damit, Dinge zu tun, von denen wir glauben, sie tun zu müssen, statt jene, die wir tun wollen. Das ist ne Menge „tun“ in einem Satz für etwas, das uns auf der Stelle treten lässt. In den entscheidenden Momenten handeln wir viel zu oft eindeutig zu wenig, davon kann S. ein Lied singen. Er führt seit Jahren eine Beziehung, die nie von großer Liebe oder überwältigender Leidenschaft geprägt war. Er und seine Freundin haben sich, ohne es auszusprechen, auf einer Ebene miteinander arrangiert, die für WG-Mitglieder beste Vorraussetzungen schafft, mit einer Liebesbeziehung aber nur wenig zu tun hat. Es gab schon unzählige Auseinandersetzungen zwischen den beiden, in denen sie sich werweißwas an den Kopf geworfen haben, und trotzdem hat noch keiner von ihnen gewagt, die Wahrheit auszusprechen. So wie es wirklich ist. Wie kommt es nur, dass wir einander alle möglichen verletzenden Dinge sagen können, ohne mit dem anderen zu reden?

Während er vor mir sitzt, fällt mein Blick an ihm vorbei auf ein Foto. Es steht auf dem Notenständer meines Klaviers, ist teilweise verdeckt von anderen Bildern. Aber ich sehe sie, ihre Haare, ihre Augen, alles, was mir immer noch an ihr vertraut ist. Ich bin ihr schon länger nicht mehr begegnet. Warum steht ihr Foto da?

Ich bin etwas hibbelig. Nach Monaten ist sie heute mal wieder für diesen einen Tag in der Stadt. Ich habe die ganze Zeit an sie gedacht, habe es aber beiseite gewischt und verdrängt, als wäre es nicht wichtig. Aber wenn es wirklich nicht wichtig ist: Warum steht ihr Foto noch auf meinem Notenständer? Der Gedanke an sie ist glasklar, und sie wiederzusehen erscheint mir wie die Eröffnung tausender Möglichkeiten. Aber es ist sinnlos. Was soll ich schon tun? Zu ihr fahren und ihr sagen, dass sie bleiben soll? Das Leben ist kein Hugh-Grant/Julia-Roberts-Film. Zwecklos sich was vorzumachen.

„Ich will eine Frau, die mich leidenschaftlich liebt“, sagt S. „Die mir zeigt, das sie mich will.“ Nach Jahren in einer Beziehung, die ihm nicht geben kann, was er sich wünscht, scheint er nicht mehr zu glauben, dass eine solche Frau existiert. Allerdings trifft ihn die gleiche „Schuld“ wie seine Freundin. Wenn er ihr nicht klarmacht, wie heikel die Situation ist, hat sie auch keine Möglichkeit darauf zu reagieren. Das ist nicht fair, und wenn die beiden irgendwann vor den Scherben ihrer Beziehung stehen, muss er sich den Vorwurf gefallen lassen, warum er ihre Zeit mit jemandem verschwendet hat, der permanent Ausschau nach Alternativen hält. Sie wiederum sieht in ihm keinen gleichberechtigten Partner, was der Tod einer jeden Beziehung ist. Es hat noch nie funktioniert, mit jemandem zusammen zu sein, dem man nicht auf Augenhöhe begegnet. (Höchstens in einer Beziehung mit einem Basketballer, aber das ist ja was anderes.) Von Schuld kann man bei den beiden allerdings gar nicht reden. Ihre Beziehung ist einfach ein Riesenmissverständnis. Irgendwann haben sie halt irgendwie gedacht, man könnte ja mal, weil man doch irgendwas gemeinsam hat … Und schwupps sind drei Jahre vergangen und man hängt immer noch im irgendwann, irgendwie, irgendwas fest, ohne dass die Beziehung eine erkennbare Entwicklung vollzogen hat.

Mitten in meine küchenpsychologischen Ausführungen darüber, dass er Verantwortung trägt für sich selbst, für seine Freundin, für das Sofa, auf dem er sitzt, erreicht mich plötzlich eine SMS. Ich weiß sofort, dass sie von ihr ist. Irgendwie klingelt das Handy anders, wenn sie sich meldet. „Mein Flieger geht um 21:50 Uhr. Ich würde dich so gerne sehen.“ Ich lese ihre Nachricht mehrere Male, drücke sie dann weg und versuche, mich wieder auf S. zu konzentrieren. Wem würde es was bringen, wenn sie und ich uns wiedersähen? Es würde uns beiden bloß wehtun. Wir hatten alle Möglichkeiten und haben keine genutzt. Dass sie mir fehlt ist wahrscheinlich bloß eine Folgeerscheinung der schönen gemeinsamen Erinnerung, geht es mir durch den Kopf; die beste Methode, sich nicht weiter mit tieferen Gefühlen auseinandersetzen zu müssen.

Es sind so viele, die sich zurückhalten, weil sie glauben, dass man das eben so macht. Eine Freundin von mir träumt von der großen Schauspielkarriere. Das Potential dazu hat sie. Aber es gehört – neben viel Glück – eben mehr dazu, als ein paar Castings zu besuchen. Sie müsste eigentlich alles auf eine Karte setzen und nur noch auf diesen einen Traum hinarbeiten. Ein anderer Freund antwortet auf die Frage, wie es ihm geht, immer gleich: „Stress.“ Sein Tonfall dabei verrät, dass er sich mittlerweile nicht nur mit seiner Rolle als der ewig Geplagte abgefunden hat, sondern sich darin sogar gefällt. Auf diese Weise hat er eine Entschuldigung für alle und alles: miese Laune, Verspätungen bei Verabredungen, etc. Aber warum versucht er es nicht einfach mal damit, ein Leben zu führen, dass ihn glücklich macht? Und damit kommen wir zum entscheidenden Faktor: Wir sind immer weniger bereit dazu, etwas zu riskieren. Immer wieder wägen wir ab, damit wir wenigstens mit plus/minus Null aus der Sache herauskommen. Die Gefahr zu scheitern, lässt uns genügsam werden.

Als ich zwölf Jahre alt war, verknallte - ach, was sage ich: verexplodierte - ich mich in ein Mädchen aus meiner Klasse. Ein Jahr lang sagte ich ihr nichts, weil ich fürchtete, sie würde mir eine Abfuhr erteilen. Dass sie genauso für mich empfinden könnte, überstieg meine Vorstellungskraft. Es war einfacher, sie im Stillen zu lieben und dieses Geheimnis für mich zu bewahren. Manchmal schrieb ich ihr Briefe, die ich ihr nie gab. Vor dem Spiegel sagte ich tausendmal selbstbewusst „Du bist umwerfend“, während ich mir vorstellte, sie vor mir zu haben, kriegte in ihrer Nähe aber kein Wort heraus. Ich küsste meinen Handrücken, um zu üben, nur für den Fall, dass eine wundersame Fügung uns doch eines Tages zueinander führen würde. Aber ich offenbarte mich ihr nie, und als das Schuljahr vorbei war, kehrte sie nach den Sommerferien nicht wieder zurück. Ihre Eltern hatten aufgrund eines Jobangebots die Stadt verlassen, und was mir blieb war ein angeknackstes Herz und ein wundgeküsster Handrücken. In den folgenden Jahren malte ich mir manchmal aus, was wohl geworden wäre, wenn ich es ihr gesagt hätte. Natürlich hätte es an dem Umzug nichts geändert, aber vielleicht wäre für eine gewisse Zeit etwas ganz besonderes aus uns entstanden.

Manchmal hat man tausende Chancen. Und dann keine mehr.

Nach unserer Unterhaltung beschließen S. und ich, am Abend zusammen etwas trinken zu gehen. Er muss bis dahin ein paar Erledigungen machen, ich muss zur Abendschule und eine Deutschklausur schreiben. Als es bereits dunkel ist, fahre ich mit dem Wagen vom Parkdeck der Schule hinunter und die Straße entlang, als ich plötzlich ein Lied im Radio höre. Es ist eine Neuvorstellung. Sofort fahre ich rechts heran, stelle den Motor ab und lausche dem Text. Es ist, als würde die Sängerin direkt zu mir sprechen. Ist das Lied ihre Nachricht an mich? Ich sehe die Kronen der Kastanienbäume im Wind wiegen. Der Boden unter ihnen ist übersät mit Blättern. Ein letztes Aufbäumen der Natur. Eine letzte Chance.

Die letzte Chance?

Mein Herz klopft und mein Gesicht wird mit einem Mal ganz heiß. Ich werfe einen Blick auf die Uhr am Autoradio: 20:05 Uhr. ‚Das müsste zu schaffen sein’, denke ich. Und dann höre ich endlich auf zu denken. Ich starte den Motor, fädele in den Verkehr ein, ziehe in halsbrecherischer Manier rechts rüber, um im letzten Augenblick auf die Autobahn abzubiegen. Mit konzentriertem Blick auf die Straße greife ich nach meinem Handy, spreche S. eine Nachricht auf die Mailbox, damit er weiß, dass ich mich verspäten werde, und gebe dann etwas mehr Gas. Alle paar Sekunden springt mein Blick auf die Uhr am Radio, so als würde ich befürchten, dass die Zeit plötzlich einen gewaltigen Sprung nach vorne macht. Ich muss rechtzeitig da sein. Ich muss einfach.

Als das Schild zum Flughafen Düsseldorf verweist, nehme ich die Ausfahrt. Und als ich seine Lichter von Weitem sehe, weiß ich: Egal wie das hier ausgeht, ich befinde mich tatsächlich gerade in meinem ganz eigenen Hugh-Grant/Julia-Roberts-Film. Nur passiert es wirklich. Und je mehr ich mich dem Flughafen nähere, desto mehr wird mir bewusst: Wenn das hier funktioniert, erreiche ich einen Ort, der tausenden Menschen täglich tausende Möglichkeiten bietet, auf schnellstem Wege zu verschwinden. Aber ich, ich komme nach Hause.

Montag, 10. Oktober 2011

If you find her

(http://www.youtube.com/watch?v=N3TGcG9k2aA)

Nachdem ich letzte Woche beim „Deutschen Fernsehpreis“ war, habe ich das Gefühl, es ist Zeit, mal wieder einen Blick ins deutsche Fernsehen zu werfen. Ich gebe zu, ich bin überhaupt kein TV-Seher. Die letzte Show, die ich mir komplett im Fernsehen angetan habe, ist schon Urzeiten her, und Filme werden von den Fernsehmachern derart verstümmelt, dass man sich das als Filmfan nun wirklich nicht antun darf. Aber nun ist es doch soweit: Ich lege den Pulitzerpreis-prämierten Roman „Tinkers“ von Paul Harding beiseite und führe stattdessen einen Selbstversuch an mir aus, von dem ich nicht weiß, inwieweit er Folgeschäden hinterlässt: Ich werde mir mehrere Folgen „Schwiegertochter gesucht“ geben, eine Kuppelshow bei RTL. Mal sehen, was die deutsche Fernsehlandschaft zu bieten hat, wenn man sie nach Jahren mal wieder beackert.

Zuallererst tritt eine Frau ins Bild, die ich noch als „Vera am Mittag“ in halbguter Erinnerung habe, mimt mit übertriebener Gestik und auswendig gelernten Texten auf Groschenromanniveau eine Moderatorin und scheitert kläglich. Oh Gott, denke ich, das fängt ja schon mal schlimm an.

Der erste Kandidat ist Sven, 48, und wird als der „flotte Friseur“ angekündigt. Überhaupt bekommen alle Protagonisten von der quakigen Off-Stimme irgendein mehr oder minder prägnantes Adjektiv verpasst; ich finde, wenn man schon mit Adjektiven um sich wirft, dann doch bitte wahrheitsgetreu.

Beim Tennis nutzt also der notgeile Sonnenbankabonnent Sven die Gunst der Stunde und fasst der überdrehten Tanzdrohne Maria immer wieder um die Hüften. Bewerberin Nummer zwei, die miserabel blondierte „Reinigungskraft“ Susanne, lässt er links liegen, was sie wie folgt kommentiert: „Wenn ein Mann mir das mit dem Tennis wirklich zeigen wollte, dann würde der das auch tun.“ Richtig erkannt, liebe Susanne. Daraus folgt: Der flotte Friseur Sven will nicht. Zwei miserabel Blondierte in einer Beziehung sind definitiv einer zuviel.

Jeder zuckersüße Offkommentar der gehässigen Ex-Krawalltalkerin Vera am Mittag wirkt wie ein Keulenschlag auf das eh schon regungslose Opfer. Die aufgesetzte Freundlichkeit dient in Wahrheit bloß dem einen Zweck: die simpel gestrickten Kandidaten vorzuführen. Mit einem Körbchen sehen wir die Moderationsmimin an eine Tür treten (was bereits symbolisch ist: Der Kandidat erhält gleich zu Anfang einen Korb), während sie uns wissen lässt von der großen Menge an weiblichen Bewerbungen für Kandidat Marco. Ein Blick in ihren Korb verrät: Es stimmt, sie hat alle Bewerbungen dabei. Alle beide. Und aus diesen zwei Briefen darf der scheintote Regaleinräumer Marco nun seine zwei Favoriten heraussuchen. Marcos zottelige Zauselmutti Ingrid hat schnell ihre Wahl getroffen. „Die beiden letzten“, knöttert sie, was überflüssig erscheint, weil sie genauso gut hätte sagen können: die beiden ersten. Oder die beiden einzigen. Oder die beiden einzigen, die sich für Geld zu solch einem Mist haben breitschlagen lassen. Ich schiele nervös zu meinem Buch. Komm schon, durchhhalten, höre ich eine fiese Stimme in mir sagen.

Der temperamentfremde Minigolfspieler Marco hat alles, was Frau sich wünscht – außer Mimik, Emotion, Taktgefühl und Stil. Immerhin findet er jedesmal die richtigen Worte. Als Marco die nervöse Nicole seinen Freunden vorstellen will, weiß er sie sofort zu beruhigen: „Keine Angst! Ich kenne die ja alle.“ Puh, gut, dass er es erwähnt. Ich war mir nicht sicher bei den starren Brettern, die in seinem Wohnzimmer auf Nicole warten und sie bloß mit einem Knurren kommentieren. Entweder sind das von RTL bezahlte Statisten oder die beschissensten Freunde, die man sich nicht wünschen kann. Aber Nicole und Marco stören sich nicht dran und tanzen stattdessen zu romantischer Autoscooter-Musik, wobei die Kamera nicht versäumt, in Großaufnahme zu zeigen, dass er seine Arme nicht um seine wohlbeleibte Tanzpartnerin bekommt.

Derweil hat sich die RTL-Redaktion im Namen des „braven Bäckers“ Andy etwas total romantisches für Fleischfachverkäuferin Melanie ausgedacht: Der schwungvolle Sexverächter mit dem Elan von zwei Schachteln Valium wird mit ihr eine Liebesbotschaft in einer Flasche in den weiten Ozean werfen, bis diese eines Tages wieder an Land gespült wird, wo ihn eine alte Frau findet und in Tränen ausbricht. Leider war in der Nähe wohl grad kein Ozean zu finden, weswegen die Flasche nun in einem Tümpel landet, bis er zwei Minuten später am anderen Ufer wieder an Land gespült wird, wo ihn eine alte Frau findet und zu ihrer Pfandflaschensammlung wirft. Es ist sicher kein Zufall, dass während dieser romantischen Szene der Song „Love ain’t here anymore“ eingespielt wird. Ich gehe davon aus, dass die Redakteure bei RTL kein Englisch können, ansonsten müsste der geneigte Zuschauer glauben, in dem Sender arbeiten lauter Zyniker.

Der extrovertierte Partykracher Halbmastaugen-Andy stellt die fleischige Fachverkäuferin Melanie seinem Vater gleich als dessen zukünftige Schwiegertochter vor. Das ist Verkuppeln im Eiltempo. Beim Fernsehen wird aus Sucht nach der einfachen Lösung alles soweit komprimiert, bis man als Zuschauer auf der Strecke bleibt. Gefühle auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Äh, warum nennt der sie jetzt „Liebe meines Lebens“? Die kennen sich gerade mal ein Wochenende.

„Mit einem frischen Jeanshemd und gekämmten Haaren will Marco die Blicke auf sich ziehen“, heißt es aus dem Off, während wir Marco vor dem Badezimmerspiegel sehen. Als Sabrina am Bahnhof auf ihn zugestakst kommt, frage ich mich, ob er einen Ödipus-Komplex hat, anders kann ich mir nicht erklären, warum er sich aus dem üppigen Angebot von zwei Bewerbungen eine 60jährige ausgesucht hat. Bis die Einblendung von RTL mir verrät, dass sie 30 ist.

Die schmallippige Tapeten-als-Bluse-Trägerin Sabrina fragt Marco nach seinem ersten Eindruck von ihr. Mit flammender Leidenschaft und dem Charme von zwölf Reißzwecken im Fuß antwortet er: „Ach, du bist eigentlich ganz nett. Hab mich dir ganz anders vorgestellt“, was wohl heißen soll: „Du bist zum kotzen öde, und ich hatte gehofft, das Gesicht auf deinem Bewerbungsfoto sei in Wahrheit ein Kaffeefleck.“ Wenn das nicht die besten Voraussetzungen für eine große Liebe sind … Das mag jetzt im Übrigen kleinkariert klingen, aber es heißt natürlich: „Hab MIR DICH ganz anders vorgestellt“, sonst hätte er ihr gerade gestanden, dass er sie behumst hat.

Währenddessen will der „fröhliche Feuerwehrmann“ Markus die „Keksverpackerin“ Bianca abholen. In der Hand hält Markus, in dem selber nicht mal das kleinste Feuer lodert, eine verwelkte Rose. Dazu Vera aus dem Off allen ernstes: „Mit einem opulenten Blumengruß will er die 33jährige bezirzen.“ Das ist so hinterhältig, dass es mir die Sprache verschlägt, denn wir dürfen davon ausgehen, dass der opulent verwelkte Blumengruß eine Idee von RTL war, bloß um diesen scheinheiligen Kommentar unterbringen zu können … Papa Siegfried sitzt derweil mit der zweiten Bewerberin im häuslichen Garten und stellt sich erst auf den dritten Blick als Mama Sigrid heraus.

Bei Marco ist es mittlerweile Zeit für Gastgeschenke. Sabrina hat sich besonders Mühe gegeben: Ein Trostpreisstofftier von der Kirmes und ein Pott alte Krabben, die nun schon seit Stunden in der Sonne stehen. Wenn es stimmt, dass Liebe durch den Magen geht, ist in diesem Fall eine Magenverstimmung vorprogrammiert. Später zeigt Marco den Damen das altbackene Wohnzimmer, das den beiden besonders gut gefällt. „Schick eingerichtet“, kommentiert eine den Raum. Ich glaube nun, das Erfolgsgeheimnis der Show zu kennen: Ständig werden hier Dinge gezeigt, zu denen man als Zuschauer sofort eine klare Meinung hat, damit RTL genau diese Ansicht gleich darauf mit einem Kommentar untergraben oder von den Protagonisten untergraben lassen kann. Als Zuschauer fühlst du dich den Liebessuchenden in jeglicher Hinsicht überlegen. So funktioniert klassisches Sensationsfernsehen. Fremdschämen mit Ansage.

Ganz fies wird es danach: RTL hat Maik und Julia in eine Badewanne durchschnittlicher Größe gequetscht, was bei den beiden wirkt, als hätte man zwei ganze Thunfische in einer Öldose verpackt. Man hätte durchaus ein größeres Modell ankarren können, aber RTL muss natürlich sparen. Das hat ganz bestimmt nichts damit zu tun, die beiden bloßzustellen... Wir müssen allerdings fairerweise festhalten: Die Kandidaten sind alle erwachsen und sollten eigentlich wissen, worauf sie sich da einlassen. Insofern hält sich mein Mitleid mit ihnen auch in Grenzen. Wer sich heutzutage im Fernsehen präsentiert, muss einfach mittlerweile begriffen haben, dass es dem Sender weder um Talent noch um die Suche nach der wahren Liebe geht, sondern allein um nach dem Schema-F aufbereitete "Emotionen".

Aber es geht weiter: Das unterernährte Leierkastenmännchen Christian trifft die Aufenthaltsgenehmigungsuchende Joan. Er wirkt wie eine Augsburgerpuppenkistenfigur, und ich frage mich die ganze Zeit, ob seine Mutter nicht wahrhaben will, dass der Junge eigentlich einen Schwiegersohn für sie sucht. Doch bei jeder Gelegenheit betatscht der dauernd „Ich hab dich lieb“-aufsagende Drehorgelspieler Christian seine Herzensdame, die schon bald raus hat, wann sie ihren Kopf wegdrehen muss, damit er sie nicht auf den Mund küssen kann.

Zwischendurch wird irgendeine andere Kandidatin als „Strickpulliträgerin Julia“ vorgestellt. Ganz schön despektierlich von der Preiswert-Jackett-Trägerin Vera am Mittag.

Schließlich kommt es zum Ende: Die beiden Regaleinräumer Marco und Nicole müssen sich verabschieden. Nicole weint bitterlich, weil die beiden sich jetzt ein paar Tage nicht mehr sehen. Ob die junge Liebe das aushält? Marco nuschelt mit stoischem Ausdruck ein paar Worte, schenkt Heulsuse Nicole einen geschmacklosen Herzanhänger, worauf die Beschenkte in die Kamera sagt: „Da war mir klar: Er liebt mich wirklich.“ Marcos bucklige Fusselmutti Ingrid sieht im Hintergrund zu. Liebevoll ausdruckslos näselt er: „So geliebt wie dich habe ich lange niemanden mehr“, drückt erst Nicole an sich, bevor sie fliehen kann, und dann seine Zunge in ihren bedauernswerten Rachen, was RTL natürlich wieder in sadistischer Großaufnahme zeigt.

Zu schlimmerletzt grinst die aufgesetzt fröhliche Textaufsagerin Vera am Mittag Friede-Freude-Eierkuchen-mäßig in die Kamera und kündigt die nächste Folge an: Unter anderem wird der bemerkenswert uncharismatische Maik, „Strickpulliträgerin“ Julia überraschen … Den Bildern nach zu urteilen, indem er sie erstickt, da er das viel zu große Tuch vor ihren Augen (und ihrer Nase und ihrem Mund) nicht mehr abbekommt. Was für ein Schrott! Das ist nun wirklich die bescheuertste Sendung, die ich je gesehen habe. Und nächste Woche gibt es schon die nächste Folge? Pff. Das geht nun wirklich überhaupt nicht. Aber was soll ich sagen: Ich, der schadenfreudige Fernsehzuschauer Christian, werd’s mir wohl wieder ansehen.