Montag, 21. Februar 2011

Undisclosed desires

http://www.youtube.com/watch?v=bWTuKd2lTo4

Als es noch keine Handys gab, mussten wir uns die Mühe machen, voreilig getroffene Verabredungen persönlich abzusagen. Heute können wir diese lästige Gelegenheit mit einer knappen SMS vom Tisch wischen. Als es noch keine Handys gab, schrieben Mädchen in Briefen höchstens „Hdgdl“. Heute liest man überall nur noch „lol“, „LG“, „imho“, oder wenn’s ganz schlecht läuft „F.U.!“, etc. Dann kamen Facebook und Skype dazu und beschnitten die gute alte „Von Angesicht zu Angesicht“-Kommunikation noch weiter. (Ja, ich weiß, es gibt Webcams, aber das ist nicht das Gleiche.) Und als dann das iPhone das Licht der Welt erblickte, schwor ich mir, diesen Zirkus nicht mitzumachen. Ich habe es durchgehalten. Ganze viereinhalb Jahre. Aber nun bin ich eingeknickt und eben doch Besitzer dieses – zugegeben – schicken Geräts. (Rofl!!) Je mehr Zeit vergeht, desto mehr habe ich jedoch das Gefühl: Nicht ich besitze das iPhone, sondern das iPhone hat Besitz von mir ergriffen …

Es begann alles ganz harmlos: An Weihnachten befreite ich das iPhone 4G aus seinem kleinen Karton und aktivierte die neue SIM-Karte (die ich für zwanzig Euro neu bestellen musste, da die normalen SIM-Karten nicht ins iPhone passen, was man sicher nicht gemacht hat, um uns allen noch mehr Kohle aus der Tasche zu ziehen, sondern um … um … Also, weil… Okay, machen wir uns nichts vor: Sie haben es gemacht, um uns allen noch mehr Kohle aus der Tasche zu ziehen). Ein Nadelgroßes Stäbchen sollte mir dabei helfen, den Kartenschacht zu öffnen. Leider fand ich dieses Stäbchen nicht, und so musste tatsächlich eine Nadel herhalten, mit der ich zehn verzweifelte Minuten an dem iPhone herum hantierte, immer darauf bedacht, dieses wunderschön spiegelnde Glas der Bedieneroberfläche nicht zu zerkratzen. Mir wurde bereits in diesem Augenblick klar, dass dies nicht einfach ein weiteres Handy war. Hatte ich meine alten Modelle durch die Gegend geworfen, fallen gelassen, in die Hosentasche gesteckt, würde ich von nun an peinlich genau darauf achten, dass meinem iPhone nichts passierte. (Die Schutzhülle für weitere 24, 99 Euro leistet wunderbare Dienste; mir ist das Teil mittlerweile schon dreimal hingefallen.) Die Zeit, da ein Handy für mich bloß ein Gebrauchsgegenstand war, waren von nun an vorbei. „Das Ding wird dein ständiger Begleiter sein“, meinte Manuel noch vor Kurzem zu mir, und ich nickte bloß und dachte: „Ich bin da nicht so.“ Und jetzt, während ich dies hier schreibe, nicke ich bloß und denke: „Jep! Ich bin genau SO!“

Nehmen wir zum Beispiel die Mobilität. Endlich bin ich auf vielfache Weise erreichbar, bei der Arbeit, am Wochenende oder wenn die Oma unter die Erde gebracht wird: Während der Trauerfeier ein bisschen skypen, auf dem Weg zum Grab Mails checken, bevor der Sarg in die Erde gelassen wird ein kurzes Aktien-Telefonat mit meinem Bankberater („Was sagen Sie?? Die wird sinken? Ins Bodenlose? So musste es ja kommen …“), während der Sarg in die Erde gelassen wird noch ein schnelles Foto bei Facebook posten (mit der Bildunterschrift: „Off to Underground!“) und beim Leichenschmaus einen Gruppenchat per Whatsapp starten oder kurz via Facetime das Buffet zeigen, um die anderen neidisch zu machen. (Falls Sie kein Freund von Anglizismen sind, muss dieser Satz ein Albtraum für Sie sein.)

Facetime ist übrigens ein Thema für sich. Schon der Name ist ein Geniestreich: Gesichtszeit. Klingt wie der neue Roman von Ildiko von Kürthy. (Jetzt: Nach „Mondscheintarif“, „Herzsprung“, „Freizeichen“ und „Höhenrausch“ das neue Werk von Ildiko von Kürthy: „Gesichtszeit“!) Blöd nur, dass Gesichtszeit sich wenig bis keine Zeit nimmt, um das Gesicht auszuleuchten – man sieht immer scheiße dabei aus.

Apropos scheiße aussehen: Benutzen Sie nie den Blitz der Fotokamera! Nur ein kleiner, gutgemeinter Rat … Die Videos sind allerdings wirklich brillant. Derart scharfe Bilder findet man wahrscheinlich sonst nur im privaten Fotoalbum von Angelina Jolie. Jetzt muss ich nur noch herausfinden, wie ich diese Videos so auf meinen Laptop bekomme, dass ich sie auch ruckelfrei abspielen kann, aber da hilft wohl nur ein neues Notebook. (Ich ringe noch mit mir: PC oder Mac. Soll ich mich wirklich komplett der Apple-Sekte zuwenden …?)

Ein weiterer Vorteil des iPhones sind all die hübschen kleinen Apps, die der „Store“ zu bieten hat. Nehmen wir doch nur mal die Spiele. Jahrelang habe ich mich ferngehalten von Konsolen a la Nintendo Wii, Playstation oder Xbox. Überwältigende Grafiken, tiefgehende Geschichten, riesige Welten, spannende Charaktere, abwechslungsreiche Szenarien, nichts konnte mich dazu bringen, ein Videozocker zu werden. Und nun sitze ich vor diesem kleinen iPhone, zersäbele Obst mit einem Fingerstreich, rolle möglichst schnell möglichst viel Klopapier ab oder lasse einen auf C64-Niveau animierten Lampengeist namens Akinator meine Gedanken lesen. Und das mit einer Begeisterung, als wäre ich wieder der 10-jährige Junge, der zum ersten Mal seinen Gameboy in den Händen hält und einen dicken italienischen Klempner durch eine offenbar von LSD inspirierte Welt hüpfen lässt. (Oder wie sind sonst die ganzen Pilze in dem Spiel zu erklären, die Superkräfte verleihen?) Das iPhone holt aus uns allen das Kind wieder hervor. Staunend halten wir dieses kleine Wunder in Händen, nicht einmal ahnend, was die kommenden Versionen noch alles zu bieten haben werden. Ich freue mich schon auf das iPhone 11, dessen Oberfläche auf Wunsch innerhalb einer halben Minute so heiß wird, dass Du ein Spiegel-i darauf braten kannst. Gespannt sehe ich dem iPhone 30Z entgegen, dass sich mit einem Handgriff zu einem Gästebett umfunktionieren lässt.

Bis dahin haben die Jungs von Apple es vielleicht auch geschafft, einen Akku zu entwickeln, der länger hält als es braucht, eine „24“-Folge am Stück zu gucken. Dann kann gleich in einem Abwasch auch die Empfangsqualität optimiert werden. Wäre doch schön, mit einem Telefon auch mal störungsfrei telefonieren zu können; manchmal kann Fortschritt eben auch ein Rückschritt sein. Und dennoch: Ich will dieses kleine Ding nicht mehr hergeben. Es ist schön anzusehen, es spielt meine Lieblingssongs, aber vor allem: es verbindet mich mit den Menschen, die in meinem Leben eine wichtige Rolle spielen. (Heute hat zum Beispiel meine Putzfrau angerufen, ohne die ich aufgeschmissen wäre …) Und wie es so schön heißt: One Apple a day keeps the doctor away.

Montag, 7. Februar 2011

Ne me quitte pas

(http://www.youtube.com/watch?v=za_6A0XnMyw)

Im Laufe unseres Lebens stoßen wir immer wieder auf Neues: Wir erfahren etwas über die Welt, lernen neue Leute kennen, nehmen am Lauf der Geschichte teil. Aber genauso gehört zu jedem Leben auch der Verlust. Manchmal müssen wir uns von Dingen verabschieden, die wir lieb gewonnen haben, von Vorstellungen, von Träumen, von einem Lebensabschnitt. Und damit immer auch von Menschen.

Freundschaften zum Beispiel sind in dem Roman deines Lebens eigene Geschichten mit einem Prolog, einem dramaturgischen Höhepunkt und einem Ende. Die meisten haben nicht das Zeug dazu, Klassiker zu werden, die wenigsten überstehen mehr als eine Lesung und führen schließlich zu einem ebenso unspektakulären wie logischen Schluss. Die Freunde aus dem Kindergarten habe ich größtenteils vergessen. Wenn ein Lebensabschnitt ein Ende nimmt, gehen in der Regel auch Freundschaften vorbei. Es ähnelt dem unaufgeregten Schlussakt einer Liebesbeziehung: Auseinandergelebt, in unterschiedliche Richtungen entwickelt und höchstens noch verbunden durch die Erinnerung an ehemalige Gemeinsamkeiten. Jeder neue Lebensabschnitt hat seine eigene Generation an Freunden. Lange bevor ich Manuel, Fly und Claudio kennenlernte, war es die zweite Generation, aus meiner Grundschulzeit, die als verlorene Zeugen meiner Kindheit mittlerweile irgendwo auf diesem Planeten ihre eigenen Leben führten. Sie hießen Engin, Alexander und Philipp. In Hängematten zwischen Apfelbäumen im Garten meiner Großeltern erkannten wir an warmen Sommertagen Gesichter und Formationen in Wolken und lagen in sternenklaren Nächten im Gras, während das Staunen über die unbegreifliche Unendlichkeit des Universums uns so unendlich klein erscheinen ließ (vielleicht das einzige kindliche Gefühl, das mir aus der Zeit geblieben ist; mittlerweile sind Wolken bloß noch eine Ansammlung von Wassertröpfchen).

Es war eine aufregende Zeit, ständig gab es etwas neues zu entdecken. Auf dem Weg zur Schule kamen wir immer an einem verlotterten Haus vorbei, dessen Fenster mit Brettern vernagelt waren. Wenn wir hineinspinksten, erkannten wir im Dunkel bloß Schemen verschlissener Möbel, zahllose Spinnweben, Staub und Putz, der von den Wänden bröckelte. Ab und zu hörten wir ein leises Quietschen. Wir vermuteten, dass irgendwo im ersten Stock der Geist einer alte Dame in seinem Schaukelstuhl saß, seit über einhundert Jahren tot und dazu verdammt, auf ewig durch diese Ruine zu wandeln. Vielleicht bedeutet Kindsein, jene Geheimnisse zu entdecken, deren Lösung du als Erwachsener ein Leben lang zu ergründen versuchst. (Damals bekam ich Antworten von Eltern, Geschwistern und anderen Verwandten, mittlerweile muss ich ihnen durch Erfahrungen selber auf die Spur kommen; meist durch die schlechten, was letztlich auch gut sein kann, sich aber trotzdem schlecht anfühlt.)

Durch unsere Vorstellungskraft gab es Abenteuer an jeder Ecke. Mit jeder verletzten Taube, die wir zum Tierarzt brachten, retteten wir die Welt. Die alte Nachbarin, die uns mit ihrer schrillen Stimme vom Balkon aus anblaffte, verfolgte uns bis in unsere nächtlichen Träume. Wir führten Kriege gegen eine Gruppe von Jungs, die wir die „Raucherbande“ nannten, da einer von ihnen ständig eine Zigarette rumgehen ließ (was damals in dem Alter noch etwas bedrohliches, agressives hatte, andererseits aber auch unheimlich Eindruck machte). Wenn sie einen von uns verkloppten, steckten wir einen von ihnen in die Mülltonne am Spielplatz und überschütteten ihn mit den weggeworfenen Windeln unseres inkontinenten Nachbarn Olek. So einfach war es. So einfach war vieles damals. Und dennoch würde ich nicht noch einmal zurückkehren wollen an diesen unschuldigen Ort, weil ich ahne, dass es ihn so, wie ich ihn in Erinnerung behalten habe, nie gegeben hat. Das Bild von der eigenen Kindheit entspricht nie der Wirklichkeit, sondern der Vorstellung davon und viel mehr noch einer Hoffnung, mit der eigenen Sicht der Dinge der Wahrheit um ein ganzes Stück näher zu kommen.

Meine Freunde habe ich seit dem Ende der Grundschule eine lange Zeit nicht gesehen. Einen von ihnen traf ich Jahre später als Verkäufer in einem Elektrofachgeschäft an, aber nach einem kurzen Gespräch war ich bloß angewidert davon, dass er bloß daran interessiert war, mir einen Laptop anzudrehen, um seine Provision zu kassieren. Dem Zweiten begegnete ich in einem Baumarkt, aber wir grüßten uns bloß kurz und verzichteten darauf, so zu tun, als wären wir uns nicht vollkommen fremd. Von dem Dritten aus dem Bunde habe ich gehört, dass er ausländische Kinofilme übersetzt und Untertitel schreibt. Ich frage mich, wenn wir uns wiedersähen und unterhielten, wie er wohl das, was wir einander sagten, übersetzen würde.

Der endgültigste Abschied ist sicher der Tod, ein Umstand, der uns vergnügungssüchtigen Menschen jede Party versaut; vielleicht ist der Verlust meines Vaters der Hauptgrund, dass ich nicht den Drang nach ständigem Feiern verspüre. Viel zu oft habe ich das Gefühl: Ich kann Spaß haben, ich kann einen schönen Abend genießen, aber die Party ist für mich vorbei. Ich kann mir keinen unbeliebteren Gast vorstellen als den Sensenmann: Er ist nie willkommen, er erscheint immer ohne Einladung, und wenn er wieder geht, nimmt er immer einen mit.

Das Lieblingslied meines Vater war Jacques Brels „Ne me quitte pas“, ein Chanson, das Brel für seine damalige Geliebte schrieb, die seinetwegen ihr gemeinsames Kind abtrieb. Meine Mutter konnte nur wenig mit dem Lied anfangen. Sie liebte ihn trotzdem, was zeigt, dass nicht immer alles zusammen passen muss, damit es ineinander greift und zwei Menschen ein vollständiges Ganzes ergeben. Diese Sache erfuhr ich erst Jahre nach seinem Tod, und nun erinnert mich das Lied mehr als alles andere an ihn.

Manchmal allerdings verlieren zwei Menschen einander für immer, ohne dass Partykracher Sensenmann dazwischenfunkt; für den größten Mist sorgen wir Menschen immer noch selber. Dann gibt es diesen Augenblick, in dem einem klar wird, dass man gehen muss, weil das Leben absofort ein besseres ohne diesen anderen Menschen ist. Manchmal ist ein letztes Gespräch tatsächlich ein Abschied für immer.

Der Rest ist Schweigen.