Montag, 28. März 2011

Rootless Tree

(http://www.youtube.com/watch?v=xlnpedLeGbo)

Vielen Menschen bin ich im Laufe meines Lebens begegnet, aber es gab einen Freund, der mich durch meine gesamte Jugend begleitete. Er kannte jedes meiner Geheimnisse (die sich vor allem um ausgegrabene Schätze oder geklaute Schokoriegel drehten), wusste von meinen Plänen, der Sonne entgegen reisen zu wollen, und er lauschte stillschweigend und behielt alles für sich. Es war der Baum in unserer Straße, eine Esche, der Hüter der Allee, weil er mir ein Gefühl von Sicherheit gab, so als umschließe er mit seiner Krone die Straße wie eine Schneekugel. Ich erinnere mich an all die ersten Male, die ich in seinem Schatten erlebte. Bereits als ich noch im Bauch meiner Mutter war, spürte sie zum ersten Mal meine Tritte, während sie an den Stamm gelehnt saß (was natürlich nicht zu meinen Erinnerungen gehört, sondern zu denen meiner Mutter, aber manchmal zeichnen Erlebnisse anderer in deinem Kopf genau so scharfe Bilder wie die eigenen). Ich machte meine ersten Schritte auf den Baum zu. Mein erstes Buch las ich im Schatten der Esche („Komm, wir suchen einen Schatz“ von Janosch, das auch zu den ersten Büchern gehört, die mein Vater mir vorlas, als Buchstaben für mich noch Hyroglyphen waren), ich erlebte die ersten unschuldigen Frühlingsgefühle, den ersten Geruch von Sommerregen auf Asphalt, geschützt von seinem dichten Blätterdach, trat zum ersten Mal in einen Hundehaufen (ein verzichtbares Vergnügen), sah zum ersten Mal eine Sternschnuppe (wünschte mir da zum ersten Mal, dass alles so bleibt wie es ist), fand in dem Baum meinen ersten Freund und Verbündeten. Wenn alles um mich herum zusammenzufallen schien, wenn das Schweigen zwischen meinen Eltern schreiend laut durch unser Haus schlich, stand er immer noch da und bot mir einen Fluchtpunkt. Oft war er die einzige Konstante in meinem Leben. In den Anfangsjahren glaubte ich noch, er würde auf eine Art leben, so wie Stofftiere nachts plötzlich lebendig werden, und nur ich würde sehen, dass er lächelte und das Flüstern eines weisen alten Mannes aus seinen verzweigten Stimmbändern heraushören. Er besaß sogar ein echtes Herz, das ihm Liebende weit vor meiner Zeit in die Rinde geritzt hatten und in dem kurz und knapp „C + R“ zu lesen war. Und so nannte ich den Baum schließlich auch. „Guten Morgen, CplusR!“ rief ich, wenn ich auf dem Schulweg mit dem Fahrrad an ihm vorbeiradelte, und er winkte mir mit seinen Ästen hinterher. Das Wunder der Kindheit besteht vor allem aus der Tatsache, dass in deinen ersten Jahren alles um dich herum lebendig ist, Romanfiguren, Stofftiere, Wolken, Bilder. Ich besaß einen Zauberring, der einen unsichtbar machen konnte. (Er war eigentlich ein Arbeitsergebnis meiner Großmutter, die als Goldschmiedin gearbeitet hatte, und der einzige, den er nach einem Tag im Kindergarten für immer unsichtbar machte, war er selbst.) Der Weihnachtsmann war nicht bloß ein volltrunkener Arbeitsloser, der sich für ein paar läppische Euro in ein Kaufhaus setzte, um sich von kleinen Teufelsbraten schikanieren zu lassen. Es scheint ganz natürlich in uns zu sein, dass wir Kindern die ersten Jahre eine andere Welt präsentieren. Wir erzählen ihnen am Weihnachtsabend, dass sie erst beim Glockenklingeln ins Wohnzimmer kommen dürfen, weil das Christkind ansonsten mit seinen Geschenken verschwindet. Wir lesen ihnen Geschichten von sprechenden Tieren vor. Wir erschaffen einen Alltag, der nur aus Spielen besteht. Instinktiv scheinen wir zu wissen, dass diese Dinge untrennbar mit einer glücklichen Kindheit verbunden sind. Aber warum lassen wir es zu, dass sie irgendwann verschwinden? Und warum glauben wir, dass ein Leben nach der Kindheit all diese Dinge nicht mehr braucht, wenn wir doch ständig damit beschäftigt sind, unglücklich zu sein? Es war wohl unvermeidlich, dass das Flüstern der Esche eines Tages verstummte und zu dem windgewiegten Rauschen der Baumkrone wurde. Ihr Lächeln war nur mehr eine Verkrüppelung ihres Stamms, und alles was von meinem Freund übrig blieb, war ein Baum und die Erinnerung an ihn. Von da an besuchte ich ihn immer seltener. Doch obwohl ich wusste, dass CplusR bloß ein alter kranker Baum war, der aus einem vergangenen Lebensabschnitt stammte, und obwohl die ersten Male, die mir im weiteren Verlauf meines jungen Lebens in seinem Schatten widerfuhren, immer mehr von Schmerz geprägt waren, behielt er in meiner Vorstellung den Status eines alten Freundes. Und so erlebte ich in seiner Nähe die erste Trennung, den ersten Toten, der in einen Leichenwagen geschoben wurde (Herr Sommer von einem Stockwerk über uns, der mir zu St. Martin immer mehr Süßigkeiten gegeben hatte als alle anderen), den ersten Blick die Straße hinab, am Morgen nachdem mein Vater die Welt und mich verlassen hatte. Ich vertraute CplusR keine Geheimnisse mehr an, aber ab und zu las ich an seinen Stamm gelehnt aus Gedichtbänden. Ich spürte den Wunsch, ihn nicht alleine zu lassen, so wie man einen langjährigen Komapatienten regelmäßig besucht, auch wenn mir rational bewusst war, dass es ihn überhaupt nicht juckte, ob ich in seiner Nähe war oder nicht. Es war, als befände sich dieser winzige versteckte Ort in mir, an dem ich immer noch der kleine Junge war, der davon träumte, der Sonne entgegen zu reisen. Aber die Realität setzt ihre eigenen Fristen. Ich weiß noch, wie ich an einem Frühlingstag mit dem Fahrrad in unsere Straße fuhr und wie ich scharf auf die Rücktrittbremse trat, als ich sah, dass CplusR verschwunden war. Die Stadt hatte ihn fällen lassen, um Raum für Parkplätze zu schaffen. Ich stand da, starrte bloß auf diesen leeren Fleck und spürte, wie etwas in mir verkümmerte; jene Unschuld, von der ich geglaubt hatte, sie bewahren zu können, solange ich wollte. Über mehr als zwei Lebensabschnitte hatte er seine Wurzeln in mein Leben geschlagen. Aber nun war mein Freund fort, nun also endgültig, und zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass jedes erste Mal auch ein letztes inne hält.

Montag, 21. März 2011

The Story

(http://www.youtube.com/watch?v=fJa-KazVMYU)

Heute präsentiere ich eine Kurzgeschichte, die ich mit fünfzehn geschrieben habe. Es geht um zwei Menschen, die einander für ein paar Minuten begegnen und sich verlieben, ohne auch nur ein Wort miteinander zu wechseln. Für diesen Blog habe ich bloß kleine Formfehler korrigiert, den Rest ansonsten in seiner Ursprungsform gelassen, um den Fünfzehnjährigen, der ich damals war, nicht zu übertünchen. Die Geschichte ist in zwei Teile unterteilt und beginnt mit der Episode …

Liebe ...

Ich habe mich verliebt. Es ist erst ein paar Minuten her. Sie hat mich nicht gesehen, sitzt einfach nur da und liest in einem Buch. Ich versuche den Titel zu erkennen, um mit ihr ins Gespräch zu kommen, sie anzulügen, ich hätte das Buch auch gelesen oder um es mir sofort zu kaufen. Sie ist eine tolle Frau, das weiß ich, ohne je ein Wort mit ihr gewechselt zu haben. Aber nie werde ich erfahren, wo sie wohnt, welcher ihr Lieblingssong ist oder ob sie ein glückliches Leben führt. Ich kann nichts tun, bloß da sitzen, sie betrachten, ohne bemerkt zu werden. In sie verliebt sein. Alles andere ist sinnlos. Würde doch die Straßenbahn langsamer fahren. Ich habe es nicht eilig. Wie jeden Tag sitze ich hier, auf meist dem gleichen Platz, fahre die gleiche Strecke immer wieder auf und ab. Bis auf sie ist alles wie immer, und womöglich wird schon in ein paar Minuten nichts mehr so sein, wie es mal war. Schon morgen werde ich wieder hier sitzen, doch dieses mal werde ich Ausschau halten, nach ihr, meiner geheimen neuen Liebe, die ich nicht kenne.

Es ist kalt, aber das ist es immer, und ich störe mich nicht daran, hauche mir nicht die Hände warm, wie sie es tut. Was wird mir im Gedächtnis bleiben? Ihre langen, schimmernd braunen Haare. Ihre Hände, eine das Buch umfassend, die andere in den Ärmel ihres Pullis gehüllt. Ihre von der Kälte gerötete Nase, mit einem leichten Höcker. Ihr sauberer brauner Ledermantel. Ihre Jeanshose, an dessen unterer Seite vereinzelt Katzenhaare hängen. Ihr Schal, bunt wie ein Flickenteppich, mit Sicherheit selber gestrickt. Hat Sie ihn gestrickt? Sie strickt. Manchmal sitzt sie alleine zu Hause auf ihrem Sofa, um sich herum ein Haufen Wolle, auf dem kleinen Tisch direkt vor sich eine Kanne Schwarztee mit Milch und im Hintergrund Klaviermusik. Die Katze liegt neben ihr. Sie spielt mit den Knäuelen der Wolle. Sie streichelt das verspielte Tier, lächelt, nimmt einen Schluck aus ihrer Tasse und strickt weiter. Klick, klick, klick, macht es.

Wie klingt ihre Stimme? Sie redet nicht, aber warum sollte sie auch? Niemand ist da, der ihr vertraut ist. Ich bin ihr so fremd wie jeder andere hier. Vielleicht ist sie Sängerin, warscheinlich eher nicht, vielleicht stumm. Alles ist möglich. Ob ich ihr aufgefallen bin? Wohl nicht. Ich bin nicht einer derer, die den Menschen im Gedächtnis haften bleiben. Säße ich bloß neben ihr, damit sie mich wahrnimmt und ich ihren Duft einatmen kann. Wie ist es wohl, sie zu begrüßen, als Freund, Vertrauter? Bringt sie Menschen zum lachen? Weint sie vor anderen oder versteckt sie sich, um alleine zu sein, nur mit ihrer Katze auf dem Sofa mit ihrer Tasse Tee in der Hand? Ein offenherziger Mensch ist sie, so stelle ich es mir vor. Manchmal lächelt sie, amüsiert über das, was sie gerade liest. Ich warte sehnsüchtig auf ein Kichern, um den Klang ihrer Stimme wenigstens zu erahnen, doch diesen Gefallen tut sie mir nicht, und davon bin ich ausgegangen.

Was für einen Namen könnte ihr Gesicht tragen? Heike. Kathrin. Kirstin. Klingt zu hart. Andrea. Julia. Schon eher. Aber Marie steht ihr besser. Marie ist sechsundzwanzig, vielleicht dreißig, aber nein, sechsundzwanzig. Sie ist eine sechsundzwanzigjährige Buchkritikerin einer bekannten Wochenzeitung, denn ihre ganze Leidenschaft steckt in der Kunst des Schreibens; nicht ein einziges Mal kann sie ihren Blick von dem Buch abwenden, lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Gleich wird sie den Weg zu ihrem Büro im sechsten Stock nehmen, wird ihren Mantel wie jeden Morgen an den Haken an der Wand hängen, wird sich mit einem Ruck auf ihren Stuhl fallen lassen und beginnen, über das Buch, welches sie gerade liest, Lobeshymnen zu schreiben. Oft kommt sie zu spät, was ihr Chef gar nicht gerne sieht, doch Marie ist in der Straßenbahn stets so vertieft in ihre Bücher, dass sie hin und wieder sogar ein, zwei Stationen zu weit fährt. Aber sie ist eine gute Kritikerin, und so sieht es ihr Chef ihr nach. Ich denke, man kann ihr auch nicht böse sein, denn wenn ich mir ihr Gesicht so ansehe, würde man sich schuldig fühlen, sie zum Weinen gebracht zu haben.

Da, sie sieht auf. Helle Augen, grau oder blau, ich kann es nicht erkennen. Eine Stimme kündigt die nächste Haltestelle an. Hier muss ich raus und, welch ein Glück, Marie auch. Sie steckt ihr Buch zurück in ihren Rucksack, der mir erst jetzt auffällt. Sie steht auf, geht an mir vorbei. Mein Herz schlägt schneller. Ich stelle mich hinter sie. Kein spezieller Duft, der mich umhüllt, kein Parfum, aber das passt eigentlich zu ihr. Sie schminkt sich kaum. Jede Art der Verkleidung scheint bei ihr fehl am Platze zu sein. Plötzlich wendet Marie ihren Kopf zur Seite, und sie kramt in ihrem Rucksack, den sie sich mit einem Schwung um die Schultern gehängt hatte. Dabei wird der Blick auf eine zwar kleine, doch unübersehbare Narbe auf ihrer Wange frei. Wie ein Angelhaken ziert sie ihr Gesicht. Was wohl passiert ist? Möglicherweise hat sie die Narbe seit der Geburt oder sie ist als kleines Kind beim Spielen von der Schaukel gefallen. Ihre Mutter ist sofort zu ihr gestürzt. Marie hat geschrien, verständlich, bei dem Schrecken. Sie wurde getröstet und verarztet und anschließend mit einem Eis für ihre Tapferkeit belohnt.

Die Tür öffnet sich. Eine kleine Traube von Menschen verlässt die Bahn, mittendrin Marie, ich dicht hinter ihr. Ich werde nicht von meinem Weg abkommen, um ihr zu folgen oder sie eventuell doch noch anzusprechen: ‚Hey, ich hab dich die ganze Zeit schon beobachtet und fand es faszinierend wie du ... wie du ... dein Buch gelesen hast ...’ Nein, das werde ich mir und vor allem ihr ersparen. Zu oft wurde sie wohl schon von Männern mit dummen Kommentaren angesprochen, auf ihr Aussehen reduziert, genervt, und hatte jeden Mann mit einem freundlichen, jedoch unmissverständlichen Lächeln verabschiedet. Wie sie sich bewegt ... Der Wahnsinn. Ihre Pobacken in der engen Jeans wollen mich in den Wahnsinn treiben. Sie sind ein paar Meter über mir, als wir uns von der Rolltreppe ins obere Stockwerk bringen lassen, und obwohl sich eine Menschenmenge zwischen uns geschoben hat, lachen sie mich verführerisch an, und wer weiß, vielleicht lachen sie mich auch aus, wie ich da stehe und nicht begreifen kann, dass es so etwas gibt.

Oben angelangt laufen wir in die gleiche Richtung. Marie erhöht ihr Tempo nicht, erneut benutzt sie die Rolltreppe, ich laufe dieses Mal über die unbeweglichen Stufen aus Stein. Endlich wieder freier Himmel über unseren Köpfen. Keuchend komme ich oben zum Stehen. Die Rennerei bin ich nicht gewohnt. Das Wetter ist trübe. Graue Wolken säumen den Himmel und machen jegliche Hoffnung auf einen sonnig strahlenden Tag zunichte. Kurz darauf erscheint Marie. Sie ist doch noch aufgegangen, die Sonne. Plötzlich, auf den letzten Stufen der Treppe, klingelt ihr Handy. Sie kramt in ihrem Rucksack, holt das Telefon hervor, drückt den grünen Annahmeknopf und eröffnet das Gespräch. Es ist wohl ihr Chef, der sich erkundigt, wo sie bleibt, und sie sagt ihm, dass sie gleich da sei, denn nach nur wenigen Augenblicken schon steckt sie das Handy zurück in den Rucksack. Ich weiß, dass sich hier unsere Wege trennen werden. Sie kommt auf mich zu. Ein Wimpernschlag in meine Richtung, schon ist sie an mir vorbeigezogen. Ich sehe ihr nach. Was für eine Frau, denke ich, drehe mich um und gehe. Mal sehen, was heute Abend im Fernsehen läuft. Vielleicht gehe ich heute früher ins Bett. Mir ist langweilig, ich will den Tag hinter mich bringen, so wie ich es immer tue. Hoffentlich sehe ich Marie wieder, denke ich immer und immer wieder, während ich über die sich vom Regen spiegelnden Straßen laufe.

... auf den ersten Blick

Ich habe mich verliebt. Ich kann’s noch gar nicht glauben und denke schon die ganze Zeit darüber nach, ob ich mich nicht vielleicht doch täusche. Aber alles ist so, wie man es immer hört: Das Kribbeln, die Nervosität, das Herzklopfen, die Schmetterlinge. Dabei kenne ich ihn noch nicht einmal. Er sitzt ein paar Meter weiter vor mir. Ich glaube, er sieht zu mir herüber. Ich vergrabe mich schier in meinem Buch, dabei habe ich schon vor Tagen aufgegeben, es zu lesen. Werds Angelika schenken, die steht auf solche Schmachtfetzen. Soll ich ihn ansprechen? Oh Mann, ich hasse mich dafür, dass ich hier sitze, mich hinter dem Buch verstecke und nicht weiß, was ich tun soll. Jetzt könnte ich eine dieser Frauenzeitschriften gebrauchen, in denen ständig kluge Flirttips gegeben werden. Oh nein, er betrachtet meine Hose. Mist, dieses blöde Viech hat sein halbes Fell an der Jeans zurückgelassen. Nie wieder Katzen in Pflege nehmen! Wie sie einem immer ums Bein herumschleichen ...

Da, er sieht wieder auf. Schnell den Blick von ihm abwenden. Ob er mir abnimmt, dass ich mich für das Buch interessiere? Warscheinlich hält er mich für total bescheuert. Warum musste ich auch ausgerechnet heute diesen unvorteilhaften Schal anziehen. Ich habs Mama versprochen, ich weiß, aber ausgerechnet jetzt passt mir das gar nicht. Wenigstens kratzt er nicht. Hätte ich mich doch wenigstens ein bisschen geschminkt. Aber selbst dazu hatte ich heute morgen einfach keine Zeit mehr. Ich muss furchtbar aussehen.

Verdammt, ist das kalt hier. Ich hauche mir in die Hände, um sie so ein wenig zu wärmen, lege anschließend eine Hand auf das Buch und hülle die andere im Ärmel meines Pullis ein. Meine Nase ist ganz kalt. Ich überlege, was nun lächerlicher aussieht: Meine rote Nase oder ein Nasenschützer. Gibt es Nasenschützer? Klara, worüber machst du dir Gedanken, denke ich so bei mir, wo er doch nur ein paar Meter weit von dir entfernt sitzt. Ich glaube, er beobachtet mich; ich lese immer noch scheinbar interessiert in meinem Buch. Auf einmal muss ich lächeln, denn ich komme mir vor wie ein kleines Mädchen, das zu schüchtern ist, zu seinem Klassenkameraden zu gehen und ihn zu fragen, ob er Lust hat, mit mir eine Limo zu trinken. Es ist schon verrückt.

Wo er wohl hinfährt? Warscheinlich zu seiner Freundin, die zu Hause auf ihn wartet. Hach verdammt, warum passiert mir nicht mal all dieser romantische Kram, den sie einem ständig in Hollywood-Filmen um die Ohren hauen? Wenigstens einmal in meinem Leben möchte ich auch Julia Roberts sein. Nur für kurze Zeit. Wie oft diese Frau schon ein Happy End in ihren Filmen erlebt hat ... Ein einziges Mal nur. Aber so ist das Leben wohl nicht. Heute Abend werde ich mir in der Videothek erst einmal „Pretty Woman“ ausleihen (bestimmt schon das hundertste Mal, dass ich den sehe), und dann schneide ich von einem meiner Fotos meinen Kopf ab. Und genau bei der Szene, in der Richard Gere sie erobert und beide sich auf der Feuerleiter gegenüber stehen, werde ich die Standbildtaste betätigen und meinen Kopf auf den Körper von Julia Roberts kleben. Das werde ich mir dann eine Stunde ansehen, immer wieder seufzen, anschließend Angelika anrufen und ihr die Ohren vollheulen. Ist sie schon gewohnt. Das passiert bei uns im ständigen Wechsel.

Auf einmal lässt mich eine laute Durchsage erschrocken hochfahren, und ich sehe auf. Meine Haltestelle naht. Das bedeutet jetzt wohl, Adieu Unbekannter! Seufzend packe ich das Buch zurück in meinen kleinen Rucksack und begebe mich zur Tür. Als ich an ihm vorbeigehe, spüre ich seine Blicke, aber ich wage es nicht, ihn direkt anzusehen.

Doch als die Bahn in die Haltestelle einfährt, steht er plötzlich auf und stellt sich direkt hinter mich. Mein Herz klopft wieder schneller. Okay, jetzt oder nie, denke ich. Ich werde ihm einfach eine kleine Nachricht aufschreiben und sie ihm irgendwie zukommen lassen. So nach dem Motto „Heute Abend da und da um 19 Uhr“ oder so. Hektisch beginne ich, in meinem Rucksack nach Stift und Papier zu kramen, während die U-Bahn immer langsamer wird. Mist, wo ist denn der blöde Kuli? Ich bin mir sicher, dass ich einen mitgenommen habe. Normalerweise ist da immer einer im Rucksack. Einen Augenblick, denke ich nervös, als die Bahn zum Halten kommt. Doch bevor ich den Stift zu fassen kriege, öffnet sich die Tür, und ich werde von der Masse nach draußen gedrückt. So bleibt mir keine Chance, in dem Moment an etwas anderes zu denken, als mich erst einmal aus der Menge zu retten. Also laufe ich, wie alle anderen auch, auf die Rolltreppe zu und kann nur hoffen, dass er den gleichen Weg hat und nicht auf irgendeine Anschlussbahn wartet.

Oben angelangt verstreut sich die Menschenmenge, und ich sehe mich unauffällig um. Gott sei Dank, er ist ein paar Meter weiter hinter mir und muss anscheinend genau dort hoch, wo es auch mich hinführt. Ob er mir vielleicht sogar folgt? Wohl eher nicht, aber es ist ein prickelnder Gedanke. Also laufe ich in Schrittempo, um ihn nicht ungewollt abzuhängen, betrete die Rolltreppe und lasse mich gemächlich nach oben ans Tageslicht fahren. Gut, jetzt wirst du ihn ansprechen, denke ich und nehme mir fest vor, dies auch wirklich zu tun. Doch gerade als ich wieder unbeweglichen Boden sichte, klingelt mein Handy. Schnell hole ich es hervor. Ist er noch da? Ja, er hat die Treppe benutzt. Ich gehe ans Handy. Es ist mein Ex-Freund. Was will der denn noch? Ich habs ziemlich eilig, und es ist ganz schlecht gerade, sage ich ihm und kann ihn schnell abwimmeln. So, nun sammeln und ihn ansprechen. Er steht an der Seite der Straße, direkt neben dem Zeitungskasten. Langsam gehe ich in seine Richtung, mein Herz pocht mit jedem Schritt immer schneller. Ich sehe in seine Richtung und dann ... Schaue ich ihm direkt in seine Augen. Nicht einmal den Bruchteil einer Sekunde dauert es, aber es sprengt mein Herz. Ich gehe an ihm vorbei.

Mist, blöde Kuh, ich hasse deine Schüchternheit, denke ich und sehe meinen Beinen zu, wie sie mich immer weiter von ihm weg tragen. Als ich es doch noch wage, mich kurz umzusehen, sehe ich nur noch, wie er die Straße in die entgegengesetzte Richtung hinunterläuft. So ist das, denke ich enttäuscht und gehe weiter. Schade, vielleicht wäre er der Grund gewesen, hier zu bleiben und die Stadt nicht zu verlassen. Na ja, so etwas passiert wohl doch nur im Film. Ein letztes Seufzen entfährt mir, dann beschleunige ich meinen Gang. Hoffentlich kommen auch all meine Sachen unbeschädigt an, denke ich. Bin wirklich gespannt auf den neuen Job. Und ich weiß, ich werde mich darauf freuen; morgen, wenn ich die Tür hinter mir schließe, mich in meinen Wagen setze und der Stadt Lebe Wohl sage.

Montag, 14. März 2011

Big yellow taxi

(http://www.youtube.com/watch?v=ZgMEPk6fvpg)

Ich erfuhr davon, als ich morgens an meinen Arbeitscomputer trat und die Internetseite von Spiegel Online anklickte, und das erste, was mir durch den Kopf ging, war: „Das sieht aus wie aus einem Roland-Emmerich-Film.“ Mit dem Tsunami brach eine Macht ungeahnten Ausmaßes über Japan herein. Noch ahnte niemand, dass sich dieses Ereignis nur kurz darauf zu einer weltumspannenden Katastrophe entwickeln würde.

Das Gefühl, wenn ich die Bilder aus Japan sehe und wie alle sorgenvoll die beinahe stündlichen Hiobsbotschaften aus Fukushima lese, erinnert mich stark an die Emotionen, die ich am 11. September hatte. Ich fühle mich machtlos, bin schockiert, wie gelähmt, und kann nicht glauben, dass diese furchtbaren Bilder tatsächlich Realität sind. Steht uns nach Tschernobyl ein erneuter Supergau bevor? Anders als bei anderen Naturkatastrophen ist diese hier nicht beendet, wenn wir Tage später die Nachrichten sehen. Wir befinden uns inmitten des Unglücksszenarios, und durch die brenzlige Lage in den Kernkraftwerken sind wir nun sogar Teil des Problems.

Die Dimension wurde mir zum ersten Mal so richtig bewusst, als Seiten wie Spiegel Online begannen, einen Liveticker zur Katastrophe zu bringen; bisher gab es das nur bei Sportveranstaltungen. Dabei finde ich den Begriff äußerst unglücklich gewählt. Überhaupt ist die Art, wie manche Medienvertreter mit dem furchtbaren Ereignis umgehen, mehr als fragwürdig. In einem Morgenmagazin präsentierte ein Wetterexperte eine Karte, auf der bunte Striche zu sehen waren, fuhr mit einer Hand über einen weiß wabernden Bereich und sagte: „Hier sehen wir sehr schön die Flugbahn des Rauchs aus Reaktor 3.“ Also, ganz ehrlich: „Sehr schön“ ist Natalie Portman bei der diesjährigen Oscarverleihung gewesen. „Sehr schön“ finde ich den Rauch, der aus einem Kamin in einen dunklen Winterhimmel emporsteigt. Aber den Rauch aus Reaktor 3 finde ich eher sehr sehr erschreckend. (Mich wundert im Übrigen, dass nicht schon längst mindestens eine Spendengala von einem der großen Fernsehsender auf die Beine gestellt wurde. Nach Haiti ging das ratzfatz.)

Was mich allerdings wirklich abstößt ist die Art, wie die Politik diese Katastrophe für sich zu instrumentalisieren versucht. Kaum ein Politiker, der in Fernsehsendungen nicht populistische Statements abgibt, um zur bevorstehenden Wahl noch ein paar Pluspunkte zu sammeln. Allen voran die Kanzlerin, die auf einmal einen radikalen Kurswechsel ihrer Atompolitik betreibt. Natürlich darf jeder mal seine Meinung ändern, aber Kernkraftwerke stehen in Deutschland nicht erst seit dem Unglück in Fukushima, und es könnte durchaus der Verdacht aufkommen, dass die ohnehin strauchelnde CDU nicht noch weitere Wähler verprellen will, immerhin sprechen sich mittlerweile mehr Deutsche den je gegen Atomenergie aus. Alles, was jetzt von den Vertretern der Politik verkündet wird, hat für mich kaum einen Wert. (Aber das hat es kurz vor Wahlen ja eigentlich nie.) „Entscheidend ist auf dem Platz!“. Heißt: Erst wenn die Wahlen gelaufen sind, werden wir sehen, ob auch tatsächlich Gehalt hinter dem steckt, was Angela Merkel nun so vollmundig ankündigt. Erstaunlich übrigens, dass unsere Grinsekatze Guido Westerwelle sich bisher so zurückhält. Könnte man sich dran gewöhnen.

Dabei geht es bei dieser Sache gar nicht um Politik. Es geht um tausende Menschen, die ihr Leben verloren haben. Es geht um zigtausende, die mit einem Schlag nichts mehr besitzen als das, was sie am Leib tragen. Und es geht um uns und die Fragen: Wie wollen wir weiterleben? Wofür lohnt es sich zu kämpfen? Und was werden wir aus dieser Katastrophe lernen? Ich glaube nicht, dass wir einfach wieder zur Tagesordnung übergehen sollten, auch dann nicht, wenn ein Supergau verhindert wird. Dieses Ereignis wird die Welt verändern müssen.

„Don't it always seem to go that you don't know what you've got till it's gone”, singt Joni Mitchell in ihrem Lied „Big yellow taxi”.

Aber was nehmen wir – abseits der wieder aufgeflammten Diskussion über erneuerbare Energien – ganz persönlich für unser Leben mit? Für das, was in unserer eigenen kleinen Welt geschieht und sich „Alltag“ nennt. Alles, was wir haben, das Geld, der schnittige Wagen, die Karriere, das Einfamilienhaus, all dies kann das Leben durchaus lebenswerter machen, aber nichts davon bewahrt uns vor Katastrophen wie dieser. In diesem einen Augenblick werden wir alle Menschen – ob Tellerwäscher oder Millionär – tatsächlich mit einem Mal gleich.

Montag, 7. März 2011

Superjeilezick


Ich schlendere an der Mauritiuskirche vorbei und sehe eine Prinzessin auf einer Schaukel sitzen, eine Bierflasche in der Hand, sichtlich umnebelt, schwankend und kurz davor, mit dem Gesicht voran in den Sand zu kippen. Nur etwa zwei Minuten später passiere ich einen Braunbären, einen Piraten und einen König, die vergnügt in drei Mülleimer strullen. Und in einem Hauseingang sitzend begrüßt Mozart mit einem abgebrochenen Schneidezahn jeden Passanten mit einem lieblich fröhlichen „Spasti!“ Dies ist kein LSD-Trip, auf dem ich mich befinde. Es ist ein ganz normaler Tag im Kölner Karneval.
Wenn die jecken Tage im Februar/März ihren Anfang (und ihr Ende) nehmen, strömen Millionen Menschen von überall her nach Köln. Hemmungen sinken so schnell wie der Akholpegel steigt, alles scheint erlaubt. Vor allem all jene Dinge, die man sich eigentlich nicht erlauben sollte.
Auf dem Weg zu einem indischen Restaurant kommt eine Gruppe Frauen an mir vorbei, alle so um die Ende dreißig, Anfang vierzig. Sie tragen kleine Clownshüte, haben die Lippen in einem roten Farbton geschminkt, der so grell ist, dass man blind wird, wenn man ihn direkt ansieht, und überhaupt wirken sie, als kämen sie gerade von der Betriebsfeier ihres Sonnenstudios (das sie auch selber hemmungslos zu nutzen scheinen – ihre Haut wird nach ihrem Ableben als Überzug für Ledersessel Verwendung finden). Sie gehen Zick-Zack-Linien, als befänden sie sich auf einem Schiff mit äußerst heftigem Seegang. Kaum an mir vorbei, höre ich eine von ihnen mir hinterher rufen: „Voulez vous coucher avec moi?“, und ich denke bloß: „Pas même dans mes pires cauchemars!“
Als ich das Restaurant erreiche, springe ich über einen kleinen drolligen See aus Unverdautem, der vor einem Hauseingang zurückgelassen wurde, und begrüße dann meine Freunde, die bereits auf mich warten. Zusammen wollen wir uns gleich wenigstens kurz in den Trubel des Kölner Karnevals werfen. Ein bisschen hat die ganze Sache von einem Unfall, an dem man einfach nicht vorbeigehen kann, ohne hinzugucken, auch wenn man weiß, dass sich einem ein grauenvolles Bild bietet.
Die Straßen sind übersät von zerbrochenen Bierflaschen, Pappbechern, Luftschlangen, Dönerrresten und Betrunkenen, die es nicht mehr auf den Beinen hält. Alle zwei Minuten erschallt von irgendwoher ein Martinshorn. Nicht weit entfernt fällt mir ein Pilot mit schief sitzender Mütze in den Blick, der sich wild an einer Straßenlaterne reibt. Noch ein paar Minuten und er hat sie soweit, dass sie ihn mit in seine Wohnung begleitet. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass dem Typ die Lichter vorher noch ausgehen.
Meine Freunde und ich beschließen bereits jetzt, unsere eigene kleine Party zu starten und zwar bei Fly und Julia, die am nächsten wohnen. Fly, Manuel, Claudio, Stephanie und ich besorgen Getränke im REWE. Claudio hat keinen Tropfen Alkohol intus, dennoch lässt er es sich nicht nehmen, mitten in der Menschenmenge zu brüllen: „Ey, da is Christian Wunderlisch!“, worauf zwei Mädels und ein Crepes-Verkäufer auf mich zugelaufen kommen, um ein Foto zu machen. Zum Glück hat der Kerl mit den Sadomaso-Klamotten ihn nicht gehört.
Am Eingang zum REWE-Markt stakst ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen an Manuel und mir vorbei, auf zehn Zentimeter hohen Absätzen und mit einem Rock, der ihren Slip nicht mal ansatzweise verdeckt. „Billig“, raunt der Wachmann kopfschüttelnd. Billig wird es auch für uns: Alkoholische Getränke sind im REWE Mangelware, weshalb wir auf Alternativen zurückgreifen müssen. Claudio steht sehnsüchtig vor der Süßigkeitenabteilung. Das meiste von dem Zeug darf er als Veganer nicht essen, was mir Gelegenheit gibt, mich nach seiner Aktion eben zu rächen und genüsslich alle seine liebsten Köstlichkeiten aufzuzählen, in denen Gelatine enthalten ist. Er bleibt standhaft. Ist nur noch eine Frage der Zeit, bis er zum Frutarier mutiert.
Der Rest des Abends verläuft karnevalsuntypisch ohne viel Alkohol, ohne kölsche Lieder, dafür mit einer Gruppe Freunden, die sich viel zu selten sieht. Aber ich habe ja noch eine zweite Karnevalsverabredung an diesem Wochenende, und dieses Mal werde ich ums Feiern wohl nicht herum kommen …
Am nächsten Tag, es ist Samstag, hole ich X vom Bahnhof ab. Es wird ihr erster Karneval in Köln. Ich habe wie jedes Jahr entschieden, mich als Tod zu verkleiden, was bedeutet, dass ich einen schwarzen Anzug trage, ein weißes Hemd, eine schwarze Krawatte, schwarze Schuhe und eine Sichel. (Eigentlich wollte ich Teebeutel werden, und X sollte die Kanne sein, aber fragen Sie mal in einem Kostümverleih nach dem Kostüm „Teebeutel“…) X scheint mein Outfit zu gefallen, was ich an der Tatsache festmache, dass sie mit der Zunge schnalzt, als wir im Auto sitzen, und sagt: „Mir gefällt dein Outfit.“ Bevor ich mich in den Karnevalstrubel geschmissen habe, scheine ich bereits eine Frau für die Nacht aufgerissen zu haben. Bestens! Allerdings werde ich ein Auge auf sie haben müssen. Sie ist eine Schönheit, und ich werde sicher die Hände voll zu tun haben damit, die Anmachversuche diverser Kerle abzuwehren.
Am Abend zieht X sich eine blaue Perücke über, und wir fahren mit der Bahn in die Innenstadt. Vor den Kneipen haben sich Schlangen gebildet, die eine Wartezeit von mindestens einer Stunde erahnen lassen. Uns zieht es in einen Schuppen, der etwas außerhalb des Getümmels liegt und nicht ganz so voll ist, in dem man atmen und sich bewegen kann und sich nicht wie lebendig begraben fühlt. Laute Musik dröhnt aus den scheppernden Boxen. X und ich quetschen uns mit einem Bier in eine Ecke und tanzen und singen zu Liedern wie „Viva Colonia“, „Drink doch eine met“ und „Superjeilezick“. (Ein Lied von Brings, mit denen ich 1999 übrigens ein Lied schrieb, das letztendlich aber nicht auf meinem Album gelandet ist.) Wenn es nicht nur um komatöses Besaufen geht, ist Karneval eine feine Sache. Leider sieht das nicht jeder so. Kaum habe ich mich kurz von X abgewandt, schwankt auch schon ein Cowboy an sie heran und legt seine Hand an ihren Rücken. Ich höre, wie er sagt: „Brauchst du jemanden, der dich nach Hause fährt?“ Meine Faust bettelt mich geradezu an, Bekanntschaft mit seinem Gesicht machen zu dürfen, aber ich stecke sie in die Hosentasche und trete an den Kerl heran. „Sie hat bereits einen Chauffeur, danke!“, sage ich mit einem Lächeln im Gesicht. Und mit einem Blick auf seine Hand, die sich erneut in Richtung meiner Freundin bewegt, füge ich an: „Brauchst du jemanden, der dich ins Krankenhaus fährt?“ und er hält inne, schlägt seine Hand perplex an den Mund, kippt mit seinem Kopf kurzzeitig zurück, als würde er einschlafen, und torkelt dann wieder zu seinen Freunden. „Mein Held!“, sagt meine Freundin lächelnd und drückt mir einen innigen Kuss auf den Mund. Nach meinem Outfit ist dies also der zweite Punkt, den ich an diesem Tag bei ihr gesammelt habe. Jep, die Nacht wird es in sich haben. Das Feuer lodert.
Es lodert übrigens auch bei einer Freundin von X, die sie aus London kennt und die mit einem Typen knutscht, von dem sie fünf Minuten zuvor nicht einmal den Namen wusste; die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie ihn auch jetzt noch nicht weiß. In jedem Fall wird sie ihn morgen nicht mehr wissen. Die beiden verschlingen sich, als würden sie mit ihren Zungen Ausgrabungen machen. Ich bin mir sicher, sie werden in dieser Nacht fündig werden. Die Frage ist nur, ob ihnen gefällt, was sie finden.
Als X sich kurz für kleine blauhaarige Mädchen verabschiedet, pirscht sich gleich eine als Sumo-Ringer verkleidete Frau an mich heran. Sie trägt einen monströsen Fatsuit, der ihre Bewegungsfreiheit einzuschränken scheint, wackelt wie der Marshmallowmann auf mich zu. Als sie bei mir ist, grunzt sie mir irgendetwas unverständliches ins Ohr. Etwas weiter entfernt sehe ich ihre Freundinnen an der Bar stehen, die unverhohlen herüberschauen.
„Was?“, sage ich. Sie tritt näher an mich heran. Ihre Schminke ist vom Schweiß zerlaufen, sie hat Lippenstift auf den Zähnen und einen Damenbart, der leider nicht zum Kostüm gehört. Von jemandem wie ihr hatte ich als Kind Albträume.
„Du siehst unheimlich gut aus“, presst sie hervor. Ich lächle schief. „Du siehst auch unheimlich aus“, will ich sagen, kann mich aber gerade noch beherrschen. Verzweifelt sehe ich mich nach X um.
„Kommst du aus Köln?“, fragt sie mich. Sie schwitzt unter dem Fatsuit, die Tropfen rinnen ihr die Schläfe hinab.
„Ja, ich …“
„Ich will nicht um den heißen Brei herum reden: Lust mit mir zu bumsen?“
Baff sehe ich sie an. An ihrem rechten Ringfinger entdecke ich einen Ehering.
„Ich will nicht um den heißen Brei herum reden: Nein.“ Ich plustere die Wangen auf, ziehe beide Augenbrauen hoch und atme aus. „Aber frag doch mal deinen Mann.“
„Pff!“, macht sie nur und wendet sich mit einem Ruck von mir ab. Als sie sich wankend von mir entfernt, rufe ich ihr hinterher: „Cooles Kostüm!“, und sie dreht sich noch einmal zu mir. „Was soll das jetzt für ein Scherz sein?“ Ich zucke zusammen. Erst jetzt bemerke ich, dass ihr Fatsuit gar kein Fatsuit ist. Ich lache auf, als hätte ich den besten Witz des Abends gerissen und wünsche mich in mein Bett. Ohne die Sumofrau, dafür mit X, die endlich zu meiner Rettung eilt.
Nach weiterem Alkohol und noch mehr Liedern, machen X und ich uns auf den Heimweg. Der kühle Filter, der sich im Freien auf mein Gesicht legt, tut gut nach der Kneipenhitze. Der kühle Eisbeutel auf dem zerschlagenen Gesicht des Guttenberg-Doubles, das unseren Weg kreuzt, sicher auch. Ja ja, der Kölner Karneval ist wie ein unentdeckter Roman von Lewis Carroll, der von Tim Burton verfilmt und von Marilyn Manson vertont wurde: Bunt, durchgeknallt, mit besoffenen Prinzessinnen und strullenden Piraten. Nächstes Jahr gehe ich als Teebeutel, obwohl ich dann befürchten muss, dass mir irgendein Scherzkeks ständig kochend heißes Wasser über den Kopf gießt. Dann lieber doch wieder als der Tod, denn mit dem legt sich garantiert keiner an.