Montag, 13. Dezember 2010

The End

(http://www.youtube.com/watch?v=7a_8F6gflxQ)

Sonntag, 28. November 2010: Das Telefon klingelt gerade, als ich aus der Dusche steige. Eilig binde ich mir ein Handtuch um die Hüften. Meine Füße hinterlassen eine nasse Spur, während ich über den Laminatboden trippel, geradewegs ins Wohnzimmer, wo mein Handy auf meinem schiffgroßen Sofa vor sich hin trällert. Bevor ich das Gespräch annehme, werfe ich einen Blick auf das Display – und erstarre. Eine Gänsehaut zieht sich meinen Nacken hinab. Mein Herz beginnt, schneller zu pochen. Kann es wirklich sein? Nach all den Jahren … Nie hätte ich damit gerechnet, dass sie jemals wieder in mein Leben treten würde. Aber es ist eindeutig ihre Nummer, die da auf dem Display meines Handys aufleuchtet; ich würde sie unter Millionen anderen wiedererkennen. Ich nehme das Handy in die Hand und starre es an wie eine Kiste, die Glück oder Unheil enthalten kann, starre ihre aufleuchtende Nummer an, fahre mit dem Daumen erst über die Taste mit dem roten Hörer, dann über jene mit dem grünen, weiß nicht, welche ich drücken soll und frage mich: Kann diese Geschichte tatsächlich noch ein glückliches Ende nehmen ...?

Und sofort kehrt die Erinnerung an sie zurück – an die Frau, die ich einst „Allie“ nannte.

Das erste, was ich von ihr sah, war ein Foto an einer Pinnwand, ein Schnellschuss, nichts besonderes. Einfach hingestellt und abgedrückt. Ich weiß noch genau, wie mir damals zwei Dinge durch den Kopf gingen: Sie ist verdammt hübsch, dachte ich, und: In sie könnte ich mich verlieben. Ich habe ihr nie davon erzählt. Sie hätte es mir nicht geglaubt.

Ein paar Monate später stand ihre Zahnbürste in meinem Zahnputzglas. Wir bereiteten Meeresfrüchte zu, an drei aufeinander folgenden Tagen, ohne dass wir ihrer überdrüssig wurden. Wir sahen uns Filme an. Ich legte jedes Wort auf die Goldwaage, sie beklagte ihren Bauch. Das tat sie oft. Ich wünschte mir, ich hätte ihr gesagt: Ich liebe dich so wie du bist. Ich liebe dich mit einem Kilo weniger, und wenn du noch fünf zulegst, liebe ich dich genau so sehr. Ich wünschte, ich hätte ihr gesagt: Ich liebe dich so wie du heute bist. Ich liebe dich wie du gestern warst und wie du morgen sein wirst. Aber vermutlich hätte sie mir auch das nicht geglaubt; wir Menschen neigen dazu, unserem eigenen Glück zu misstrauen.

Wenn wir beieinander waren gab es nur einen von zwei möglichen Gemütszuständen: Überbordend vor Glück oder hundertprozentiger Schmerz. Bei uns gab es nie etwas dazwischen. Eigentlich passten wir kaum zueinander – sie passte zumindest deutlich weniger zu mir als die Frau vor ihr und jene, die nach ihr kam –, und wir stritten oft wegen irgendwelcher Kleinigkeiten. Aber vielleicht war es genau das, was uns so eng miteinander verband. Wir wussten, dass der Andere ein Abenteuer darstellte, das wir noch nie eingegangen waren. Wir hatten zuvor immer nach Menschen gesucht, die zu hundert Prozent unsere Bedürfnisse stillten, um uns komplett zu machen, und dabei ganz außer Acht gelassen, wie egoistisch und bequem das im Grunde ist. Als wir uns begegneten, begriffen wir von der ersten Sekunde an, dass das einzig Entscheidende zwischen uns passte: Das Gefühl.

Eines Tages erzählte ich ihr von einem Film, den ich vor Kurzem im Kino gesehen hatte, eine Verfilmung des Nicholas-Sparks-Romans „Wie ein einziger Tag“. Der Film hatte einen Eindruck bei mir hinterlassen, da er es schafft, von großen Gefühlen zu erzählen und dabei immer am Schmalz vorbeizuschrammen. Auch das Buch hatte ich gelesen – kein großer literarischer Wurf, aber eine rührende Geschichte –, und sie bat mich gleich, es ihr vorzulesen, um anschließend gemeinsam den Film zu schauen.

Und so geschah es: Von da an las ich ihr zu jeder Gelegenheit aus „Wie ein einziger Tag“ vor: In meiner Garderobe, im Park, am See, im Bett, im Café. Als das Buch sich dem Ende neigte, saßen wir in einer lauen Sommernacht bis vier Uhr morgens im Auto, sie ihren Kopf an mich gelehnt und ich mit leiser Stimme vorlesend. An manchen Stellen seufzte sie, nickte zustimmend oder brummte, wenn sie nicht der Meinung der Protagonisten Allie und Noah war. Erstaunlicherweise erkannte ich uns in der Geschichte erst, während ich sie ihr vorlas. Manchmal passten ganze Dialoge exakt zu dem, was wir beide uns nur wenige Tage zuvor gesagt hatten. Wir fanden das bemerkenswert. (Aber möglicherweise ist die Wahrheit total profan und die Dialoge von Nicholas Sparks sind allgemeingültig und passen zu jedem zweiten Paar.) Von dieser Nacht an nannten wir uns „Allie“ und „Noah“, so wie andere „Schatz“ oder „Liebling“ sagen, auch etwas, das uns näher zusammenrücken ließ.

Aber das Leben ist nun mal kein Buch, und man kann das ewig währende Glück solch geschriebener Romanfiguren nicht auf sein eigenes Leben übertragen. Einige Monate später stand meine Zahnbürste wieder allein in meinem Zahnputzglas, und was blieb, war das, was am Ende immer bleibt: Erinnerungen. Ich würde nicht sagen, dass Allie meine große Liebe war; wahrscheinlich war sie es nicht. Aber sie ist die Frau, nach deren Verschwinden die meisten Fragen offen geblieben sind, auf die ich – einige Jahre später – nun also möglicherweise tatsächlich Antworten bekommen sollte.

Das Handy in meiner Hand klingelt noch immer. Ihre Nummer leuchtet weiterhin auf, aber ich empfinde den Schmerz nicht mehr, den sie in meinem Leben hinterlassen hat. Ich weiß gerade gar nicht, was ich überhaupt empfinden soll. Und deshalb lasse ich das Handy klingeln, bis es schließlich verstummt und nur noch die Nachricht übrig bleibt: „Ein unbeantworteter Anruf.“ Möglicherweise werde ich mich nun immer fragen, was sie bloß von mir wollte, geht es mir durch den Kopf. Wissen, wie es mir geht? Eine zweite Chance? Absolution? Aber eigentlich ist das gar nicht wichtig. Sie ist in meinem Leben kein Mensch aus Fleisch und Blut mehr, bloß noch eine Erinnerung, die von Jahr zu Jahr vager wird.

Hiermit findet die Geschichte ihr Ende, denke ich. Zwei Wochen später werde ich jedoch eines Besseren belehrt.

Freitag, 10. Dezember 2010: Ich frühstücke gerade, als es an der Tür klingelt. Der Postbote, wie meist um diese Zeit. Ich drücke ihm die Tür auf, esse zu Ende, werfe mir dann meinen Mantel über und mache mich auf den Weg zum Studio. Beinahe laufe ich am Briefkasten vorbei, denke dann aber doch daran nachzusehen, ob mich irgendeine vermaledeite Rechnung erwartet. Ich halte schließlich zwei Briefe in den Händen. Der eine stellt sich als Werbebrief meines ehemaligen Optikers heraus. Den Verfasser des anderen Briefes erkenne ich sofort, ich muss nicht einmal einen Blick auf den Absender werfen. Dass einem auch nach Jahren noch so etwas wie eine Handschrift dermaßen vertraut sein kann … Ich eile die Stufen zu meiner Wohnung hinauf, setze mich auf mein schiffgroßes Sofa und wende den Brief in meinen Händen. Was erwartet mich, nun, da ich also doch erfahren soll, warum Allie mich sprechen wollte? Ein bisschen beeindruckt bin ich schon: Lange hat keine Frau mehr sich so darum bemüht, von mir gehört zu werden. Aber warum jetzt? Nach all der Zeit …

Ich öffne den Umschlag und ziehe zwei DIN-A4-Blätter hervor, beidseitig beschrieben. Sie scheint mir einiges zu sagen zu haben. Kurz schallt eine Stimme durch meinen Kopf: „Lies ihn nicht! Verbrenn ihn einfach!“, aber die Neugier und ein weiteres, nicht zu definierendes Gefühl lässt mich das Papier auseinander falten. Ich lese den Brief. Zweimal. Das erste Mal, um zu erfahren, was sie mir schreibt.

Das zweite Mal, um es zu begreifen.

Danach sitze ich eine Weile gedankenversunken da und weiß wieder nicht, was ich empfinden soll, als mich plötzlich der SMS-Ton meines Handys aufschrecken lässt. Ich nehme das Handy zur Hand, in Gedanken noch immer bei dem Brief, der Vergangenheit, und lese einen Namen auf dem Display. Und ich muss unweigerlich lächeln, denn der Name, den ich da lese, ist die Gegenwart. Ich sehe vom Handy zum Brief. Ein Stich. Immer wieder blicke ich zwischen Vergangenheit und Gegenwart her, und ich frage mich, was davon zugleich meine Zukunft ist.

Und schließlich lächel ich über das ganze Gesicht. Und blicke nach vorn.