Montag, 5. Dezember 2011

Deeper Underground

(Achtung, Achtung: Dieser Blog enthält explizite Ausdrücke mit f, b und S. Sollten Sie empfindlich gegenüber jeglichem Schweinkram sein, empfehle ich, diesen Blog nicht zu lesen. Sollten Sie sich Lusterweiterung erhoffen, gilt das Gleiche! LG, Ihr Robin Futt.)


Das wohlige Gefühl der Vorweihnachtszeit hat mich ergriffen: Meine Wohnung ist in mattes Kerzenlicht getaucht, es riecht immer noch nach den selbstgebackenen Plätzchen vom Sonntag, meine Balkonfenster haben mittels künstlichem Schnee Sprossen erhalten und im Fernseher knistert ein Kaminfeuer die Behaglichkeit einer einsamen Berghütte in den Raum. Die erste Tasse Glühwein ist auch schon getrunken, und zwar mit meinem Studienkollegen Richard, mit dem ich gemeinsam die Straße hinab schlendere, berieselt von Bing Crosbys „White Christmas“, als mir plötzlich ein Laden in den Blick fällt. „Lass uns dahin, das wird lustig“, sage ich, und Richard nickt grinsend. Wenn noch etwas fehlt zur endgültigen Weihnachtsstimmung, dann ist es ein Besuch im Sexshop.
Sexshops verkaufen zwar alles für den Lustbedarf, präsentieren sich selber jedoch derart abtörnend, dass man sie eigentlich nur aus Jux betreten kann. Im Eingangsbereich begrüßt uns ein Schild mit dem Hinweis auf samstägige Pärchenabende im Kinobereich. Allerdings verraten die gar nicht, welcher Film laufen soll, und ich kaufe ungern die Katze im Sack, also schließe ich einen Besuch aus. Im Schaufenster hängt ein Schild auf dem steht: „Suchen junge, flexible Mitarbeiterin …“, was im Zusammenhang mit einem Sexshop alles mögliche heißen kann. Kurz überlege ich, ob ich mich für den Job einer Geschlechtsumwandlung unterziehen soll, aber so flexibel bin ich dann doch nicht.
Drinnen erwartet uns als erstes eine Wand mit Sexmagazinen. Ich hatte ja keine Ahnung, dass es so viele Hefte zu ein und dem selben Thema geben kann. Viel interessanter sind allerdings die Filme und ihre Titel und Inhaltsangaben. Sie sind der Grund, weswegen ich mich hierher gewagt habe und das Risiko eingehe, dass eine der Kundin mich erkennt und quer durch den Laden ruft: „Ey, Uschi, da steht Christian Wunderlich. Bei den Lederpeitschen.“ Der Verkäufer hinter dem Tresen lächelt uns wissend an; wir scheinen nicht die ersten zu sein, die sich aus reiner Belustigung hierher verirren.
Um die Pornotitel zu lesen, muss man leider auch ihre Szenenbilder in Kauf nehmen, was bisweilen traumatisch sein kann, wenn es zu Filmen kommt wie „Geile Omas – Ficken statt Stricken“ oder „Schwanger und schon wieder geil“. Dabei ist es vollkommen Latte … ähm, egal, welchen Titel der Film trägt: Die Fotos sind immer die gleichen. Passend zum 6. Dezember finde ich zum Beispiel einen Film mit dem festlichen Titel „Spritzgebäck vom Fickolaus“, auf dem ein Darsteller eine junge Frau mit seiner Rute bestraft. Da Richard für die Bundeswehr arbeitet, interessiert er sich für den Film „Im Gleichfick Arsch“, auf dessen DVD-Cover eine Frau im Tarnanzug von einem Mann mit einem Farn auf dem Kopf begattet wird. Für die Freunde der gepflegten Literatur gibt es Analogien (Analogien, nicht Analorgien) wie „Die Reise zum G-Punkt der Elke“ und „Moby Fick – im Arsch des Pottwals“. Auch Kinofreunde kommen hier auf ihre Kosten mit den Epen „Das Wunder von Bernd“ und „Der mit dem Wolfschwanz“.
Schließlich entdecke ich die VHS-Kassette (!) einer Zeichentrickporno-Sammlung (!!). Ähm … Ernsthaft? Wie verzweifelt muss man sein, sich beim Gangbang von Schneewittchen und den sieben Zwergen zu befriedigen? Auf der Kassette findet sich unter anderem der Film „Robin Futt“, der in seiner Inhaltsangabe mit einem gar drolligen Vers beschrieben wird: Wer bumst dich in den siebten Himmel? Es ist der Robin mit seinem Pimmel.“ Also, bei aller Liebe, wer davon geil wird hat ein ernsthaftes Problem.
Im nächsten Bereich stoße ich auf eine … finde ich eine Plastikausgabe von Dolly Buster vor, eine jener Pornodarstellerinnen, bei denen ich mich immer gefragt habe, wer diese aufgeblasenen … aufgepumpten Lippen/Brüste/Wangenknochen wirklich schön findet. Ich stelle mir vor, wie viele notgeile Typen mit dieser Figur bereits ein Foto gemacht haben, um es geifernd ihren Freunden zu zeigen. Dann schüttle ich den Kopf und mache ein Foto.
In der nächsten Abteilung stehen wir vor einem Regal mit Dildos und Vibratoren in allen Größen und Formen. Es gibt die verspielte Version in Gestalt eines Regenwurms, Delfins, Maulwurfs. Es gibt dicke, dünne, kleine, große, sehr große und welche in Elefantengröße, die aussehen wie Baseballschläger. Welche Frau soll sich damit pfählen? Jene, die schon zweimal Drillinge bekommen hat und nun schon wieder im 9. Monat ist? Stichwort: „Schwanger und schon wieder geil.“
Regelrecht erniedrigend für die Spezies Mann wird es im Bereich „Gummipuppen“. Was für ein Anblick, wenn Mutti früher vom Mädelsabend nach Hause kommt und Vatti im Wohnzimmer erwischt, wie er die Plastikversion von Pamela Anderson beglückt, er zuerst die Lust verliert, bevor Plastik-Pam die Luft verliert. Mir machen diese Puppen eher Angst, mit ihren starren Augen und den weit aufgerissenen Mündern. Da lockt mich schon eher der BH aus jenen Bonbons an, die X so liebt. Kurz überlege ich, ob ich ihn ihr mitnehmen soll. Allerdings kann sie ihn sich ja schlecht selber vom Körper knabbern, und ich müsste schon bis zur Besinnungslosigkeit betrunken sein, um mir einen BH anzuziehen. Dafür sind meine Brüste sowieso zu klein. Ist auch gar nicht meine Farbe. Aus der gleichen Kollektion gibt es zwar ebenfalls einen Herrenstring, aber der ist für’n Arsch.
Vielleicht also doch lieber die rosa Plüschhandschellen? Oder die Peitsche mit den Nägeln? Aber das tut doch weh. Ach so … Das soll es ja auch … Die Lust am Schmerz kann ich jedoch nicht so ganz teilen. Letztens zerbrach mir in meiner Hand ein Glas, und eine Scherbe schnitt sich tief in meinen Finger. Es brannte und blutete. Geil wurde ich davon nicht. Ist also auch nicht meine Richtung. Für den geselligen Spieleabend unter Freunden gibt es Spiele wie „Rausch der Sinne“ oder „Extremes Verlangen“, wobei das erste nach einem Drogen-Wettkampf klingt und das zweite nach meinem immer stärker werdenden Empfinden: dem extremen Verlangen, den Laden zu verlassen. Für heute habe ich genug Öffnungen und Penetrationswerkzeuge gesehen.
Wir schlendern Richtung Ausgang. Vorbei an Regalen mit „Enlargement Pills“, die „für mehr Penispower“ sorgen sollen und gleich neben den „Liebestropfen“ stehen, irgendein Wundermittel, das erstaunliches verspricht: Ein paar Tropfen ins Getränk der Person deines Herzens und innerhalb von Minuten soll sie derart rattig auf dich werden, dass sie ihre Finger nicht von dir lassen kann. Und das für nur 14.99 Euro. Da kommt dich ein Besuch im Pascha sicher deutlich teurer zu stehen. Blöd nur, wenn du die Gläser vertauschst und dir statt Scarlett Johansson plötzlich Johann Scarletsson hinterher steigt. Wahrscheinlicher ist jedoch eh, dass in den Fläschchen bloß Brausewasser ist. Wie auch immer: Die Methode ist mir zu unsicher, also stell ich auch dieses Produkt schweren Herzen wieder zurück an seinen Platz. So ganz nebenbei bin ich vielleicht altmodisch, aber mir ist es dann doch lieber, die Frau geht aus voller Überzeugung mit mir ins Bett, nicht weil ich sie mittels Überzuckerung gefügig gemacht habe. Mit dem besten Sex verhält es sich im Grunde wie mit Weihnachten: Es ist ein Geben und Nehmen. Fragen Sie Robin Futt.

Montag, 28. November 2011

Circle of Life

(http://www.youtube.com/watch?v=o8ZnCT14nRc)

Mit 15 tat ich etwas, weil es einfach jeder machte. Nein, ich ging nicht in den Puff. Ich besuchte die Tanzschule. In einem Alter, in dem einem der Einlass in Clubs verwehrt wird (es sei denn, du hast einen gefälschten Ausweis), begnügten meine Freunde und ich uns damit, Samstagabends zur Disco in der Tanzschule zu gehen. Sonntags gabs Nachmittagstanz mit Bingo. Da konnte man sich schon mal ansehen, was einen sechzig Jahre später im Altersheim erwartet.

Die 1990er waren die Jahre des Dancepop. 1994 war Helmut Kohl noch Bundeskanzler, der Mauerfall bloß eine Handvoll Jahre alt, Internet und Handy waren Fremdwörter, und in der Mode wie im Fernsehen begann der Trend, zu kopieren statt zu kreieren. Die Disco in der Tanzschule endete jedesmal zu einer Zeit, zu der ein solcher Abend eigentlich erst beginnt: um 23 Uhr. Danach warteten draußen manchmal irgendwelche Italiener, für die wir schmächtigen Teenies dankbare Opfer waren. Ich konnte allerdings verhindern, dass sie mich verkloppten; sie riefen mir höchstens mal Dinge wie „Spasti“ oder „Schlumpf“ zu, aber so nannten sie jeden, deswegen nahm ich das kaum zur Kenntnis.

Die vier Stunden am Samstagabend, zwischen 19 und 23 Uhr, waren am Wochenende das Highlight für meine Freunde und mich. Wir zogen uns coole Klamotten an (zumindest wenn man Hosen, die sonst als Zelt gebraucht wurden, und knatschgrüne Pullover für cool hält), stylten unsere Haare zu coolen Frisuren und ließen uns von unseren Eltern bis an die Straßenecke ein paar Häuser weiter fahren, wo wir ausstiegen, um den Rest zu laufen, weil von seinen Eltern gebracht zu werden alles andere als cool war. Auch wenn ich nie in ein Mädchen aus der Tanzschule verknallt war: Die Aussicht darauf, dem anderen Geschlecht bei einem Engtanz näher zu kommen, war verlockend, und keine sollte denken, ich sei noch ein kleiner Junge. Das ist das Problem der Teenager: Sie versuchen so verzweifelt erwachsen zu wirken und erreichen dadurch nur umso mehr das Gegenteil.

Bei schummrigem Licht, einem Glas Cola, Salzstangen und Songs von Bon Jovi und Ace of Base, saßen meine Freunde und ich an unserem Tisch und warteten darauf, dass der erste sich traute, zu einem Mädchen zu gehen. Irgendwann kamen wir immer an den Punkt, an dem wir losten, und meistens verlor ich, was in dem Fall bedeutete: Ich musste ran. Eigentlich war das aber nur von Vorteil, denn wenn man zu lange wartete, kam irgendwann genau das Mädchen, mit dem du auf keinen Fall tanzen wolltest. Die, die dich schon die ganze Zeit angestiert hat. Die mit dem schlechten Atem. In dem dunklen Ambiente konnte man einiges übertünchen – Pickel, miese Klamotten, falsche Körperhaltung –, aber ich war nicht in der Lage, über die Länge eines Boyz-2-Men-Songs die Luft anzuhalten.

Es gab ein Mädchen in dem Kurs, die sich ganz offensichtlich in mich verknallt hatte. Das war zu einer Zeit, als in den Kinos Brad Pitt durch „Legenden der Leidenschaft“ zum Weltstar avancierte und jedes Mädchen auf ihn stand. Auch sie schwärmte mir von ihm vor, während wir zusammen an einem Tisch saßen, und ich nickte bloß, tat interessiert und fragte mich, wer zur Hölle dieser Bad Pritt sei. Irgendwann realisierte ich, dass sie mir bloß von dem Film erzählte, um irgendwie einen galanten Übergang zu finden auf die Frage, ob ich mit ihr ins Kino gehen wolle. Da ich nicht auf sie stand und ihr keine falschen Hoffnungen machen wollte, versuchte ich diesen Moment hinauszuzögern. Bevor sie mich jedoch fragen konnte, trat die mit dem schlechten Atem an unseren Tisch und bat mich um einen Tanz. Noch nie hatte ich mich so sehr auf dreieinhalb Minuten Unheil gefreut. Ich sagte dem Mädchen, das auf mich stand, ich käme gleich wieder, und tanzte mit dem Mädchen, das auf mir stand. Wiege – Cha Cha Cha. Wiege – Cha Cha Cha. Bei der Wiege trat sie mir jedesmal auf meinen linken Fuß, weswegen ich nach der letzten Wiege die Biege machte. Nicht, dass ich der legitime Nachfolger von Fred Astaire bin. Mein Prinzip war es, keines der Mädchen zu verletzen, was in diesem Bereich das Maximum meiner Fähigkeiten darstellte.

Am Ende des Kurses fand der Abschlussball in der Kölner Flora statt. Kaum eine Jugenderinnerung ist wohl derart präsent: Die Aufregung, das Schickmachen, die Ankunft, erste Fotos, die Mädchen in ihren Kleidern. Mich verbindet mit diesem Abend vor allem das Lied „Circle of Life“ von Elton John. „Der König der Löwen“ – noch ein Film dieser Zeit – war der Kinohit des Jahres, und während meine Freunde und ich uns vor dem Spiegel herausputzten, lief dieses Lied im CD-Spieler. Ist schon erstaunlich, wie Dinge rückblickend eine Bedeutung bekommen, die bloß durch einen Zufall entstanden sind. Gott, bin ich dankbar, dass wir damals nicht Dr. Alban gehört haben.

Meine Freunde und ich kamen uns vor wie kleine Gentlemen mit unseren gegelten Haaren und den schlecht sitzenden Anzügen. Ich trug eine bordeauxrote Fliege um den Hals, die mich wahrscheinlich aussehen ließ wie ein Bratpfannenverkäufer im Einkaufszentrum, und eine Pre-Harry-Potter-Brille mit runden Gläsern und einer schwarzen Fassung. Meine Schuhe glänzten mehr als ich beim Eröffnungstanz, aber ich hatte eine Partnerin, die auf mein mittelmäßiges Talent eingestellt war. Meine Freunde und ich gossen uns heimlich den Sekt für die Erwachsenen in den Orangensaft und waren bereits nach einem Glas angeschickert. Ich glaube, wir haben in unserer Ahnungslosigkeit aus Versehen zum Wodka gegriffen.

Irgendwann kam die, die was von mir wollte (und deren Namen ich längst vergessen habe), zu mir an den Tisch. Wir unterhielten uns eine Weile, bis sie schließlich die eine Frage herausbrachte: „Willst du mit mir gehen? Ins Kino meine ich …“

„Klar“, sagte ich ohne nachzudenken und wusste im gleichen Augenblick, dass dieses Treffen nie stattfinden würde und dass ich ein Arsch war. Sie hinzuhalten war nicht fair. Aber es herrschte eine gute Stimmung, sie war nett, ich war angetrunken und wollte ihr diesen Abend nicht versauen. Okay, in Wahrheit wollte ich wohl eher mir selbst den Abend nicht versauen, aber das kam in diesem Fall aufs Gleiche hinaus.

Kurz darauf fasste ich mir beim Sonntagsbingo dann allerdings doch ein Herz und sagte ihr, so freundlich, unaufgeregt und ehrlich wie möglich, dass ich nicht in sie verliebt sei und dass ich sie das wissen lassen wollte, um keine falschen Erwartungen zu erwecken. Vielleicht zum ersten Mal innerhalb meiner Zeit als Teenager tat ich nicht nur, als sei ich erwachsen, sondern verhielt mich auch entsprechend. Allerdings wurde mir bewusst, als sie mit gesenktem Kopf vor mir saß, dass ich mein Versprechen, keines der Mädchen zu verletzen, in diesem Augenblick gebrochen hatte.

Und das war dann auch das Ende meiner Tanzkarriere: Nach dem Silberkurs verließ ich die Tanzschule.

Ich habe die Zeit in bester Erinnerung, weil sie mir mit ihren verstauchten Füßen und gebrochenen Herzen ein Wegweiser war, der bis heute Bestand hat: Die richtigen Schritte zu machen. Die Führung im Tanz mit dem Schicksal zu übernehmen. Und im Leben wie in der Liebe den passenden Rhythmus zu finden.

Dienstag, 1. November 2011

Fix you


Ich bin kurz davor, die Luft zu verlieren. Es ist nicht kalt, es ist nicht warm, mein Empfinden ist taub. Ich schwimme. Weiß, ich muss an die Oberfläche gelangen, weiß nicht, wo sie ist, wo ich bin. Wo sie ist. Wer ich bin. Ich lasse mich tiefer sinken.
Unter Wasser bewegt sich alles in Zeitlupe.
Mein Blick ist milchig trübe, ich erkenne höchstens noch Schatten und Umrisse. Es hat mich getroffen, die Wunde ist tief, meine Kraft schwindet. Irgendetwas zieht mich runter. Bin zu schwach, um zu kämpfen. Kann Zeit tatsächlich heilen? Ich schließe die Augen und lasse mich treiben. Es scheint keine Alternative zu geben.
Ich öffne die Augen. Mit der Stille ist es vorbei: Hinter der Hecke gegenüber hat sich eine große Zigeunerfamilie versammelt, um zu picknicken. Das kenne ich schon. Eigentlich finde ich es gut, wenn Leute unerschrocken einem Ort wie diesem begegnen, aber das Durcheinanderrufen halte ich in diesem Augenblick dann doch für unangebracht. Wir sind hier schließlich nicht bei einer Auktion sondern auf dem Friedhof.
Mein Blick senkt sich auf den schlichten schwarzen Stein hinab, der in die Erde gelassen ist. Das Grab ist von vertrockneten Kastanienblättern bevölkert. Überhaupt ist heute auf dem gesamten Friedhof ziemlich viel los; „Allerheiligen“ ist der Tag des schlechten Gewissens, wenn Leute sich daran erinnern, dass da ja noch jemand liegt, der ihnen etwas bedeutet. Was solls, der hat ja Zeit ohne Ende. Um ehrlich zu sein, gehöre ich auch zu denen, die eher selten das Grab ihres nahen Verstorbenen besuchen. Dieser Ort hat einfach nichts mit ihm zu tun. Meine Erinnerung bietet mir einen so viel näheren Platz bei ihm. Aber ich mag Friedhöfe. Sie sind in der Hektik der Großstadt eine Oase, zu der ich mich hin und wieder zurückziehe, um zu lesen, spazieren zu gehen und zu schreiben. Einige Seiten meines Romans, ein paar Artikel für meinen Blog, sowie Briefe an T. sind hier entstanden. Hier ist es so still wie nirgendwo sonst in der Stadt. Es ist, als würden alle Außengeräusche von der Friedhofsmauer abgeblockt. Ein Friedhof bietet einen Fixpunkt, an dem man trauern kann, nicht nur um Verstorbene, auch um alte Lieben, um geplatzte Träume, um alles, was wir verlieren können.
Ich fahre oft an dem Krankenhaus vorbei, in dem er verstorben ist.
Es ist ein grauer, viereckiger Kasten. Hinter den Fensterscheiben sieht man weiße Gardinen, eine weiße Tapete, einen kleinen Röhrenfernseher von der Decke baumeln. Ein furchtbarer Gedanke, dass er seine letzten Tage an solch einem trüben Ort verbringen musste.
Vor dem Krankenhaus befindet sich eine Miniaturgrünfläche mit einer Sitzbank. Dieses Mal fahre ich nicht vorbei. Ich parke den Wagen hinter einer Baustelle, setze mich auf die Bank und starre auf die Eingangstür zum Krankenhaus. Manchmal werfe ich einen Blick auf meine Armbanduhr, so als würde ich darauf warten, dass er durch die Tür wieder hinaus kommt. Die Sonne scheint mir ins Gesicht; ich glaube, sie ist warm. Was kann ich tun, außer bleiben? Die Zeit würde Wunden am besten heilen, wenn sie sich zurückdrehen ließe.
Mit ein paar Handgriffen befreie ich den Grabstein von Blättern, Stielen und Ästen, tausche danach die alten verwelkten Rosen gegen neue aus. Dabei reiße ich mir an einem Dorn die dünne Haut zwischen Zeige- und Mittelfinger auf. Es blutet sofort und brennt. Provisorisch wickle ich ein Stück Taschentuch drum herum. Die Luft ist klar, aber nicht kalt. Ein traumhafter Herbst nach einem unterdurchschnittlichen Sommer, jedenfalls was die Temperatur angeht.
Als ich mich wieder aufrecht vor das Grab stelle, spüre ich, wie mir kurz die Luft wegbleibt. Die Zigeuner packen Klappstühle aus. Es ist zu befürchten, dass sie jeden Moment einen Grill aufstellen, also werfe ich einen letzten Blick zurück zu der Stelle, die bloß Symbol ist für die riesige Lücke, die er hinterlassen hat, und gehe noch ein Stück durch die Alleen.
Es dämmert bereits. Auf der Hauptstraße sind die Massen unterwegs, also spaziere ich durch die leereren und weitaus schöneren Nebengassen. Dieser Friedhof ist eine eigene Stadt und seine Mitbewohner die einzigen, unter denen nie ein Nachbarschaftsstreit ausbricht. Ich laufe vorbei am Kinderfriedhof, dessen Gräber mit Teddybären und Windrädern geschmückt sind, gehe unter Tannen her, die so dicht beieinander stehen, dass unter ihnen die Nacht bereits ausgebrochen ist. An „Allerheiligen“ ist der Friedhof ein noch wundersamerer Ort, da an keinem anderen Tag derart viele Lichter aufgestellt sind. Überall flackern Kerzen und Fackeln, ein Lichtermeer, das die Traurigkeit dieses Ortes mit Lebendigkeit überschwemmt.
Und ich schwimme. Ein Gefühl kehrt zurück, zuallererst in meine Hände, die sofort anfangen, sich durch das Wasser zu graben und sich so dem Gewicht an meinen Füßen entgegenstemmen. Für einen Augenblick schwebe ich auf der Stelle. Gerade möchte ich mich an diesen Zustand gewöhnen – es geht weder vorwärts noch zurück –, als mein Brustkorb sich aufbläht. Ich brauche dringend Luft zum Atmen. Meine Hände graben sich stärker ins Wasser. Sie schieben sich durch die Massen wie durch Menschenleiber, drängen sie beiseite mit aller Kraft.
Und dann … bewege ich mich. Aufwärts.
Die Krankenhaustür geht auf. Ich zucke zusammen, mein Herz schlägt mit voller Wucht gegen meinen Brustkorb. Eine junge Frau schiebt eine ältere Dame im Rollstuhl durch den Ausgang hinaus, sagt etwas zu ihr, dann verschwinden die beiden um die Ecke. Ich starre auf die Tür, die sich knatternd wieder schließt. Dies ist der letzte Ort, wo er lag - nicht sein Grab -, und ich scheine immer noch zu glauben, dass er irgendwo da drinnen ist. Ich scheine immer noch auf jene Hoffnung zu setzen, die zuletzt stirbt.
Ich lehne mich in die Bank zurück. Nicht weit entfernt läuten Kirchenglocken.
Wie Schnee liegen die Blätter auf dem Boden, und inmitten ihres Raschelns nehme ich plötzlich ganz leise Querflötenmusik. wahr. Ihre Sirenenklänge locken mich an, bis ich schließlich zu einer kleinen Kapelle gelange. Einen Augenblick stehe ich einfach unter einem der Fenster und lausche der Musik.
Wie können Wunden, die überhaupt nicht mehr zu sehen sind, immer noch weh tun?
Ich betrete die Kapelle. Vorne steht eine junge Frau mit langen braunen Haaren. Aber sie spielt gar nicht Flöte, wie ich zunächst gedacht hatte, sondern Klarinette. Schmunzelnd senke ich den Kopf. Der Friedhof scheint für mich heute auch ein Ort zu sein, an dem ich ein Klavier nicht von einem Schlagzeug unterscheiden kann.
Ein paar Minuten bleibe ich. An den Wänden hängen Totenmasken. Es sieht aus, als würden die Geister dieses Orts einen Blick durch die Mauern werfen. Irgendwer um mich herum scheint zwei Tonnen Knoblauch gegessen zu haben; mir weht ein Geruch entgegen wie in einer griechischen Großküche.
Nach ein paar Minuten nutze ich den Applaus für die Klarinettistin, um mich leise hinauszustehlen. In den vergangenen fünfzehn Minuten hat sich eine bilderbuchmäßige Abendschwärze über die Stadt gelegt, zwischen den dürren Ästen blätterloser Baumkronen glitzern der sichelförmige Mond und die ersten Sterne. Die flackernden Fackeln und Kerzen wirken im Dunkeln wie ihr Spiegelbild auf tosender See.
Als ich in meiner Manteltasche nach einem Taschentuch greifen will, spüre ich einen Stich zwischen Zeige- und Mittelfinger. Ich sehe nach der Wunde. Sie hat längst aufgehört zu bluten.
Man sieht nur noch einen kleinen Schnitt.
Ich kraule mich nach oben, bis ich schließlich durch die Wasseroberfläche stoße.
Ich stehe von der Parkbank auf, werfe einen letzten Blick hoch zu dem Fenster, hinter dem er lag.
Ich trete durch das Friedhofstor nach draußen.
Ich atme tief durch.
Wenn du jemanden für immer verlierst, heißt das nicht, dass du für immer verloren bist.
Es ist Zeit, zu gehen. Wunden werden heilen. Manchmal bleibt eine Narbe, die ich zwischendurch immer wieder spüre. Die mich daran erinnert, dass mein Leben weitergeht. Dass Dinge wieder gut werden können, oder wenigstens okay. Und dass es sich immer lohnt, um den einen Atemzug zu kämpfen, der mich zurück ins Leben bringt.
Du fehlst.

Montag, 24. Oktober 2011

Der Telefonmann

(http://www.youtube.com/watch?v=488R2SGldNM)

Letztens erreichte mich eine Nachricht von meiner Ex-Freundin J.: „Die Chinesen nennen dieses Phänomen ‚Ein Sack voller Geld’: Dieses Jahr haben wir vier außergewöhnliche Daten: 1.1.11 / 1.11.11 / 11.1.11 / 11.11.11! Zudem hat der Monat Oktober dieses Jahr 5 Sonntage, 5 Montage und 5 Samstage – Das ist nur alle 823 Jahre der Fall. Wenn Du die letzten beiden Zahlen Deines Geburtsjahres mit dem Alter, welches Du dieses Jahr geworden bist, zusammenzählst, erhältst Du die Zahl 111. Diese Zahl ist dieses Jahr für alle gleich und das bedeutet das Jahr des Geldes!!! Diese Jahre sind hauptsächlich als ‚Besitz von Geld’ bekannt. Dieses chinesische Sprichtwort sagt, dass Du dies 8 guten Freunden weitersagen musst, und das Geld kommt in den nächsten 4 Tagen, wie es durch das Feng-Shui erklärt ist. Diejenigen, die es nicht weiterleiten, erhalten auch kein Geld. Testet das mal – es ist zwar unglaublich, aber warte ab.“

Diese Kettenmail macht mir folgende Dinge deutlich: 1. J. sieht mich als einen von 8 guten Freunden. 2. J. braucht dringend Kohle. 3. Wer auch immer das geschrieben hat, sollte seinen Stil überarbeiten. Das „Alter, welches Du dieses Jahr geworden bist“? Ernsthaft? Ich habe noch nie jemanden gefragt: ‚Hey, wie Alter bist du dieses Jahr eigentlich geworden?’ 4. Anscheinend hat es gewirkt. J. hat sich seitdem nicht mehr gemeldet. Wahrscheinlich sitzt sie schon am Strand ihrer eigenen Insel in der Südsee und freut sich, dass sie so clever war. Kurzzeitig bin ich versucht, die Mail an acht Bankberater weiterzuleiten, um mal zu sehen, was da möglicherweise für mich herausspringt. Und jemand muss umgehend Griechenland informieren! Kettenmails. Natürlich! Dass Angela Merkel darauf noch nicht gekommen ist.

Dabei ist das ein altbekanntes System.

Bereits als Kind kannte ich solche Nachrichten. In einer Zeit, in der das Internet allerdings noch in ferner Zukunft lag, nannte man es KettenBRIEF. (Liebe Jugendliche: Ein Brief ist eine Mail in Papierform. Papier ist ein Produkt, mittels dessen eure Vorfahren sich im Unterricht haben Nachrichten zukommen lassen, also quasi der Vorgänger der SMS.) Oft sagten diese Kettenbriefe sogar den baldigen Tod voraus, wenn man die Nachricht nicht weiterleitete. Ich hab sie trotzdem weggeschmissen, und seitdem hat sich nicht einmal meine Sehstärke sonderlich verschlechtert. Was ausstarb war die Kommunikation per Brief, was traurig genug ist.

Aber es sind nicht nur dererlei Kettenmails, die mir manchmal so richtig gepflegt auf den Nerv gehen. Mittlerweile erhalte ich mehr SMS-Nachrichten von meinem Telefonanbieter als von Freunden (was nichts über den Gehalt meiner Freundschaften aussagt; der Mailverkehr hat sich auf Internetalternativen verlegt). Ständig erhalte ich Informationen über meine aktuelle Punktezahl, die ich im Shop gegen tolle Sachen eintauschen kann, wie eine Luftmatratze oder eine Klobrille mit dem Logo des Telefonanbieters, was nun wirklich für’n Arsch ist. Auch an dem kostenlosen Download des aktuellen Chartkrachers XY habe ich kein Interesse. Und: Nein, ich will auch an keiner Verlosung teilnehmen, zu deren Bedingung es gehört, dem Telefonanbieter meine Daten zur freien Verfügung zu überlassen. Die gehen mit meiner Telefonnummer eh schon viel zu laisse fair um, wie sie mir mit ihren nervigen Nachrichten immer wieder beweisen.

Natürlich gibt es auch jene Nachrichten, die in der Regel den direkten Weg in den Spamordner finden. Von irgendwelchen Medikamenten aus Kanada bis über „Enlarge your penis“-Angebote war alles dabei. Aber was soll ich damit? Meine Medikamente hol ich mir in der Apotheke um die Ecke.

Ich frage mich, welche verschachtelten Wege unsere Daten gehen, die wir im Internet hinterlassen. Wenn ich auf Spiegel Online einen Artikel lese, erscheint rechts ein Banner mit einer Werbung, die genau auf meine Interessen zugeschnitten ist. Woher zum Teufel weiß der Spiegel das? Wo haben die überall ihre Spione? Sowas findet man allerdings heutzutage überall im Netz, bei amazon.de, bei Facebook, überall dort, wo wir unsere Spuren hinterlassen, scheint sich irgendeine schlaue Maschine zu merken, was unsere Interessen sind. Diese Info wird dann weitergeleitet an eine riesige Werbemaschinerie, die uns nun gezielt zum Kauf verlocken kann. Mann, bin ich froh, mein Indiana-Jones-Kostüm im stationären Handel gekauft zu haben. Sonst würde ich überschüttet mit Werbebannern, die mir Lederpeitschen schmackhaft machen wollen.

Aber mal ernsthaft: Wie privat sind wir eigentlich noch in einer Zeit, in der das Öffentlichmachen von Informationen und die ständige Ereichbarkeit zum guten Ton gehören? Manchmal schalte ich mein Handy bewusst für ein paar Stunden aus, um mal nicht permanent verfügbar zu sein, eine Handlung, die so manchen regelrecht zu provozieren scheint. „Ich habe dreimal versucht, dich zu erreichen“, hört man dann vorwurfsvoll und bekommt ein schlechtes Gewissen, so als sei es die Pflicht eines jeden, immer parat zu stehen. Der Luxus des 20. Jahrhunderts fand sich in der immer schnelleren Verfügbarkeit des Menschen. Der Luxus des 21. Jahrhunderts wird darin bestehen, sich eben dieser Verfügbarkeit zu entziehen. Aber das werden die großen Konzerne schon zu verhindern wissen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Apple bei seinem iPhone den Ausschalter abschafft. Das wird die Sensation der nächsten Präsentation, und Steve Jobs sieht von seiner iCloud lächelnd dabei zu.

Ich habe J.’s Kettenmail nicht weitergeleitet und damit in Kauf genommen, weiter ein armer Künstler zu sein, der bei Suppe und Brot in seiner Lehmhütte darbt. Für dieses Schicksal gibt es sicher auch irgendein kluges chinesisches Sprichwort; ich werde mal X in Nanjing fragen, die müsste es wissen. Allerdings schickte ich J. eine Antwort.

Lesen Sie sich bitte noch einmal die Original-Nachricht vom Anfang dieses Blogs durch, bevor Sie sich ansehen, was ich J. darauf entgegnete.

Gelesen? Gut. Hier meine Antwort: „Die geistig Verwirrten nennen dieses Phänomen ‚Ein Hirn voller Luft’: Dieses Jahr haben wir 365 stinknormale Daten: 1.1.11 / 2.1.11 / 3.1.11 / 4.1.11 usw. Zudem hat der Monat Februar dieses Jahr 4 Montage, 4 Dienstage, 4 Mittwoche, 4 Donnerstage, 4 Freitage, 4 Samstage und 4 Sonntage. Außerdem kehren die Dinosaurier auf die Erde zurück – Das ist nur alle 235 Millionen Jahre der Fall. Wenn Du die letzten beiden Zahlen Deines Geburtsjahres mit dem Alter Deiner Urgroßmutter zusammenzählst, Du dabei einen Shake mixt und vergisst, den Mixer mit dem Deckel zu verschließen, erhältst Du irgendeine unerhebliche Zahl und eine gehörig versaute Küche. Dieser Umstand ist dieses Jahr und alle folgenden Jahre für alle gleich, und das bedeutet der Tag des Putzens!!! Diese Tage sind hauptsächlich als ‚Besitz von Putzmitteln’ bekannt. Dieses geistig verwirrte Sprichwort sagt, dass Du dies 1 Mitarbeiter der Geschlossenen weitersagen musst, und die Männer mit der Zwangsjacke kommen in den nächsten 4 Minuten, wie es durch das psychologische Gutachten erklärt ist. Diejenigen, die es nicht weiterleiten, erhalten auch keine Medikamente. Testet das mal – es ist zwar unglaublich, aber warte ab.“ Versenden Sie den Link zu diesem Blog an 8 gute Freunde, dann werden Sie lange leben, reich, weltberühmt, kriegen einen Geschenkkorb, der auf Ihre Wünsche zugeschnitten ist, mit Wurst und Eiern und Honig und Putzmitteln, und zudem erhalten Sie eine Heizdecke, auf dem der ganze Käse noch einmal in Großbuchstaben abgedruckt ist. Posten Sie zu diesem Zweck Ihre Bankdaten öffentlich bei Facebook, dann sind die Sachen schon morgen auf dem Weg zu Ihnen. Sagt ein chinesisches Sprichtwort. Ehrlich! Hey, MIR können Sie doch vertrauen ...

Montag, 17. Oktober 2011

Coming Home

(http://www.youtube.com/watch?v=qe_y10yRsQM)

„Ich weiß einfach nicht weiter.“ Er sieht mich an, als würde er sich von mir die Generallösung für alle seine Probleme erhoffen, aber alles, was ich tun kann ist, seinem Blick standzuhalten und tief durchzuatmen. Keine Ahnung, was ihm das sagen soll. „Ich stecke irgendwie fest“, fährt er fort. „Ich weiß, dass ich etwas verändern müsste, mache es aber nicht.“ Klassiker, denke ich, ohne es auszusprechen. Er ist eben einer von so vielen, die nicht das Leben führen, das sie sich erhofft haben.

Mein guter Freund – nennen wir ihn S. –, der mit beinahe resignierendem Ausdruck auf meinem Sofa sitzt, ist keine Ausnahme. In meiner Generation fällt es mir immer häufiger auf: In einer Zeit, in der wir sind, was wir tun, verbringen wir unglaublich viel Zeit damit, Dinge zu tun, von denen wir glauben, sie tun zu müssen, statt jene, die wir tun wollen. Das ist ne Menge „tun“ in einem Satz für etwas, das uns auf der Stelle treten lässt. In den entscheidenden Momenten handeln wir viel zu oft eindeutig zu wenig, davon kann S. ein Lied singen. Er führt seit Jahren eine Beziehung, die nie von großer Liebe oder überwältigender Leidenschaft geprägt war. Er und seine Freundin haben sich, ohne es auszusprechen, auf einer Ebene miteinander arrangiert, die für WG-Mitglieder beste Vorraussetzungen schafft, mit einer Liebesbeziehung aber nur wenig zu tun hat. Es gab schon unzählige Auseinandersetzungen zwischen den beiden, in denen sie sich werweißwas an den Kopf geworfen haben, und trotzdem hat noch keiner von ihnen gewagt, die Wahrheit auszusprechen. So wie es wirklich ist. Wie kommt es nur, dass wir einander alle möglichen verletzenden Dinge sagen können, ohne mit dem anderen zu reden?

Während er vor mir sitzt, fällt mein Blick an ihm vorbei auf ein Foto. Es steht auf dem Notenständer meines Klaviers, ist teilweise verdeckt von anderen Bildern. Aber ich sehe sie, ihre Haare, ihre Augen, alles, was mir immer noch an ihr vertraut ist. Ich bin ihr schon länger nicht mehr begegnet. Warum steht ihr Foto da?

Ich bin etwas hibbelig. Nach Monaten ist sie heute mal wieder für diesen einen Tag in der Stadt. Ich habe die ganze Zeit an sie gedacht, habe es aber beiseite gewischt und verdrängt, als wäre es nicht wichtig. Aber wenn es wirklich nicht wichtig ist: Warum steht ihr Foto noch auf meinem Notenständer? Der Gedanke an sie ist glasklar, und sie wiederzusehen erscheint mir wie die Eröffnung tausender Möglichkeiten. Aber es ist sinnlos. Was soll ich schon tun? Zu ihr fahren und ihr sagen, dass sie bleiben soll? Das Leben ist kein Hugh-Grant/Julia-Roberts-Film. Zwecklos sich was vorzumachen.

„Ich will eine Frau, die mich leidenschaftlich liebt“, sagt S. „Die mir zeigt, das sie mich will.“ Nach Jahren in einer Beziehung, die ihm nicht geben kann, was er sich wünscht, scheint er nicht mehr zu glauben, dass eine solche Frau existiert. Allerdings trifft ihn die gleiche „Schuld“ wie seine Freundin. Wenn er ihr nicht klarmacht, wie heikel die Situation ist, hat sie auch keine Möglichkeit darauf zu reagieren. Das ist nicht fair, und wenn die beiden irgendwann vor den Scherben ihrer Beziehung stehen, muss er sich den Vorwurf gefallen lassen, warum er ihre Zeit mit jemandem verschwendet hat, der permanent Ausschau nach Alternativen hält. Sie wiederum sieht in ihm keinen gleichberechtigten Partner, was der Tod einer jeden Beziehung ist. Es hat noch nie funktioniert, mit jemandem zusammen zu sein, dem man nicht auf Augenhöhe begegnet. (Höchstens in einer Beziehung mit einem Basketballer, aber das ist ja was anderes.) Von Schuld kann man bei den beiden allerdings gar nicht reden. Ihre Beziehung ist einfach ein Riesenmissverständnis. Irgendwann haben sie halt irgendwie gedacht, man könnte ja mal, weil man doch irgendwas gemeinsam hat … Und schwupps sind drei Jahre vergangen und man hängt immer noch im irgendwann, irgendwie, irgendwas fest, ohne dass die Beziehung eine erkennbare Entwicklung vollzogen hat.

Mitten in meine küchenpsychologischen Ausführungen darüber, dass er Verantwortung trägt für sich selbst, für seine Freundin, für das Sofa, auf dem er sitzt, erreicht mich plötzlich eine SMS. Ich weiß sofort, dass sie von ihr ist. Irgendwie klingelt das Handy anders, wenn sie sich meldet. „Mein Flieger geht um 21:50 Uhr. Ich würde dich so gerne sehen.“ Ich lese ihre Nachricht mehrere Male, drücke sie dann weg und versuche, mich wieder auf S. zu konzentrieren. Wem würde es was bringen, wenn sie und ich uns wiedersähen? Es würde uns beiden bloß wehtun. Wir hatten alle Möglichkeiten und haben keine genutzt. Dass sie mir fehlt ist wahrscheinlich bloß eine Folgeerscheinung der schönen gemeinsamen Erinnerung, geht es mir durch den Kopf; die beste Methode, sich nicht weiter mit tieferen Gefühlen auseinandersetzen zu müssen.

Es sind so viele, die sich zurückhalten, weil sie glauben, dass man das eben so macht. Eine Freundin von mir träumt von der großen Schauspielkarriere. Das Potential dazu hat sie. Aber es gehört – neben viel Glück – eben mehr dazu, als ein paar Castings zu besuchen. Sie müsste eigentlich alles auf eine Karte setzen und nur noch auf diesen einen Traum hinarbeiten. Ein anderer Freund antwortet auf die Frage, wie es ihm geht, immer gleich: „Stress.“ Sein Tonfall dabei verrät, dass er sich mittlerweile nicht nur mit seiner Rolle als der ewig Geplagte abgefunden hat, sondern sich darin sogar gefällt. Auf diese Weise hat er eine Entschuldigung für alle und alles: miese Laune, Verspätungen bei Verabredungen, etc. Aber warum versucht er es nicht einfach mal damit, ein Leben zu führen, dass ihn glücklich macht? Und damit kommen wir zum entscheidenden Faktor: Wir sind immer weniger bereit dazu, etwas zu riskieren. Immer wieder wägen wir ab, damit wir wenigstens mit plus/minus Null aus der Sache herauskommen. Die Gefahr zu scheitern, lässt uns genügsam werden.

Als ich zwölf Jahre alt war, verknallte - ach, was sage ich: verexplodierte - ich mich in ein Mädchen aus meiner Klasse. Ein Jahr lang sagte ich ihr nichts, weil ich fürchtete, sie würde mir eine Abfuhr erteilen. Dass sie genauso für mich empfinden könnte, überstieg meine Vorstellungskraft. Es war einfacher, sie im Stillen zu lieben und dieses Geheimnis für mich zu bewahren. Manchmal schrieb ich ihr Briefe, die ich ihr nie gab. Vor dem Spiegel sagte ich tausendmal selbstbewusst „Du bist umwerfend“, während ich mir vorstellte, sie vor mir zu haben, kriegte in ihrer Nähe aber kein Wort heraus. Ich küsste meinen Handrücken, um zu üben, nur für den Fall, dass eine wundersame Fügung uns doch eines Tages zueinander führen würde. Aber ich offenbarte mich ihr nie, und als das Schuljahr vorbei war, kehrte sie nach den Sommerferien nicht wieder zurück. Ihre Eltern hatten aufgrund eines Jobangebots die Stadt verlassen, und was mir blieb war ein angeknackstes Herz und ein wundgeküsster Handrücken. In den folgenden Jahren malte ich mir manchmal aus, was wohl geworden wäre, wenn ich es ihr gesagt hätte. Natürlich hätte es an dem Umzug nichts geändert, aber vielleicht wäre für eine gewisse Zeit etwas ganz besonderes aus uns entstanden.

Manchmal hat man tausende Chancen. Und dann keine mehr.

Nach unserer Unterhaltung beschließen S. und ich, am Abend zusammen etwas trinken zu gehen. Er muss bis dahin ein paar Erledigungen machen, ich muss zur Abendschule und eine Deutschklausur schreiben. Als es bereits dunkel ist, fahre ich mit dem Wagen vom Parkdeck der Schule hinunter und die Straße entlang, als ich plötzlich ein Lied im Radio höre. Es ist eine Neuvorstellung. Sofort fahre ich rechts heran, stelle den Motor ab und lausche dem Text. Es ist, als würde die Sängerin direkt zu mir sprechen. Ist das Lied ihre Nachricht an mich? Ich sehe die Kronen der Kastanienbäume im Wind wiegen. Der Boden unter ihnen ist übersät mit Blättern. Ein letztes Aufbäumen der Natur. Eine letzte Chance.

Die letzte Chance?

Mein Herz klopft und mein Gesicht wird mit einem Mal ganz heiß. Ich werfe einen Blick auf die Uhr am Autoradio: 20:05 Uhr. ‚Das müsste zu schaffen sein’, denke ich. Und dann höre ich endlich auf zu denken. Ich starte den Motor, fädele in den Verkehr ein, ziehe in halsbrecherischer Manier rechts rüber, um im letzten Augenblick auf die Autobahn abzubiegen. Mit konzentriertem Blick auf die Straße greife ich nach meinem Handy, spreche S. eine Nachricht auf die Mailbox, damit er weiß, dass ich mich verspäten werde, und gebe dann etwas mehr Gas. Alle paar Sekunden springt mein Blick auf die Uhr am Radio, so als würde ich befürchten, dass die Zeit plötzlich einen gewaltigen Sprung nach vorne macht. Ich muss rechtzeitig da sein. Ich muss einfach.

Als das Schild zum Flughafen Düsseldorf verweist, nehme ich die Ausfahrt. Und als ich seine Lichter von Weitem sehe, weiß ich: Egal wie das hier ausgeht, ich befinde mich tatsächlich gerade in meinem ganz eigenen Hugh-Grant/Julia-Roberts-Film. Nur passiert es wirklich. Und je mehr ich mich dem Flughafen nähere, desto mehr wird mir bewusst: Wenn das hier funktioniert, erreiche ich einen Ort, der tausenden Menschen täglich tausende Möglichkeiten bietet, auf schnellstem Wege zu verschwinden. Aber ich, ich komme nach Hause.