Montag, 20. Juni 2011

Schiffsverkehr

(http://www.youtube.com/watch?v=8vCeSWcaxQs)

Heute ist es mal wieder soweit: Bereits zum zweiten Mal stehe ich im Rhein Energie Stadion, um mir Herbert Grönemeyer live anzusehen. Das unstete Wetter meint es gut mit uns: Der Regen legt eine Pause ein und die gegenüberliegende Tribüne wird sogar von einem Sonnenstrahl getroffen. Bevor Grönemeyer jedoch die Bühne betritt, wird das Publikum von einer Vorband unterhalten, deren Name ich verpasst habe. Der Sänger kündigt ein Lied an, das „vielleicht der ein oder andere kennt“, wie er glaubt, was sich jedoch in dem Moment nicht bestätigt, als er das Mikrofon in Richtung Publikum hält, damit es den Refrain singt, er jedoch konsequent ignoriert wird. Vorband zu sein ist eine undankbare Aufgabe, schließlich warten hier alle nur auf einen Mann. Der lässt sich allerdings etwas Zeit und beginnt seinen Auftritt verspätet, weswegen er leider nicht das gesamte Set spielen wird.

Hinter mir sitzen zwei ältere Frauen, die sich über Grönemeyers Vornamen unterhalten:

Frau 1: „Herbert ist ein schöner Name.“

Frau 2: „Leider heißen die Kinder heute alle Justin oder so ähnlich.“

Frau 1: „Wobei: gute alte deutsche Namen sind wieder im Kommen.“

Frau 2: „Ich mag Emil ja sehr gerne.“

Frau 1: „Emil ist schön. Oder Paul find ich toll. Und mir gefällt Otto ja auch.“

Frau 2: „Ja, Paul find ich auch gut.“ (Was wohl bedeutet, dass ihr Otto nicht so zusagt.)

Ein unterbezahlter Student geht mit einem Getränkerucksack, an dem ein gelbes Fähnchen lustig durch die Luft schwenkt, durch die Reihen, um Bier auszuschenken. Auf der Bühne wippt der Sänger sich durch seine Songs, deren Texte im allgemeinen Gemurmel untergehen.

Um halb neun beginnt Grönemeyer das Konzert mit dem Titellied seines aktuellen Albums „Schiffsverkehr“, eingeleitet von einem orchestralen Intro. Zwei Reihen vor mir dichten zwei halbstracke Typen die ersten Zeilen des Refrains um: Statt „Weg mit dem fixen Problem! Ich will mehr Schiffsverkehr“ grölen sie: „Weg mit dem Wichsen-Problem! Ich will mehr Geschlechtsverkehr“, was seine ganz eigene Poesie entfaltet. Ich denke mir nur: „Was soll das?“ Meine weibliche Begleitung murmelt augenrollend: „Männer!“ Wir haben Grönemeyers Liedgut bereits jetzt komplett verinnerlicht.

In der Reihe zwischen den Typen und mir hält sich eine etwa Mitte vierzigjährige Frau die Ohren zu und verzieht dabei das Gesicht. Vielleicht hätte ihr jemand sagen sollen, dass bei einem Konzert normalerweise Musik gespielt wird. Sowas sollte auf den Karten vermerkt werden. Ähnlich wie auf Verpackungen von Haselnüssen manchmal gewarnt wird: „Kann Spuren von Nüssen enthalten“, plädiere ich auf Konzerttickets für den Hinweis: „Achtung! Bei diesem Konzert besteht die Möglichkeit, dass Musik laut gespielt wird.“ Irgendwie scheint hier so mancher mit falschen Erwartungen hergekommen zu sein: Die besoffenen Typen scheinen immer noch zu glauben, dass jeden Augenblick der FC das Stadion betritt; die Dame, die sich die Ohren zuhält, hat wohl gehofft, einen geruhsamen Abend in Zimmerlautstärke zu erleben. Und ich dachte, ich würde Grönemeyer sehen. Tu ich aber nicht. Der Student mit dem Getränkerucksack wedelt mit seinem Fähnchen immer ausgerechnet direkt vor mir herum, weil die zwei Fußballfreunde ein Bier nach dem anderen bestellen.

„Hoffentlich spielt der auch mein Lieblingslied“, sagt hinter mir die Frau, die auf deutsche Jungennamen steht, zu ihrer Freundin. Es klingt, als würde sie – sollte Grönemeyer ihr diesen Gefallen verwehren – nie wieder ein Wort mit ihm sprechen. (Abgesehen davon, dass sie wohl in jedem denkbaren Fall nie ein Wort mit ihm sprechen wird.)

Als „Der Weg“ erklingt, wird es im Stadion mucksmäuschenstill. Sogar aus Richtung der beiden Alkoholleichen ertönt kein Pieps, was nicht wundert in Anbetracht der Tatsache, dass sie den halben Rucksack des Studenten leergesoffen haben und nun regungslos auf ihren Plätzen hängen. Es ist einer der wenigen Augenblicke, in denen man überhaupt irgendetwas von dem versteht, was Grönemeyer singt oder sagt; die Akustik im Rhein Energie Stadion ist leider eine Katastrophe.

Hinter mir seufzt die Dame, als hätte sie gerade zum ersten Mal das Ende von „Wie ein einziger Tag“ gesehen. Die Dame vor mir hat bereits während des vierten Liedes das Stadion verlassen. Wahrscheinlich wollte sie eigentlich zu Westernhagen.

Zu Beginn von Grönemeyers WM-Hymne „Zeit, dass sich was dreht“, geschieht ein Wunder biblischen Ausmaßes: Die beiden Sauffreunde springen auf und beginnen, vor mir Arm in Arm auf der Stelle zu hopsen und die Melodie in einer Art Urlaute hervorzustoßen. „Zeit, dass sich was dreht“ ist aber auch in dem Schädel eines der beiden, denn er stolpert und reißt den Anderen mit auf seinen Sitz. Als er sich suchend umsieht, ist seinem kalkweißen Gesicht anzusehen: Es ist „Zeit, dass einer geht“, und zwar auf direktem Wege zur Toilette.

Sie legt den Kopf auf meine Schulter. „Ich gewöhn mich nicht. An keinen Augenblick. Was erstaunlich ist, macht keinen Sinn für mich. Weil deine Leichtigkeit so gegenwärtig bleibt. Ich will zu dir“, singt Grönemeyer. Und: „Ich bin dein siebter Sinn, dein doppelter Boden, dein zweites Gesicht. Du bist eine gute Prognose, das Prinzip Hoffnung, ein Leuchtstreifen aus der Nacht. Irgendwann find und lieb ich dich.“ Der Himmel hat längst von einem wolkenbefleckten Babyblau in ein wolkenbedecktes hellschwarz gewechselt. Während Grönemeyer von Aufbruch singt, muss ich daran denken, wie viel sich in meinem Leben die vergangenen Monate geändert hat. (Zu dem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, welch große Veränderung nur kurz darauf wie eine Welle über mich schwappen sollte.) Die Dame hinter mir klatscht jubelnd in die Hände: Ihr Lieblingslied „Land unter“ ist an der Reihe. Ich tauche in ein Meer aus Wunderkerzen und Feuerzeugen. Alles ist hell und friedlich und wach. Nur die beiden Alkoholfreaks nicht, die sind nur wenig hell, pennen dafür bereits friedlich. Das Tolle an einem solchen Konzert sind nicht nur die kleinen Geschichten, die in den Songs erzählt werden, sondern ebenso all jene, die währenddessen um dich herum passieren.

Nach zweieinhalb Stunden verabschiedet Grönemeyer sich mit dem Lied „Vollmond“: „Du bist voll, ich bin es auch.“ Wenn die zwei Alkoholleichen das noch mitbekommen hätten, sie wären sich weinend in die Arme gefallen. Nach dem Song wanken sie Arm in Arm die Treppe hinab, enttäuscht, dass der FC nicht doch noch aufgetaucht ist. „Schön war’s“, sagt die Frau hinter mir zu ihrer Freundin. Während viele Leute schon während der ersten Zugabe das Stadion verlassen haben, um vor der Masse ihr Auto zu erreichen, bleibt sie sogar sitzen, als die Flutlichter angehen. Mit verklärtem Blick sieht sie zur Bühne. Sie wird das Konzert sicher nicht so schnell vergessen. Grönemeyer hat’s gewusst: „Weil quer über meinem Herz liegt die Erinnerung. Sie bleibt immer jung.“ Manche Dinge vergisst man nie. Es sei denn, man hat einen halben Getränkerucksack leer gesoffen.

Montag, 6. Juni 2011

Singing in the rain

(http://www.youtube.com/watch?v=rmCpOKtN8ME)

Es rumst und kracht. Innerhalb von Minuten verdunkelt sich der Himmel, als würde gleich die Nacht hereinbrechen, und ein Gewitter zieht über die Stadt, streckenweise so heftig, dass meine Haustür wackelt. Dicke Regentropfen platschen auf den Asphalt. Ich sitze auf meinem Sofa und lausche diesem beruhigenden Geräusch. Immer wieder schweift mein Blick vom Bildschirm meines Laptops ab durch die geöffnete Balkontür hinaus. Die Blätter der Kastanienbäume vor meinem Haus leuchten in sattem Grün. Ein paar Kinder kieksen bei jedem Blitz am Himmel, springen in Pfützen oder stellen sich in Hauseingänge, um dem Regenguss zu entkommen. Ich mag solche Tage. Zum Schreiben bieten sie die perfekte Atmosphäre, genauso wie zum gemeinsamen Kochen oder einfach nur da liegen, lauschen, Musik hören. Wenn es regnet, heißt es immer, es sei schlechtes Wetter, dabei ist zum Beispiel ein Sommerregen für mich alles andere als ein Anlass, schnell ins Haus zu eilen. Und kaum etwas ist derart sinnlich wie ein Kuss im strömenden Regen.

Ich versuche, meinen Blick wieder auf den Laptop zu lenken. Ich habe angefangen, neue Songs zu schreiben und notiere nun Textideen, Strophen, Sätze, Fragmente, einzelne Worte, die mir gefallen. Neben mir liegt ein Schulordner, der auch noch mit Arbeit aufwartet. Im Hintergrund lasse ich leise Musik laufen. Beim Schreiben höre ich oft Musik, vor allem, wenn der Text eine genau definierte Stimmung transportieren soll. Als mein MP3-Player ihr Lied spielt, muss ich unweigerlich lächeln, wie eigentlich fast immer, wenn irgendwo einer ihrer Songs läuft.

Der Tag, an dem ich sie traf, war nicht der Tag, an dem wir uns das erste Mal begegneten. Ich hatte sie bereits drei Monate vorher gesehen. Bei der Echo-Verleihung im März 2010 stand ich an der Bar, während sie mit einer Freundin – einer deutlich größeren und korpulenteren Frau – plauderte. Ich trank einen Mojito und sah mich nach jemandem um, als ich sie entdeckte. Sie sah wahnsinnig gut aus in ihrem weißen Kleid, fast elfenhaft zierlich, und kurz überlegte ich, ob ich zu ihr gehen und sie ansprechen sollte, da mein guter Freund Claudio sie hinreißend fand. Als sie aufblickte und mich direkt ansah, nickte ich ihr zu, und sie lächelte dieses unnachahmliche Lächeln, das ihre ganze Herzlichkeit zum Ausdruck brachte; allerdings zog ich durchaus die Möglichkeit in Betracht, dass sie gar nicht mich, sondern den Kellner meinte. Als sich aber unsere Blicke ein zweites Mal trafen, war klar: sie sah tatsächlich mich an. Irgendwie hinderte mich dieser zweite Blick daran, zu ihr zu gehen und mich mit ihr zu unterhalten. Instinktiv war mir bewusst, dass dies ganz schnell zu einem Flirt werden konnte, und da meine Freundin im Hotel wartete, galt es, eben das zu vermeiden; es wäre geschmacklos gewesen. So blieb es also bei ein paar Blicken und einem kurzen Telefonat mit Claudio, dem ich von M.’s Anwesenheit berichtete.

Im Juni nahm ich an einer Fernsehshow teil. Um ehrlich zu sein, war mir damals überhaupt nicht danach, „Das Leben ist schön“ zu singen, denn das Leben war zu der Zeit alles mögliche, aber nicht schön. (Erst jetzt, da das Leben tatsächlich wieder schön ist, kann ich mit Verwunderung über diese Zeit schreiben. Es war nicht nur ein anderes Jahr, ich war ebenfalls ein anderer als der davor und der danach, und ich bin erleichtert festzustellen, dass ich mich mittlerweile längst wieder selbst erkenne.) Während der Fahrt zum Drehort warf ich einen Blick auf die Gästeliste der Sendung und hob schließlich erstaunt die Augenbrauen: Direkt über meinem Namen stand ihrer. Claudio, der mich als mein Gitarrist begleitete, war begeistert.

Am nächsten Tag fand die Aufzeichnung der Show statt. Eine halbe Stunde vorher regnete es wie aus Eimern, aber als die Band und ich die Bühne betraten, war bereits die Wolkenschicht aufgerissen, die nun den Weg für etwas Sonne frei gab. Nach meinem Auftritt musste ich bis zum Ende der Sendung warten, um beim Finale noch einmal mit allen anderen Künstlern aufzutreten, was immer ein bisschen lästig ist, da man ewig lange herumhängt für einen Auftritt, der vollkommen im Nichts verpufft. Während ich schließlich neben ein paar Leuten stand und die grotesk operierte Jennifer Rush dabei betrachtete, wie sie einen Hit aus den 1980ern sang, wünschte ich mich eigentlich nur nach Hause. Bis Claudio an meinem Hemdsärmel zupfte und mit dem Kopf auf eine Stelle rechts neben mir deutete. Nur wenige Meter von mir entfernt stand M. „Die guckt die ganze Zeit zu dir rüber, Alter“, sagte Claudio. Leicht begriffsstutzig sah ich ihn an. „Wenn du nicht zu ihr gehst, geh ich“, fügte er an. Mir war klar, was er damit bezweckte, und da ich damals für jede Ablenkung dankbar war, nickte ich ergeben und pirschte mich unauffällig an sie heran.

Leider sprach mich in dem Augenblick jedoch eine Sängerin in einem knatschengen, roten Stoff an und erzählte mir, dass sie und ihr Freund sich bei meinem Lied „Forever tonight“ kennengelernt hätten. Während ich mir mit halbwegs erfreuter Miene die Liebesgeschichte dieser Dame anhörte, spürte ich immer wieder einen Ellbogen in meiner Seite und hörte ein Wispern aus Claudios Richtung: „Alter, gleich ist sie weg.“ Ich fand jedoch keinen höflichen Weg, mich in den verbleibenden Sekunden des Finales davonzuschleichen, und so zerstreute sich schließlich die Masse, und ich verlor M. im Gewühl.

„Olum, ist die süß“, sagte Claudio bestimmt dreimal, während wir zu den Garderoben zurückkehrten, um unsere Sachen ins Auto zu laden. Damals hatte ich tausend andere Dinge im Kopf, aber heute, in einigermaßen klarem Zustand, bin ich mir sicher, dass ich ihm bereits zu dem Zeitpunkt Recht gab. Verdammmt, ja: Sie war süß. Sehr süß sogar.

Wir luden unseren Wagen voll. Nik, der Pianist, saß bereits auf dem Beifahrersitz, als Claudio wieder an meinem Hemdsärmel zupfte. „Jetzt gehen wir zu ihr“, sagte er mit übertrieben schwärmerischem Blick, dessen Ziel M. war, gerade dabei, das Gelände zu verlassen. Ich, mit einem Bein schon im Wagen, sprang hervor und ging mit ihm zu ihr. Sie lächelte uns an, als wir auf sie zukamen. Natürlich. Wir stellten einander vor und kamen gleich ins Gespräch. Keine Ahnung, wie wir in den paar Minuten den Bogen von der Echo-Verleihung zu unserer gemeinsamen Lieblingsserie („Six feet under“) geschlagen haben. Das Gespräch mit ihr verging im Flug, und zum ersten Mal seit langem vergaß ich den Mist, der mir sonst wie ein schwerer Bleimantel auf den Schultern lastete. Es mag merkwürdig klingen, aber alleine diese paar Minuten haben wesentlich dazu beigetragen, dass ich heute mit ungläubigem Kopfschütteln auf diese Zeit zurückblicken kann.

Wir schossen noch ein gemeinsames Foto. Ich muss immer schmunzeln, wenn ich daran denke, wie wir zwei da standen und ich komische Gesichtsverrenkungen machte, um mich für das Bild aufzulockern (und um sie zum Lachen zu bringen), und wie sie diese mimischen Entgleisungen nachahmte, wir also zu zweit dastanden und diese bescheuerten Grimassen schnitten. Es sind solche Kleinigkeiten, die eine Verbindung schaffen. Nach dem ersten Foto bestand sie auf einen kontrollierenden Blick auf das Ergebnis; wir waren uns beide gleich einig, noch ein zweites machen zu wollen. Danach lachten wir uns verlegen an, gaben uns die Hand und verabschiedeten uns. „It was a real pleasure meeting you, Christian!”, sagte sie. “It was my pleasure!“, erwiderte ich. Erst als wir im Wagen saßen, machte Claudio, der die Szenerie mit einem zufriedenen Grinsen beobachtet hatte, mir klar, dass ich während der Verabschiedung die ganze Zeit ihre Hand gehalten hatte. Lachend stieß ich Luft durch die Nase. Obwohl ihr Lied in der Sendung davon gehandelt hatte, nicht gerettet werden zu wollen, hatte sie an jenem Tag genau das mit mir getan: mich gerettet.