Montag, 6. Dezember 2010

Let it snow

(http://www.youtube.com/watch?v=mN7LW0Y00kE)

Nun ist es also wieder soweit: Die Zeit der Weihnachtsmärkte ist angebrochen. Endlich wieder den Hintern abfrieren bei einer Tasse Glühwein und einer Bratwurst. Endlich wieder viel zu viel Geld ausgeben für den immergleichen Krimskrams, den man, würde einen die vorweihnachtliche Stimmung nicht vernebeln, eigentlich gar nicht haben wollte. Zeit also für einen Weihnachtsmärktetest.

Als erstes besuche ich mit Julia den Markt auf dem Rudolfplatz in Köln. Es ist Abend, die Straßen sind schneebedeckt, in den Schaufenstern der Kioske blinken bunte Lichterketten (okay, die hängen da eigentlich das ganze Jahr über), und ich freue mich schon darauf, die heimelige Atmosphäre der Weihnacht zu spüren. Handwerkskunst, Spielzeug aus Holz, lauter liebevoll selbstgemachte Dinge. Fröhliche Menschen, die dem Fest der Liebe entgegen fiebern. Hach, das wird schön! Auf dem Rudolfplatz erwartet mich jedoch zunächst Fressbude an Glühweinstand an Fressbude. Und Menschen. Viele Menschen. Immerhin sind sie fröhlich (was kein Wunder ist, wenn man bedenkt, dass die meisten von ihnen schon jeweils einen halben Liter Glühwein mit Schuss intus haben). Die festliche Stimmung ist greifbar, als mich der Geruch von altem Frittenfett umhüllt und mir mein Vordermann seinen Ellbogen in den Wangenknochen rammt. Herrlich, diese Menschenmassen. Gibt ein ganz neues Wir-Gefühl.

Nach einer Weile entdeckt Julia einen Stand mit selbstgemalten Bildern aus Öl, aber ich traue mich nicht, stehenzubleiben, da mich die Menschenlawine ansonsten überrollt. Von hier hinten sehen die Bilder allerdings toll aus. Glaub ich. Hab meine Brille nicht an.

Da Julia keinen Alkohol trinkt, entscheidet sie sich für einen Kakao, während ich meine Tasse Glühwein an die Lippen führe und mir prompt die Zunge verbrenne. Ich Dummerchen! Heißt ja auch „Glühwein“ und nicht „Lauwarmwein“. Der MUSS die Temperatur eines glühenden Stücks Grillkohle haben. Ham wer wieder was gelernt.

Als das Taubheitsgefühl aus meiner Zunge verschwunden ist, ist der Glühwein zum Kaltgetränk geworden. Aber was solls: Der nächste Weihnachtsmarkt wartet bereits.

Auf dem Neumarkt fällt mir erst nach Minuten auf, dass keine Weihnachtsmusik läuft. Julia erklärt mir, dass die Gema (die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte) einen Preis verlangt hat, den die meisten Städte nicht bereit sind zu zahlen, und so bleibt der musikalische Teppich aus. Schön zu sehen, dass das Fest der Liebe nicht zur Party der Geldgier geworden ist. Nur einen Nikolaus hört man von einer Bühne in einschläfernd monotoner Stimme eine Weihnachtsgeschichte herunterleiern. Endlich mal jemand, der seinen Job liebt.

Julia und ich haben Lust auf etwas Süßes. An einem Waffelstand entscheidet Julia sich für „Apfelringe in Teigmantel“, die sich später als „Abfallringe in Fettkruste“ herausstellen sollen. Als ich den wortkargen Mann hinter dem Verkaufstresen wissen lasse, dass ich außerdem gerne eine Waffel hätte, sieht er mich an, als hätte ich einen an der selbigen und sagt: „Die musste bei der Kollegin bestellen.“ Er deutet auf eine Ende dreißigjährige Friseurin mit ondulierten Locken und pinken Fingernägeln, die nur einen halben Meter neben ihm steht. Der Sinn der Sache erschließt sich mir nicht so ganz, aber vielleicht ist das einfach die moderne Form von Beschäftigungstherapie. Und möglicherweise kann ich mir bei ihr gleich auch noch die Haare schneiden lassen.

Gestärkt gehen Julia und ich ein paar Minuten später weiter, als mir plötzlich ein penetranter Käsegeruch die Sinne verklebt. Kurz überlege ich, ob ich vergessen habe, mir die Füße zu waschen, da entdecke ich auch schon den Raclettestand, von dem dieser liebliche Duft ausgeht. Geruch, um es neutral zu formulieren. Gestank, wenn man realistisch bleiben will. Julias Handy klingelt, und wir bleiben für einen Augenblick stehen, da es einen Menschenstau gibt. Oh Gott, gleich sterbe ich. Dieser Ge…ruch! Auf einem Pferd kommt mit einem Mal ein Engel an uns vorbeigeritten, und Julia sagt in ihr Handy: „Da kommt grad ein Engel auf einem Pferd an uns vorbeigeritten.“ Auch dafür muss man Weihnachtsmärkte einfach lieben: Solch einen absurden Satz hört man nur hier. (Und in der geschlossenen Abteilung für Schizophrenie-Patienten.) Das Pferd selber scheißt auf die ganze Veranstaltung – im wahrsten Sinne des Wortes.

Nach einem Augenblick, in dem ich fast den Erstickungstod sterbe und mein Leben noch einmal in kurzen Abfolgen an mir vorbeilaufen sehe, geht es endlich weiter. Diesen Weihnachtsmarkt habe ich knapp überlebt.

In Nürnberg besuche ich mit ein paar Leuten den Christkindlmarkt, der an diesem Tag eröffnet wird. Auf dem Weg dorthin entdecke ich in einer Seitenstraße einen Nikolaus gegen einen dünnen Baumstamm strullen, und nur hundert Meter weit entfernt steht ein zweiter Nikolaus und versucht, seinem Yorkshire Terrier Kunststücke zu entlocken. Der Hund ist ebenfalls gekleidet in ein Nikolauskostüm, und seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, verweigert er jegliche artistische Einlage, weil ihn dieser erniedrigende Aufzug komplett ankotzt. Die Würde des Hundes ist leider antastbar.

Auf dem Christkindlmarkt an der Frauenkirche liegt der Fokus eindeutig auf dem Früchtebrot und den Lebkuchen. Das Zeug gibt’s hier überall zu kundenfreundlichen… nee, verkäuferfreundlichen Preisen. Etwa 180 Holzbuden, bespannt mit rot-weißem Stoff, bieten hier zudem das, was ich von einem Weihnachtsmarkt erwarte: Krimskrams, der schön zum Angucken ist, den man aber bloß nicht mitnehmen sollte. Es herrscht eine märchenhafte Atmosphäre (wenn man davon absieht, dass der märchenhafte Schnee zu weltlichem Matsch verkommen ist). An uns vorbei marschiert eine prächtige Kapelle aus vier Pauken, drei Blockflöten, einer Triangel und acht besoffenen Jugendlichen, die mit glasigem Blick und einer Bierflasche in der Hand in die Menschenmenge winken. Sie sehen aus, als seien sie vom 11.11. in Köln übriggeblieben. Zwei von ihnen grölen „Pussy“ von Rammstein, dessen besinnlichen Text sie zu einem einzigen „Sch“-Laut herauslallen (wofür alle Anwesenden in dem Augenblick sehr dankbar sind) und das rhythmisch nicht so recht zu der Flöten-Pauken-Musik passen will. Ja, da kommt man doch so richtig in Stimmung. Zwar nicht für Weihnachten, sondern dafür, sich zu Hause einzuschließen und den Kopf in den Backofen zu stecken, aber auch schön.

Kevin, einer aus unserer Truppe, freut sich bereits auf gebrannte Mandeln in Raffaello-Ummantelung. Den halben Weg hierher hat er mir davon vorgeschwärmt. An einem Stand entdeckt er die kleinen, weißen Objekte seiner Begierde und kauft sich eine Tüte, wirft sich begeistert eins davon in den Mund und verzieht gleich – weniger begeistert – das Gesicht. „Scheiße, die sind ganz kalt“, sagt er. „Die müssen warm sein.“ Tja, man kann es einfach niemanden recht machen: Der Glühwein ist zu heiß, die gebrannten Mandeln sind zu kalt. Kevins Stimmung ist lau. Aus der Ferne hört man in diesem Augenblick ein gegröltes „Pussyyyyy“ vom Chor der besoffenen Jungs.

Der letzte Weihnachtsmarkt befindet sich in Stuttgart. Als wir auf den recht überschaubaren Markt gehen, erreicht mich eine SMS. „Guten Morgen und einen schönen zweiten Advent! :-) :-*“, schreibt Lena. Ein Blick auf die große Uhr in der Nähe des Marktes verrät mir, dass „Morgen“ ein dehnbarer Begriff ist: Es ist 13 Uhr 32.

Der Stuttgarter Weihnachtsmarkt ist aufs Nötigste reduziert, was bedeutet, dass er nur aus Fress- und Saufbuden besteht. Hier gibt es keine Holzenten, keine Kerzen mit Vanillegeruch, gelbgoldene Lavalampen, Kirschkernkissen bestickt mit Rentieren. Hier heißt es: Saufen Sie sich in Stimmung! Diesem Motto sind einige Anwesende auch bereits nachgekommen.

Als wir uns durch die feuchtfröhliche Menge gekämpft haben, entdecke ich eine künstlich angelegte Eisfläche und versuche, meine Truppe dazu zu überreden, ein paar Runden Schlittschuh zu laufen. Aber die wollen lieber dem Marktmotto nachgehen. Zwei etwa 16jährige Jungs schlendern an mir vorbei. Sie tragen Kaputzenpullis und Hosen, die ihnen bis zum Knie hängen. „Ey, Weihnachtsmarkt is voll schwul, Alta!“, sagt der Eine, und noch während ich darüber nachdenke, ob ein Weihnachtsmarkt überhaupt irgendeine definierbare sexuelle Ausrichtung hat, entgegnet der Andere: „Ey, deine Mutter is schwul!“, was meinen Sinn für Logik endgültig zerschlägt.

Julia begibt sich auf die Suche nach einem Kakao, scheitert aber an ihren Ansprüchen, die allein daraus bestehen, dass er gut schmecken soll. Also sieht sie uns anderen dabei zu, wie wir Glühwein trinken. Ich habe natürlich gelernt und puste erst einmal zwei Minuten in meine Tasse, bevor ich einen ersten Schluck nehme. Leider war der Glühwein schon vorher lauwarm, und ich habe ihn bloß noch lauer gepustet. Aber was soll’s!? Ob der Glühwein nun kalt ist oder der Weihnachtsmarkt schwul, viel wichtiger ist, dass ich eine wirklich gute Zeit hatte. Und das nächste Mal klappt’s sicher auch mit dem Glühwein.