Dienstag, 26. Juli 2011

Here we go again

(http://www.youtube.com/watch?v=haT0YWKnSsM)

Ich sitze auf einem unbequemen Holzstuhl und stelle mir vor, wieder da zu sein. Haben Sie sich auch schon mal gefragt, wie es wäre, zur Schule zurückzukehren? Und ob Sie nach all der Zeit, die zwischenzeitlich vergangen ist, wohl überhaupt den Anschluss wieder finden würden? Ich war ein höchst mittelmäßiger Schüler. Meine Gedanken waren bei Mädchen und der Schauspielerei, bei meinem totkranken Vater und bei allem anderen, was nicht mit Schule, vor allem mit Mathematik zu tun hatte. Mit Zahlen konnte ich nie umgehen. Es fiel mir leicht, ellenlange Aufsätze zu schreiben, die nie fertig wurden. Aber bei quadratischen Gleichungen, rationalen und irrationalen Zahlen hörte es bei mir auf; für mich waren sowieso alle Zahlen und Gleichungen irrational.

1998 kam die Musik in mein Leben, und ich musste die Entscheidung treffen, ob ich erst einmal meinen Abschluss machen sollte oder bereit war, den direkten Sprung ins eiskalte Wasser der Musikindustrie zu wagen. Lange musste ich nicht überlegen. Ich war mehr als bereit, diese Schule zu verlassen, die von Nonnen und Lehrern beherrscht wurde, von denen anzunehmen war, dass man sie beim Militär ausgebildet hatte. Vor allem meine Mathelehrerin, Frau Juling, würde ich nicht vermissen. Nie werde ich vergessen, wie sie mich einmal vor der gesamten Klasse demütigte. Ein paar Monate nach dem Tod meines Vaters stand ich immer noch völlig neben mir. Als die Arbeiten zurückgegeben wurden, verkündete Frau Juling die Notenverteilung. Es gab ein paar Einsen, ein paar Zweien, wenige Dreien und Vieren und vor allem keine Fünf. Ich war erleichtert. Sie muss gesehen haben, wie ich durch die Wangen pustete, und es muss sie unheimlich provoziert haben, denn sie sagte mit kochend rotem Gesicht: „Und es gibt eine Sechs, und die hat der Christian.“ Ich erstarrte. Alles war still, aber ich konnte die Gedanken jedes Einzelnen hören: Wie kann man nur eine Sechs schreiben?; es war offensichtlich, dass noch keiner von ihnen einen Elternteil verloren hatte. (Es blieb die einzige Sechs meiner Schullaufbahn.) Ich wollte mich in Moleküle auflösen. Wie gesagt, das werde ich nie vergessen. Der Moment gehört zu den schmerzhaftesten Erinnerungen meiner an schmerzhaften Erinnerungen nicht armen Schulzeit. (Ich erinnere mich trotzdem gerne an diese Zeit zurück. Unser Hirn ist so programmiert, dass es peu à peu die schlechten Dinge ausblendet.)

Ich habe es nie bereut, diese Schule so kurz vor Schluss verlassen zu haben, aber ich habe es immer als persönliche Niederlage gesehen, den Weg bis zum Abitur nicht zu Ende gegangen zu sein. Vor allem in den letzten paar Jahren hatte ich das Gefühl, dass mir dieser Abschluss in meiner Vita fehlte.

„Der Käpt’n kommt“, weckt mich mein Nebenmann abrupt aus meinen Tagträumen. Und aus meinen Erinnerungen an die Schule kehre ich nun zurück in die Gegenwart, und das bedeutet: in die Schule. Ich habe es tatsächlich getan. Seit einem halben Jahr sitze ich wieder über den Büchern, um an einem Abendgymnasium endlich mein Abitur nachzuholen. Nicht bloß aus Jux und Dollerei. Ich habe mittlerweile ganz konkrete Vorstellungen, was ich damit anfangen möchte.

Der „Käpt’n“, wie mein Nebenmann – und mittlerweile guter Freund – Richard ihn nennt, ist unser Klassenlehrer, Herr K., ein grundsympathischer Mensch mit einem Riesenherzen und – zumindest an diesem Tag – einem kleinen Packen Zeugnisse in den Händen. Es ist der letzte Tag des ersten Semesters. Nun wird sich zeigen, ob ich mich auf dem richtigen Weg befinde und wie realistisch meine Ziele wirklich sind. (Leider wird dieser Tag von einem Terrorakt in Norwegen überschattet. Ausgerechnet Oslo, die Stadt, die ich im letzten Jahr so liebgewonnen habe.) Ich merke, wie meine Handinnenflächen auf einmal zu schwitzen anfangen und wie mein Herz zu klopfen beginnt. Ich frage Richard flüsternd, ob er genauso nervös ist, aber der sagt nur: „Ein bisschen“. Er strahlt jene militärische Disziplin aus, die ich bereits von ihm kenne (was nicht von irgendwoher kommt, da er bei der Bundeswehr arbeitet). „Möchtest du einen Mangojoghurt?“, frage ich ihn. Er guckt mich an, als wollte ich ihm ein Kamel andrehen. „Wieso bringst du Joghurt mit in die Schule?“

„Weil er schmeckt.“

Ich drücke ihm den Becher mit einem Löffel in die Hand, während Herr K. die Klasse mit einem „Guten Abend zusammen!“ betritt; so begrüßt er uns immer. Er trägt ein giftgrünes Hemd, dass er sich in die Hose gesteckt hat, nicht wirklich vorteilhaft über seinem leicht spannenden Bauchansatz, aber er darf alles, schließlich ist er der Käpt’n.

„Wie lange steht der Joghurt schon in deinem Kühlschrank?“, fragt Richard mich.

„Wieso?“

„Weil er seit einem Monat abgelaufen ist.“

Ich nehme den Becher von ihm entgegen, werfe einen Blick auf das Haltbarkeitsdatum und forme meine Lippen zu einer Sichel. „Für Bio können wir ihn noch gebrauchen“, sage ich.

Drei Monate zuvor saß ich schon einmal nervös auf diesem Stuhl. Vor mir lag die erste Matheklausur seit dreizehn Jahren. Besonders für dieses Fach hatte ich tage- und nächtelang gebüffelt. Während meine Freunde Samstagabends tanzen gingen, saß ich bis halb fünf Uhr morgens über den Büchern und schlug mich mit Wurzeln, Gleichungen und Formeln herum. Ich wollte es schaffen. Ich wollte mein Angstfach bezwingen und damit vielleicht im Nachhinein Frau Juling einen – Achtung: Kraftausdruck – Arschtritt geben. (Auch wenn sie nie davon erfahren würde.)

Meine neue Mathelehrerin, Frau E., ist eine wahnsinnig geduldige, freundliche Frau, die meine alten Schuleindrücke Schritt für Schritt veränderte. Sie legte niemandem wiederholtes Nachfragen als Schwäche aus, wurde stattdessen nicht müde zu betonen, dass sie genau dafür da sei. Sie ist eine außergewöhnliche Frau, die erst vor kurzem eine schlimme Krankheit besiegt hat. Die ersten Wochen erschien sie mit einer Perücke, die sie aber nach Karneval endgültig ablegte. „Das bin nun mal ich“, hatte sie gesagt. Nicht nur deswegen habe ich eine sehr hohe Meinung von ihr.

Ich arbeitete mich konzentriert durch die Klausur, überprüfte jeden Schritt, den ich getan hatte, noch ein zweites Mal. Die ganze Mühe, die ich investiert hatte, sollte nicht durch irgendwelche dummen Flüchtigkeitsfehler zunichte gemacht werden. Während die ersten bereits abgaben, saß ich immer noch da und achtete peinlich genau darauf, kein Vorzeichen falsch abzuschreiben.

Als ich schließlich Frau E. die Klausur mit einem tiefen Atmer in die Hand drückte, sah sie mich aufmunternd an. Ich hatte ihr von meinen Erfahrungen mit meiner alten Mathelehrerin erzählt, und sie hatte gar nicht fassen können, dass Lehrer so etwas machen.

Nur wenige Tage später war es dann soweit: Wir bekamen die Klausuren zurück, und zum ersten Mal würde sich nun zeigen, ob ich mich auf dem richtigen Weg befand. Ich sah mich wieder in meiner alten Klasse sitzen und Frau Juling durch die Reihen stöckeln. Spürte die Aufregung. Frau E. legte die Klausuren vor sich auf den Tisch, wartete, bis sich alle gesetzt hatten und Ruhe eingekehrt war und meinte dann: „Ich muss leider sagen, dass ich ein wenig enttäuscht bin. Der Schnitt dieser Klausur ist so schlecht, dass ich sie beinahe hätte nachschreiben lassen müssen.“ Mein Herz sank in die Hose, als Frau E. an die Tafel trat und eine „3,47“ notierte. Das war wirklich ein ganz und gar mieser Schnitt. „Ich bni etwas konsterniert“, sagte sie dann. „Ich frage mich, ob ich etwas falsch gemacht habe. Warum es mir nicht gelungen ist, ihnen die Aufgaben begreiflich zu machen.“ Sie tat mir leid. Dass die Klausur offenbar so schlecht ausgefallen war, hatte nichts mit ihr zu tun, viel mehr mit einigen Schülern, die sich nur alle paar Wochen mal zur Schule bemühten und deswegen den Anschluss von Anfang an verloren hatten.

Frau E. begann, den Notenspiegel an die Tafel zu schreiben. „Es gibt keine Sechs“, sagte sie, worauf ich erleichtert aufatmete. (Aber zu dem Zeitpunkt hatte ich, um ehrlich zu sein, auch nicht mehr mit einer Sechs gerechnet.) „Es gibt drei Fünfen …“, fuhr sie fort. „Vier Vieren … Sechs Dreien … Fünf Zweien … Und eine Eins …“ Sie drehte sich um und lächelte. „Und die hat der Christian.“ Sie sah mich direkt an, während sich mein Mund öffnete und ich sprachlos an die Tafel blickte. „Gratuliere, mein Alter!“, sagte Richard begeistert und klopfte mir auf die Schulter. Meine Mitschüler bedachten mich mit mehr oder weniger beeindruckten Blicken und nahmen dann, einer nach dem anderen, ihre Klausur entgegen. Als Frau E. vor mich trat und mir wortlos meine Klausur auf den Tisch legte, nickte sie, zog anerkennend die Stirn in Falten und streckte den Daumen hoch. „Danke!“, sagte ich, immer noch platt. „Das haben Sie ganz allein geschafft“, sagte sie und kehrte zu ihrem Platz zurück. Sie hatte natürlich nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein können. Ohne ihre Geduld und ihr Talent, schwierige Sachverhalte einfach darzustellen, hätte ich das nie geschafft. Alleine dafür werde ich ihr ewig dankbar sein.

Als ich meinen Blick auf das „Sehr gut“ fallen ließ, waren meine Mundwinkel endlich fähig, sich nach oben zu ziehen (etwas, woran Angela Merkel bisher gescheitert ist). Ich hatte mein altes Mathetrauma endlich besiegt.

Für die zweite Klausur bekam ich sogar eine „Eins plus“, aber dies war natürlich nur ein Baustein eines größeren Bausteins, der sich „Zeugnis“ nennt. Und das liegt in diesem Augenblick vor Herrn K. Klug wie er ist, hält er keine langen Reden, sondern ruft uns einzeln nach vorn, um mit einem Händedruck die Zeugnisse zu verteilen. Einer nach dem Anderen geht mit mehr oder weniger erwartungsvollem Blick zu Herrn K. und kehrt mit mehr oder weniger erfreutem Ausdruck wieder zurück an seinen Platz. Bis alle ihre Zeugnisse haben, nur ich nicht. „So, dann sind wir ja durch“, sagt Herr K. und grinst. „Super!“, sage ich scheinbar begeistert, stehe auf und tue so, als würde ich gehen wollen.

„Ach ja, Herr Wunderlich. Natürlich“, sagt Herr K. Er ist ein sehr guter Lehrer, aber ein mittelmäßiger Schauspieler. Ich trete nach vorne, begleitet von Witz-Kommentaren meiner Mitschüler. „Bestimmt lauter Sechsen“, höre ich scherzhaft. Und: „Wahrscheinlich nur knapp versetzt.“ Sie klingen, als wüssten sie mehr als ich.

„Herzlichen Glückwunsch!“, sagt Herr K., als er mir das Zeugnis überreicht, und schüttelt mir die Hand. Dann zeigt er auf eine bestimmte Stelle meines Zeugnisses. „Hier müssen sie allerdings dringend noch was nachholen.“ Mein Blick fliegt über die Fächer und die daneben stehenden Noten. Alles Einsen. (In Deutsch sogar eine „Eins Plus“, wie Herr K. mich ein paar Tage vorher hatte wissen lassen. Eine Note, die er, wie er meinte, normalerweise nicht in der E-Phase vergibt, was mich natürlich umso mehr mit Stolz erfüllt.) Nur in Physik hat es bloß für eine Zwei gereicht. Herr K. sieht mich enttäuscht an. Ich lasse den Kopf hängen. „Ich werde mich bessern“, sage ich und gehe mit einem Grinsen zurück an meinen Platz. Ich bin in den vergangenen sechs Monaten zu dem geworden, was man gemeinhin einen Streber nennt. Ich liebe das Lernen, und ich liebe es, nach dreizehn Jahren wieder zur Schule zu gehen.

Draußen fallen Richard und ich uns erleichtert in die Arme. Das erste Semester ist geschafft. Und nicht nur das: Wir haben es beide als Jahrgangsbeste abgeschlossen.

Zur Feier des Tages grillen wir mit den anderen Schülern, sowie Herrn K. und Frau E., trinken danach auf dem Parkdeck der Schule ein kleines Bier und machen ein paar alberne Fotos, um den Augenblick festzuhalten. Ein letztes Mal in unserem Leben sind wir noch einmal fünfzehn. (Ein letztes Mal bis zum nächsten Zeugnis zumindest.)

Mein Weg ist noch immer lang, die Reise hat gerade erst begonnen. Aber ich habe nun ein konkretes Ziel: Ende nächsten Jahres werde ich mich an englischen und amerikanischen Elite-Unis bewerben, um für zwei Jahre Literatur, Journalismus oder Psychologie/Medizin zu studieren. Mein Traum wäre Oxford oder Cambridge in England und Harvard oder Princeton in den USA. (Emma Watson riet mir kürzlich zu Brown, weil sie selber dort ihren Abschluss machen wird, was auch eine mehr als brauchbare Alternative wäre. ;-) Teilweise werden dort Kurse des „Kreativen Schreibens“ von Autoren geleitet, die zu meinen absoluten Helden gehören, wie zum Beispiel Jeffrey Eugenides. Es wird nicht leicht, und ein Spitzenabitur reicht noch lange nicht, um an einer solchen Uni angenommen zu werden. Aber ich arbeite darauf hin. Wenn ich zwei Dinge im letzten halben Jahr gelernt habe, dann, dass 1.) Träume kein Haltbarkeitsdatum haben. Und 2.) Mangojoghurt hingegen schon.

Montag, 25. Juli 2011

Norwegen

(http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,776326,00.html)

Die Welt steht unter Schock. Was am Freitag, den 22. Juli 2011 gegen 17 Uhr in Norwegen passiert ist, bleibt unvorstellbar: Ein Mann zündet zunächst ein paar Bomben in Oslo und fährt dann seelenruhig auf eine nahe gelegene Insel, um dort die eigentliche Hinrichtung zu vollziehen. Das Perfide an der Tat ist, dass der Täter sich als Polizist ausgegeben hat; als jemand also, der eigentlich Sicherheit vermitteln soll. Für die überlebenden Jugendlichen wird es schwierig sein, diese verlorene Sicherheit wiederzugewinnen.

Zunächst hörte ich von dem Bombenanschlag in Oslo, und das Erste, was ich dachte, war: „Oh Gott, M.!“ Aber ihr geht es gut. Sie verfolgt beinahe stündlich die Nachrichten, die immer weitere grausame Details veröffentlichen.

Es ist müßig, sich die Frage zu stellen, warum ein Mensch wie der Täter so kalt, so abgebrüht sein kann. Offensichtlich sieht er selber sich als Held, und ich fürchte, es gefällt ihm, dass sein Foto nun weltweit durch die Presse geht. Deshalb sollten wir uns gar nicht zu sehr mit ihm und seinen wirren Ideologien beschäftigen. Was wirklich zählt sind nun die Opfer, die Hinterbliebenen, jene, die mit dem, was sie unmittelbar durchlitten haben, weiterleben müssen. Ihre Existenz wird absofort eine andere sein. Niemand von uns kann sich wohl im Entferntesten vorstellen, wie es ist, um sein Leben zu rennen, während um einen herum lauter Freunde ihres verlieren. Jedes Mal, wenn diese Jugendlichen einem Polizisten begegnen, werden sie zusammenzucken. Der Täter hat fast neunzig Menschen hingerichtet, aber noch vielen mehr ihr Leben genommen. Gestern las ich, dass man ihn nach norwegischem Recht allerdings höchstens zu einundzwanzig Jahre Haft verurteilen kann. Ich gehe davon aus, dass man ihn danach allerdings auch weiterhin in Sicherheitsverwahrung behält, alles andere wäre blanker Hohn. Aber gibt es für eine derartige Tat überhaupt die gerechte Strafe? Und wie kann man als Verteidiger solch einen Menschen vertreten? Und wieder komme ich auf eine Frage zurück, die ich bereits in einem meiner vorangegangenen Blogs gestellt habe: Wie viele Rechte hat ein Mensch, der sich selber über jedes menschliche Recht erhoben hat?

Für die Opfer und ihre Hinterbliebenen hat der Täter bereits ein Urteil gefällt: Lebenslänglich.

Montag, 18. Juli 2011

Changes

(http://www.mtv.de/videos/263380-changes-performed-at-air-studios.html)

Ein herbstlicher Wind weht durch meine Straße, mitten im Sommer. Die Kastanien vor meinem Balkon wiegen von einer Seite zur anderen, ihr Rauschen klingt wie das eines großen, weiten Meeres. Eine junge Frau in einem Trenchcoat hat sichtlich Mühe, zu ihrem Auto zu gelangen, bevor ihre Frisur aussieht, als hätte man sie mit 10000 Volt aufgeladen. (Es ist ihr bereits misslungen, soweit ich das von der Entfernung aus beurteilen kann.) Die Hände in den Taschen meiner grauen Flanellhose, sehe ich schon eine Weile lang nach draußen, während im Hintergrund ein Song von Angus & Julia Stone läuft. Ich warte auf Manuel.

Der Wind trägt das Werbeposter eines Supermarkts durch die Luft. („Sommerangebot“, steht in roten Lettern darauf, „500 Gramm Erdbeeren 2,39 Euro“. 500 Stunden Sonne wären mir in diesem bisher eher mäßigen Sommer lieber.) Ich sehe, wie der Wind an den Baustellenabsperrungen vorbeirauscht, und wie er Sand über den Boden fegt und immer wieder neue Muster hinein zeichnet. Er gibt diesem Ort scheinbar sekündlich ein neues Antlitz.

Das Leben ist eine permanente Abfolge von Veränderungen. Besonders vor Augen geführt wird dir das, wenn du alte Fotoalben durchblätterst oder beim Ausmisten auf Kisten mit Reliquien stößt, die dein Leben aus einer anderen Zeit dokumentieren. Alles um uns herum scheint sich in rasender Geschwindigkeit fortzubewegen. Die Wahrheit ist jedoch, dass wir uns vor allem selber verändern, während die Welt um uns herum eigentlich so ziemlich die Gleiche bleibt. Letztens schickte mir ein Freund einen Link mit einem Interview von mir, das ich vor zwölf Jahren gegeben habe. Mein zwanzigjähriges Ich erschien mir so fremd wie jeder, der auf der Straße an mir vorbeiläuft. Vieles dreht sich im Laufe eines Lebens um 180 Grad.

Es ist Montagnachmittag. Ich sitze auf einer vollbepackten Umzugskiste.

Mein Blick streift durch das große Regal an der Wand, in dem kaum mehr DVDs stehen. Reduzierung ist mein Motto dieses Jahres. Die Filmsammlung passt nicht mehr zu mir, sie gehört zu einem anderen Lebensabschnitt, der nun schon eine ganze Weile hinter mir liegt. Aber wie ich mich so umsehe, wird mir klar, dass dies für die ganze Wohnung gilt. Es ist Zeit für etwas Neues.

Schon erstaunlich, wie unaufhaltsam sich das Rad der Zeit dreht. Claudio liegt im Krankenhaus, und meine Schwester wird ihm demnächst folgen, allerdings aus weit willkommeneren Gründen: Sie erwartet ihr zweites Kind; das erste Mädchen dieser Generation unserer Familie.

Um mir die Wartezeit zu vertreiben, beschließe ich, ein paar Sachen aus meinem Schlafzimmer zu entmisten, dem einzigen Raum, der seit meinem Einzug eine unaufhörliche Baustelle ist. Viele Klamotten habe ich bereits zur Caritas gebracht, jetzt sind die kleinen vergessenen Schätze dran, die in Kisten unter dem Bett verstaut sind. Das Meiste davon ist Plunder, von dem ich mich aus mir unerklärlichen Gründen nicht trennen wollte, als ich damals hier eingezogen bin: Backstagepässe, Stifte, eine Wegwerfkamera, die ich benutzt, aber anschließend nicht weggeworfen habe, ein Geduldsspiel, für das ich nie Geduld aufbringen konnte. Ich sortiere die Gegenstände nach „Müll“ und „Verschenken“ aus, wobei das Meiste im Müll landet. Ich finde einen Gutschein für eine Fahrstunde auf dem Testgelände des ADAC und das Buch „Der perfekte Liebhaber – Sextechniken, die sie verrückt machen“, beides Geschenke meiner damaligen Freundin N. Man könnte den Eindruck gewinnen, ich hätte sie in Sachen Verkehr in keinster Weise zu überzeugen gewusst. Schmunzelnd werfe ich den Fahrgutschein in den Müll (ist seit Jahren unbenutzt abgelaufen), kreise mit dem Sexratgeber über dem „Verschenken“-Sack und lege ihn schließlich in meine Schublade. Man lernt ja nie aus.

In der zweiten Kiste befinden sich alte Schulhefte und Briefe. Liebeschwüre vergangener Beziehungen und Romanzen (oder nicht mal das), von denen ich die meisten bereits vergessen habe. Es ist immer spannend, aber auch befremdlich, in dein früheres Leben zurückzukehren, und es passiert unweigerlich, wenn du alte Briefe liest. Ich stoße auf Zettel einer ehemaligen Arbeitskollegin, die mir während der Arbeit schrieb: „Du sieht heute so hübsch aus. Zum immer wieder Hingucken hübsch“. Eine Andere, von der ich schon fast vergessen hatte, dass sie in mich verknallt war, schreibt: „Du bist derart charmant, dass Frau sich in Deiner Nähe so besonders fühlt und dich allein schon deswegen um sich haben will. Und das kotzt mich an.“ Sie übertreibt natürlich maßlos, aber vielleicht hat sie es tatsächlich so wahrgenommen. Der Blick von außen erfasst dich immer präziser als du selbst.

Dann stoße ich auf einen Brief, der spontan entstanden sein muss. Er befindet sich auf der Rückseite eines Sudoku-Rätsels der Kategorie „Teuflisch schwer“. Der Brief ist von T., das weiß ich, ohne das Blatt umdrehen zu müssen. Mit einem mulmigen Gefühl überfliege ich die Zeilen. Es ist gefährlich, sich mit etwas zu konfrontieren, das dir möglicherweise den Blick zurück auf einen Lebenabschnitt gewährt, der dir einmal vollkommen erschien. (Das Tükischste an einer Illusion ist, dass sie eine Illusion ist.) Sie schreibt: „Ich habe das Gefühl, in deiner Nähe ganz ich selbst sein zu können …“, eine galante Lüge, wie sich Jahre später herausstellte, als sie mir vorwarf, sie habe das Gefühl gehabt, sich für mich verbiegen zu müssen. Aber ich sehe mit einem Schmunzeln darüber hinweg. Das sind nun einmal Dinge, die man schreibt, wenn man den Anderen von sich überzeugen will.

Diese Dokumente bewahre ich natürlich auf. Ich werde die Briefe das nächste Mal wahrscheinlich als alter Mann hervorkramen, wenn mich die Erinnerung allmählich verlässt. Und ich werde den Kopf schütteln, weil ich nicht glauben kann, dass das Leben, das sie dokumentieren, tatsächlich meines gewesen ist.

Weiter unten fällt mir ein vergilbtes Din-A-4-Blatt in die Hände. Ein Gedicht, das ich am 10.5.1989 geschrieben habe, wie mir der Eintrag in der linken oberen Ecke verrät. Es heißt schlicht „Die Liebe“, ist in zwei Teile geteilt und trägt die Zusätze „Teil 1: Wie Jungen Mädchen verführen“ und „Teil 2: Wie Mädchen Jungen verführen“. (Natürlich meinte ich damals mit „verführen“, „ihr Herz gewinnen“, nicht „am schnellsten ins Bett bekommen“. Es ist also quasi die kindgerechte Version von „Der perfekte Liebhaber“.)

Im Folgenden werde ich nun das Gedicht abdrucken, und ich werde es weder korrigieren noch auf eine andere Weise verändern:

Die Liebe – Teil 1: Wie Jungen Mädchen verführen

Die Liebe ist wenn man sich mag.

Wenn du nichts weißt, dann frag.

Man geht zusammen Essen.

Vorsicht, nicht zu überfressen.

Seih charmant, schenk ihr nen Strauß,

dann gehst mit ihr zum tanzen aus.

Du tritzt ihr frölich auf den Fuß,

gibst ein küssen noch zum Schluß.

Am Abend bringst sie dann nach Haus,

nun ist das Gedicht schon aus,

oh grauß.

Vor allem der Schluss ist natürlich ein Meisterwerk. Sensibler kann man solch ein tiefgreifendes Gedicht wohl kaum beenden. Aber nun, meine Damen, aufgepasst: Hier kommen die ultimativen Tips, wie ihr garantiert den Mann eurer Träume bekommt …

Die Liebe – Teil 2: Wie Mädchen Jungen verführen

Wenn du versuchst immer zu lachen,

wird er sich an dich herannmachen

Du bist föhlig (Kommentar des Autors 2011: Ahahahahaaaaaa!!) betroffen

Und machst ihn total besoffen.

Er gibt ein Busserl hier, ein busserl da,

nun ist alles föllig (Kommentar des Autors 2011: Muahahahaaaaa!!) klar.

Durch deinen Kopf kommen flusen,

nun wollt ihr noch was schmusen.

Endlich bist du nicht mehr matt,

am übernächsten Tag findet Hochzeit statt.

Hm … Scheint mir doch nicht so wirklich kindgerecht zu sein … (Interessant übrigens, wie ich unter dem letzten Satz noch „Viel Spaß“ gewünscht habe, als wäre das ein bissiger Kommentar zum garantierten Scheitern der Ehe.)

Unter dem Berg aus Papier klingelt mein Handy. Meine Telefongesellschaft will mir – wie jedes Jahr – ein großartiges Angebot machen, weil ich ein langjähriger, treuer Kunde bin und sowieso total super und gut rieche und so. (Können die mir das schriftlich geben? Dann lese ich das in zehn Jahren vielleicht noch mal und freu mich drüber.) Die junge, professionell freundliche Dame am anderen Ende der Leitung rechnet mir vor, was ich mit einer Tarifänderung an Geld sparen kann und kommt nicht mal ins Stottern, als ich sie frage, was ihr Arbeitgeber sich von der ganzen Sache verspricht. Schließlich fragt sie mich, ob ich eine andere Telefonnummer wünsche. Ich überlege. Ich habe meine Nummer schon so lange, dass sie fast wie mein Name zu mir zu gehören scheint. Eine neue Telefonnummer ist eigentlich lästig, da man sämtliche Leute darüber informieren muss. Andererseits – so mein Gedanke – bietet es auch eine weitere Chance für Veränderung: Ich habe die Gelegenheit, meine Nummer nur denen zu geben, die sie wirklich haben sollen. Wie viele Leute sind in meinem Telefonbuch aufgelistet, zu denen ich seit Ewigkeiten keinen Kontakt mehr habe. Ich könnte einen Strich drunter ziehen und das Programm „Leben“ neu starten. Und wenn ich schon dabei bin, vielleicht direkt noch eine neue Emailadresse. Wenn schon, denn schon. Es hätte allerdings auch zur Folge, dass ich ein paar Fäden für immer abschneiden würde.

Mein Blick fällt auf die Briefe in meinem Schoß.

Zum Glück klingelt in dem Augenblick Manuel. Ich sage der Frau an der anderen Leitung, dass ich mich die Tage bei ihr melden werde, um alles weitere mit ihr oder einem Kollegen zu besprechen. Dann lege ich auf, springe hoch (die Briefe fallen flatternd von meinem Schoß) und drücke die Tür unten auf. „Achiiiiim!“, höre ich Manuel rufen. Ein Windstoß fegt durch das Treppenhaus, bevor die Haustür zuschlägt. „Roooooolf!“, rufe ich zurück und lache. Und wie ich meinen guten Freund polternd die Treppe heraufkommen höre, denke ich mir, wie gut es ist, dass, zwischen all den Veränderungen um uns herum, manche Dinge einfach so bleiben, wie sie sind.