Montag, 26. September 2011

Drive my car

(http://www.youtube.com/watch?v=8Ts2U1mkfz4)

Ich sitze im Auto und warte. Die Ampel ist rot. Das ist sie immer, wenn ich es eilig habe. Und natürlich hat mein Vordermann, der eben noch wie eine fußlahme Schildkröte vor mir hergeschlichen ist, gerade als die Ampel dunkelorange war, das Gaspedal entdeckt und ist noch so eben durchgewischt. Ich versuche, ruhig zu atmen, ohne dabei meine Fingernägel in den Lenker zu krallen. In diesem Moment hasse ich alles, was mit Autos zu tun hat. Das also meint Grönemeyer, wenn er singt: „Ich will mehr Schiffsverkehr“!

Meinen Führerschein machte ich nicht wie die meisten mit achtzehn, sondern erst mit fünfundzwanzig. Ich weiß noch, dass ich mich damals mit einem Schulfreund verabredete, um uns gemeinsam bei der Fahrschule anzumelden. Aber ich kam zu spät, und der Kurs hatte bereits begonnen, und ich wollte nicht einfach reinplatzen. Also ging ich wieder. Erst sieben Jahre später wachte ich eines Morgens mit dem Gedanken auf: ‚Heute meldest du dich an.’ Und das tat ich dann auch.

Ich machte den Schein in Rekordzeit. Mein Fahrlehrer (selber sonnenbankgebräunt, ließ ansonsten aber nichts anbrennen, wenn Sie verstehen …) ging mit den Pflichtfahrten äußerst laisse faire um; eine Nachtfahrt gab es zum Beispiel nicht. Dennoch entwickelte ich schnell ein Gefühl für den Straßenverkehr, der mir als Beifahrer immer wie ein undurchdringlicher Dschungel erschienen war. (Ein Gefühl, das mittlerweile immer öfter zurückkehrt.) Ich bestand sowohl die theoretische wie auch die praktische Prüfung im ersten Anlauf. An dem Tag, an dem ich den Führerschein ausgehändigt bekam, wollte ich allerdings erst einmal gar nichts mehr davon wissen. Ich war überhaupt nicht heiß darauf, in ein Auto zu steigen und meine erste offizielle Fahrt ohne Nebenmann zu erleben. Ich fühlte mich als Autofahrer immer noch wie ein Fremder auf den Straßen, so als wäre ich in einen Club eingedrungen, der Leute wie mich niemals reinließ. Das Gefühl einer neuen Freiheit bildete sich erst in den Tagen darauf. Ich weiß noch, wie ich einmal zu einem Weizenfeld bei Köln fuhr, an dem ich als Kind nach dem Schwimmen im Otto Maigler See vorbeigefahren war, das man aber mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer erreichte. Ich stieg aus und sah über die Ähren hinweg, die sich im Wind bewegten wie ein kleiner Ozean. Es kribbelte im ganzen Körper bei dem Gedanken, jetzt sofort überall hin fahren zu können. Wenn ich wollte, könnte ich schon in ein paar Stunden in Paris sein, mir ein Croissant besorgen und dann glücklich wieder zurückfahren. DAS also bedeutet, frei zu sein, dachte ich.

Ich könnte kotzen, denke ich, als ich ein paar Jahre später im Auto sitze und sich vor meinen Augen ganz langsam die Bahnschranke senkt. Um dem Autochaos zu entkommen, habe ich einen kleinen Umweg genommen. Nun wird der kleine Umweg zu einem großen, und ich sehe auf meine Armbanduhr und werde nervös. Ich vertreibe mir die Zeit mit ein paar Songs aus meinem MP3-Player, während ich einen Waggon nach dem nächsten an mir vorbeizuckeln sehe. An solchen Tagen wird immer noch mehr Schwarzkohle per Zug transportiert als sonst.

Als die Schranke endlich hochgeht, brause ich los, um hundert Meter weiter wieder an einer Ampel für Linksabbieger stehen zu bleiben. Autofahren in der Stadt besteht – so absurd es klingt – zu achtzig Prozent aus Warten.

Die Ampel zeigt grün. Ein Taxifahrer, der eigentlich auf der anderen Spur steht, schneidet mich plötzlich und drängelt sich vor mich, so dass ich hart auf die Bremse treten muss. Ich betätige energisch die Hupe, was mindestens drei Schimpfworte ersetzen soll, schicke diese ihm aber auch noch hinterher, als er links abbiegt und ich seinetwegen an der Ampel stehen bleiben und auf die nächste Grünphase warten muss. Nirgendwo sonst kann der Mensch innerhalb eines Wimpernschlags solche Hassgefühle entwickeln wie im Straßenverkehr. Eben noch sang ich inbrünstig zu „I’ve lost that loving feeling“, um mittendrin tatsächlich das loving feeling zu verlieren und gleich nach meiner verbalen Hasstirade wieder im schmalzigen Refrain einzusetzen. Ich komme mir selber absurd vor und muss lachen.

Dazu war ich bei einer Straßensituation vor ein paar Jahren nicht imstande. An Karneval stand ich an der letzten Ampel vor meinem Zuhause, als es plötzlich rummste, und ich wusste: Ich bin gerade in den ersten Unfall meiner jungen Fahrkarriere verwickelt worden. Als ich ausstieg, wankte mir eine junge Frau mit blonden Krauslocken und einem Clownshut auf dem Kopf entgegen.

„Ich glaube, es ist nix passiert, oder?“, sagte sie.

„Sie sind mir hinten drauf gefahren“, entgegnete ich.

Sie warf einen trüben Blick auf die Heckseite meines Wagens. „Ich seh nichts.“ Davon war ich allerdings überzeugt. Ich roch ihre Fahne; der Alkohol hatte ihr mit Sicherheit nicht nur den Blick vernebelt.

„Wir müssen die Polizei rufen“, sagte ich, bereits mein Handy gezückt.

„Oh … Können wir das nicht untereinander regeln?“, fragte sie und lächelte mich schief an. Ich fragte mich, ob sie „untereinander“ wörtlich meinte. Allerdings war ich jung und unerfahren, und ich wollte nicht, dass sie Ärger bekam, weil sie angeheitert gefahren war. Also ließ ich mir ihre Telefonnummer, Adresse und sonstige Daten geben und machte mich dann wieder auf den Weg ins Auto.

„Vielleicht bin ich dir ja draufgefahren, um dich kennenzulernen“, rief sie mir hinterher und entließ ein glucksendes Lachen aus ihrem alkoholisierten Inneren. „Damit ich dir meine Nummer geben kann.“

Ich schmunzelte kurz höflich. „Du kannst sicher sein: Ich ruf dich an“, sagte ich nur und setzte mich dann angesäuert wieder hinters Steuer.

Heute würde ich anders entscheiden, schließlich hätte sie in ihrem Zustand noch weitaus größeren Schaden anrichten können als bloß ein eine Beule und ein paar Schrammen im Lack.

Mein Ziel befindet sich in nicht allzu weiter Ferne mehr. Was aber nichts heißt, wenn durch eine Baustelle sich absolut gar nichts mehr bewegt. Ich bemerke, wie der Himmel sich zuzieht. Es ist nur eine Frage von Sekunden, bis es zu regnen anfängt, denke ich und will das Fenster hochkurbeln. Das aber macht das gleiche wie die Autolawine vor mir: es bewegt sich keinen Zentimeter. Immer wieder drücke ich auf den Knopf, werfe einen Blick in den Himmel und flüstere: „Bitte nicht anfangen zu regnen!“ Gerade als ich die Sicherheit erlangt habe, dass man nicht so viel Pech auf einmal haben kann, spüre ich den ersten Tropfen auf meinem Handrücken. Innerhalb von Sekunden setzt ein dicker Platzregen ein. Die Spaziergänger retten sich unter Bäume und in Hauseingänge, Fahrradfahrer ziehen ihre Jacken über die Köpfe, und die Autofahrer sitzen im Trockenen. Alle. Nur ich nicht. Meine linke Körperhälfte ist patschnass. Der Schauer dauert nicht mal drei Minuten, aber er reicht, um mich aussehen zu lassen, als hätte ich gerade in einem Auto gesessen, dessen Fenster sich nicht hochkurbeln ließ (was zu meinem Bedauern auch der Fall ist). Resigniert starre ich stur geradeaus – direkt auf das Nummernschild meines Vordermanns, dessen Buchstabendkombination auf seinem Nummernschild lautet (und das ist keine Erfindung von mir!): PE – CH. Ich glaube eigentlich nicht an Gott, aber irgendwer will mich gerade tierisch verarschen.

Schließlich erreiche ich kurz vor Ladenschluss aber doch noch das Reisebüro. Nass und entnervt erkundige ich mich nach Flügen in den asiatischen Raum. Die Mitarbeiterin sieht mich bedauernd an, sieht für mich im Computer nach, klärt mit mir ein paar Dinge ab und fragt mich schließlich: „Wie wollen Sie zum Flughafen anreisen? Per Zug? Oder mit dem Auto?“

Ich wringe meinen Ärmel aus und sehe sie mit festem Blick an. Selten zuvor war mir etwas so ernst: „Per Zug."

Montag, 19. September 2011

Crazy World

(http://www.youtube.com/watch?v=6-kKDaFXR9I)

Es ist September. Die Zeit, in der das Licht sich von einem gleißenden Weiß zu einem golden schimmernden Sepia verändert. Unter den Bäumen sammelt sich das Laub, die Luft bekommt eine klare Frische, und der Winter liegt noch in der Distanz einer ganzen Jahreszeit vor uns.

Eigentlich.

Ich stehe in einem Supermarkt. Hier ist das Licht immer noch gleißend weiß. Mit erstauntem Blick betrachte ich vor mir riesige Paletten mit Lebkuchen, Christstollen, Dominosteinen, Zimtsternen und Spekulatius. Ich ziehe erst die Stirn in Runzeln, dann einen Ärmel meines Pullis beiseite, um einen Blick auf meine Armbanduhr zu werfen. Als ich heute Morgen zu X gesagt habe, ich würde mich fühlen, als hätte ich bis in den Dezember hinein geschlafen, sollte das eigentlich ein Scherz sein … Kurzzeitig verfalle ich in eine Euphorie: Wahnsinn!! Ich kann durch die Zeit reisen. Gedanklich plane ich bereits einen Besuch im Jahr 1953, um Hugh Hefner mit der Gründung des „Playboy“ zuvorzukommen, als meine Armbanduhr das Zeitreiseticket in der Luft pulverisiert: Tatsächlich ist heute der 1. September 2011. Vor mir stehen aber auch genauso tatsächlich Paletten voll mit XXL-Lebkuchen. Wann sie wohl im Hintergrund endlich „White Christmas“ von Bing Crosby spielen? Und warum haben sie die Adventskalender noch nicht aufgebaut? Und wo ist der Kunstschnee?

Der Herbst muss für Händler bisher eine ungeliebte Jahreszeit gewesen sein: Er bietet eigentlich kein einziges Fest, mit dem sie uns Verbrauchern das Geld aus der Tasche ziehen können. Zum Glück hat schließlich jedoch irgendein schlauer Mensch das urdeutsche Halloween aus der Schublade gekramt. Schön, dass endlich mal jemand unsere alten Traditionen pflegt. Natürlich mussten die Amerikaner sich das gleich wieder abgucken, um jetzt so zu tun, als sei das ihr Fest. Total mies! Immer kopieren die alles von uns. Wie klein sie sich dadurch machen … Erst klauen sie unsere Hamburger, jetzt Halloween und demnächst sicher noch unsere gute deutsche Schweizer Schokolade. By se Milky Way: Ob irgendein Kind hierzulande überhaupt noch weiß, wer St. Martin ist? Früher waren an jeder Ecke kleine Knöpfe zu sehen, die mit ihren Laternen an den Türen klingelten, um sich singend Süßigkeiten zu erbetteln. (Von alten Leuten gab’s immer nur Mandarinen, die wir nachher für Wurfspiele verwendeten.) Mittlerweile hört man mehr und mehr „Süßes oder Saures!“, was natürlich wesentlich cooler ist als „Ich geh mit meiner Laterne“ zu trällern. Kinder scheinen heute das gängige Verkaufsprinzip der 2000er Jahre verinnerlicht zu haben: „Minimaler Einsatz – maximaler Gewinn“. Dazu gibt es Halloweenkürbisse, Masken, Kostüme, Schminke, Süßigkeiten in Form von Fledermäusen, Mottoparties und und und. Der Einzelhandel ist glücklich, die Kinder dürfen endlich offiziell böse sein, und die Erwachsenen haben einen weiteren Grund, sich zu besaufen. Sogar eine eigene Filmreihe hat dieses Fest. Aber kann mir irgendjemand den Titel eines Spielfilms über St. Martin nennen? Dabei ist die Geschichte doch voller Action und Dramatik: Der Mann soll Tote zum Leben erweckt haben. Ach nee, den Film gibt’s ja schon: „Sixth Sense“. Da werden die toten Menschen von einem kleinen altklugen Kind gesehen, das offensichtlich ein-, zweimal zu oft an Halloween teilgenommen hat. Nur haben sie den Totenerwecker St. Martin gar nicht gezeigt. Oder war das Bruce Willis?

Lebkuchen schon im September zu verkaufen ist in etwa so, als würde man die Geburtstagstorte bereits vier Monate vor dem eigentlichen Ereignis auf den Tisch stellen. Wenn ichs mir recht überlege, klingt das grandios: Eigentlich sollten alle Feste vorverlegt werden. Das Leben ist so kurz, da kann das ein oder andere Weihnachten mehr pro Jahr doch nicht schaden. Vielleicht können wir im Gegenzug dafür unsere Geburtstage nach hinten verschieben. Ist alles eine Sache der Organisation. Ich rufe gleich mal den „Kicker“ an: Die Fußball-Europameisterschaft findet bereits ab diesem Wochenende statt, absofort jedoch mit allen Mannschaften der Welt. Dann dauert es länger und wir kriegen endlich so Spiele wie Belize gegen Kambodscha serviert. Apropos „serviert“: Noch ein Vorschlag an unseren gar drolligen Wirtschaftsminister Philipp Rösler, der bald sicher wieder abserviert wird (als er bei Günther Jauch in der Talkrunde saß, fragte ich mich die ganze Zeit: Muss der um die Uhrzeit nicht ins Bett?): Lasst uns Weihnachten nach Griechenland verlegen, dann sind die ihre Schulden los und wir können unsere Supermarktregale für Ostereier und Schokohasen freiräumen. Ich kann kaum den Januar erwarten, wenn im Einzelhandel endlich wieder das Osterfest beginnt. Das wird eine Riesenparty mit Auferstehungsfeten, Lammkeule, Lammbraten, Lamm am Spieß und am Stiel, und Hasenjagd im Kölner Pascha. Und um einen fließenden Übergang zu schaffen, werde ich es folgendermaßen machen: Ich verstecke die Eier gleich nach Neujahr 2012, und bis zum Ostersonntag am 8. April habe ich längst vergessen, wo sie sind, und suche dann solange, bis es wieder Lebkuchen gibt. Und dann stehe ich Anfang September erneut vor einer Riesenpalette Lebkuchen und denke so bei mir: Hach! Endlich Weihnachten.

Montag, 12. September 2011

Christopher Columbus

(http://www.youtube.com/watch?v=iW752jKUqAU)

Ich stehe vor dem König und verbeuge mich. „Euer Majestät, mein guter Freund“, sage ich und lache ihn an wie einen alten Bekannten. Der Mitte sechzigjährige Mann öffnet träge die Augen und mustert mich mit verständnislosem Blick. „Wer seid Ihr?“, raunt er. Meine Mundwinkel sacken ab. „Wer ‚ihr’? Ich bin’s. Christopher. Columbus.“

„Was wollt Ihr? Ach, Mist …“ Der Mann vor mir schüttelt den Kopf. „Ich hab den Satz vorher vergessen.“ Ich winke lachend ab und begebe mich zurück auf die Anfangsposition, um die Szene zu wiederholen. Die Kamera läuft weiter. „Okay, ich bin bereit“, sagt der Mann, der für ein paar Minuten König Ferdinand der II. ist. Er spricht das „ch“ wie ein „sch“ aus, aber so kennt man ihn. Es ist schließlich Howard Carpendale.

Einen Monat zuvor sitze ich mit Richard an einem trüben Donnerstagabend in der Schule, um in Geschichte über die Epoche der Renaissance zu sprechen. Zwanzig Minuten vor Schluss setzt sich unser Lehrer Herr Jonas, der seine langen Haare immer zu einem dünnen Pferdeschwanz trägt, auf die Kante des Lehrerpults und sagt: „Ähm …“ (So beginnt er jeden neuen Abschnitt.) „ … Ich möchte jetzt gerne ein paar Themen für die Referate verteilen, die Sie vorbereiten sollen. Ich würde Sie bitten, Gruppen zu bilden mit zwei, drei Leuten, und sich dann jeweils für ein Thema zu entscheiden. Wie Sie wissen, ersetzen die Referate in diesem Semester die Klausur.“ Er schreibt die möglichen Themen an die Tafel. Richard und ich, die Zweiergruppe, fassen sofort etwas ins Auge. „Humanismus, oder?“, sage ich, und Richard nickt mit der militärischen Strenge im Blick, die ich bereits von ihm kenne. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden, vielleicht weil wir komplett unterschiedlich sind. Er ist diszipliniert und streng, und sein Ordner befindet sich im gleichen Zustand wie seine Wohnung: tadellos. Okay, eines haben wir also doch gemein: mein Ordner sieht auch so aus wie meine Wohnung, in diesem Fall allerdings: unaufgeräumt.

Eine zweite Gruppe will sich den Humanismus unter den Nagel reißen, und ich bin schon bereit, meine humane Seite abzulegen und einen erbitterten Kampf um das Thema auszufechten, als mir ein weiteres Thema in den Blick fällt. Herr Jonas hat es gerade erst an die Tafel geschrieben. Bevor Richard, mein Bundeswehrkamerad, seine Waffe zieht, halte ich ihn zurück. Er sagt an die anderen gerichtet: „Ihr seid …“, und ich falle ihm ins Wort: „Das Letzte!“ Alle sehen mich an. Es ist still. Herr Jonas sieht mich mit seinen ewig müde wirkenden Augen an. „Ich meine, wir nehmen das letzte Thema“, füge ich schnell an. Herr Jonas nickt und notiert Richards und meinen Namen auf einem Zettel. Der Blick meines Sitznachbarn gleitet über die Tafel. „Vertrau mir!“, wispere ich ihm zu. „Aus dem Thema lässt sich was machen.“

„Na gut“, meint Richard. „Ich will nicht gerade sagen, dass ich dir vertraue, aber das Thema gefällt mir.“

Kurz erläutere ich ihm meine Idee. Richard zeigt sich begeistert, dann reichen wir uns die Hände, und damit ist es besiegelt: Wir drehen einen Film über Christopher Columbus.

Einen Monat später fliege ich mit meiner Promoterin nach Lanzarote, wo die Aufzeichnung einer Fernsehshow fürs ZDF stattfindet. Ich habe nur wenig Lust darauf, denn es wird ein Vollplayback-Auftritt, und es macht wenig Spaß auf der Bühne zu stehen und bloß den Mund zur Musik zu bewegen. Aber die Sonne lockt und das Meer, und darum steige ich nach einem viereinhalbstündigen Flug aus der Maschine und lasse mich zum Produktionsort direkt am Atlantischen Ozean fahren. Dort wartet meine Promoterin auf mich und die anderen Gäste der Sendung auf ihren Auftritt. Das Problem bei solchen Aufzeichnungen ist immer, dass du irgendwann mittags zur Probe erscheinen musst, um anschließend stundenlang rumzusitzen und auf deinen nächsten Einsatz zu warten, der laut Aufnahmeleitung immer „gleich“ stattfinden soll, sich aber jedes Mal bis zum jüngsten Tag hinzieht. Hier jedoch sind alle entspannt. Es ist warm, man hört das Meer rauschen, über uns der blaue Himmel. Ich halte einen kurzen Plausch mit Matze Knop, den ich noch aus seinen Zeiten als „Super-Ritchie“ kenne; wir waren damals mehrmals zusammen bei Top of the Pops. Als ich mich schließlich in den Schatten setze, um eine Kleinigkeit zu essen, spüre ich etwas knisterndes in meiner linken Gesäßtaschen: Es ist die stichwortartige Biografie von Columbus. Ich wollte hier auf Lanzarote die Gelegenheit nutzen, meinen Beitrag zum bald fälligen Referat zu leisten.

Etwas entfernt sehe ich die Höhner entspannt in der Sonne sitzen. Und da kommt mir der Gedanke. Er schlägt wie ein Blitz in meine Schädeldecke ein: Wie wäre es, wenn die Höhner im „Columbus“-Film die Eingeborenen spielen, die ihn erwarten, als er glaubt, Indien erreicht zu haben …? Mir gefällt die Idee so gut, dass ich mein Essen beiseite schiebe und zu den Jungs hinüber gehe. Wahrscheinlich ist das komplett irre, und sie haben sicher keine Lust, in einem Film für ein Schulprojekt mitzuwirken. Wozu auch? Sie haben ja nichts davon.

Eine halbe Stunde später stehe ich mit ihnen am Strand, vor uns meine PR-Frau mit dem drehbereiten iPhone in der Hand, neben mir Matze Knop, den ich für die Rolle des Bruders von Columbus besetzt habe. (In meiner Version ist der Bruder schizophren, weswegen er sich ständig für eine bekannte Persönlichkeit a la Franz Beckenbauer hält …) Ich gebe Instruktionen, verteile Text, wo welcher benötigt wird, und nur fünfzehn Minuten darauf ist die Entdeckung Amerikas im Kasten. Ich musste sehen, dass wir uns beeilen, da Matze Knop am Set gebraucht wurde.

Und so geht es den ganzen Tag weiter. Ich spanne Leute in mein Projekt ein, drehe mit Hollywoodschauspieler und Traumschiffkapitän Siegfried Rauch, mit Gitte Haenning und Howard Carpendale. Es gibt weder Kostüme noch ein Drehbuch. Alles, was ich habe, sind die zwei, drei Seiten stichpunktartiger Biografie, aus der ich irgendetwas halbwegs amüsantes zu schnitzen versuche. Irgendwann sind alle so auf den Film eingeschworen, dass parallel zu den TV-Aufzeichnungen jeder mich auf das Projekt anspricht und herumwirbelt, um auch mitzuwirken. Ich kann gar nicht alle unterbringen, die dabei sein wollen:

- Matthias Reim hätte eigentlich noch einen Priester spielen sollen, und er bot sogar an, die Szene in Köln nachzudrehen.

- Die Sängerin und beste Freundin von Hape Kerkeling, Isabell Varell, fragte mich mit einem listigen Grinsen, ob es in unserer Szene einen Kuss geben würde, aber hinterher reichte die Zeit weder für einen Kuss noch für unsere Szene.

- Fernsehkoch Andreas C. Studer war für die Rolle des Schiffskochs eingeplant, aber ich kam bloß dazu, sein traumhaftes Dessert zu probieren. (Irgendwelche kandierten Früchte mit einem Schaum aus wasweißichwas. Es war göttlich!) Er bot mir an, wenn er in der Stadt sei, für meine Freundin und mich zu kochen. Einladung angenommen, würd ich sagen!

Am Abend bin ich völlig fertig. An meinen eigentlich Fernsehauftritt kann ich mich nur noch dunkel erinnern. Als ich im Bett liege weiß ich, dass dieser Tag etwas Besonderes war. Mit einem Mal ist ein kleines Schulprojekt zu einem Kurzfilm mit prominenter Besetzung geworden. (Jürgen Domian stößt in Köln noch dazu; ich bin nachts um zwölf zum Studio gedüst, um seine Szene aufzuzeichnen.)

Erstaunlich ist, was bereits jetzt aus diesem Film erwachsen ist: Henning, der Sänger und Kopf der Höhner, ist derart beeindruckt davon, was ich aus einem iPhone-Film gemacht habe, dass er mir anbietet, die Roncalli-Höhner-Show 2012 unter meiner Regie aufzuzeichnen. Außerdem möchte er, dass ich ein paar Kurzfilme für eine Stiftung drehe, die er unterstützt und die sich fürs Lesen einsetzt. (Wussten Sie, dass es allein in Deutschland 7,5 Millionen Analphabeten gibt?) Da ist er bei mir, dem Lese-Schreib-Verrückten natürlich genau richtig.

Außerdem haben ein paar Medienvertreter von dem Film Wind bekommen. Carmen Nebel gefiel er so gut, dass sie mich nicht nur in eine ihrer nächsten Sendungen einlud, sondern auch unbedingt einen Ausschnitt aus dem Film zeigen möchte. Na ja, mal sehen, was daraus wird.

Die „Vorpremiere“ fand kurze Zeit später im Klassenraum B309 statt. Die Anwesenden (und das sind an dieser Schule nie besonders viele …) kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wir zeigten zunächst per Videobeamer einen kurzen Teaser zum Film (http://www.youtube.com/watch?v=t7jKnhTPleI), dann begann Richard zunächst mit seiner brillanten Power-Point-Präsentation, die keine Fragen offen ließ. Er war sozusagen für den seriösen Teil zuständig. Also, alles wie immer.

Als er fertig war, löschten wir das Licht und präsentierten den Film, in dem Richard übrigens auch eine kleine Rolle spielt. Immer wieder versuchte ich währenddessen einen Blick in die Gesichter der Anwesenden zu werfen, aber es war zu dunkel. Aber als sie anfingen zu lachen, war klar: Das Ding ist ein Erfolg. Am Ende ging das Licht wieder an, Jubel brandete auf, und Herr Jonas lächelte selig. „So etwas habe ich in der gesamten Laufbahn meiner Karriere noch nicht gesehen“, sagte er. Richard und ich waren stolz wie Oskar (wer auch immer dieser Oskar ist). Das Kompliment bedeutete uns viel. Das war ein großer Satz. Es sei denn, die Karriere des Herrn Jonas währte erst seit ein paar Monaten.

Wir bekamen als einzige in der Klasse eine 1. Eigentlich Grund genug für ein neues Projekt …

Ich will niemandem etwas vormachen: Der Film ist natürlich ziemlicher Trash. Der Ton ist miserabel, die Bilder wurden gedreht mit einem Handy, nichts und niemand sieht aus wie im Jahr 1492, und das meiste ist bloß improvisiert. Aber die Erfahrungen mit dem Film haben mir eines gezeigt: Columbus war sicher ein bedeutsamer Mann für den Lauf der Geschichte. Aber eigentlich sind wir das doch alle: Wenn wir nicht ständig damit beschäftigt sind zu glauben, dass unsere hochgesteckten Ziele scheitern, kann jeder von uns Neuland entdecken.

PS: Der Film „Columbus“ feiert seine offizielle Premiere am Sonntagabend, den 18. September, um 21:45 Uhr auf meiner Facebookseite: http://www.facebook.com/pages/Christian-Wunderlich/141950224704 Seid dabei und sagt es weiter! Isch freu misch! ;-)

Montag, 5. September 2011

Love is in the air

(http://www.youtube.com/watch?v=HswyA9tZD9I)

Mein Blick hält sich starr an den Buchstaben fest, die unweit vor mir auf einer Tafel durcheinander gewirbelt werden, als würde jemand in einer Buchstabensuppe rühren. Ich bin umgeben von tausenden Menschen. In der Luft liegt Kaffeegeruch, ich höre das Klackern von Schuhen, die blechernen Durchsagen, das aufgeregte Reden eines Inders in sein ziegelsteingroßes Handy aus den Urzeiten der Telefonie. Es ist nicht sehr bequem, aber im näheren Umkreis habe ich nirgendwo eine Sitzgelegenheit gesehen, also nehme ich das auch noch in Kauf. Es ist sowieso nur noch eine Frage der Zeit, bis ich endgültig gehen kann. Ich ziehe die ganze Sache jetzt schon in die Länge. Eigentlich bleibt nichts mehr zu tun.

Also sitze ich hier und warte.

Ich traf X das erste Mal im Hausflur meiner Freunde Fly und Julia. Sie kam die Treppe heraufgestapft, während ich mich mit Julia unterhielt, im Begriff, zu gehen. Was ich von ihr sah, war zunächst das Cello, das sie auf ihrem Rücken trug, und ihre Wollmütze, unter der ihre rehbraunen Haare wild durch die Gegend sprangen. Sie und Julia kannten sich und sprachen kurz über irgendwen. Mir gefiel sofort ihre offene, fröhliche Art (sie erinnerte mich an Marit Larsen, aber das darf sie niemals erfahren), und ich versuchte, locker und freundlich zu sein, was der erste Weg zu einer gescheiten Verkrampfung ist.

Es stellte sich heraus, dass X in der Wohnung über Fly und Julia lebte, und ich fragte mich gleich, wie ich sie all die Zeit hatte übersehen können. Nach der kurzen Unterhaltung kam Julia endlich auf die Idee, uns einander vorzustellen. „Das ist Christian, ein Freund“, sagte sie, wobei sie das Wort „ein“ extra betonte, damit die Verhältnisse gleich geklärt waren. Ich kannte diesen Ton. Julia fand ganz offensichtlich, dass X und ich uns kennenlernen sollten, und ich konnte ihr da nur zustimmen. Ich reichte Julias Nachbarin die Hand, worauf sie mir ihren Namen nannte und ich für einen Augenblick erstarrte. (Julia ging es genauso, wie sie mir kurz darauf verriet.) Wie ein Irrer riss ich die Augen auf, nickte langsam und nannte nun selber noch einmal ihren Namen. Erst hinterher dachte ich, dass sie mich für vollkommen geistesgestört halten musste, was bei Leuten wie mir höchstens die halbe Wahrheit ist. (Es war allerdings noch viel schlimmer, denn, wie sie mir später eingestand: Sie hatte mich schon vergessen, als sie durch ihre Wohnungstür getreten war.) Allerdings kann mir meine Reaktion nun wirklich niemand verübeln. Wie hätten Sie reagiert, wenn der Mensch, der Ihr Herz von der ersten Sekunde an in Aufruhr versetzt, den gleichen Namen trägt wie der, der es kurz zuvor gebrochen hat …?

Julia kam auf die Idee, sie und ihre WG-Mitbewohner zum Schokofondue einzuladen, und so fanden sich meine Freunde Manuel, Claudio, Fly, Stephanie, Julia und ich nur zwei Abende später bei ihr ein und lernten X und ihre Mitbewohner kennen. Den Abend über versuchte ich, mit X zu reden, ohne ihr mehr Aufmerksamkeit als den anderen zu widmen, damit sie nicht glaubte, ich wolle mit ihr flirten, womit sie goldrichtig gelegen hätte. Sie war sehr fröhlich, aber ich konnte nicht einschätzen, ob sie nicht einfach bloß freundlich war. Von ihr ging eine Wärme aus, die alle im Raum einnahm. Und sie war hübsch. Gott, ist diese Frau hübsch. Und klug. Viel mehr erfuhr ich an dem Abend nicht von ihr, außer, dass sie Jura studierte, zwei Jahre in London gelebt hatte, ein halbes in Paris, noch mal ein paar Monate in New York, und das mit gerade mal Anfang zwanzig. Der Abend wurde heiter und gerade so entspannt, wie Abende, an denen fremde Leute das erste Mal aufeinander treffen, eben ablaufen. (Zur Auflockerung trug definitiv Manuel mit seiner Vorstellung der genialen Scherentechnik an der Ukulele bei.)

Nachdem die Besucher gegangen waren, fanden wir Freunde uns noch einmal im Wohnzimmer ein.

„Und?“, fragte Julia und strahlte mich erwartungsvoll an. Alle Blicke waren auf mich gerichtet, aber bevor ich etwas sagen konnte, streckte Manuel die Hand in die Luft, um mit mir abzuklatschen.

„Hauptgewinn“, sagte er. „Die ist genau dein Typ. Reh, braune Haare, hat was auf dem Kasten, Reh … Die ist hübsch, Alter.“ Er klang wie ein großer Bruder, der mir seine kleine Schwester andrehen wollte. Das Wort „Reh“ schien er als besonderen Anreiz zu erachten.

„Aber was machen wir, wenn die beiden zusammenkommen?“, meinte Stephanie.

„Wieso?“, sagte Manuel.

„Der Name … Wir können sie unmöglich bei ihrem Namen nennen.“

„Wir nennen sie einfach ‚Reh’“, brachte Fly einen Seitenhieb auf Manuels kurze Brandrede.

„Die passt voll zu dir“, sagte Manuel und sprach dann als Scherz noch mal extra betont das Wort „Reh“ aus.

„Iiiiiiih, dann werdet ihr beide Kinder kriegen, und das werden dann so schöne Musterkinder wie von der Zwiebackpackung“, rief Julia und kicherte ihr hochgepitchtes Kichern, bei dem man immer mitlachen muss.

Während meine Freunde bereits meine Hochzeit organisierten und mögliche Namen für das erste Kind in die Runde warfen, schrieb ich X eine SMS. Julia hatte mir ihre Handynummer gegeben, und da ich nichts zu verlieren hatte, fragte ich sie, ob sie Lust hätte, mit mir einen Tee trinken zu gehen. Zu meiner Erleichterung sagte sie prompt zu.

Unsere erste Verabredung am nächsten Tag verlief wie im Bilderbuch. Wir erzählten von unseren Leben, sponnen verrückte Ideen (wie z.B. das Herausgeben einer Tee-Zeitschrift mit Geschichten rund um den Tee), brachten einander zum lachen. Als wir nach drei Stunden das Café verließen, hatte es zu schneien begonnen, und so gingen wir unter meinem Schirm gemächlich Richtung Universität. Wieder trug sie ihre Wollmütze. Ihre Nase rötete sich, auf ihre Wangen legte sich ein Film aus winzigen Wassertropfen. Als ich zu ihr sah, lächelte sie mich kurz von der Seite an und warf dann den Blick zu Boden. Noch nie zuvor hatte ich bei einer Frau den Moment festlegen können, in dem ich mich in sie verliebte. Dies war er, und ich wusste es sofort. Ich werde es nie vergessen.

Das „Problem“ mit ihrem Namen ergab sich wie von selbst. Die erste Zeit nannten wir Freunde sie untereinander „Cello“, weil es das erste war, was ich von ihr gesehen hatte. (Das erleichtert mich im Nachhinein übrigens ungemein, aus zweierlei Gründen: Erstens bin ich froh, dass ich ihr nicht in der Sauna begegnet bin, denn „Brüste“ wäre ein komischer Name. Und zweitens: Gott sei Dank spielt sie nicht Tuba!)

„Ich will dich nicht verlieren, weißt du“, hatte sie vor ein paar Wochen gesagt und sich dabei so sehr um Unbekümmertheit bemüht (und war so rührend daran gescheitert), dass mir eine Gänsehaut über den Nacken gefahren war. Und nun – nur kurz darauf – sitze ich an einem riesigen Flughafen und starre auf die Anzeigetafel, um zu warten, bis ihr Flug nicht mehr angezeigt wird. Keine Ahnung, warum. Vielleicht, um Gewissheit zu haben, dass sie gut weggekommen ist. Vielleicht damit ich realisiere, dass es wirklich passiert.

Wir hätten es vorhin beinahe ohne Tränen geschafft. Als wir uns verabschiedeten, atmeten wir gleichmäßig und tief ein und machten uns vor, wir würden einander schon nach dem Wochenende wiedersehen. Zunächst funktionierte diese Taktik. Dann kam eine Durchsage für den Flug nach Punta Cana, und wir mussten lachen, weil eine gemeinsame Erinnerung uns mit diesem Ort verbindet. Es war dieses Lachen, das unsere Tränen freisetzte, und wir klammerten uns aneinander fest, als könnten wir auf diese Weise die Zeit anhalten. Als würde uns so nichts und niemand voneinander losreißen können.

Ich bin so froh, dass ich es ihr gesagt habe, denke ich, den Blick noch immer auf die Anzeigetafel gerichtet. Dann wirbeln die Buchstaben wieder durcheinander, und ihr Flug verschwindet. Ich bleibe noch einen Augenblick, so als bestände die Möglichkeit, dass das Flugzeug doch wieder landet, raffe mich schließlich auf und schlendere eine Weile ziellos an Boutiquen und Parfumerien vorbei. In einem Zeitschriftenladen blättere ich durch ein paar Bücher. Überall Liebesromane, wohin das Auge blickt. Sie alle versprechen eine romantisierte Sicht auf das ewige Zusammenleben zweier Menschen, und dass es wirklich funktionieren kann. Als erneut eine Durchsage für den Flug nach Punta Cana kommt, muss ich lächeln, bis sich mein Mund zu einem ausgewachsenen Schmunzeln ausbreitet. Ich schmunzle – mit Tränen in den Augen. Mit einem Mal bin ich überglücklich. Das mag merkwürdig klingen, aber, sehen Sie, es ist doch so: Die meisten Liebesgeschichten enden mit einem glücklich vereinten Paar. Manche nehmen einen tragischen Ausgang.

Eine wahre Liebesgeschichte endet nie.