Montag, 19. Dezember 2011

River

(http://www.youtube.com/watch?v=QPCJxVCcWtk)

Wenn du ein Kind bist, baust du dir zum ersten Mal deine eigene überschaubare Welt zusammen: Du lässt Stofftiere sprechen, fliegst als tollkühner Held auf dem Rücken eines Drachen, spielst deine Lieblingsfilme nach, singst zur Musik aus dem CD-Player. Du schaffst diese Welt, um außerhalb der Regeln deiner Eltern etwas zu haben, das nur dir gehört. Dein Kinderzimmer wird zur Kammer deiner Geheimnisse. Als ich acht Jahre alt war, stellte ich meine Stofftiere und Master-Figuren in einer Reihe auf, vebeugte mich vor ihnen und fing an zu tanzen. Ich drehte mich im Kreis und ahmte die eleganten Bewegungen der Tänzer nach, die ich in dem Schwarz-Weiß-Kasten meiner Eltern gesehen hatte. Aber auch außerhalb der Wohnung gab es Orte, die ich zu meinen machte. Im Sommer fuhr ich mit meinen Freunden oft zu einem See am Rande der Stadt. Wenn wir wieder nach Hause radelten, kamen wir immer an dem Eiswagen im Park vorbei. Wir kauften uns zwei Bällchen für eine Mark und stellten unsere Räder dann an einem weiten Weizenfeld ab, um über den wellenartig schwingenden Ähren die langsam untergehende Sonne zu betrachten. Das war jedes Mal ein Naturschauspiel, dem wir uns nicht entziehen konnten. Wir blieben, bis das Eishörnchen aufgegessen war; oft länger als es unsere Eltern erlaubt hatten. An diesen Abenden sprachen wir meist über Mädchen oder Filme oder über Filme, die wir mit Mädchen zusammen sehen wollten. Einer meiner Freunde verkündete, dass er etwas über das Babys-machen herausgefunden habe und dass wir alle einer großangelegten Lüge aufgesessen seien. Ein anderer warf die Frage in die Runde, welches Mädchen jeder Einzelne heiraten wollte und wie der Antrag zu vollziehen sei. Nun gut, ich gebe zu: dieser „Andere“ war ich. Jeder von uns nannte einen Namen. Dass jemand nie heiraten würde, dieser Gedanke war in dem Alter völlig abwegig. „Wie wirst du sie fragen?“, wandte sich einer meiner Freunde an mich. Ich sah in die rote Sonne am Horizont. Die Luft roch nach verbranntem Holz. Über diese Frage musste ich nicht nachdenken. Mit acht Jahren hatte ich bereits eine ziemlich konkrete Vorstellung, wie mein Leben als sogenannter Erwachsener aussehen sollte.
Dreiundzwanzig Jahre später stehe ich an der gleichen Stelle. Der Sommer ist vorbei, in ein paar Tagen ist kalendarischer Winteranfang, aber schon jetzt ist es kalt wie im tiefsten Novosibirsk. Es riecht nach Schnee. In der vergangenen Nacht hat sich ein Mantel über die Stadt gelegt, der an unbetretenen Stellen weiß ist, auf Straßen jedoch nur noch ein brauner Matsch. Mein kleines rotes Fahrrad mit der Sieben-Gang-Schaltung wurde mittlerweile durch ein Auto ersetzt, das bloß sechs Gänge zu bieten hat und ein paar Meter hinter mir am Straßenrand steht. Immer wieder rauschen gleißende Scheinwerfer in meinem Rücken an mir vorbei, aber ich richte meinen Blick geradeaus. Die Sonne ist nicht zu sehen, sie hat sich hinter einer Mauer aus Wolken versteckt.
Ich denke daran, was in diesem Jahr alles passiert ist. An die Veränderungen, die Weiterentwicklungen, daran, wie eben doch immer alles anders kommt, als man denkt. Wenn eine Plattitüde wahr ist, dann diese. Ich habe ein paar sehr gute Entscheidungen getroffen in diesem Jahr, bin an mir selbst gewachsen, bin gescheitert und Irrtümern aufgesessen, habe also das durchschnittliche Jahr eines Zweiunddreißigjährigen hinter mir. Ich sehe meinen Atem neblig im Nichts verschwinden. Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen, und meine Gedanken kehren zurück zu den Monaten, die mich hierher geführt haben. Das ist schön, und es tut noch einmal weh.
Eine der besten Entscheidungen war jene für die Abendschule. Auch wenn es hart ist, nach den vielen Jahren noch einmal zurückzukehren, alles aufzuarbeiten, vor allem in Fächern, die mir damals überhaupt nicht lagen: es hat sich jetzt schon gelohnt. Sämtliche zehn Klausuren, die wir in den ersten beiden Semestern bisher geschrieben haben, konnte ich mit Eins abschließen. In Deutsch und Englisch stehe ich Eins Plus. Wer jetzt glaubt, dass es auf dem zweiten Bildungsweg leichter ist, gute Noten zu schreiben, dem nenne ich folgende Zahlen: 3,67. 3,54. 3,52. 3,65. Und das sind nur vier von zehn Klausur-Durchschnittsnoten der gesamten Klasse. Mein schulischer Erfolg zeigt jedoch weder, wie wahnsinnig intelligent ich bin, noch macht er einen besseren Menschen aus mir. Aber er beweist mir selbst, dass die Straße, die ich in „Alles geht vorbei“ besinge, noch längst nicht leer ist. Und dass ich ein widerlicher Streber bin. Princeton, ich komme!
Wenn ich an mein 2011 denke, erinnere ich mich aber vor allem an die Veränderung, die in mir stattgefunden hat. Nicht, dass ich ein komplett anderer Mensch geworden bin. Im Gegenteil: Ich habe das Gefühl, nach einer langen Zeit endlich wieder der zu sein, der ich bin. (Was immer das genau bedeuten mag.) Aber: Bin ich der, der ich als neunjähriger Junge werden wollte?
Ich denke an einen nasskalten Traumsommer. An Bücher in der Hängematte, bis es dunkel wird und die Grillen zirpen. Ich denke an den Tanz über den Dächern von Paris – oh, wie sehr ich mich nach Paris sehne – und an Wein in den Bergen der Provence. An das Meer; ich bekam nicht genug vom Meer. Ich denke an Nachtmärkte, an die Konzerte von Take That und Herbert Grönemeyer. An die Hochzeit von N. und die Geburt von M. Ich sehe Columbus, der den Höhnern, Howard Carpendale und Jürgen Domian begegnet ist, aber immer noch nach Indien sucht. Ich denke – wie jedesmal, wenn ein Jahr sich dem Ende neigt – an meinen Vater. An die flackernden Lichter auf dem Friedhof, die an magische Abende einer Kindheit erinnern und an einem Ort der Verstorbenen das Leben symbolisieren. Ich denke an meine Überraschungsfahrt nach Trier, wo ich mitten in der Nacht vor der Tür eines Studentenwohnheims stand. Ich denke an Abschied. An Menschen, die ich für immer verloren habe, obgleich sie immer noch quicklebendig und fröhlich durch die Welt spazieren. Aber auch an neue Freunde. An „Midnight in Paris“ und daran, wie weit der Film uns davon getragen hat. Ich denke an so viele Dinge, die ich gar nicht alle auflisten kann.
Ich denke an sie. Ich denke viel zu oft an sie.
Ich hülle mich tiefer in meinen Mantel, ziehe die Schultern hoch, wie jemand, der von rein gar nichts eine Ahnung hat (was ja nicht sein kann; ich meine, hey: zehn Klausuren, alle Eins, okay!?) und verharre so. Die Luft legt sich wie ein dünner eisiger Filter auf meine Wangen.
Wenn du dich nicht bewegst, spürst du die Kälte irgendwann nicht mehr.
Ich erinnere mich.
Ihr Name klingt dumpf, als ich ihn ausrufe. Sie steht mit dem Rücken zu mir. Ich erkenne sie zuerst an ihrem Mantel. Als sie sich zu mir umdreht, scheint sich inmitten all der umher irrenden Menschen ein Vakuum um uns zu legen. So hat alles angefangen. Und so wird es heute enden.
Sie hatte mir eine Nachricht geschrieben. Sie sei heute in der Stadt, nur an diesem Tag, sie würde mich gerne sehen. Ich hatte mit S. zusammen gesessen, der sich in einer Beziehung gefangen sieht, die er nicht will oder doch, er weiß es selber nicht genau. Mein Handy hatte geklingelt. Ihre Nachricht hatte mich völlig aus dem Konzept gebracht. Kurz vor ihrem Abflug hatte ich die Ausfahrt Richtung Düsseldorfer Flughafen genommen, weil ich sie sehen wollte. Weil ich nicht feige sein wollte und längst nicht alles gesagt war.
Sie sieht mich an, als hätte sie gewusst, dass ich komme. Sie scheint mich besser zu kennen als so manche Frau, in deren Leben ich mich weitaus länger verirrt habe. „Wann fliegst du?“, frage ich sie, als wir direkt voreinander stehen, zwischen uns die Kluft tausender Möglichkeiten. Ich verspüre den Drang, sie in den Arm zu nehmen und sie festzuhalten, bis ihr Flugzeug abgeflogen ist, oder länger. Aber in der gleichen Sekunde finde ich mich zum kotzen für diesen selbstsüchtigen Gedanken.
„In einer Stunde“, sagt sie. Ich verstehe sie kaum. Ihre Stimme klingt noch zerbrechlicher als sonst.
„Nein, ich meine … Du weißt …“
Sie senkt für einen Moment den Blick, so als würde sie abwägen, ob sie mir einen Kuss geben und mich einfach stehen lassen sollte. Sie scheint auf einmal Zweifel zu haben, ob es richtig war, mir eine Nachricht zu schicken.
„In drei Tagen“, sagt sie.
Ich nicke. Wäre ich ehrlich, würde ich jetzt seufzend mit dem Kopf schütteln. „Und wie lange bleibst du?“
„Ich weiß noch nicht. Ein paar Monate.“
„Okay“, sage ich und meine: „Scheiße!“
Ich würde ihr gerne so viele Dinge sagen, so viel von dem offenbaren, was ich wirklich empfinde. Aber ich tue das, was wir alle immer wieder machen: Ich wäge ab und komme zu dem Entschluss, dass es besser ist, die Wahrheit für mich zu behalten. Was würde es auch bringen? Sie und ich haben uns zum schlechtestmöglichen Zeitpunkt kennengelernt.
„Ich wünschte, es wäre alles anders gelaufen“, sage ich und überrasche mich selber damit.
„Ich auch.“ Ein flüchtiges Lächeln verirrt sich in ihrem Gesicht. Vielleicht geht ihr durch den Kopf, dass sie mich besser nie kennengelernt hätte. „Hör mal, der Grund, warum ich dich nochmal sehen wollte …“ Sie macht ein paar Schritte auf mich zu. „Ich bin dir nicht böse. Im Gegenteil: Ich bin dir dankbar, dass du immer ehrlich zu mir warst. Du hast nie mit mir gespielt, aus irgendwelchen egoistischen Gründen.“
Ich beiße die Zähne aufeinander. Wenn sie wüsste, wie kurz davor ich bin, etwas verdammt egoistisches zu tun.
„Ich bin noch nicht soweit“, sage ich.
„Ich weiß“, fügt sie schnell an; sie will es nicht noch einmal hören. Dann schultert sie ihre Reisetasche. Verständlich: Ich würde jetzt auch am liebsten vor mir flüchten. Sie tritt ganz nah an mich heran und umarmt mich. Als ich sie vorsichtig an mich heranziehe, merke ich, wie sie zittert und wie sie ihre Nase hochzieht und sich durchs Gesicht wischt. Oh Mann, ich bin ein sicherer Anwärter für den Titel „Vollidiot des Jahres“.
Ein wenig löst sie sich von mir, gibt mir einen Kuss, der leicht verunglückt zwischen Oberlippe und Nase landet, und legt eine Hand an meine Wange. „Hey, wer weiß … Vielleicht ändert sich schon bald alles“, flüstere ich. „Vielleicht wache ich morgen früh auf und …“
Sie legt mir einen Zeigefinger auf die Lippen. „Herrgott, mach den Augenblick jetzt nicht kaputt.“
„Ich? Ich finde, das hat dein halbgarer Kuss gerade schon erledigt.“
Wir lachen einander an. Der erste entspannte Augenblick zwischen uns beiden seit langem.
Als sie den Gang hinunter geht, läuft im Hintergrund leise Joni Mitchells Song „River“. Ich sehe ihr nach, bis sie hinter den Sicherheitskontrollen verschwunden ist, und gehe erst, als das Lied zu Ende ist.
Zwei Wochen später lernte ich X kennen.
Ein Autohupen lässt mich aus meinen Gedanken aufschrecken. Drei Jugendliche mit Nikolausmützen fahren johlend vorbei. Als ich mit meinem Blick ihrem Weg folge, sehe ich nicht weit entfernt eine Bushaltestelle. Ein Plakat hinter ihrer Glaswand wird vom Licht der Straßenlaterne getroffen, Werbung für eine Tanzschule. Ein Dachs in einem schwarz-weiß-gestreiften Smoking tanzt darauf mit einer Dachsdame. Ich kann nicht anders, ich muss lächeln und den Kopf schütteln und mich wundern. Es gab eine Zeit, in der ich kurze Geschichten über einen Dachs geschrieben habe, aber das ist lange her. Erstaunlich, wie oft so ein Leben aus Zufällen besteht. „Herr Dachs“, sage ich erstaunt, als wäre ich einem alten Freund begegnet. „Da sind Sie ja wieder. Wie geht es Ihnen? Und Fräulein Dachs? Und dem Igel, dem Maulwurf, dem Hasen, dem Wildschwein und dem Biber? Ach, der sitzt in seinem Jacuuuuuzzzzzi …“ Ich lache und komme mir überhaupt nicht bescheuert vor. Und dann mache ich etwas, das ich seit Ewigkeiten nicht getan habe: Ich schließe die Augen, breite die Arme aus und beginne zu tanzen. Mitten im dichten Schnee. Ich stelle mir die eleganten Tänzer im Schwarzweiß-Fernseher meiner Eltern vor, in ihren Fracks und mit den pomadierten Haaren. In meinen Gedanken erklingt "River" von Joni Mitchell. Könnte ich mich von außen betrachten, ich würde mich wohl für absolut gaga halten, aber hier sieht mich niemand. Keine Menschenseele. Und selbst wenn: In diesem selbstvergessenen Augenblick ist es mir egal. Ich tanze nicht für die Menschen, die in ihren Autos rauschend meinen Weg passieren. Ich ignoriere das Mädchen an der Haltestelle, die sich wahrscheinlich in ihre Fäustlinge lacht und dabei denkt, wie besoffen man sein muss, um so etwas zu tun. Ich tanze nicht für X oder für meine Familie oder meine Freunde.
Ich tanze nur für mich.

Montag, 5. Dezember 2011

Deeper Underground

(Achtung, Achtung: Dieser Blog enthält explizite Ausdrücke mit f, b und S. Sollten Sie empfindlich gegenüber jeglichem Schweinkram sein, empfehle ich, diesen Blog nicht zu lesen. Sollten Sie sich Lusterweiterung erhoffen, gilt das Gleiche! LG, Ihr Robin Futt.)


Das wohlige Gefühl der Vorweihnachtszeit hat mich ergriffen: Meine Wohnung ist in mattes Kerzenlicht getaucht, es riecht immer noch nach den selbstgebackenen Plätzchen vom Sonntag, meine Balkonfenster haben mittels künstlichem Schnee Sprossen erhalten und im Fernseher knistert ein Kaminfeuer die Behaglichkeit einer einsamen Berghütte in den Raum. Die erste Tasse Glühwein ist auch schon getrunken, und zwar mit meinem Studienkollegen Richard, mit dem ich gemeinsam die Straße hinab schlendere, berieselt von Bing Crosbys „White Christmas“, als mir plötzlich ein Laden in den Blick fällt. „Lass uns dahin, das wird lustig“, sage ich, und Richard nickt grinsend. Wenn noch etwas fehlt zur endgültigen Weihnachtsstimmung, dann ist es ein Besuch im Sexshop.
Sexshops verkaufen zwar alles für den Lustbedarf, präsentieren sich selber jedoch derart abtörnend, dass man sie eigentlich nur aus Jux betreten kann. Im Eingangsbereich begrüßt uns ein Schild mit dem Hinweis auf samstägige Pärchenabende im Kinobereich. Allerdings verraten die gar nicht, welcher Film laufen soll, und ich kaufe ungern die Katze im Sack, also schließe ich einen Besuch aus. Im Schaufenster hängt ein Schild auf dem steht: „Suchen junge, flexible Mitarbeiterin …“, was im Zusammenhang mit einem Sexshop alles mögliche heißen kann. Kurz überlege ich, ob ich mich für den Job einer Geschlechtsumwandlung unterziehen soll, aber so flexibel bin ich dann doch nicht.
Drinnen erwartet uns als erstes eine Wand mit Sexmagazinen. Ich hatte ja keine Ahnung, dass es so viele Hefte zu ein und dem selben Thema geben kann. Viel interessanter sind allerdings die Filme und ihre Titel und Inhaltsangaben. Sie sind der Grund, weswegen ich mich hierher gewagt habe und das Risiko eingehe, dass eine der Kundin mich erkennt und quer durch den Laden ruft: „Ey, Uschi, da steht Christian Wunderlich. Bei den Lederpeitschen.“ Der Verkäufer hinter dem Tresen lächelt uns wissend an; wir scheinen nicht die ersten zu sein, die sich aus reiner Belustigung hierher verirren.
Um die Pornotitel zu lesen, muss man leider auch ihre Szenenbilder in Kauf nehmen, was bisweilen traumatisch sein kann, wenn es zu Filmen kommt wie „Geile Omas – Ficken statt Stricken“ oder „Schwanger und schon wieder geil“. Dabei ist es vollkommen Latte … ähm, egal, welchen Titel der Film trägt: Die Fotos sind immer die gleichen. Passend zum 6. Dezember finde ich zum Beispiel einen Film mit dem festlichen Titel „Spritzgebäck vom Fickolaus“, auf dem ein Darsteller eine junge Frau mit seiner Rute bestraft. Da Richard für die Bundeswehr arbeitet, interessiert er sich für den Film „Im Gleichfick Arsch“, auf dessen DVD-Cover eine Frau im Tarnanzug von einem Mann mit einem Farn auf dem Kopf begattet wird. Für die Freunde der gepflegten Literatur gibt es Analogien (Analogien, nicht Analorgien) wie „Die Reise zum G-Punkt der Elke“ und „Moby Fick – im Arsch des Pottwals“. Auch Kinofreunde kommen hier auf ihre Kosten mit den Epen „Das Wunder von Bernd“ und „Der mit dem Wolfschwanz“.
Schließlich entdecke ich die VHS-Kassette (!) einer Zeichentrickporno-Sammlung (!!). Ähm … Ernsthaft? Wie verzweifelt muss man sein, sich beim Gangbang von Schneewittchen und den sieben Zwergen zu befriedigen? Auf der Kassette findet sich unter anderem der Film „Robin Futt“, der in seiner Inhaltsangabe mit einem gar drolligen Vers beschrieben wird: Wer bumst dich in den siebten Himmel? Es ist der Robin mit seinem Pimmel.“ Also, bei aller Liebe, wer davon geil wird hat ein ernsthaftes Problem.
Im nächsten Bereich stoße ich auf eine … finde ich eine Plastikausgabe von Dolly Buster vor, eine jener Pornodarstellerinnen, bei denen ich mich immer gefragt habe, wer diese aufgeblasenen … aufgepumpten Lippen/Brüste/Wangenknochen wirklich schön findet. Ich stelle mir vor, wie viele notgeile Typen mit dieser Figur bereits ein Foto gemacht haben, um es geifernd ihren Freunden zu zeigen. Dann schüttle ich den Kopf und mache ein Foto.
In der nächsten Abteilung stehen wir vor einem Regal mit Dildos und Vibratoren in allen Größen und Formen. Es gibt die verspielte Version in Gestalt eines Regenwurms, Delfins, Maulwurfs. Es gibt dicke, dünne, kleine, große, sehr große und welche in Elefantengröße, die aussehen wie Baseballschläger. Welche Frau soll sich damit pfählen? Jene, die schon zweimal Drillinge bekommen hat und nun schon wieder im 9. Monat ist? Stichwort: „Schwanger und schon wieder geil.“
Regelrecht erniedrigend für die Spezies Mann wird es im Bereich „Gummipuppen“. Was für ein Anblick, wenn Mutti früher vom Mädelsabend nach Hause kommt und Vatti im Wohnzimmer erwischt, wie er die Plastikversion von Pamela Anderson beglückt, er zuerst die Lust verliert, bevor Plastik-Pam die Luft verliert. Mir machen diese Puppen eher Angst, mit ihren starren Augen und den weit aufgerissenen Mündern. Da lockt mich schon eher der BH aus jenen Bonbons an, die X so liebt. Kurz überlege ich, ob ich ihn ihr mitnehmen soll. Allerdings kann sie ihn sich ja schlecht selber vom Körper knabbern, und ich müsste schon bis zur Besinnungslosigkeit betrunken sein, um mir einen BH anzuziehen. Dafür sind meine Brüste sowieso zu klein. Ist auch gar nicht meine Farbe. Aus der gleichen Kollektion gibt es zwar ebenfalls einen Herrenstring, aber der ist für’n Arsch.
Vielleicht also doch lieber die rosa Plüschhandschellen? Oder die Peitsche mit den Nägeln? Aber das tut doch weh. Ach so … Das soll es ja auch … Die Lust am Schmerz kann ich jedoch nicht so ganz teilen. Letztens zerbrach mir in meiner Hand ein Glas, und eine Scherbe schnitt sich tief in meinen Finger. Es brannte und blutete. Geil wurde ich davon nicht. Ist also auch nicht meine Richtung. Für den geselligen Spieleabend unter Freunden gibt es Spiele wie „Rausch der Sinne“ oder „Extremes Verlangen“, wobei das erste nach einem Drogen-Wettkampf klingt und das zweite nach meinem immer stärker werdenden Empfinden: dem extremen Verlangen, den Laden zu verlassen. Für heute habe ich genug Öffnungen und Penetrationswerkzeuge gesehen.
Wir schlendern Richtung Ausgang. Vorbei an Regalen mit „Enlargement Pills“, die „für mehr Penispower“ sorgen sollen und gleich neben den „Liebestropfen“ stehen, irgendein Wundermittel, das erstaunliches verspricht: Ein paar Tropfen ins Getränk der Person deines Herzens und innerhalb von Minuten soll sie derart rattig auf dich werden, dass sie ihre Finger nicht von dir lassen kann. Und das für nur 14.99 Euro. Da kommt dich ein Besuch im Pascha sicher deutlich teurer zu stehen. Blöd nur, wenn du die Gläser vertauschst und dir statt Scarlett Johansson plötzlich Johann Scarletsson hinterher steigt. Wahrscheinlicher ist jedoch eh, dass in den Fläschchen bloß Brausewasser ist. Wie auch immer: Die Methode ist mir zu unsicher, also stell ich auch dieses Produkt schweren Herzen wieder zurück an seinen Platz. So ganz nebenbei bin ich vielleicht altmodisch, aber mir ist es dann doch lieber, die Frau geht aus voller Überzeugung mit mir ins Bett, nicht weil ich sie mittels Überzuckerung gefügig gemacht habe. Mit dem besten Sex verhält es sich im Grunde wie mit Weihnachten: Es ist ein Geben und Nehmen. Fragen Sie Robin Futt.

Montag, 28. November 2011

Circle of Life

(http://www.youtube.com/watch?v=o8ZnCT14nRc)

Mit 15 tat ich etwas, weil es einfach jeder machte. Nein, ich ging nicht in den Puff. Ich besuchte die Tanzschule. In einem Alter, in dem einem der Einlass in Clubs verwehrt wird (es sei denn, du hast einen gefälschten Ausweis), begnügten meine Freunde und ich uns damit, Samstagabends zur Disco in der Tanzschule zu gehen. Sonntags gabs Nachmittagstanz mit Bingo. Da konnte man sich schon mal ansehen, was einen sechzig Jahre später im Altersheim erwartet.

Die 1990er waren die Jahre des Dancepop. 1994 war Helmut Kohl noch Bundeskanzler, der Mauerfall bloß eine Handvoll Jahre alt, Internet und Handy waren Fremdwörter, und in der Mode wie im Fernsehen begann der Trend, zu kopieren statt zu kreieren. Die Disco in der Tanzschule endete jedesmal zu einer Zeit, zu der ein solcher Abend eigentlich erst beginnt: um 23 Uhr. Danach warteten draußen manchmal irgendwelche Italiener, für die wir schmächtigen Teenies dankbare Opfer waren. Ich konnte allerdings verhindern, dass sie mich verkloppten; sie riefen mir höchstens mal Dinge wie „Spasti“ oder „Schlumpf“ zu, aber so nannten sie jeden, deswegen nahm ich das kaum zur Kenntnis.

Die vier Stunden am Samstagabend, zwischen 19 und 23 Uhr, waren am Wochenende das Highlight für meine Freunde und mich. Wir zogen uns coole Klamotten an (zumindest wenn man Hosen, die sonst als Zelt gebraucht wurden, und knatschgrüne Pullover für cool hält), stylten unsere Haare zu coolen Frisuren und ließen uns von unseren Eltern bis an die Straßenecke ein paar Häuser weiter fahren, wo wir ausstiegen, um den Rest zu laufen, weil von seinen Eltern gebracht zu werden alles andere als cool war. Auch wenn ich nie in ein Mädchen aus der Tanzschule verknallt war: Die Aussicht darauf, dem anderen Geschlecht bei einem Engtanz näher zu kommen, war verlockend, und keine sollte denken, ich sei noch ein kleiner Junge. Das ist das Problem der Teenager: Sie versuchen so verzweifelt erwachsen zu wirken und erreichen dadurch nur umso mehr das Gegenteil.

Bei schummrigem Licht, einem Glas Cola, Salzstangen und Songs von Bon Jovi und Ace of Base, saßen meine Freunde und ich an unserem Tisch und warteten darauf, dass der erste sich traute, zu einem Mädchen zu gehen. Irgendwann kamen wir immer an den Punkt, an dem wir losten, und meistens verlor ich, was in dem Fall bedeutete: Ich musste ran. Eigentlich war das aber nur von Vorteil, denn wenn man zu lange wartete, kam irgendwann genau das Mädchen, mit dem du auf keinen Fall tanzen wolltest. Die, die dich schon die ganze Zeit angestiert hat. Die mit dem schlechten Atem. In dem dunklen Ambiente konnte man einiges übertünchen – Pickel, miese Klamotten, falsche Körperhaltung –, aber ich war nicht in der Lage, über die Länge eines Boyz-2-Men-Songs die Luft anzuhalten.

Es gab ein Mädchen in dem Kurs, die sich ganz offensichtlich in mich verknallt hatte. Das war zu einer Zeit, als in den Kinos Brad Pitt durch „Legenden der Leidenschaft“ zum Weltstar avancierte und jedes Mädchen auf ihn stand. Auch sie schwärmte mir von ihm vor, während wir zusammen an einem Tisch saßen, und ich nickte bloß, tat interessiert und fragte mich, wer zur Hölle dieser Bad Pritt sei. Irgendwann realisierte ich, dass sie mir bloß von dem Film erzählte, um irgendwie einen galanten Übergang zu finden auf die Frage, ob ich mit ihr ins Kino gehen wolle. Da ich nicht auf sie stand und ihr keine falschen Hoffnungen machen wollte, versuchte ich diesen Moment hinauszuzögern. Bevor sie mich jedoch fragen konnte, trat die mit dem schlechten Atem an unseren Tisch und bat mich um einen Tanz. Noch nie hatte ich mich so sehr auf dreieinhalb Minuten Unheil gefreut. Ich sagte dem Mädchen, das auf mich stand, ich käme gleich wieder, und tanzte mit dem Mädchen, das auf mir stand. Wiege – Cha Cha Cha. Wiege – Cha Cha Cha. Bei der Wiege trat sie mir jedesmal auf meinen linken Fuß, weswegen ich nach der letzten Wiege die Biege machte. Nicht, dass ich der legitime Nachfolger von Fred Astaire bin. Mein Prinzip war es, keines der Mädchen zu verletzen, was in diesem Bereich das Maximum meiner Fähigkeiten darstellte.

Am Ende des Kurses fand der Abschlussball in der Kölner Flora statt. Kaum eine Jugenderinnerung ist wohl derart präsent: Die Aufregung, das Schickmachen, die Ankunft, erste Fotos, die Mädchen in ihren Kleidern. Mich verbindet mit diesem Abend vor allem das Lied „Circle of Life“ von Elton John. „Der König der Löwen“ – noch ein Film dieser Zeit – war der Kinohit des Jahres, und während meine Freunde und ich uns vor dem Spiegel herausputzten, lief dieses Lied im CD-Spieler. Ist schon erstaunlich, wie Dinge rückblickend eine Bedeutung bekommen, die bloß durch einen Zufall entstanden sind. Gott, bin ich dankbar, dass wir damals nicht Dr. Alban gehört haben.

Meine Freunde und ich kamen uns vor wie kleine Gentlemen mit unseren gegelten Haaren und den schlecht sitzenden Anzügen. Ich trug eine bordeauxrote Fliege um den Hals, die mich wahrscheinlich aussehen ließ wie ein Bratpfannenverkäufer im Einkaufszentrum, und eine Pre-Harry-Potter-Brille mit runden Gläsern und einer schwarzen Fassung. Meine Schuhe glänzten mehr als ich beim Eröffnungstanz, aber ich hatte eine Partnerin, die auf mein mittelmäßiges Talent eingestellt war. Meine Freunde und ich gossen uns heimlich den Sekt für die Erwachsenen in den Orangensaft und waren bereits nach einem Glas angeschickert. Ich glaube, wir haben in unserer Ahnungslosigkeit aus Versehen zum Wodka gegriffen.

Irgendwann kam die, die was von mir wollte (und deren Namen ich längst vergessen habe), zu mir an den Tisch. Wir unterhielten uns eine Weile, bis sie schließlich die eine Frage herausbrachte: „Willst du mit mir gehen? Ins Kino meine ich …“

„Klar“, sagte ich ohne nachzudenken und wusste im gleichen Augenblick, dass dieses Treffen nie stattfinden würde und dass ich ein Arsch war. Sie hinzuhalten war nicht fair. Aber es herrschte eine gute Stimmung, sie war nett, ich war angetrunken und wollte ihr diesen Abend nicht versauen. Okay, in Wahrheit wollte ich wohl eher mir selbst den Abend nicht versauen, aber das kam in diesem Fall aufs Gleiche hinaus.

Kurz darauf fasste ich mir beim Sonntagsbingo dann allerdings doch ein Herz und sagte ihr, so freundlich, unaufgeregt und ehrlich wie möglich, dass ich nicht in sie verliebt sei und dass ich sie das wissen lassen wollte, um keine falschen Erwartungen zu erwecken. Vielleicht zum ersten Mal innerhalb meiner Zeit als Teenager tat ich nicht nur, als sei ich erwachsen, sondern verhielt mich auch entsprechend. Allerdings wurde mir bewusst, als sie mit gesenktem Kopf vor mir saß, dass ich mein Versprechen, keines der Mädchen zu verletzen, in diesem Augenblick gebrochen hatte.

Und das war dann auch das Ende meiner Tanzkarriere: Nach dem Silberkurs verließ ich die Tanzschule.

Ich habe die Zeit in bester Erinnerung, weil sie mir mit ihren verstauchten Füßen und gebrochenen Herzen ein Wegweiser war, der bis heute Bestand hat: Die richtigen Schritte zu machen. Die Führung im Tanz mit dem Schicksal zu übernehmen. Und im Leben wie in der Liebe den passenden Rhythmus zu finden.

Montag, 14. November 2011

Eyes wider than before

(http://www.youtube.com/watch?v=oG6qwBBm7I4)

Zwischen Köln und Nanjing liegt eine Entfernung von 8646,396 Kilometern. Würde man diesen Weg zu Fuß hinter sich legen, wären das – bei durchschnittlich 1429 Schritten pro Kilometer – stolze 12 Millionen 355 Tausend 700 Schritte. Bei einer Stunde Fußmarsch am Stück kämen wir auf etwa 5400 Schritte, was bedeutet, dass wir 2288,09 Stunden oder 95,34 Tage bräuchten für die Strecke von Köln nach Nanjing; sieben Stunden Zeitverschiebung nicht mitgerechnet. Das sind verdammt viele Schritte, die X und mich voneinander trennen. Aber eines – das Entscheidende – verbindet uns in dieser nicht immer leichten Zeit: Die Sehnsucht.

X ist nun seit über zwei Monaten in China. Nach den üblichen Schwierigkeiten, die eine so komplett neue Umgebung mit sich bringt, hat sie sich ganz gut eingelebt. Jeden Tag sprechen wir via Internet miteinander, erzählen von unserem Leben, um den anderen wenigstens partiell daran teilhaben zu lassen, lachen miteinander, schweigen miteinander, schmachten einander an und versichern wieder und wieder, wie sehr der andere fehlt. Es gibt Zeiten, da fällt die Trennung leichter, in anderen ist man furchtbar dünnhäutig. Wir versuchen, uns in Etappen fortzubewegen: ‚Noch soundso viele Tage, dann ist schon Mitte November’; ‚schon wieder Wochenende. Nur noch soundso viele liegen vor uns, bis wir uns endlich wiederhaben.’ Es tröstet in Augenblicken des Schmerzes, wenn man weiß, dass die Sehnsucht nicht einseitig ist, und dass wir ein Ziel vor Augen haben: Wenn X zurückkehrt, werden wir zusammenziehen. Wir werden einen Schritt gehen, den keiner von uns bisher in einer seiner Beziehungen zuvor gegangen ist, aber ich bin mir sicher, sie ist die Richtige dafür. Ich kann es nicht erwarten.

Eine Fernbeziehung (wie sie in meinem Fall ferner kaum sein kann) bringt natürlich Schwierigkeiten mit sich. Am kompliziertesten macht uns die ganze Angelegenheit der Zeitunterschied. Wenn ich aufstehe, ist bei ihr bereits Nachmittag und sie ist beschäftigt. Wenn sie abends schlafen geht, befinde ich mich gerade auf dem Weg zur Abendschule. Bei einer Fernbeziehung kommt es mehr denn je darauf an, einen gemeinsamen Rhythmus zu finden, um die Gefahr der Entfremdung zu umgehen. Man muss kompromissloses Vertrauen aufbringen, was mir trotz des vergangenen Jahres erstaunlich gut gelingt. X ist nach N. die erste Frau, die sich hundertprozentig zu mir bekennt, und genau das macht es mir möglich, die lange Zeit ohne sie durchzustehen. Solch eine Trennung hat durchaus ihre Vorteile: Wir reden sehr viel miteinander, manchmal stundenlang, und fast jedes Mal habe ich das Gefühl, sie noch ein Stück besser kennengelernt zu haben. Die Verführung, sich abends einfach aufs Sofa zu werfen und einen Film zusammen zu gucken, ist hier nicht gegeben. (Obwohl das natürlich auch toll ist.) Stattdessen reden wir offen über unsere Freuden und Ängste und Wünsche, was einen erstaunlichen Effekt hat: Durch die Distanz wird das Band zwischen uns nicht schwächer sondern stärker. Und wir lernen einander noch einmal auf eine ganz neue Weise kennen.

Ich halte ihre Entscheidung, bis weit ins nächste Jahr hinein in China zu leben, nach wie vor für richtig. Es ist ihr Leben, und auch, wenn ich mir die Situation anders wünschen würde, ich möchte nicht, dass sie mir eines Tages vorwirft, sie hätte sich von mir überreden lassen zu bleiben, nur um meinetwillen. Sie hat einen guten Schritt getan. Alles ist richtig, so wie es ist. Manchmal ist es eben nur richtig beschissen.

In Nanjing lebt sie mit einer portugiesischen jungen Frau, zwei Chinesinnen und einer unbestimmten Zahl an Kakerlaken in einer Wohnung zusammen. Nachdem eine von ihnen (also eine der Kakerlaken, nicht eine ihrer Mitbewohnerinnen) eines Nachts auf ihrem Kissen saß, hat sie sich entschlossen, ihr Bett mit einem Netz einzuzäunen. Seitdem schläft sie – wie sie es nennt – in einem „Gefängnis“, aus dem ich sie sobald es geht befreien werde.

X hat sich ein Fahrrad gekauft – nur zufällig in der Farbe des Kommunismus – mit dem sie morgens zur Universität radelt, um Chinesisch zu lernen. Für die kurze Zeit in diesem riesigen Land, sind ihre Sprachkenntnisse bereits auf einem erstaunlich hohen Niveau. Bald wird sie kleinen Kindern in einer Schule Englisch beibringen. Mittwochs besucht sie einen chinesischen Schneider und dessen uralte Mutter, die ihr das Schneidern beibringen. Die beiden sind wohl sehr freundlich und geduldig, und wenn X einen Erfolg vorweisen kann, klopft die alte Frau ihr lobend auf die Schulter und nuschelt etwas auf Chinesisch, das X jedes Mal nur mit einem Kopfnicken erwidert, weil sie kein Wort versteht. Da helfen auch die größten Sprachkenntnisse nichts.

Sonntags und Donnerstags probt sie für das Philharmonische Orchester Nanjing. Für ihr Cellospiel wird sie von allen Seiten gelobt. Besonders der grauhaarige Dirigent scheint Gefallen an ihr gefunden zu haben: Er zwinkert ihr ständig zu, möchte sie zum Essen einladen, kümmert sich auffallend zuvorkommend um sie. Wird Zeit, dass ich da auftauche, um meinen Claim abzustecken. Aber nicht nur von älteren Dirigenten wird X angebaggert, was nicht verwundert: Sie ist die hübscheste Frau, die ich je an meiner Seite hatte. Ob kleine, aufdringliche Chinesen oder lautstark protzende Amerikaner, sobald X abends ausgeht gibt es gleich mehrere Kerle, die ihr nachstellen. Doch ich vertraue da auf meinen unwiderstehlichen Charme und den überbackenen Nudelauflauf, den ich perfektioniert habe wie kaum einer.

Letztens hatte X zwei Wochen frei und ist mit einer Deutschen durch die Mongolei gereist. Eine bitterkalte Nacht hat sie sogar in einer Jurte verbracht, das traditionelle Zelt der Nomaden in West- und Zentralasien. Sie hat im asiatischen Pendant zu Venedig einen Laden entdeckt, in dem man Karten kaufen und von dort aus in fünf, zehn, zwanzig Jahren verschicken lassen kann. Der Sinn dahinter wird mir nicht recht klar, und sollte der Empfänger zwischenzeitlich verzogen sein, ist die ganze Warterei umsonst gewesen Aber irgendwie hat es etwas poetisches an sich; es ist wie eine Zeitreise, ein Blick zurück, auf den, den man liebt, oder sich selbst (was sich im besten Falle nicht ausschließt). Ich stelle mir vor, wie ich in zwanzig Jahren eine Karte von X erhalte, in der sie schreibt, wie heiß sie mich findet, während ich bräsig auf dem Sofa hänge, kaum mehr Haare auf dem Kopf, Feinrippunterwäsche über dem Kugelbauch und ein Bier in der Hand. Freu mich drauf. (Obwohl das zugegebenermaßen ein Schritt in die falsche Richtung wäre.)

Lebensmittel sind in Nanjing weitestgehend spottbillig. Für eine Suppe zahlt man dreißig Cent. Allerdings muss man bei seiner Essenswahl aufpassen, sonst hat man schnell Entenblut in seiner Schüssel oder Kuhsehnen auf seinem Teller. Tiere haben es schwer in China. X liebt Schildkröten und ist oft kurz davor, eine von ihnen aus den winzigen Plastikbehältern zu retten, in denen die Händler sie hausen lassen. Hunde, die an Straßen verkauft werden, bekommen Gift verabreicht, damit sie zwei Wochen nach Kauf sterben und ihr Käufer sich ein neues Tier zulegt. Die Menschen spucken auf die Straßen (wobei wir dieses „Phänomen“ genauso gut in Köln jeden Samstagabend auf den Ringen erleben können); das machen die Hunde, die sie vergiften, nicht. Insgesamt sind Chinesen aber, X' frühen Erfahrungen nach, höflicher und zuvorkommender als die meisten Deutschen.

Das Schöne an den Umständen ist, dass X und ich uns trotz der Entfernung bemühen, den anderen zu überraschen. Obwohl wir so weit voneinander entfernt sind, gehen wir immer wieder einen Schritt aufeinander zu.

Vor einiger Zeit erwähnte X, wie traurig sie sei, dieses Jahr gar keinen Adventskalender zu haben. Ein paar Tage später schickte ich einen Brief an sie ab, dessen Ankunft X nicht erwarten konnte; sie ging jedoch davon aus, sich bis Dezember gedulden zu müssen. Heute erreichte er sie – verpackt in einem großen gelben DHL-Karton. Ich hatte ihr neben dem Brief auch einen Adventskalender zugesandt, mit 24 Strümpfen und den dazu gehörigen Päckchen, deren Inhalt ich in tagelanger Recherchearbeit ausfindig gemacht und zusammengesammelt hatte. Ich habe X in den Monaten seit sie weg ist noch nie so glücklich gesehen.

Einige Zeit zuvor wurde ich eines frühen Morgens vom Klingelton meines Handys geweckt. X hatte mir eine Nachricht geschickt. „Soll ich dir mal was wunderschönes zeigen?“, schrieb sie, und als sie eine Bilddatei schickte, freute ich mich bereits auf ein Foto von ihr. Im besten Falle nackt. Aber was ich sah, als ich die Datei öffnete, war ein Ticket – von Nanjing nach Frankfurt Flughafen.

„Wirklich???“, schrieb ich aufgeregt. Die Antwort war bloß ein Ja mit ungefähr zwanzig A’s und drei Smileys hinten dran. Den ganzen Tag konnte ich nicht aufhören zu grinsen. Es ist für mich das größte Geschenk, mit ihr die Weihnachtstage und Silvester verbringen zu können. Zusammen sind wir nicht mehr allein.

Manchmal muss man ungewöhnliche Wege gehen, um an sein Ziel zu gelangen. 12.355.700 Schritte liegen zwischen Köln und Nanjing. Den ersten und entscheidenden bin ich bereits gegangen, damals, als ich ihr nach unserer ersten Begegnung sagte, dass ich sie gerne wiedersehen würde. Die restlichen 12.355.700 Schritte sind bloß der kleine Umweg, der uns ein zweites Mal im Leben zueineinander führt. Um von da an die nächsten Schritte gemeinsam zu gehen.