Montag, 18. April 2011

California Dreamin'

(http://www.youtube.com/watch?v=r0C-PXIAvFk)

Um mich herum ist es schummrig dunkel, die vereinzelten Lichtspots sind hier so präzise eingerichtet wie an einem amerikanischen Filmset. Alles sieht makellos aus. In der Luft liegt ein penetrant süßlicher Geruch, der sich in den Klamotten festsetzt, die Musik dröhnt laut aus den Boxen, man hört sie bis weit über den Eingang hinaus, wo eine Menschenschlange sehnsüchtig auf Einlass wartet. Ich fühle mich wie in dem angesagtesten Club der Stadt. Aber das hier ist kein Club. Es ist die amerikanische Modekette „Hollister“.

Es ist Zeit für ein paar neue Sommerklamotten, und so hat mich mein alljährlicher Shoppingtag dieses Mal unter anderem zu dem superdupermegahippen Ableger von „Abercrombie & Fitch“ geführt, einer Modemarke für den amerikanischen College-Look. Im Gegensatz dazu verbreitet Hollister in seinen Läden ein Gefühl von Strand, Surfern und schicker Überheblichkeit. Hier laufen nur die coolen Leute herum; die, die in der Schule bereits zu den Beliebtesten gehörten (oder immer noch gehören). Man ist hier sogar so cool, dass man sich nicht mal dazu herab lässt, Deutsch mit seinen Kunden zu sprechen. „Hey, what’s up? Welcome to the pier!”, kreischt mir eine Stimme entgegen, als ich gerade den Laden betrete. Kurz überlege ich, was für ein kruder Dialekt das ist, bevor ich es als Kaugummi-Amerikanisch identifiziere. Nur … Welcome to was? Was für ein Pier? Oder meint sie Pia? Aber wer ist diese Pia? Ich bin verwirrt, noch bevor mir brüllend laut „You always make me smile“ von Kyle Andrews in die Gehörgänge geschleudert wird und die dünnbeinige Verkäuferin mich zum Liedbeginn auf Knopfdruck anlächelt. (Perfektes Timing, das muss man ihr lassen.) Ach so, Verkäufer heißen hier übrigens „Store Models“, was wohl bedeutet, dass ihre Aufgabe weniger im Hemden falten und Regale einräumen besteht als im Auf- und Ablaufen, lächeln und möglichst wenig sagen. Nur „Hey, what’s up! Welcome to the Pia!”.

Gemächlich schlendere ich durch den Laden, vorbei an grellen Videoleinwänden, auf denen pixelige Bewegtbilder von Surfern gezeigt werden. An einem Kleiderständer fällt mir eine Kaputzenjacke in den Blick, die ich gerne anprobieren würde. Leider weist sie ein kleines Schild jedoch als „unverkäufliches Exemplar“ aus. Auch die anderen Jacken in meiner Größe sind bedauerlicherweise nicht zu haben. Na gut, denke ich mir, dann eben eine der Sporthosen, die etwas weiter an einer anderen Stange hängen. Ich will gerade danach greifen, als eines der „Store Models“ auf mich zugemodelt kommt und mich darüber informiert, dass die Klamotten an dieser Stange nur Dekoration sind. Jetzt bin ich wirklich baff. Der Laden ist soooo cool. So cool, dass er die Klamotten, die er ausstellt, gar nicht zum Verkauf anbietet. Wäre ja noch schöner, wenn da irgendso ein daher gelaufener Kunde meint, er könne hier einfach so gegen Bezahlung diese coolen Sachen mitnehmen. Das ist genial: Klamotten nach dem Motto „Anfassen, aber nicht mitnehmen“. Bei dem Hemd, das eine der coolen Puppen trägt, wage ich schon kaum mehr zu fragen, und tatsächlich: Das weibliche Store Model sieht mich mit vollem Kussmund an und zuckt bedauernd mit den knochigen Schultern. „Das ist leider ausverkauft“, sagt sie. Ich fühle mich wie der Typ in der Tanzschule, der von allen Mädchen eine Abfuhr bekommt. Jetzt sind sich sogar schon die Klamotten zu fein für mich.

Nach einer Weile habe ich dann aber doch ein kleines Bündel zusammen. (Es gibt hier nämlich durchaus schöne Sachen.) Ein männliches „Store Model“ fragt mich wahnsinnig lässig, ob es mir bei der Auswahl der Jeans helfen kann. (Und zwar auf Deutsch. Irre! Ein Deutscher, der in Deutschland Deutsch mit mir spricht.) Es gibt vier Kategorien, klärt das „Store Model“ mich auf: Skinny, Slim Straight, Classic Straight und Slim Boot; für mich hören die sich alle nach einer neuen Diät an. Schließlich gehe ich mit meinem Klamottenbündel und einer „Classic Straight“ zum Umkleidebereich, probiere alles an, wähle ein paar Sachen aus und entschließe mich, noch einmal einen kurzen Blick auf die anderen Jeans zu werfen.

Ich wühle mich gerade durch den Berg an zerrissenem Stoff, als auf einmal eine junge hübsche Frau an mich herantritt, ein Walkie-Talkie in der Hand und mit einem durchdringenden Blick, als habe sie in mir die Lösung ihrer Probleme erkannt. Kurz erschrecke ich. Habe ich irgendetwas Schlimmes getan? Habe ich aus Versehen ein Hemd anprobiert, das ein „unverkäufliches Exemplar“ ist? Hat der „Nerd-Alarm“ bei mir aufgeheult, und werde ich nun gebeten, ganz ruhig und ohne großes Theater den Laden unverzüglich zu verlassen? Ich will vor ihr auf die Knie fallen und um Gnade bitten, dass ich es gewagt habe, den Laden überhaupt zu betreten, als sie zu mir sagt: „Hi! Wir suchen noch coole, gutaussehende Typen, die für uns arbeiten und modeln wollen.“ Fragend sehe ich sie an. Gerade will ich entgegnen, dass ich leider niemanden kenne, der auf ihre Beschreibung passt, da sagt sie: „Hast du Interesse?“, klimpert kurz mit den Wimpern und redet weiter: „Wir würden dich gerne zu einem Casting einladen. Der Fotograf kommt aus Amerika und wir können uns sehr gut vorstellen, dass dein Bild auf unseren Tüten und Plakaten erscheint.“ Mein Bild?, geht es mir durch den Kopf. Auf einer Hollistertüte? Gar nicht so übel eigentlich. Bisher habe ich es nicht mal auf eine Kotztüte von Air Berlin geschafft. Allerdings müsste ich dann in diesem Laden arbeiten, denn die „Hollister-Tüten-Models“ sind immer auch „Hollister-Store-Models“, und darauf habe ich wenig Lust. Dennoch, weil ich neugierig bin, gebe ich der jungen Frau meine Handynummer, sie drückt mir einen Zettel in die Hand, und damit habe ich nun also einen Termin, um mich als Model bei Hollister vorzustellen: Noch heute. (Gedanklich versuche ich bereits für mich zu erörtern, wie es zu schaffen ist, dieses „Hey, what’s up! Welcome to the pier!“ nicht peinlich klingen zu lassen.)

Als die junge Frau gegangen ist, tritt wieder das männliche „Store Model“ von eben an meine Seite und fragt mich erneut wahnsinnig lässig, ob es mir bei der Auswahl der Jeans helfen kann. Im exakt gleichen Tonfall. Sein Blick verrät mir, dass er keine Ahnung hat, dass wir uns nur Minuten vorher bereits begegnet sind, was sich bestätigt, als er wieder die vier „Hollister-Jeans-Größen“ aufsagt. Oh Gott, „Terminator“ wird Wirklichkeit – Die Maschinen ergreifen Besitz von unserem Planeten.

Als ich mich für ein paar Sachen entschieden habe, stelle ich mich in eine der Schlangen und warte, bis ich an der Reihe bin. Vor mir wird ein Mädchen von dem supidupicoolen Verkäufer – äh, „Store Model“ – mit den Worten begrüßt: „Hey, what’s up? Schekdidupo Facebook!“ Jedenfalls sind das die Worte, die ich zwischen der lärmenden Musik und dem hirnbenebelnden Hollisterduft aufschnappe. Mittlerweile läuft der Song “You always make me smile” bereits zum vierten Mal, weswegen ich im Kopf Alternativtitel durchgehe wie “You always make me vomit“ oder einfach gleich „You always make me wanna kill myself“.

Das junge Mädchen lehnt sich stirnzunzelnd nach vorne und fragt das Kaugummi-Amerikanisch sprechende „Store Model“ an der Kasse die berechtigtste aller Fragen: „Häh?“ Das „Store Model“ lächelt tapfer weiter und wiederholt seinen Satz noch zweimal, bis dem Mädel und mir klar wird, dass er „Check us out on Facebook!“ meint; ich allerdings verspüre viel mehr den Drang, aus dem Laden auszuchecken.

Doch vorher ist es mir gestattet, meine Auswahl an Klamotten zu bezahlen; in Euro, was mich ziemlich erleichtert, da ich gerade keine Dollarscheine dabei habe. (Der Song „I need a Dollar“ gehört übrigens nicht zum Hollister-Soundtrack.) Die junge brünette Frau an der Kasse gibt sich alle Mühe, die Klamotten zusammenzurollen und in eine der Tüten zu packen. Mein Blick fällt auf den durchtrainierten jungen Mann, dessen Konterfei die Tüte – zusammen mit dem eines weiblichen „Store Models“ – ziert. Hm … Ist es das wert?, frage ich mich, zahle, nehme meine Tüten zur Hand und verlasse den Laden. Zum Abschied gibt es übrigens keine warmen Worte a la „Hey, what’s up! See you later, Alligator!“ oder so. Nur ein schnödes “Tschüss!”

Ich lasse den Termin um 16 Uhr verstreichen, weil ich keine Lust habe, noch einmal extra zu dem Laden zu fahren, und meine Zeit eh knapp bemessen ist. Um 17 Uhr ruft mich Alisa von Hollister an und bittet mich, dafür am Freitag zu kommen. Ich sage ihr zögerlich zu.

Am Freitag kränkel ich – bin verschnupft, habe die halbe Nacht gehustet, fühle mich müde und schlapp. Also lasse ich auch diesen Termin wieder verstreichen. Um 21:30 Uhr ruft Alisa wieder an. „Wir würden dich wirklich gerne sehen“, sagt sie und überredet mich, den nächsten Termin nach dem Wochenende wahrzunehmen. „Bitte komm rasiert und im Hollisterlook“, sagt sie noch, bevor sie auflegt. Ist das hier versteckte Kamera oder hat sich der coole Hollistergott tatsächlich in den Kopf gesetzt, mich in seine heiligen Model-Reihen aufzunehmen? Ich muss laut lachen, während ich im Auto sitze. Wenn es eines gibt, was ich wirklich nicht ausstehen kann, dann ist es Fotos zu machen. Na, da bin ich hier ja richtig. Willkommen in der Modewelt! Oder wie die coolen Leute sagen: „Welcome to the Pia!“

Ein paar Tage später habe ich Alisa auf meiner Mailbox. Shit, im ganzen Drumherum habe ich den Termin bei Hollister völlig vergessen. Aber sie klingt immer noch gutgelaunt und voller Tatendrang. „Wäre schön, wenn du mich mal zurückrufst und mir den nächsten Termin bestätigst“, sagt sie. Wie oft casten die eigentlich Models für ihre Tüten?

Den folgenden Termin nehme ich dann tatsächlich wahr. Zehn Minuten zu früh erreiche ich wieder den Eingang mit dem Riesenkronleuchter. Die Männer- und Frauenbereiche sind eingeteilt in „Dudes“ und „Bettys“. Von Innen dröhnt „You always make me smile“ an die Außenwelt. Da ich noch ein paar Minuten Zeit habe, will ich noch mal kurz durch den Laden schlendern. Sofort begrüßt mich lauthals eine junge Frau mit den bekannten Worten „Hey, what’s up? Welcome to the pier!“ Ich lache sie fröhlich an und sage: „Dankeschön! Ich wollte mich mal nach ein paar hübschen Booten umsehen. Können Sie mir da was zeigen?“ Aber das „Store Model“ sieht mich nur lächelnd an. Ich sehe sie auch lächelnd an. Wir sehen uns beide lächelnd an. Dann verlasse ich mit einem heiteren Schwung und den Worten „Ich guck mal draußen am Hafen nach“ den Laden.

Vor „Hollister“ haben sich bereits drei junge Mädels und ein etwa fünfzehnjähriger Junge eingefunden; ich fühle mich mit meinen einunddreißig mit einem Mal sehr alt. Nach zwei Minuten tritt aus dem Dunkel des Ladens ein Mann auf sie zu, und es entwickelt sich ein kurzes Gespräch, in dessen Verlauf das Wort „Bewerbungsgespräch“ fällt. Der Mann verschwindet wieder, was wohl bedeutet, dass ich noch ein paar Minuten habe, um via iPhone zu chatten.

Als ich nur einen Augenblick später wieder aufblicke, sind die vier verschwunden. Habe ich jetzt die Abholung verpasst? Ich beschließe, noch einen Moment zu warten. Mit Sicherheit wird der coole Mitarbeiter clever genug sein, auch mal geradeaus und nach links zu schauen, um sich zu vergewissern, ob nicht noch jemand wartet. Der ist gleich sicher zurück.

Zehn Minuten später frage ich eines der „Store Models“ und erfahre, dass ich wohl übersehen wurde und dieser Termin damit verstrichen ist. Sie hält kurz Rücksprache mit Alisa und bittet mich dann, zum nächsten Termin zu kommen. Ich lächel sie schweigend an und gehe dann langsam, aber zielgerade aus dem Laden. Und so endet meine Karriere als Model für Hollister, bevor sie überhaupt begonnen hat. Mein Konterfei wird nun keine Tüte zieren. Na ja, so bleibt mir wenigstens dröhnende Dauerbeschallung und aufgesagtes Kaugummi-Englisch erspart. Für den Augenblick ist der ganze Zirkus ja völlig in Ordnung, aber jeden Tag kommt das für mich überhaupt nicht in die Tüte.

Montag, 11. April 2011

Comfortable

(http://www.youtube.com/watch?v=CpQWM0RExHg&feature=related)

Ich komme in meine Wohnung, schmeiße die Post auf mein Sofa, den Rucksack neben den zartbitterschokoladenbraunen Wohnzimmertisch und gehe in die Küche, um nachzusehen, was mir der Kühlschrank zu bieten hat. Dann spüle ich Geschirr, höre dabei über die Radio-App auf meinem iPhone Jazzmusik aus den 1970ern und kehre schließlich ins Wohnzimmer zurück. (Mit einem Kirschjoghurt – der Kühlschrank hatte mir folglich nicht allzu viel zu bieten.) Geschafft lasse ich mich auf mein Sofa plumpsen, als mir die Post wieder in den Blick fällt: Das Werbeheft eines Ökostromanbieters und ein relativ kleiner viereckiger Umschlag, der nach Feierlichkeit aussieht. Ökostrom ist ne gute Sache, aber mich interessiert in dem Augenblick die Feierlichkeit deutlich mehr. Wenige Sekunden später halte ich in meinen Händen die Einladung zu einer Hochzeit, die im August stattfinden soll. Ich freue mich, kann aber auch nicht ein kurzzeitiges Gefühl der Schwere verleugnen. Es ist nicht irgendeine Hochzeit. Es ist die Hochzeit meiner Ex-Freundin.

Ex-Partner teilen sich nach dem Ende einer Beziehung ganz natürlich in eine von zwei Kategorien ein: Entweder sie bleiben weiter miteinander verbunden oder sie sehen einander nie wieder. Bei mir sind es zwei Ex-Freundinnen, zu denen ich nach wie vor guten und regelmäßigen Kontakt pflege (was keine schlechte Quote ist, wenn man bedenkt, dass ich bisher nur dreieinhalb mehr oder weniger ernst zu nehmende Beziehungen hatte – die aktuelle nicht mitgerechnet).

Die Voraussetzung für ein intaktes Verhältnis auch nach Ende der Beziehung ist natürlich ein sauberer Abgang ohne Rosenkrieg, Betrug oder einem anderen Riesenschnitzer, den einer von beiden sich geleistet hat, sowie das beiderseitige komplette Abflauen tieferer Gefühle. Meistens kann man die Sache von Beginn an vergessen. Aber wenn man es schafft, einander nicht zu verlieren, kann ein Ex-Partner ein wertvoller Gewinn für dein Leben sein. Kaum jemand sonst kennt dich so wie die/der Ex, ihr habt miteinander gelacht und geweint, kennt Schwächen und Stärken des Anderen, könnt kleine Signale entschlüsseln, die der Andere aussendet, seid verbunden durch gemeinsame Erinnerungen, von denen nur ihr beide wisst, sprich: ihr versteht einander. Der Grund einer Trennung ist im Grunde immer der Gleiche: Es hat etwas gefehlt. Und dann? Findest du jemand Neues und glaubst, dass sie/er all deine Sehnsüchte erfüllt, und die gleiche chemische Explosion in deinem Hirn, die es auch mit deinem Ex-Partner am Anfang gab, geht von vorne los. Nur ist bei der/dem Neuen natürlich alles ganz anders, viel intensiver. Jetzt bist du dir sicher: Das ist die/der Richtige. Dann verschwindet nach einiger Zeit auch hier die rosarote Brille, und neben den Dingen, die sie/er dir erfüllt, entdeckst du nun all jene, die dir nicht so recht in den Kram passen, und du realisierst: Mein Idealbild gibt es nicht. (Eine wichtige Erkenntnis, die mich deutlich ruhiger gemacht hat in letzter Zeit.) Das sind die Augenblicke, in denen du dich an deine/n Ex erinnerst, und du denkst daran, dass es mit ihr/ihm gar nicht so übel war. (Oder du kommst zu dem Schluss, wie froh du bist, sie/ihn los zu sein.) Wahrscheinlich ist das der Grund, weswegen wir uns beim Wiedersehen mit der/dem Ex insgeheim – bewusst oder unbewusst – immer wieder fragen werden: „Jetzt, da ich weiß, dass mein Idealbild ein Trugbild ist: Könnte es nicht wieder so sein wie früher, als wir glücklich waren?“

Ich rufe N. an, mit der ich fast sieben Jahre zusammen war. Mit ihr hatte ich nicht nur meine bisher längste Beziehung, sondern auch die reifste, ausgewogendste. N. ist definitiv eine Frau zum heiraten, aber ich war einfach noch nicht soweit, und nun halte ich ihre Hochzeitseinladung in der Hand, und neben ihrem Namen steht nicht meiner. Ich möchte ihr meine Zusage geben und ein wenig mit ihr plaudern, so wie wir das in regelmäßigen Abständen machen. Wir wissen, wie der Andere tickt, welche Höhen und welche Pleiten der andere nach der Beziehung erlebt hat.

„Geht es dir gut?“, fragt N. mich; bei ihr ist das nicht bloß eine Floskel.

Ich mache einen Laut, als wäre mir gerade etwas lustiges in den Sinn gekommen. Es liegen tausend Gedanken und Gefühle in diesem Geräusch, und N. hört sie alle heraus, ohne dass ich noch etwas sagen muss. Eigentlich fühle ich mich gut. Keine Ahnung, warum mir in diesem Augenblick Tränen in die Augen steigen. Muss an den Zwiebeln liegen, die etwa zwölf Quadratmeter entfernt in der Vorratskammer liegen.

„Ich freue mich für dich“, sage ich und meine es so.

„Danke!“, sagt N.

„Dir ist klar: Wenn der Priester an die Stelle kommt, an der er sagt, dass der jenige, der etwas gegen diese Hochzeit hat, die Stimme erheben soll, werde ich aufspringen.“

Wir lachen beide ein trockenes, glucksendes Lachen, dass bereits nach ein paar Sekunden bemüht klingt. Es entsteht eine kurze Pause, in der wohl jeder für sich darüber nachdenkt, dass alles hätte anders laufen können.

„Vielleicht gibt es für uns ja mal einen dritten Frühling“, sagt N. scherzhaft, aber keiner von uns beiden lacht.

Die Krux an einer beendeten Beziehung ist die Tatsache, dass es festgelegte Dinge gibt, die dich an die gemeinsame Zeit erinnern: ein Song; ein Geruch; die Art, wie du bestimmte Worte aussprichst („süß“ mit scharfem S und lang gezogenem Ü, sowas zum Beispiel); Gesten, die du von deiner/deinem Ex übernommen hast und die du wie selbstverständlich noch Monate nach Ende der Beziehung auspackst, bis dein Herz einen Schlag kriegt, weil du begreifst, wie sehr du noch ein Teil des Anderen bist; Orte, die ihr gemeinsam besucht habt; Lebensmittel, die der/die Ex besonders mochte. Nach J. brauchte es eine lange Zeit, bis ich bei dem Lied „Thank you“ von Dido nicht mehr an das schräge Mitsingen von ihr und ihrer Mutter im Auto denken musste. Der Anblick einer Kaki wird mich genauso jedes Mal an sie erinnern wie die Erwähnung des Wortes „Schildkröteneier“ (das mittlerweile auch unter meinen Freunden zu einem geflügelten Wort geworden ist – Thank you, J.!).

Mit J. hatte ich allerdings nur eine Nullkommafünf-Beziehung, da wir im Grunde nie wirklich zusammen waren, die ganze Sache aber zu ernst war, um sie als bloße Liebelei abzutun. Als es mit uns zu Ende ging, brach ich den Kontakt radikal ab. Erst drei Jahre später rief ich sie noch einmal an, weil ich ihre Nummer immer noch in meinem Handy hatte, aber das Gespräch verlief derart ernüchternd, dass ich nach einer Minute auflegte und ihre Nummer löschte. Seitdem lasse ich dererlei Dinge einfach bleiben, und ich versuche zu akzeptieren, dass ich manche Menschen, die mein Leben berührten, nie wiedersehen werde.

Wie der Zufall es will, ruft mich kurz nach meinem Gespräch mit N., mit der ich mich zum Essen verabredet habe, meine erste Freundin an. „Herr Doktor Wunderlich!“, trällert sie mir ins Ohr. So begrüßt sie mich oft. Aus irgendeinem Grund scheint sie in mir jemanden zu sehen, der ihr das Leben retten könnte. Würde es aus ihrem Mund nur nicht immer so nach Erwachsenenfilm klingen. „Hier ist deine Lieblings-Exfreundin.“

„Penelope? Natalie? Scarlett?“, erwidere ich gespielt erfreut.

„Blödmann!“, ruft sie lachend.

„Doktor Blödmann, so viel Zeit muss sein.“

„Natürlich, Herr Doktor. Ich wollte fragen, ob Sie heute noch einen Termin für mich frei haben.“

„Oh, oh, sieht schlecht aus. Nur wenn es akut ist. Was haben Sie denn für Beschwerden?“

„Ich habe seit gestern Abend nichts gegessen und leide unter extremem Hunger. Oder sind Sie bereits mit einer anderen verplant?“

Kurz denke ich nach: Penelope ist wahrscheinlich mit Javier unterwegs, Natalie beim Schwangerschaftskurs, Scarlett knutscht mit Sean Penn in irgendeinem Nobelrestaurant. Und X, mit der ich tatsächlich gerne den Abend verbringen würde, turnt mal wieder in der Weltgeschichte herum.

„Heute Abend passt. Aber ich kann erst später, wie du weißt.“

„Lieber spät als nie“, sagt sie, und wieder klingt es amourös und zweideutig. „Ich fände es schade, wenn wir, nur weil wir beide jetzt wieder in Beziehungen sind, den Kontakt einschlafen ließen.“ Dass sie das zu verhindern weiß, da bin ich mir allerdings absolut sicher. Dann bekommt ihre Stimme diesen Klang, als würde sie mich gleich um Taschengeld bitten wollen. Das kenne ich bereits, darum weiß ich genau, was jetzt kommt; die Frage ist nur, wie sie es dieses Mal verpackt. „Wie lange hast du X denn nicht gesehen?“

„Eindeutig zu lange.“

„Wenn du dich heute Nacht einsam fühlst, darfst du gerne noch mit zu mir kommen.“

Ich ziehe die Nase hoch. Ich glaube, ich habe Heuschnupfen. Oder das sind die ersten Anzeichen der Rückkehr einer Ex-Allergie.

„Ich fände es schade, wenn wir, obwohl wir beide jetzt wieder in Beziehungen sind, DEN Kontakt wieder aufleben ließen“, greife ich ihren Satz von eben in leicht veränderter Form auf.

„Bis heute Abend!“, flötet sie, als habe sie mich überhört. Für sie scheint eine gemeinsame Nacht beschlossene Sache, was im Grunde gar nicht weit hergeholt ist: Immerhin steckt in dem Wort „Sex“ das Wort „Ex“. (In dem Wort „Hexe“ allerdings auch, was mich gleich wieder zu meiner Nullkommafünf-Beziehung bringt, aber lassen wir das …)

In dem Wort „Icherzähler“ steckt allerdings das Wort „Herz“, und da ich diese Rolle hier erfülle, entscheide ich, was diese Nacht angeht, mit eben jenem, und das bedeutet: dagegen.

Ich schiebe N.s Hochzeitseinladung zurück in ihren Umschlag. Eines Tages werden meine Ex-Freundinnen einen solchen Brief auch von mir erhalten. Bald darauf werde ich am Altar stehen, aufgeregt mit meinen Händen spielend, wartend auf meine zukünftige Frau. Ich werde meinen Blick durch die Sitzreihen schweifen lassen. Und zwischen Familien und Freunden wird er sich mit den Blicken meiner Ex-Freundinnen treffen, und wir werden uns ansehen mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ein letztes Mal werden wir an jenen Ort zurückkehren, an dem alles ist, wie es hätte sein können.

Schließlich wird meine Braut den Gang entlang schreiten, und ab dem Moment werde ich bloß noch Augen für sie haben, alles andere blendet sich aus. Ich werde auf sie warten.

(Ich werde auf dich warten.)

Nur um Augenblicke später mit ihr eben jenen Ort zu betreten, an dem alles ist, wie es sein soll.