Montag, 8. August 2011

Greatest day

(http://www.youtube.com/watch?v=CyDS9eDYZPM)

Als N. mir am Telefon erzählte, sie habe sich in ihren Nachbarn verknallt, freute ich mich für sie, was einige möglicherweise für ungewöhnlich halten, weil N. meine Ex-Freundin ist. Ich führte damals eine (wie ich im Nachhinein hoffe) für beide Seiten glückliche Beziehung und wollte, dass es N. ebenso gut ging. Dennoch war ich skeptisch. Wenn das Ganze in drei Monaten auseinander fiel, würde es für sie unangenehm werden, ihm permanent im Treppenhaus zu begegnen.

Drei Monate später erzählte N. mir am Telefon, dass sie schwanger sei.

Nun sind fast drei Jahre vergangen, und ich bin in Berlin, um an ihrer Hochzeit teilzunehmen. Wenn ich Leuten davon erzähle, ist die erste Reaktion ein Blick, der zwischen Mitgefühl und Unverständnis schwankt, gefolgt von der Frage: „Ist das nicht seltsam für dich?“ Ich wundere mich dann jedes Mal, was für Beziehungen diese Leute hatten und ob es noch Paare gibt, die in Freundschaft auseinander gehen. Ich habe fast sieben Jahre meines Lebens an N.’s Seite verbracht. Anfangs hatte sie eine Wohnung in Berlin Dahlem, direkt gegenüber des Hauses von Joschka Fischer, weshalb rund um die Uhr Polizisten die Straße entlang gingen und man das Gefühl hatte, am sichersten Ort der Stadt zu sein. Wir haben nicht nur dort wundervolle Zeiten erlebt, Krisen gemeistert, waren einmal kurz davor auseinander zu brechen, haben es noch gepackt und irgendwann schließlich doch eingesehen, dass unsere Vorstellungen von einer gemeinsamen Zukunft zu unterschiedlich waren. (Was wohl so viel heißt wie: Ich war noch nicht bereit, an der eigenen Hochzeit teilzunehmen.) Nein, es ist ganz und gar nicht seltsam, dabei zu sein, wenn meine Ex-Freundin einen anderen Mann heiratet, viel mehr ist es konsequent – von ihr wie von mir auch. (Und außerdem bietet solch eine Veranstaltungen die Aussicht auf ein exzellentes Menü.) Seltsam wäre höchstens, wenn meine derzeitige Freundin einen anderen Mann heiratet. Seltsam und eine ziemlich radikale Art mir zu vermitteln, dass es vorbei ist.

Aber an jenem Wochenende wirft noch ein anderes Ereignis seine Schatten voraus (wobei die Sache mit dem Schatten in diesem Sommer etwas kompliziert ist, schließlich braucht es dafür Sonne.): Meine Schwester erwartet ihr zweites Kind, ein Mädchen. Ich werde an diesem Samstag also zwischen Hochzeit und Handy hin und her springen, um mir von meiner Mutter die aktuellen Geschehnisse in der Heimat berichten zu lassen; quasi eine Art Geburten-Live-Ticker.

Es ist kurz nach 14 Uhr. Ich fahre mit X im Auto zur Peter und Paul Kirche am Wannsee. Die schwüle Luft legt sich wie Klebstoff auf die Haut, ich schwitze in meinem schwarzen Anzug und lockere die graue-gestreifte Krawatte, die sich wie eine Schlinge um meinen Hals windet. Als im Radio ein Song von M. läuft, dreht X lauter und sieht mich mit einem Schmunzeln von der Seite an. Sie kennt meine Geschichte mit M.

„Schon Neuigkeiten?“, fragt X.

„Nichts“, antworte ich und halte mein Gesicht in die einströmende Fahrtluft. „Meine Mutter will sich melden, sobald es losgeht.“ Ich werfe einen kurzen Blick zu ihr. „Und bei dir?“ Ich beziehe das auf zwei unterschiedliche Dinge, aber X geht nur auf eines von beiden ein, was mich ein wenig beunruhigt.

„Ich glaube nicht, dass das mit China noch was wird.“

„Haben sie sich gemeldet?“

„Nein.“

Bevor X mich kennenlernte, hatte sie sich für ein einjähriges Stipendium beworben, was ich generell für eine gute Sache halte, würde es sie nicht nach Nanjing und damit nach China führen. Eigentlich hatte sie schon längst eine Absage erhalten, aber nun war ein Kandidat abgesprungen und es bestand die Möglichkeit, dass sie ausgesucht würde, bereits im September an seine Stelle zu treten. Ich bin ein Experte, was Fernbeziehungen angeht, aber so weit weg hat es noch keine meiner Freundinnen getrieben. Es fällt mir eindeutig leichter, mich für meine Ex-Freundin und ihre Hochzeit zu freuen, als für meine Freundin und eine Beziehung via Skype.

Aber das ist nur einer von zwei Gedanken, der mir Kopfzerbrechen bereitet.

„Und das andere?“, frage ich. Es macht nicht gerade Spaß, diese Dinge anzusprechen, und ich will es genauso schnell hinter mich bringen wie X, die ihren Kopf kreisen lässt und an dem Ärmel ihres Kleides zupft. Über ihrer Oberlippe haben sich winzige Schweißperlen gebildet; ich will überzeugt sein, dass es allein von der Hitze kommt. Bin es aber nicht.

„Darüber musst du dir keine Sorgen machen“, sagt X.

Mit dieser Antwort gebe ich mich gern erst einmal zufrieden, sage in einem leicht debilen Tonfall „guuuuuut!“ und schließe das Thema damit ab.

Als wir die Peter und Paul Kirche erreichen, warten die meisten Gäste bereits auf das Eintreffen des Brautpaares. Ich begrüße N.s Familie und alte Freunde, die ich durch N. kennen gelernt und seit Ewigkeiten nicht gesehen habe, und begebe mich dann mit X und den anderen in die Kirche. Das Programm verspricht den üblichen Mix aus schmissigen Songs, einer Predigt, ein paar Fürbitten von nervösen Freunden und Verwandten und – wenn alles nach Plan verläuft – dem obligatorischen Ja-Wort. Eine Hochzeit ist wie ein Film, bei dem geheult wird, obwohl jeder weiß, dass die beiden sich am Ende kriegen.

Als der Vorhang an der Eingangstür zur Seite geschoben wird, hört man bereits das erste Schluchzen, noch bevor die Braut überhaupt zu sehen ist. Nach dem Einmarsch der Brautjungfern, Trauzeugen und Blumenkinder betritt schließlich N. an der Seite ihres Mannes die Kirche. (Da sie mit zwei Vätern aufgewachsen ist, hat sie sich entschlossen, den Weg zum Altar mit dem Bräutigam zu gehen.) Sie trägt das erwartbare Sissi-Kleid, einen cremefarbenen Traum mit einer Schleppe, die das erste fallende Laub besser als jede Harke zusammenfegt. Obwohl ich die ganze Zeit ziemlich entspannt war, habe ich mit einem Mal doch das Gefühl, dass mir jeden Augenblick Tränen in die Augen steigen könnten. Das Ganze hält nur für etwa zwei, drei Sekunden, überrascht mich, tut aber nicht weh. Es ist mehr die Freude, die mich überwältigt, weil ich weiß, wie sehr sie diesen Moment herbei gesehnt hat. Ich erspare X und mir jedoch die Peinlichkeit, lauthals zu flennen, und betrachte stattdessen mit den anderen Gästen, wie N. langsam den Gang hinabschreitet. Sie sieht wunderschön aus.

Die Feier findet kurz darauf an einer anderen Stelle des Wannsees statt. Wer auch immer in der göttlichen Abteilung für das Wetter zuständig ist, meint es gut mit dem Brautpaar: Dies ist einer jener seltenen Tage im Sommer 2011, in denen die Sonne eine gewisse Konstanz beweist. Draußen sind Tische aufgestellt, ein Küchengehilfe heizt den Kohlegrill an, der DJ lässt leise Gitarrenklänge spielen und das Festhaus ist innen mit rosa Ballons, Kerzen und Blumen geschmückt. Dies ist jetzt schon die schönste Hochzeit, auf der ich je gewesen bin. (Es ist allerdings auch die erste Hochzeit, auf der ich je gewesen bin.)

Als wir uns alle nach drinnen begeben haben, findet jeder von uns eine kleine Nachricht von N. an seinem Platz vor. Auf meinem Zettel steht: „Ein Tanz ist für die Braut reserviert.“ Ich muss schmunzeln. In den fast sieben Jahren unserer Beziehung habe ich erfolgreich verhindern können, mir die Blöße zu geben, dass ich ein miserabler Tänzer bin. Heute heißt es wohl: Farbe bekennen.

Zunächst beginnt jedoch der unumgängliche Teil der Reden. Als erstes spricht N.’s leiblicher Vater und treibt N. und meinen Tischnachbarinnen die Tränen in die Augen. Nachdem der Vater des Bräutigams etwas gesagt hat, bin ich frohen Mutes, dass die Sache doch schneller vorbei ging als befürchtet und das Buffet bald eröffnet wird. Diese Hoffnung wird allerdings zerschlagen, als der Opa des Bräutigams aufsteht und seine Notizen hervor holt. Es beginnt alles ganz harmlos: „Nachdem meine Vorredner einen Blick zurück geworfen haben“, sagt er, „möchte ich nun einmal nach vorne schauen. Wie wird es in dreißig Jahren aussehen?“

Was nun folgt, ist eine Aufzählung von mehr oder minder wahrscheinlichen Ereignissen, denen die Menschheit in den kommenden dreißig Jahren entgegen blicken wird. Von Atomkriegen bis weiteren Schulden der Länder ist alles vorhanden. Jedes Mal, wenn wir glauben, dass er nun den Bogen zum Brautpaar nimmt, kommt der alte Herr mit einem weiteren Beispiel, bis ich schließlich kaum mehr was verstehe und kurzzeitig überzeugt bin, er hält die Rede mittlerweile auf Latein. Am Tisch neben mir sackt der Kopf eines mir nicht bekannten Herrn auffällig tief nach vorne. Ich erinnere mich an einen Abend mit Semino Rossi, Johnny Logan und ein paar anderen Musikern. Wir saßen in einem Restaurant in Bozen, und Semino sang mit zwei unfassbar geltungsbedürftigen Schlagersängern „Besame Mucho“. Ewig lang. Hinterher sagte mir Johnny Logan: „When they sang ‚Besame’ over and over again without any chance that this would ever end … I literally wanted to kill myself.”

Bevor ich mich jedoch an meiner Krawatte erhänge, findet die Rede tatsächlich noch ein Ende. Tosender Applaus brandet auf, als der alte Herr die erlösenden Worte „Das Buffet ist eröffnet“ sagt. Er verbeugt sich, sichtlich erfreut, dass seine Worte offenbar solchen Anklang gefunden haben. (Innerlich bete ich, dass er das nicht als Aufforderung versteht, eine Zugabe zu geben.)

Als ich am Buffet stehe, ruft meine Mutter an. Sie sagt, dass meine Schwester im Krankenhaus ist und man die Geburt mittels irgendeiner Creme einleiten wird. Der Countdown läuft also.

Als es dunkel wird und das Licht der Kerzen in der Luft zu schweben scheint, eröffnet das Brautpaar den Tanz. Ich setze mich zusammen mit X auf eine Bank. „Na, Lust bekommen?“, frage ich X mit einem Lächeln und einem Blick in Richtung der Hochzeitsgesellschaft.

„Och jooa“, sagt sie. „Ich will auch mal so ein hübsches Kleid tragen.“

Ich ziehe nicht in Erwägung, in diesem Augenblick vor ihr auf die Knie zu fallen, denn 1. ist ein Antrag während einer Hochzeit fast so unromantisch wie bei einer Daily Talkshow und 2. ist mir der Boden zu hart.

Der Bräutigam kommt zu uns, kann aber kaum zwei Worte sagen, als ein Freund dazu stößt. Er ist so voll wie der Wannsee, in den er unbedingt hinein springen will, wie er uns wissen lässt. P., der Bräutigam, kann ihn gerade noch davon abhalten. Sein Freund deutet auf die Festgesellschaft, die nebenan feiert. „Dann holisch mirda jetz n Wein“, sagt er, schüttet sein volles Glas über dem Rasen aus und torkelt von dannen.

Eine halbe Stunde später verabrede ich mit dem DJ, meinen Auftritt einzuleiten. Ursprünglich wollte ich für das Brautpaar „Greatest day“ („Today this could be the greatest day of your life“) und „Forever Love“ singen und mich dabei auf dem Klavier begleiten, aber vor Ort gibt es kein Klavier, also belasse ich es dabei, zu einem miesen Halbplayback „Please don’t go girl“ von den New Kids on the Block zu singen. N. war als Teenager ein Riesenfan der Boyband, aber zu der Zeit war das jedes Mädchen. Ich sage ein paar einleitende Worte, ernte die erhofften Lacher und singe dann das Lied eines Dreizehnjährigen, der zwar tausende Herzen gebrochen hatte, dessen Stimme sich jedoch damals noch nicht in diesem Stadium befand.

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie der betrunkene Freund des Bräutigams eine Freundin von N. anbaggert. Sie dreht ihr Gesicht immer wieder von ihm weg, mit einem Gesichtsausdruck, als hätte er drei Knoblauchzehen gegessen. Als er merkt, dass er bei ihr nicht weiter kommt, wendet er sich an N.’s Mutter, die jedoch auch schon vergeben ist.

Nachdem ich dem Publikum bedauernd eine Zugabe verweigern muss, spüre ich, wie mein Handy in meinem Jackett vibriert und ziehe mich etwas abseits der Gesellschaft zurück. Meine Mutter sagt, dass alles schneller geht als gedacht, und dass das Kind für den Sonntag erwartet wird. Ich kann es nicht erwarten, die Kleine endlich kennenzulernen. Ich weiß schon jetzt, dass sie mir mit nur einem Blick das Herz brechen wird.

Als ich wieder auf den Rasen trete, sehe ich X mit einer Freundin von N. reden. Sie sieht umwerfend aus in ihrem rosafarbenen Kleid. Ich stecke die Hände in die Hosentasche und betrachte sie bloß. Dies ist einer jener seltenen Augenblicke, die man festhalten will; die man sich bewahren will wie einen Ort, an den man immer wieder zurückkehren kann, sobald man sich einsam fühlt. Ich muss an so vieles denken. An das letzte Jahr, das mich an die Grenzen meiner emotionalen Belastbarkeit gebracht hat. Daran, dass diese Geschichte solch einen unerwartbaren Verlauf genommen hat. (Zumindest habe ich ihn nicht erwartet – meine Freunde wussten, dass es so kommen würde.) Hier, an diesem Tag und an diesem Ort, treffen die unveränderten Dinge in meinem Leben mit jenen zusammen, die sich gewandelt haben. Ein Blick darauf ist wie der Blick auf das, was alles möglich ist.

N. tritt an meine Seite. Ich habe sie gar nicht kommen hören.

„Amüsierst du dich?“, fragt sie.

„Es ist ein großartiges Fest. Und du siehst einfach wundervoll aus.“

„Ich kann dir sagen, meine größte Angst war, dass mir in der Nacht vorher noch ein Riesenpickel wächst.“

Ich sehe schmunzelnd zu ihr. „Du meinst, wie der auf deiner Stirn?“

Sie schlägt mir lachend mit der flachen Hand auf den Oberarm. „Das hast du gut hinbekommen“, sage ich schließlich. „Die Hochzeit. Eure Tochter.“

„Wann ist es denn bei dir soweit?“

„Mit der Hochzeit oder mit der Tochter?“

„Mit beidem.“

Ich forme den Mund zu einer Schnute, so als würde ich darüber nachdenken. In Wahrheit kommt mir jedoch wieder die ungeklärte Sache zwischen X und mir in den Sinn. Eine mögliche Reise nach China ist die eine Sache. Die andere Geschichte ist noch wesentlich heikler, und ich frage mich, ob sie bereits mehr weiß. Dass sie ihre Tage manchmal erst verspätet bekommt, sei normal, meinte sie zu mir.

Schließlich sage ich bloß: „Vielleicht früher als du denkst“ und meine es auch so.

N. wird gebeten, einem Kamerateam das wohl hundertste Interview an diesem Tag zu geben. (Sie wird seit Tagen begleitet für einen Bericht über ihre Trauung, und das Kamerateam wuselt schon seit Stunden zwischen den Gästen herum. Ein Interview konnte ich jedoch – trotz mehrfachen Nachhakens – erfolgreich verhindern. Alles, was ich N. zu sagen habe, sage ich ihr lieber persönlich.)

Ich trete an X heran und führe sie zur Tanzfläche. „Was macht deine Schwester? Kommt das Kind?“, fragt sie, als wir uns zur langsamen Musik bewegen.

„Meine Schwester liegt flach, und das Kind hat seine Ankunft für morgen angekündigt“, sage ich.

X nickt und wirft für einen beunruhigenden Moment den Blick zu Boden. Von jetzt auf gleich entsteht eine seltsame Stimmung zwischen uns. Ich weiß sofort, dass sie mir etwas verheimlicht. „Und bei dir?“, sage ich deshalb.

X atmet tief durch. Innerlich scheint sie mit sich oder mit irgendwas zu ringen. Als sie es schafft, mir in die Augen zu sehen, meine ich, Unsicherheit in ihrem Blick zu erkennen.

„Es gibt Neuigkeiten“, sagt sie. Jedes ihrer Worte klingt, als würde es ihr große Mühe bereiten. Instinktiv bleibe ich stehen. Es gibt natürlich nur zwei Möglichkeiten, wovon sie spricht, und beide würden meinem Leben eine neue Wendung geben. Ich weiß in dem Augenblick nicht, worauf ich hoffen soll.

„Was von beidem ist es?“, sage ich, gefasst auf alles und auf nichts.

Montag, 1. August 2011