Montag, 31. Januar 2011

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(http://www.youtube.com/watch?v=VoSdsfJudGE)

Wenn die Tage kürzer werden und die Wärme von einer kühlen, klaren Luft abgelöst wird, machen sich weltweit schätzungsweise 50 Milliarden Vögel auf den Weg Richtung Süden. Manche von ihnen, zum Beispiel der Kuckuck, fliegen dabei ganz alleine, andere wiederum, wie Gänse und Schwalben, ziehen in großen Scharen davon, was immer wieder zu einem erstaunlichen Naturschauspiel führt. Das Verblüffendste an der Sache ist jedoch nicht der Fakt, dass sie teilweise tausende Kilometer zurücklegen, sondern, dass sie von Geburt an ganz genau wissen, welcher Weg sie an den Ort führt, den sie suchen: Ein Zuhause.

Ich stehe an meiner Balkontür und sehe in den dämmernden Abendhimmel. Graue Wolken spiegeln sich in unzähligen Pfützen auf dem Pflasterstein, das klägliche Grün in einem meiner Blumentöpfe ist von einer frostigen Schicht Raureif überzogen. Ich trinke von meiner „Pink Chocolate“ (die mir meine Schwester aus Kanada mitgebracht hat, weil auf der Dose Snoopy abgebildet ist – ich liebe die Peanuts) und wärme mir an der Tasse die Hände. Wie sehr ich den ersten warmen Frühlingstag herbeisehne, denke ich und halte Ausschau nach wiederkehrenden Zugvögeln. Als ich keine entdecke, wende ich mich seufzend ab. Mein Blick streift durch meine Wohnung. Dies ist der Ort, an den ich immer wieder zurückkehre. Aber ist er auch mein Zuhause? Und wenn ja, was macht ihn dazu? Mein schiffgroßes Sofa? Die Tasse mit der heißen Schokolade in meinen Händen? Die Tatsache, dass ich monatlich die Miete bezahle? Die nostalgische Musik von Billie Holiday, die durch meine Wohnung schwebt?

Rainer Maria Rilke hat folgendes über seine Vorstellung von einem Zuhause geschrieben:

Ich bin zu Hause zwischen Tag und Traum

Dort, wo die Kinder schläfern, heiß vom Hetzen,

dort, wo die Alten sich zu Abend setzen

und Herde glühn und hellen ihren Raum.

Ich bin zu Hause zwischen Tag und Traum

Dort, wo die Abendglocken klar verklangen

und Mädchen, vom Verhallen befangen,

sich müde stützen auf den Brunnensaum.

Und eine Linde ist mein Lieblingsbaum;

und alle Sommer, welche in ihr schweigen,

rühren sich wieder in den tausend Zweigen

und wachen wieder zwischen Tag und Traum.

Es gab Zeiten, da fühlte ich mich geborgen, selbst, wenn ich etliche Kilometer von der Heimat entfernt war. Mit elf fuhren meine Eltern, Oma und Opa, meine zwei Schwestern und ich in die Bretagne. Es ist so lange her, aber ich erinnere mich an Cassis-Eis, das ich seitdem liebe, an Felsstrände und schwarzen Sand und an die Fußball-WM, die zu der Zeit stattfand. Das Finale Deutschland gegen Argentinien sahen wir uns alle gemeinsam bei Bekannten an und jubelten, als Andi Brehme den spielentscheidenden Elfmeter versenkte. Jeden Morgen lief ich barfuß von der Mietwohnung meiner Eltern zum Hotel, in dem meine Oma und mein Opa übernachteten, und aß Croissants mit Erdbeermarmelade. Ich erinnere mich an den üblen Geruch auf einem Fischmarkt und wie ich selber einen Fang machte, als ich das erste Mal mit meinem Vater angeln ging. Wir saßen an einem Felsvorsprung, neben uns drei, vier alte Franzosen mit Runzeln, so tief wie Bergschluchten. Sie zeigten mir, wie ich die Angeln am besten auswarf und wie ich sie einholen musste, wenn ein Fisch angebissen hatte. Eine ganze Weile passierte nichts, aber ich langweilte mich nicht, denn die Männer redeten und lachten in einer Tour. Der Klang war derart ansteckend, dass ich mitlachen musste, obgleich ich kein Wort von dem verstand, was sie uns erzählten. Schließlich biss tatsächlich ein Fisch an. Die Männer sprangen auf und halfen mir dabei, das riesige Ungetüm an Land zu ziehen (was sich in Wahrheit als kleiner Fisch entpuppte: er sah aus wie eine Makrele, war jedoch leider giftig). Aber das war mir egal. In diesem Augenblick fühlte ich mich so wohl, als wäre dies der Ort, an dem ich schon immer gewesen war.

Einige Jahre später fühlte ich mich heimisch in dem Augenblick, da ich eine Wohnung betrat, die nicht meine war, in einer Stadt, die ich noch nie zuvor besucht hatte. Sie war recht spartanisch, aber eindeutig von Frauenhand eingerichtet, es waren Kerzen verteilt, über dem Bett hing eine Armada von Schwarzweißfotos (eine Fotowand, an die ich es während meiner Beziehung mit der Mieterin dieser Wohnung nie geschafft habe), es roch nach irgendetwas Gekochtem. Sie hatte mir exakt den Joghurt besorgt, den ich so mochte, hatte geputzt und gesaugt, frische Blumen aufgestellt und die Musik aufgelegt, von der sie glaubte, dass sie mir gefiel. Aber das alles hätte es nicht gebraucht. Hätte ich den Joghurt nicht gemocht, hätte mir ihr Essen nicht geschmeckt, wäre die Wohnung im Chaos versunken und die Musik jenseits meines Geschmacks gewesen: es hätte nichts daran geändert, dass ich mich wohl fühlte. Weil es nichts mit all dem zu tun hatte. Ich glaube, das hat sie bis zuletzt nicht begriffen.

Ich nehme den letzten Schluck von meiner rosafarbenen Schokolade, als sich die Badezimmertür öffnet. Ich höre Füße auf dem Laminat, das Summen einer Melodie, und für einen Augenblick sehe ich sie nur mit einem Handtuch umhüllt durch den Flur in Richtung Schlafzimmer trippeln. An der Schwelle zur Küche bleibt sie stehen und sieht mich an. Ich glaube nicht, dass sich je etwas schöneres durch meine Wohnung bewegt hat.

„Es ist sooooo kalt“, sagt sie, verschränkt die Arme und lächelt dabei ihr umwerfendes Lebkuchenfraulächeln. „Würde es dir etwas ausmachen, mich zu wärmen?“ Ich trete an sie heran, küsse sie und sage: „Natürlich würde es mir was ausmachen. Das wäre grauenvoll. Eine schlimmere Bitte kann ich mir gar nicht vorstellen.“

„Kann ich dich vielleicht mit irgendetwas umstimmen?“ Sie sieht mich mit derart unschuldigen Augen an, als würde sie eine Disneyfigur nachahmen, löst dann den Knoten an ihrem Handtuch und lässt es zu Boden fallen. Ich ziehe eine Augenbraue hoch. „Ein ganz schlechter Versuch“, sage ich. „Erstens brauch ich kein Handtuch und zweitens gehört es sowieso mir.“ Sie lacht; wir lachen sowieso viel miteinander. Dann löst sie sich von mir und verschwindet im Schlafzimmer. Ich will ihr gerade folgen, als mein Blick durch das Balkonfenster in der Küche fällt. Unter einer plustrigen Cumuluswolke entdecke ich eine Formation dunkler Vogelleiber, die sich durch die Lüfte schwingt. Es sind Kraniche, auf dem Weg nach Hause. Ich betrachte sie einen Moment lang, höre, wie sie nebenan wieder zur Musik von Billie Holiday summt, mir wird warm mit einem Mal, und in dem Augenblick bin ich mir gewiss: Der Ort, an den ich immer wieder zurückkehren möchte, befindet sich in Köln wie in Berlin wie in Oslo wie an jedem Fleck der Welt. Er ist überall dort, wo sie auch ist.

Montag, 24. Januar 2011

Running

(http://www.youtube.com/watch?v=_zwTEDFafls)

Früher wollte ich immer ein Haustier haben, am liebsten einen süßen kleinen Labradorwelpen. Aber alles, wozu es bis heute gereicht hat, ist ein innerer Schweinehund, und der war von Beginn an ausgewachsen. Jetzt aber habe ich ihn endlich überwunden. Jawohl, ich habe es getan. Ich bin an den Ort der Pein gegangen und habe den Vertrag unterschrieben, ohne große Umschweife. Und nun quäle auch ich mich mehrmals die Woche freiwillig und bezahle sogar noch für die Folterkammer, die allgemein bekannt ist unter dem Decknamen: Fitnessstudio.

Es beginnt mit der ersten Besichtigung. Einer der Trainer führt Bianca (die weibliche Stimme bei „Gelacht, um nicht zu weinen“) und mich durch das Studio, zeigt uns Trainingsgeräte, fragt uns nach unseren Zielen und erstellt jedem von uns einen individuellen Trainingsplan. „Das Gute an unserem Studio ist, dass hier keine Proleten trainieren, wie das in anderen Studios der Fall ist“, sagt er, während wir am Hantelbereich vorbeischlendern, wo drei muskelüberhäufte Typen mit grimmiger Miene nacheinander 40-Kilo-Gewichte stemmen. Denen will ich nicht im Dunkeln begegnen, denke ich, aber ein Glück, dass es hier keine Proleten gibt. Als wir zur Theke zurückkehren, wo man Getränke und Eiweißriegel kaufen kann, kommt ein junger Kerl auf den Trainer zugelaufen und meint: „Scheiße, meine Schuhe wurden geklaut.“

„Das kann gar nicht sein“, versucht der Trainer die Sache herunterzuspielen. Bianca und ich tauschen skeptische Blicke aus. Ob das hier wirklich der richtige Ort für uns ist?

Aber schon wenige Tage später kehren wir als neue Mitglieder zurück. In den Umkleidekabinen riecht es nach altem Schweiß, was eindeutig aus Richtung des gut genährten Typen kommt, der auf den ersten Blick damit beschäftigt ist, ein Zelt aufzubauen, auf den zweiten jedoch bloß versucht, sich in seine Trainigshose zu zwängen. Wie schön, dass meine Kabine direkt neben seiner ist. So kann man sich ein wenig näher kennenlernen. Ob ich es wohl schaffe, mich innerhalb von zwei Minuten umzuziehen und dabei die Luft anzuhalten? Na ja, sollte ich in Ohnmacht fallen, kralle ich mich einfach an dem Fell auf seinem Rücken fest.

Die Tür meines Spinds klemmt, und während ich panisch versuche, sie aufzubekommen, laufe ich bereits blau an. Ich werde der erste Mensch sein, dem bereits die Luft ausgegangen ist, bevor er überhaupt einen Fuß auf das Laufband gesetzt hat. (Es gibt nur eine Sache, die mir noch unangenehmer wäre, und das ist die Teilnahme an „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“)

Schließlich überlebe ich die Sache doch gerade noch so und stehe nach ein paar Minuten tatsächlich auf dem Laufband. Bianca joggt bereits fröhlich vor sich hin. Sie wirkt so mühelos, als mache sie einen Strandspaziergang. Dem dürfte ich eigentlich in nichts nachstehen, schließlich habe ich vor ein paar Jahren schon einmal regelmäßig ein Fitnessstudio besucht, zudem gehe ich von Frühlings- bis Winterbeginn regelmäßig im nahegelegenen Park joggen. Bianca wird sicher in ein paar Minuten abbauen, aber ich werde sie schon irgendwie motivieren und sie pushen.

Denke ich.

Nach ein paar Minten schlägt mein Herz, als wolle es den Beat für einen neuen Song von „Scooter“ vorgeben. Ich keuche und bekomme Seitenstiche. Neben mir läuft Bianca nach wie vor quietschvergnügt Meter für Meter. Ich versuche souverän und locker zu wirken, lache sie unbeschwert an und ziehe ernsthaft in Erwägung, fluchtartig davon zu stürzen und mich nie wieder blicken zu lassen. In diesem Studio und in diesem Land. Aber nun bin ich hier, nun will ich’s auch durchziehen. Der innere Schweinehund darf nicht wieder die Oberhand gewinnen, der Geruch des Siegers soll mich am Ende des Tages umwehen, wenn ich den Kampf gegen mich selbst gewonnen habe. Leider umweht mich in diesem Augenblick ein anderer Geruch: Der meines Spindnachbarn. Er geht links neben mir gemächlich auf dem Laufband spazieren, hebt alle zehn Sekunden den Arm an, um sich mit einem Handtuch über die Stirn zu wischen. Die Flecken unter seinen Achseln sind so groß wie Pastateller.

Nach ein paar Minuten der Qual beschließe ich, mich nun genügend aufgewärmt zu haben, und so wanke ich mit einem leichten Schwindelgefühl in Richtung der Trainingsgeräte. Bankdrücken ist angesagt. Zu Anfang will ich es erst mal ruhig angehen lassen, um mich im Laufe der kommenden Wochen und Monate zu steigern. Zehn Kilo sollen zunächst reichen. Zehnmal will ich die Gewichte stemmen und zähle innerlich mit. Bei der 1 bin ich hochmotiviert. Bei der 4 habe ich den Eindruck, es haben sich mit einem Mal weitere zwanzig Kilo dazu gemogelt. Bei der 7 will ich bloß noch sterben. Die restlichen drei schenk ich mir, um zu verhindern, dass ich eingeklemmt unter dem Gewicht um Hilfe schreie. Erschöpft puste ich durch. Auf der Bank neben mir höre ich, wie ein etwa neunzehnjähriger Türke bis zwanzig zählt und danach sein fünfundzwanzig-Kilo-Gewicht ablegt. Sein Kumpel schüttelt den Kopf. „Alter, waslos mit dia? Du biss heut nisch in Form.“ Oh Mann! Eben dachte ich noch, ich stehe am Anfang. Jetzt wird mir klar: Der Anfang ist noch weit weit entfernt.

Im Bauchbereich treffe ich wieder auf Bianca. Sie hat einen Typen kennengelernt (einen braungebrannten Kerl mit Ostakzent, dessen Körper exakt so aussieht wie der meiner He-Man-Figuren aus den 1980ern). Er zeigt ihr ein paar Übungen und bindet mich direkt in sein Training ein. Es stellt sich heraus, dass er Momo heißt, Model und freiberuflicher „Personal Trainer“ ist, und dass er uns gerne ein paar Übungen zeigen möchte, mit denen wir schneller und effektiver unsere Trainingsziele erreichen. Klar, denke ich, ein, zwei Übungen mach ich mal mit. Noch habe ich keine Ahnung, dass er uns drei Stunden durch den Parcours der Foltergerätschaften peitschen wird.

Zunächst einmal dehnen wir uns, setzen uns zu diesem Zweck auf Matten, strecken die Beine aus und beugen uns nach vorne. Momo erreicht spielend leicht mit seinen Händen seine Fußspitzen. Bianca kommt bis auf ein paar Zentimeter heran. Ich reiche mit den Fingern gerade so über meine Knie hinweg. Durch meinen Körper ziehen Schmerzen, die nicht einmal kneifende Skorpione und beißende grüne Ameisen in irgendwelchen Dschungelprüfungen verursachen. Ich habe den Eindruck, der ungelenkigste Mensch der Welt zu sein. Bravo! Wenigstens scheine ich nicht unter Wahrnehmungsstörungen zu leiden.

Aber ich kämpfe mich durch und liege nach einem halben Dutzend Dehn- und Bauchübungen flach auf der Matte, keuchend, jedoch mit einem Glücksgefühl, als hätte ich für mein Camp zehn Sterne geholt. Dabei hab ich gerade mal einen ergattert. Aber ich habe ja jetzt einen Personal Trainer an meiner Seite.

Die nächsten Sterne muss ich mir mit zahllosen weiteren Übungen verdienen. Es ist erstaunlich, durch was für ein Wechselbad der Gefühle man innerhalb von drei Stunden gehen kann: Ich bin motiviert, ich will nicht mehr, ich könnte mich übergeben, ich könnte jubilieren, ich will mich messen, ich will was essen. Oh ja, vor allem essen. Ich sitze vor einem Gerät, das den Trizeps trainieren soll, und warte darauf, an der Reihe zu sein, und das einzige, woran ich denken kann ist: Schokolade. Rinderfilet. Bratkartoffeln. Eis von „Ben & Jerry’s“. Sauerbraten. Nudeln. Und zwar alles zusammen. Zum Glück nimmt man nicht zu, wenn man sich vorstellt, dass man all diese Köstlichkeiten in sich reinschlingt. Satt wird man so allerdings auch nicht. Na, heute Abend bleibt’s wohl bei einem Proteinshake. (Aber immer noch besser als ein Shake aus püriertem Rattenschwanz, wie ihn der ein oder andere Dschungelbewohner mal zu sich nimmt …)

Neben mir bewundert sich ein übertrainierter Typ im Spiegel. Wenn er sich so gefällt, leidet ER ganz offensichtlich an Wahrnehmsstörungen: An ihm sind die Proportionen aus dem Gleichgewicht geraten, der Oberkörper ist im Vergleich zu seinem Kopf viel zu mächtig, seine Beine geradezu fragil, der Bauch hängt aus seinem T-Shirt heraus. Muskelmasse allein kann doch kein ästhetisches Kriterium sein. Na ja, ich kann da wohl noch nicht mitreden. Muss meine eigenen Muskeln erst mal dazu überreden, sich mal wieder blicken zu lassen. Wieder verliere ich mich in meinen Gedanken von Steaks und Schokolade, atme tief durch, um den imaginären Duft einzuatmen und ersticke fast, als mir der wohlbekannte Geruch meines Spindnachbarn durch die Nase zieht, leider alles andere als imaginär, sondern derart präsent, dass es mir fast die Nasenscheidewand verätzt. Wenn das hier mal nicht die „härteste Dschungelprüfung aller Zeiten“ ist …

Aber ich überlebe: Das Training, meinen Spindnachbarn, meine eigenen, ehrgeizigen Ziele. Als ich völlig geschafft, aber glücklich, in die Umkleidekabine zurückkehre, freue ich mich, dass ich durchgehalten habe, sonderbarerweise jedoch auch auf das nächste Training. Es ist ein gutes Gefühl, sich über seine Grenzen hinaus zu treiben, und ich bin stolz, meinen Schweinehund vertrieben zu haben. Auf dieses „Haustier“ kann ich absofort verzichten.

Am nächsten Morgen wache ich in meinem Bett auf. Mein Wecker klingelt. Durch die Jalousie schlängelt sich ein greller Sonnenstrahl. Ich gähne breit, strecke mich, starre kurz an die Wand und springe dann auf – und da trifft es mich wie ein Schlag: In der Nacht hat sich zu meinem Schrecken ein neues „Haustier“ angeschlichen und es sich bei mir gemütlich gemacht, und es ist noch gemeiner als der innere Schweinhund: Ein böser Muskelkater.

Montag, 17. Januar 2011

Cheek to Cheek

http://www.youtube.com/watch?v=DyfqW6td-yA

Ein milder Wind weht mir entgegen, als sich die Haustür hinter mir schließt. Ich lasse einen schwarzen BMW mit abgerissenem Außenspiegel passieren und eile dann über die Straße. Ein weicher Wolkenteppich liegt zwischen der Ruhe des Himmels und dem Trubel der Welt, es sieht aus, als könnte es jeden Moment zu regnen beginnen, auch deswegen beeile ich mich, zum Auto zu gelangen. Die Sonne wirft bronzefarbene Lichtflecken auf den Boden, während ich über die Straßen Kölns brause, auf direktem Weg zum Flughafen; es wird bereits dunkel sein, wenn ich ihn erreicht habe. Ich fahre ein wenig zu schnell und rase an zwei Ampeln vorbei, die gerade im Begriff sind, auf rot zu schalten. Ich kann es einfach nicht erwarten. Und während Häuser und Autos an mir vorbeiwischen, lasse ich die vergangenen Wochen – die letzten des alten Jahres und die ersten des neuen – gedanklich Revue passieren. Sie haben mich hier her geführt.

Der mit Abstand am meisten gegoogelte Begriff im Zusammenhang mit meinem Namen ist das Wort „Freundin“. (Deswegen ist auch der Blog über meinen Ausflug in einen Freizeitpark der meistgelesene – Ich erwähne dort meine damalige Freundin, und Google verlinkt einen als erstes auf eben jenen Blog.) Viertausend Ergebnisse zeigt die Suchmaschine an. Im Verhältnis dazu habe ich relativ wenige Freundinnen, denke ich, als ich mir die Statistik ansehe. Nämlich null.

Es ist Oktober 2010. Zusammen mit meinem fünfjährigen Neffen lümmel ich auf meinem schiffgroßen Sofa herum, wir essen Süßkram, und ich schließe meinen Laptop und zappe durchs Programm. Er will den Kinderkanal sehen, aber ich habe keine Ahnung, wo der in meinem Fernseher zu finden ist; ich bin zwar selber noch ein kleiner Junge, aber das Kinderprogramm sehe ich mir eher selten an. Schließlich bleibe ich bei einem Schwarzweißfilm hängen, der mir bekannt vorkommt. Es ist „Top Hat“ von 1935 mit Fred Astaire und Ginger Rogers (der in der deutschen Fassung „Ich tanz mich in dein Herz hinein“ heißt, was mir eindeutig nach einer Sache für einen Kardiologen klingt). Mein Neffe protestiert, aber ich kann ihn mit einem Duplo bestechen, einen Augenblick bei dem Film zu bleiben. Ginger Rogers und Fred Astaire tanzen auf dem Parkett, umgeben von anderen Pärchen, er mit akkurat pomadisiertem Seitenscheitel, sie mit Flechtzopf um den Kopf. Er wirft einen schwärmerischen Blick gen Himmel und singt: „Heaven, I’m in heaven. And my heart beats so that I can hardly speak …“ Die beiden tanzen miteinander, und es sieht so leichtfüßig aus, als würden sie über dem Boden schweben. Wie ich die zwei Hauptdarsteller betrachte, werde ich ganz melancholisch: Solch einen Schlag Mensch scheint es gar nicht mehr zu geben. Wer tanzt heutzutage noch miteinander, spontan, mitten auf der Straße, so wie es Filmfiguren a la Ginger und Fred oder Allie und Noah tun? Gibt es so etwas nur noch in Filmen? Sind wir zu cool für dererlei Gefühlsbekundungen geworden?

„Was singt der?“, reißt mein kleiner Neffe mich plötzlich aus meinen Gedanken und nimmt einen Schluck von seiner Fanta.

„Davon, wie glücklich er ist“, sage ich und nehme einen Schluck von meinem Beck’s.

„Warum ist der glücklich?“

„Weil er die Frau gefunden hat, mit der er tanzen möchte.“

„Und warum tanzen die?“

Ich seufze. „Weil sie verliebt sind.“

Mein Neffe zieht angewidert die Nase kraus. Das ist eindeutig zu viel für einen fünfjährigen Jungen. Dennoch verfolgt er den Tanz von Ginger Rogers und Fred Astaire Duplo kauend bis zu seinem Ende. Es hat etwas magisches, wie die zwei miteinander übers Parkett schweben. Mit melancholischem Blick betrachte ich dieses auf Zelluloid gebannte Glück, atme tief durch und fühle mich wie einer dieser frustrierten Singles, die irgendwann nur noch bräsig auf dem Sofa hängen und von einem Leben träumen, das sie nie haben werden. Bevor ich jedoch so richtig schön in Selbstmitleid versinken kann, fordert mein Neffe lauthals sein Recht auf eine Folge „Spongebob“ ein, also werfe ich einen letzten Blick auf das Traumpaar in schwarzweiß, seufze noch einmal und zappe dann weiter. Shit – ich werde zur männlichen Version von Bridget Jones! Wenn ich gleich lauthals anfange, „All by myself“ zu singen, schmeiß ich mich aus dem Fenster.

Dabei lerne ich im Laufe der Zeit durchaus ein paar Frauen kennen. Im November zum Beispiel gehe ich mit meinen Freunden Julia, Fly, Manuel und Jutta aus. In einem Club tanzen wir, lachen viel, scherzen, trinken Bier und Cocktails, bis Manuel an mich heran tritt und mir ins Ohr brüllt: „Alter! Da vorne stehen ein paar Mädels, die die ganze Zeit zu dir rüber gucken.“ Ich folge mit meinem Blick seinem Fingerzeig und entdecke eine Gruppe Mädchen, die kichernd zu uns herüberschauen.

„Nül, die sind gerade aus dem Kindergarten raus“, brülle ich zurück.

Nach einer Weile mache ich eine Tanzpause und stelle mich mit erhitzten Wangen an den Rand des Pulks. Leider entdecke ich das Mädchen, das mich ansteuert, zu spät, um noch rechtzeitig die Flucht anzutreten.

„Gibst du mir einen Drink aus?“, fragt sie mich mit einer A-Hörnchen-Stimme, die einem bei der Lautstärke durch Mark und Bein geht. Sie stellt sich direkt vor mich und versperrt mir damit den Fluchtweg. Mist!

„Wie alt bist du?“, sage ich.

„Einundzwanzig. Und du?“

„Vierzig.“

„Du lügst.“

„Na, dann haben wir wohl doch etwas gemein.“

„Okay, ich bin neunzehn.“

Ich sehe sie mit hochgezogener Augenbraue an.

„Achtzehn. Aber das stimmt jetzt wirklich. Und du?“

„Einunddreißig.“

„Ernst jetzt? Krass!“ Sie reißt ihre Augen auf, als habe sie den ältesten Menschen vor sich, dem sie je leibhaftig gegenüber gestanden hat. (Wenn ich mir ihre albern kichernden Freundinnen ansehe, ist das auch so.) Aber ihr scheint der Gedanke zu gefallen, einen Opa anzugraben. „Gibst du mir denn jetzt einen Drink aus?“

„Wenn du mir sagst, wie alt du wirklich bist.“

„Habe ich doch gerade.“

Ich nicke und wende mich ab.

„Okay“, beeilt sie sich zu sagen, „erwischt: Siebzehn.“

Ich sehe sie schweigend an.

„Fünfzehn. Aber meine Freunde sagen, ich komme ihnen vor wie einundzwanzig.“

Ich lächel milde, gehe an die Bar, bestelle ein Getränk und kehre zu ihr zurück.

„Was ist das?“, fragt sie, das Glas entgegen nehmend.

„Apfelschorle“, sage ich, wünsche ihr einen schönen Abend und gehe zu meinen Freunden. Das Letzte, was ich will, ist mich strafbar zu machen.

„Und?“, fragt Manuel, als ich zu ihm stoße.

„Auf keinen Fall.“

„Was war das Problem?“

„Ich möchte nicht mit ihr tanzen“, sage ich, denke an „Cheek to Cheek“ von Fred Astaire und daran, wie er mit Ginger Rogers über das Parkett schwebt. Manuel sieht mich mit verständnisloser Miene an.

Im November treffe ich verschiedene Frauen, zum Beispiel J., die wirklich nett, aber nicht mein Typ ist. Mit B. gehe ich was trinken, mit K. essen und von L. lasse ich mich beim Billard abziehen. Alles Treffen, die ich nicht forciert habe, sondern die durch irgendwelche Zufälle entstanden sind und mir einen schönen Abend bescheren, von denen jeder auf die gleiche Weise endet: Ich gehe anschließend nicht mit der Frau ins Bett, bloß mit dem Gedanken, dass ich mit ihr nicht tanzen möchte.

Ein paar Wochen später, es ist Januar 2011, erreiche ich an einem milden Sonntagabend den Flughafen. Ich parke den Wagen im Parkhaus, steige aus, werfe einen Blick auf die Uhr in meinem Handy und gehe dann schnellen Schrittes und mit suchendem Blick Richtung Flughafengebäude. Ich habe Recht behalten: Draußen ist es dunkel geworden. Ein Dutzend verschiedene Sprachen rauschen an mir vorbei. Ich bekomme Unterhaltungsfetzen mit wie: „Hoe voel jy?“ „Ek is baie moeg!“ Zwei Inder kreuzen meinen Weg und lachen über irgendetwas, ein Ire redet mit vernuscheltem Akzent auf einen hilflosen Mitarbeiter von TUI ein, der mit Händen und Füßen versucht, sich verständlich zu machen. Das Glänzen seiner schwitzenden Stirn ist sogar aus weiter Ferne noch zu erkennen. (Allerdings auch nur, weil ich meine Brille trage, ansonsten wär mir nicht mal aufgefallen, dass da überhaupt ein Ire mit einem TUI-Mitarbeiter steht …) Ich sehe mich nach dem Ankunftsbereich um, entdecke eine wartende Menschengruppe und werfe einen Blick auf den Monitor über unseren Köpfen. Und tatsächlich: Hier bin ich goldrichtig. Mein Herz beginnt, schneller zu schlagen, und ich fange an zu grinsen, was mir erst auffällt, als mir die Wangenknochen zu schmerzen beginnen.

Und dann öffnet sich schließlich zum x-ten Mal die Schiebetür, sie kommt mit einer Tragetasche aus dem abgetrennten Bereich und strahlt übers ganze Gesicht, als sie mich sieht; es gibt kaum etwas schöneres, als einen geliebten Menschen, der sich auf dich freut. Sie sieht umwerfend aus, geht es mir als erstes durch den Kopf. Es ist schon merkwürdig: Ich habe all diese Frauen getroffen, dabei war die Eine die ganze Zeit da, ich habe sie bloß nicht gesehen. Monatelang nicht. Und nun steht sie vor mir, und alles erscheint so richtig und selbstverständlich, als wäre es schon lange klar gewesen. 2011 ist bereits jetzt großartiger als das gesamte letzte Jahr.

Ich schließe sie in meine Arme, ihr Duft zieht durch meine Nase und ich will nirgendwo anders sein. Als wir uns ein wenig voneinander lösen, nehme ich mir ein Herz, atme durch und sage: „If a song could get me you …“, sie schmunzelt kurz und sieht mich fragend an, „… I hope it would be this one.“ Ich reiche ihr einen Ohrhörer, tippe auf meinem iPhone herum, stecke den anderen Hörer in mein rechtes Ohr und drücke auf Play. Und in dem Augenblick beginnt Fred Astaire zu singen: „Heaven, I’m in heaven. And my heart beats so that I can hardly speak …“ Zunächst macht sie große Augen, aber dann lehnt sie ihren Kopf an meine Schulter, und wir beginnen, langsam zu tanzen. Einfach so. Völlig uncool. Und wir kümmern uns nicht darum, dass die Leute uns anstarren; dass das kleine rothaarige Mädchen neben uns kichert; dass die alte Dame, die stur geradeaus geht und der wir offenbar den Weg versperren, die Nase rümpft und vor sich hin schimpft. Wir blenden alles um uns herum aus. Wir schweben. Nichts existiert in dem Moment. Es gibt nur diesen Augenblick.

Nach dem Tanz sehen wir uns an; ich bin mir sicher, dass ich genauso dämlich aussehe wie jeder Kerl, der verliebt ist: verklärter Blick, grenzdebiles Dauerlächeln. Die romantische Stimmung befindet sich auf dem Weg zu ihrem Zenit. Nur ein Kuss kann den Augenblick noch in ungeahnte Höhen treiben. Wir nähern uns einander an. Ich greife nach meinem iPhone, und als unsere Lippen sich schon beinahe berühren, betätige ich meine „Furz-App“ und ein dröhnendes Geräusch entfährt dem kleinen Gerät, ein Furz mit dem Titel „Polite and Respectful“. (Ich sagte ja, ich bin ein kleiner Junge …) Sie bricht in schallendes Gelächter aus, in das ich gleich mit einfalle.

Und wie ich sie so betrachte; wie ich ihr Lachen höre, den überwältigendsten Laut, den ich je gehört habe, wird mir klar: Das Singledasein hat viele Vorteile. Unabhängigkeit. Zeit für sich selbst. Das ganze Bett für sich allein. Keine bösen Blicke, wenn man den Jahrestag mal wieder vergessen hat. Keine Streitereien wegen Nichtigkeiten.

Aber das Schönste daran, Single zu sein, ist der Augenblick, wenn man jemanden gefunden hat, mit dem man tanzen möchte.