Montag, 25. Juli 2011

Norwegen

(http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,776326,00.html)

Die Welt steht unter Schock. Was am Freitag, den 22. Juli 2011 gegen 17 Uhr in Norwegen passiert ist, bleibt unvorstellbar: Ein Mann zündet zunächst ein paar Bomben in Oslo und fährt dann seelenruhig auf eine nahe gelegene Insel, um dort die eigentliche Hinrichtung zu vollziehen. Das Perfide an der Tat ist, dass der Täter sich als Polizist ausgegeben hat; als jemand also, der eigentlich Sicherheit vermitteln soll. Für die überlebenden Jugendlichen wird es schwierig sein, diese verlorene Sicherheit wiederzugewinnen.

Zunächst hörte ich von dem Bombenanschlag in Oslo, und das Erste, was ich dachte, war: „Oh Gott, M.!“ Aber ihr geht es gut. Sie verfolgt beinahe stündlich die Nachrichten, die immer weitere grausame Details veröffentlichen.

Es ist müßig, sich die Frage zu stellen, warum ein Mensch wie der Täter so kalt, so abgebrüht sein kann. Offensichtlich sieht er selber sich als Held, und ich fürchte, es gefällt ihm, dass sein Foto nun weltweit durch die Presse geht. Deshalb sollten wir uns gar nicht zu sehr mit ihm und seinen wirren Ideologien beschäftigen. Was wirklich zählt sind nun die Opfer, die Hinterbliebenen, jene, die mit dem, was sie unmittelbar durchlitten haben, weiterleben müssen. Ihre Existenz wird absofort eine andere sein. Niemand von uns kann sich wohl im Entferntesten vorstellen, wie es ist, um sein Leben zu rennen, während um einen herum lauter Freunde ihres verlieren. Jedes Mal, wenn diese Jugendlichen einem Polizisten begegnen, werden sie zusammenzucken. Der Täter hat fast neunzig Menschen hingerichtet, aber noch vielen mehr ihr Leben genommen. Gestern las ich, dass man ihn nach norwegischem Recht allerdings höchstens zu einundzwanzig Jahre Haft verurteilen kann. Ich gehe davon aus, dass man ihn danach allerdings auch weiterhin in Sicherheitsverwahrung behält, alles andere wäre blanker Hohn. Aber gibt es für eine derartige Tat überhaupt die gerechte Strafe? Und wie kann man als Verteidiger solch einen Menschen vertreten? Und wieder komme ich auf eine Frage zurück, die ich bereits in einem meiner vorangegangenen Blogs gestellt habe: Wie viele Rechte hat ein Mensch, der sich selber über jedes menschliche Recht erhoben hat?

Für die Opfer und ihre Hinterbliebenen hat der Täter bereits ein Urteil gefällt: Lebenslänglich.

Montag, 18. Juli 2011

Changes

(http://www.mtv.de/videos/263380-changes-performed-at-air-studios.html)

Ein herbstlicher Wind weht durch meine Straße, mitten im Sommer. Die Kastanien vor meinem Balkon wiegen von einer Seite zur anderen, ihr Rauschen klingt wie das eines großen, weiten Meeres. Eine junge Frau in einem Trenchcoat hat sichtlich Mühe, zu ihrem Auto zu gelangen, bevor ihre Frisur aussieht, als hätte man sie mit 10000 Volt aufgeladen. (Es ist ihr bereits misslungen, soweit ich das von der Entfernung aus beurteilen kann.) Die Hände in den Taschen meiner grauen Flanellhose, sehe ich schon eine Weile lang nach draußen, während im Hintergrund ein Song von Angus & Julia Stone läuft. Ich warte auf Manuel.

Der Wind trägt das Werbeposter eines Supermarkts durch die Luft. („Sommerangebot“, steht in roten Lettern darauf, „500 Gramm Erdbeeren 2,39 Euro“. 500 Stunden Sonne wären mir in diesem bisher eher mäßigen Sommer lieber.) Ich sehe, wie der Wind an den Baustellenabsperrungen vorbeirauscht, und wie er Sand über den Boden fegt und immer wieder neue Muster hinein zeichnet. Er gibt diesem Ort scheinbar sekündlich ein neues Antlitz.

Das Leben ist eine permanente Abfolge von Veränderungen. Besonders vor Augen geführt wird dir das, wenn du alte Fotoalben durchblätterst oder beim Ausmisten auf Kisten mit Reliquien stößt, die dein Leben aus einer anderen Zeit dokumentieren. Alles um uns herum scheint sich in rasender Geschwindigkeit fortzubewegen. Die Wahrheit ist jedoch, dass wir uns vor allem selber verändern, während die Welt um uns herum eigentlich so ziemlich die Gleiche bleibt. Letztens schickte mir ein Freund einen Link mit einem Interview von mir, das ich vor zwölf Jahren gegeben habe. Mein zwanzigjähriges Ich erschien mir so fremd wie jeder, der auf der Straße an mir vorbeiläuft. Vieles dreht sich im Laufe eines Lebens um 180 Grad.

Es ist Montagnachmittag. Ich sitze auf einer vollbepackten Umzugskiste.

Mein Blick streift durch das große Regal an der Wand, in dem kaum mehr DVDs stehen. Reduzierung ist mein Motto dieses Jahres. Die Filmsammlung passt nicht mehr zu mir, sie gehört zu einem anderen Lebensabschnitt, der nun schon eine ganze Weile hinter mir liegt. Aber wie ich mich so umsehe, wird mir klar, dass dies für die ganze Wohnung gilt. Es ist Zeit für etwas Neues.

Schon erstaunlich, wie unaufhaltsam sich das Rad der Zeit dreht. Claudio liegt im Krankenhaus, und meine Schwester wird ihm demnächst folgen, allerdings aus weit willkommeneren Gründen: Sie erwartet ihr zweites Kind; das erste Mädchen dieser Generation unserer Familie.

Um mir die Wartezeit zu vertreiben, beschließe ich, ein paar Sachen aus meinem Schlafzimmer zu entmisten, dem einzigen Raum, der seit meinem Einzug eine unaufhörliche Baustelle ist. Viele Klamotten habe ich bereits zur Caritas gebracht, jetzt sind die kleinen vergessenen Schätze dran, die in Kisten unter dem Bett verstaut sind. Das Meiste davon ist Plunder, von dem ich mich aus mir unerklärlichen Gründen nicht trennen wollte, als ich damals hier eingezogen bin: Backstagepässe, Stifte, eine Wegwerfkamera, die ich benutzt, aber anschließend nicht weggeworfen habe, ein Geduldsspiel, für das ich nie Geduld aufbringen konnte. Ich sortiere die Gegenstände nach „Müll“ und „Verschenken“ aus, wobei das Meiste im Müll landet. Ich finde einen Gutschein für eine Fahrstunde auf dem Testgelände des ADAC und das Buch „Der perfekte Liebhaber – Sextechniken, die sie verrückt machen“, beides Geschenke meiner damaligen Freundin N. Man könnte den Eindruck gewinnen, ich hätte sie in Sachen Verkehr in keinster Weise zu überzeugen gewusst. Schmunzelnd werfe ich den Fahrgutschein in den Müll (ist seit Jahren unbenutzt abgelaufen), kreise mit dem Sexratgeber über dem „Verschenken“-Sack und lege ihn schließlich in meine Schublade. Man lernt ja nie aus.

In der zweiten Kiste befinden sich alte Schulhefte und Briefe. Liebeschwüre vergangener Beziehungen und Romanzen (oder nicht mal das), von denen ich die meisten bereits vergessen habe. Es ist immer spannend, aber auch befremdlich, in dein früheres Leben zurückzukehren, und es passiert unweigerlich, wenn du alte Briefe liest. Ich stoße auf Zettel einer ehemaligen Arbeitskollegin, die mir während der Arbeit schrieb: „Du sieht heute so hübsch aus. Zum immer wieder Hingucken hübsch“. Eine Andere, von der ich schon fast vergessen hatte, dass sie in mich verknallt war, schreibt: „Du bist derart charmant, dass Frau sich in Deiner Nähe so besonders fühlt und dich allein schon deswegen um sich haben will. Und das kotzt mich an.“ Sie übertreibt natürlich maßlos, aber vielleicht hat sie es tatsächlich so wahrgenommen. Der Blick von außen erfasst dich immer präziser als du selbst.

Dann stoße ich auf einen Brief, der spontan entstanden sein muss. Er befindet sich auf der Rückseite eines Sudoku-Rätsels der Kategorie „Teuflisch schwer“. Der Brief ist von T., das weiß ich, ohne das Blatt umdrehen zu müssen. Mit einem mulmigen Gefühl überfliege ich die Zeilen. Es ist gefährlich, sich mit etwas zu konfrontieren, das dir möglicherweise den Blick zurück auf einen Lebenabschnitt gewährt, der dir einmal vollkommen erschien. (Das Tükischste an einer Illusion ist, dass sie eine Illusion ist.) Sie schreibt: „Ich habe das Gefühl, in deiner Nähe ganz ich selbst sein zu können …“, eine galante Lüge, wie sich Jahre später herausstellte, als sie mir vorwarf, sie habe das Gefühl gehabt, sich für mich verbiegen zu müssen. Aber ich sehe mit einem Schmunzeln darüber hinweg. Das sind nun einmal Dinge, die man schreibt, wenn man den Anderen von sich überzeugen will.

Diese Dokumente bewahre ich natürlich auf. Ich werde die Briefe das nächste Mal wahrscheinlich als alter Mann hervorkramen, wenn mich die Erinnerung allmählich verlässt. Und ich werde den Kopf schütteln, weil ich nicht glauben kann, dass das Leben, das sie dokumentieren, tatsächlich meines gewesen ist.

Weiter unten fällt mir ein vergilbtes Din-A-4-Blatt in die Hände. Ein Gedicht, das ich am 10.5.1989 geschrieben habe, wie mir der Eintrag in der linken oberen Ecke verrät. Es heißt schlicht „Die Liebe“, ist in zwei Teile geteilt und trägt die Zusätze „Teil 1: Wie Jungen Mädchen verführen“ und „Teil 2: Wie Mädchen Jungen verführen“. (Natürlich meinte ich damals mit „verführen“, „ihr Herz gewinnen“, nicht „am schnellsten ins Bett bekommen“. Es ist also quasi die kindgerechte Version von „Der perfekte Liebhaber“.)

Im Folgenden werde ich nun das Gedicht abdrucken, und ich werde es weder korrigieren noch auf eine andere Weise verändern:

Die Liebe – Teil 1: Wie Jungen Mädchen verführen

Die Liebe ist wenn man sich mag.

Wenn du nichts weißt, dann frag.

Man geht zusammen Essen.

Vorsicht, nicht zu überfressen.

Seih charmant, schenk ihr nen Strauß,

dann gehst mit ihr zum tanzen aus.

Du tritzt ihr frölich auf den Fuß,

gibst ein küssen noch zum Schluß.

Am Abend bringst sie dann nach Haus,

nun ist das Gedicht schon aus,

oh grauß.

Vor allem der Schluss ist natürlich ein Meisterwerk. Sensibler kann man solch ein tiefgreifendes Gedicht wohl kaum beenden. Aber nun, meine Damen, aufgepasst: Hier kommen die ultimativen Tips, wie ihr garantiert den Mann eurer Träume bekommt …

Die Liebe – Teil 2: Wie Mädchen Jungen verführen

Wenn du versuchst immer zu lachen,

wird er sich an dich herannmachen

Du bist föhlig (Kommentar des Autors 2011: Ahahahahaaaaaa!!) betroffen

Und machst ihn total besoffen.

Er gibt ein Busserl hier, ein busserl da,

nun ist alles föllig (Kommentar des Autors 2011: Muahahahaaaaa!!) klar.

Durch deinen Kopf kommen flusen,

nun wollt ihr noch was schmusen.

Endlich bist du nicht mehr matt,

am übernächsten Tag findet Hochzeit statt.

Hm … Scheint mir doch nicht so wirklich kindgerecht zu sein … (Interessant übrigens, wie ich unter dem letzten Satz noch „Viel Spaß“ gewünscht habe, als wäre das ein bissiger Kommentar zum garantierten Scheitern der Ehe.)

Unter dem Berg aus Papier klingelt mein Handy. Meine Telefongesellschaft will mir – wie jedes Jahr – ein großartiges Angebot machen, weil ich ein langjähriger, treuer Kunde bin und sowieso total super und gut rieche und so. (Können die mir das schriftlich geben? Dann lese ich das in zehn Jahren vielleicht noch mal und freu mich drüber.) Die junge, professionell freundliche Dame am anderen Ende der Leitung rechnet mir vor, was ich mit einer Tarifänderung an Geld sparen kann und kommt nicht mal ins Stottern, als ich sie frage, was ihr Arbeitgeber sich von der ganzen Sache verspricht. Schließlich fragt sie mich, ob ich eine andere Telefonnummer wünsche. Ich überlege. Ich habe meine Nummer schon so lange, dass sie fast wie mein Name zu mir zu gehören scheint. Eine neue Telefonnummer ist eigentlich lästig, da man sämtliche Leute darüber informieren muss. Andererseits – so mein Gedanke – bietet es auch eine weitere Chance für Veränderung: Ich habe die Gelegenheit, meine Nummer nur denen zu geben, die sie wirklich haben sollen. Wie viele Leute sind in meinem Telefonbuch aufgelistet, zu denen ich seit Ewigkeiten keinen Kontakt mehr habe. Ich könnte einen Strich drunter ziehen und das Programm „Leben“ neu starten. Und wenn ich schon dabei bin, vielleicht direkt noch eine neue Emailadresse. Wenn schon, denn schon. Es hätte allerdings auch zur Folge, dass ich ein paar Fäden für immer abschneiden würde.

Mein Blick fällt auf die Briefe in meinem Schoß.

Zum Glück klingelt in dem Augenblick Manuel. Ich sage der Frau an der anderen Leitung, dass ich mich die Tage bei ihr melden werde, um alles weitere mit ihr oder einem Kollegen zu besprechen. Dann lege ich auf, springe hoch (die Briefe fallen flatternd von meinem Schoß) und drücke die Tür unten auf. „Achiiiiim!“, höre ich Manuel rufen. Ein Windstoß fegt durch das Treppenhaus, bevor die Haustür zuschlägt. „Roooooolf!“, rufe ich zurück und lache. Und wie ich meinen guten Freund polternd die Treppe heraufkommen höre, denke ich mir, wie gut es ist, dass, zwischen all den Veränderungen um uns herum, manche Dinge einfach so bleiben, wie sie sind.