Montag, 29. November 2010

Always look on the bright side of life

(http://www.youtube.com/watch?v=WlBiLNN1NhQ&feature=related)

Na, sind Sie auch so glücklich wie der Rest der Welt? Der französische Schriftsteller und Philosoph Charles-Louis de Montesquieu sagte einmal: „Wir wollen nicht nur glücklich sein, sondern glücklicher als die anderen. Und das ist deswegen so schwer, weil wir die anderen für glücklicher halten, als sie sind.“ Dennoch will man uns pausenlos eintrichtern, wie verdammt glücklich wir alle doch gefälligst zu sein haben.

Es beginnt bereits am frühen Morgen: Ich schmeiße mich ins Auto und ziehe mit meinen Fingern meine schwerfälligen Augenlider auseinander. Die Uhr zeigt 7:45 Uhr an. Shit! Ich schalte das Radio an, um mich von Musik berieseln zu lassen, werde stattdessen jedoch von zwei supidupigutgelaunten Moderatoren bespaßt, die aus dem Lachen gar nicht mehr herauskommen. Nichts scheint die zwei mehr zu begeistern, als morgens um 7:45 Uhr die Leute mit lauwarmen Witzchen und gestellter guter Laune zu penetrieren.

Sie: „Ist das nicht ein herrlicher Morgen, Lars?“

Er: „Ein herrlicher Morgen, Anne!“

Sie: „Überall Schnee, alles weiß. Da macht das Aufstehen doch richtig gute Laune.“

Er: „Vor allem das Aufstehen, wenn man vorher auf dem glatten Boden ausgerutscht ist.“

Sie (lacht ein hohes, verschlucktes Lachen): „Die Jungs von der Streusalzindustrie haben heute mit Sicherheit sehr gute Laune.“

Er (lacht ein tiefes, kurzes Lachen): „So wie wir. Hallo Deutschland! Ihr hört Anne …“

Sie: „… Und Lars. Und wir haben für euch die Hits der 80er, 90er und das Beste von heute.“

Er: „Ja, richtig, Anne. Und hier ist ein absoluter Gute-Laune-Klassiker: ‚Shiny happy people’ von REM.“

Da wir uns in Deutschland befinden, benennen wir das Glück hier – wie es sich gehört – in der Regel auf Englisch. Als ich nach ein paar Stunden in den Tinseltown Studios über eine belebte Straße laufe, weil mich der Hunger packt, sehe ich mich nach einer Imbissbude um. Die Wahl habe ich zwischen Happy Döner, Happy Chicken, Happy Sandwich und einem Laden, auf dessen Namensschild ein gezeichnetes, fröhlich lachendes Schwein zu sehen ist, nichtsahnend, dass der gutgelaunte Metzger gleich sein drolliges Hackebeil schwingen wird. Gibt mir auch gleich ein viel besseres Gefühl, zu wissen, dass ein Schwein aus seinem Leben gerissen wurde, als es glücklich war. Ein richtiges Glücksschwein eben.

Ich entscheide mich dennoch für Happy Sandwich und werde gleich dafür belohnt: Die Sandwiches sind unterteilt in die Kategorien: Happy Ei, Happy Mozzarella und Happy Thunfisch. Ja, das Glück steht den Hennen ins zerrupfte Gesicht geschrieben, wenn sie sich zu Tausenden in Legebatterien auf einem Din-A-4 großen Platz ausbreiten dürfen. Noch glücklicher sind sicher die Eier, die durch künstliches Licht und zuchtbedingte Manipulation in Rekordgeschwindigkeit über die Fließbänder rollen und sich einen Ast freuen, niemals im Leben ausgebrütet zu werden. Oder der rote Thunfisch, dessen glückliches Leben in einem riesigen Fangnetz im Mittelmeer endet und es kaum erwarten kann, schon bald gänzlich ausgerottet zu sein. Ich entscheide mich dennoch für „Happy Mozzarella“, den fröhlichen Käse aus Milch von glücklichen Kühen aus Massentierhaltung. „Das da nehme ich“, sage ich und strahle den glücklichen Verkäufer hinter der Theke an, der mich mit einem Grummeln keines Blickes würdigt und damit seine ganz eigene Interpretation vom Glücklichsein liefert.

Zwei Stunden später gelüstet es mir nach einem kleinen, zuckerhaltigen Snack. Zum Glück gibt es direkt gegenüber eine Tankstelle. Es hat geschneit, und ich stapfe durch den Schnee, eingehüllt in meinen neuen Mantel, passiere zwei etwa elfjährige Jungs mit McDonalds-Tüten, auf dem „Happy Meal“ steht, und begutachte schließlich das Snackangebot in der Tankstelle. Die Wahl fällt schließlich auf ein Happy Hippo, was sonst … Als ich an den Zeitschriften vorbeikomme, fällt mein Blick auf die neueste Ausgabe der „Happy Weekend“. Die arme Frau auf dem Cover, die nicht mal Geld für Kleidung hat, aber auch barbusig sehr glücklich wirkt, wird in knalligen Buchstaben als „Gabi, 24, Krankenschwester und naturgeil“ beschrieben. Ihr scheint kalt zu sein. Man möchte ihr am liebsten den Krankenschwesterkittel überwerfen und fünf Euro für ein warmes Essen in die Hand drücken, wären ihre Hände nicht beide schon beschäftigt. Naturgeil eben.

Abends treffe ich mich mit M. in einem chinesischen Restaurant. Als es an die Wahl der Getränke geht, merken wir, dass wir zu einer günstigen Zeit da sind: Happy Hour, alle Cocktails nur 4 Euro 90. Great!

Nachdem wir gegessen und die Gläser geleert haben, bringt mir die dauerlächelnde Kellnerin die Rechnung auf einem Teller, zusammen mit zwei Glückskeksen. M. zerbricht den weisen Keks und liest auf dem kleinen Zettel darin: „Verfolge dein Ziel, und du wirst dein Glück finden!“ Während ich mich frage, welcher Praktikant dererlei Sprüche für die Glückskeksfirma erfindet, rolle ich meinen Zettel auf: „Öffne deine Augen, dann führt dein Herz dich nach Hause!“ Puh, das klingt natürlich besser als „Öffne deine Augen, sonst rennst du gegen den nächsten Laternenpfahl“ oder „Gib es auf: Alle Frauen führen dich ins Verderben!“ Es besteht also noch Hoffnung. Mensch, ich bin wirklich ein Glückspilz. Vor allem in diesem Jahr. 2010 wird mir immer im Gedächtnis bleiben als das Jahr, das mich mit Glück nur so überschüttet hat, deswegen nenne ich es absofort offiziell mein „Happy Jahr“. Von nun an kann es eigentlich nur noch bergab gehen – es sei denn, ich bekomme nächstes Jahr die Pest. Dann wird 2011 doch noch schöner.

M. und ich schlendern gesättigt durch die Straßen. Es hat wieder begonnen, zu schneien, leichte, wirbelnde Flocken, die unsere glückerhitzten Wangen kühlen. Auf dem Schild eines Massageinstituts wird unter anderem eine Massage mit „Happy Finish“ angeboten, der kleinen Erleichterung für zwischendurch. (Im ersten Augenblick spielt mein Hirn mir einen Streich und ich lese aus Versehen „Hippie Finish“. Auch eine Variante: Erst Massage, dann ein Joint, dann freie Liebe, also doch wieder „Happy Finish“.) Mehr Glück ertrage ich an diesem Tag allerdings nicht, deswegen widerstehe ich dem Angebot und gehe mit M. weiter.

Dauernd werden wir mit den verschiedensten Vorstellungen von Glück überhäuft, dabei ist das Glück selber nie von Dauer. Im Gegensatz zur Zufriedenheit, die einen Zustand beschreibt, ist das Glück ein flüchtiger Augenblick. Deswegen heißt es eben auch „Happy Döner“: Du isst das Zeug mit Genuss und bereust es, noch bevor die Verdauung einsetzt.

An diesen Umstand werde ich nur ein paar Stunden später schmerzlich erinnert.

Am folgenden Morgen ereignet sich etwas, von dem ich noch nicht weiß, ob es mich glücklich machen soll: Das Telefon klingelt gerade, als ich aus der Dusche steige. Eilig binde ich mir ein Handtuch um die Hüften. Meine Füße hinterlassen eine nasse Spur, während ich über den Laminatboden trippel, geradewegs ins Wohnzimmer, wo mein Handy auf meinem schiffgroßen Sofa vor sich hin trällert. Bevor ich das Gespräch annehme, werfe ich einen Blick auf das Display – und erstarre. Eine Gänsehaut zieht sich meinen Nacken hinab. Mein Herz beginnt, schneller zu pochen. Kann es wirklich sein? Nach all den Jahren … Nie hätte ich damit gerechnet, dass sie jemals wieder in mein Leben treten würde. Aber es ist eindeutig ihre Nummer, die da auf dem Display meines Handys aufleuchtet; ich würde sie unter Millionen anderen wiedererkennen. Ich nehme das Handy in die Hand und starre es an wie eine Kiste, die Glück oder Unheil enthalten kann, starre ihre aufleuchtende Nummer an, fahre mit dem Daumen erst über die Taste mit dem roten Hörer, dann über jene mit dem grünen, weiß nicht, welche ich drücken soll und frage mich: Kann diese Geschichte tatsächlich noch ein Happy End nehmen ...?

Und sofort kehrt die Erinnerung an sie zurück – an die Frau, die ich einmal „Allie“ nannte.

Montag, 22. November 2010

Tommorow never knows

(http://www.youtube.com/watch?v=rTMOSCh7aJU&feature=related)

Es ist Samstagnacht. Ich komme von einer Verabredung nach Hause, putze mir die Zähne und schmeiße mich dann auf mein Sofa. So richtig müde bin ich nicht, also zappe ich noch kurz durchs Fernsehprogramm, was ich seit Ewigkeiten nicht mehr getan habe. Zwischen einem alten James-Bond-Film, den schönsten Bahnstrecken Deutschlands und der Wiederholung einer Comedysendung, bleibe ich schließlich bei einem Sender hängen, der mich auf eine unfreiwillig heitere Weise unterhält: Astro-TV.

Astro-TV hat so ziemlich alles mit Spaß-und-Spiel-Sendern à la Neun Live gemein, was man sich vorstellen kann: Jeder Anruf kostet ein Schweinegeld, es wird von unterdurchschnittlich begabten Marktschreiern moderiert, es sitzt/steht auch nach fünf Stunden immer noch derselbe Mensch vor der Kamera und redet den gleichen Müll, und egal, ob man als Anrufer durchkommt oder nicht: Man kann nur verlieren.

Eine Einblendung verrät, dass dieses Mal „Ernesto“ Dienst hat, ein etwa zweiundvierzigjähriger Kettenraucher mit Augenringen, die dich vor dem Ertrinken bewahren können. Der Aschenbecher neben ihm beherbergt bereits eine Pyramide aus Kippen. „Ernesto ist Kartenleger. Wahrsager. Medium“, heißt es in der Einblendung. Wahrsager scheinen die vom Sender allerdings nicht zu sein, denn die Wahrheit würde wohl eher genau gegenteilig klingen: „Ernesto ist Kartenabreißer. Dummschwätzer. Durch.“

Es erschallt ein Telefonklingeln im Studio von Astro-TV.

„Ernesto hier, hallo, wen hab ich dran?“

„Hallo?“

„Hallo, könntest du …?“

„Hier ist Uschi. Ernesto?“

„Hallo Uschi! Könntest du bitte den Fernseher leiser stellen? Ich hab hier ne furchtbare Rückkopplung.“

„Augenblick.“ Man hört ein Rascheln am anderen Ende der Leitung. Ernesto sieht genervt in die Kamera. „Jetzt besser?“, fragt Uschi.

„Besser wär’s, wenn ich das nicht immer wieder sagen müsste.“ Ernesto lacht auf, um seinem Satz gleich die Schärfe zu nehmen, aber seine hochgezogene Augenbraue offenbart eine Überheblichkeit, als würde er es mit einer Minderbemittelten zu tun haben, die – wäre sie intelligent – mitbekommen soll, dass er sie für minderbemittelt hält. „Was kann ich für dich tun, Uschi?“

„Es geht um meinen Mann. Ich würd gern von dir wissen, ob er mich betrügt.“

„Gerne, Uschi. Wie heißt dein Mann?“

„Julian.“

„Wollen wir doch mal sehen.“ Er greift sich den Stapel Karten von der Seite und beginnt zu mischen. „Konzentrier dich, Uschi, ja?“

„Auf meinen Mann?“

„Auf Julian, ja. Und dann gibst du mir bitte mal ein ‚Stop’.“

Er mischt weiter die Karten.

„Stop!“

„Merci!“

Ernesto beginnt, die Karten auszulegen. Seine Miene verdüstert sich, je mehr von ihnen auf dem Tisch landen, und seine Stirn schlägt unheilsvolle Falten.

„Also, eure Ehe läuft aber schon seit einiger Zeit nicht mehr so rund.“ Er sieht mit hochgezogener Augenbraue in die Kamera. „Nicht, Uschi?“

„Ach, Ernesto, ein bisschen mehr Romantik wär schon schön“, jammert Uschi.

„Ich sehe in den Karten, dass dein Mann nicht gerade der romantischste Typ ist, nicht?“

„Ja, das stimmt. Betrügt er mich?“

„Er hat zwei andere Frauen, ja.“

„Oh mein Gott, ich habs geahnt. Zwei Frauen gleich? Grundgütiger! Wo hat er sie kennengelernt?“

„Bei der Arbeit.“

„Ach …“ Die Frau stutzt. „Aber er arbeitet auf einer Bohrinsel.“

„Ja, dort hat er die zwei kennengelernt.“

„Aber da arbeiten nur Männer.“

„Richtig, er hat zwei Männer kennengelernt.“

„Was? Um Himmels Willen! Er ist schwul?“

„So ist es.“

„Aber sagtest du eben nicht, er habe Affären mit zwei Frauen?“

„Die beiden sind sehr feminin.“

„Guter Gott im Himmel! Ist meine Ehe denn noch zu retten?“

Ernesto wirft einen flüchtigen Blick in die Karten.

„Hab ich hier nicht drin“, sagt er und räumt die Karten ein. Die Frau schluchzt in den Hörer.

„Das ist ja furchtbar“, stammelt sie, als plötzlich ein Poltern im Hintergrund zu hören ist und eine männliche Stimme aufgebracht ruft: „Mit wem telefonierst du?“

„Gerne“, sagt Ernesto und lässt sein aufgesetztes Lächeln blitzen. „Tschüssi!“ Die Regie trennt die Leitung. Ich setze mich ruckartig auf, um diesen Dialog schriftlich festzuhalten: Besser kann man sich das ja gar nicht ausdenken. Aus Schlafen wird allerdings erst einmal nichts.

„So, meine lieben Freunde“, redet Ernesto in gelangweiltem Ton weiter, „dann starten wir jetzt unsere Schnell-Frage-Runde. Klare Frage – klare Antwort. Alles zack zack! Aber ihr müsst euch schon einwählen, auch während der Beratung. Es liegt an euch, ob ihr die Chance nutzt. Was immer ihr wissen wollt, ich gebe euch eine klare, ehrliche Antwort. Ich bin nicht hier, um euch die Antwort zu geben, die ihr hören wollt. Hier gibt es klare Fakten. Also, an-ru-fen!“ Er nimmt sich die Zigarette aus der Aschenbecher-Pyramide und zieht an ihr. Die Regie spielt leiernde Pling-Pling-Musik ein – Panflöte mit Synthiflächen –, was der ganzen Sache Mystik verleihen soll, jedoch einzig und allein den Effekt hat, dass mein Daumen den Mute-Knopf an der Fernbedienung drücken will.

Es dauert zwei quälend lange Panflöten-Minuten, dann klingelt es wieder.

„Hallo, Ernesto hier, wen hab ich dran?“

„Ey, seid ma leise, seid ma leise“, höre ich einen Anrufer mit südländischem Akzent.

„Hallo?“, sagt Ernesto.

„Ey, Mischa, halt ma die Fresse!“, ruft der Anrufer. „Hallo?“

„Hier ist Ernesto. Du solltest dich schon auf den Anruf konzentrieren, wenn du …“

„Ist da Ernesto?“

Der schwindelnde Wahrsager atmet mit geschlossenen Augen durch. „Das sagte ich bereits.“

„Schwuchtel! Schwuchtel! Schwuchtel! Schwuchtel!“, plärrt es laut aus dem Hörer.

„Okay, das ist ganz toll. Vielleicht kann die Regie den Scherzkeks rausnehmen?“

Ein paar Sekunden geschieht nichts. Dann wird das Plärren auf einmal lauter und hallt durchs ganze Studio. „Sorry, falsche Taste“, meldet sich die Stimme des Regisseurs, und schließlich verstummen die Rufe. Ernesto zieht tief durchatmend an seinem Zigarettenstummel und drückt ihn dann im Aschenbecher aus; so fest, dass seine Fingerkuppen kurzzeitig gelb werden.

Es klingelt.

„Ernesto hier, hallo, wen hab ich dran?“

„Hier ist Caroline.“

„Hallo Kalorie! Deine Frage bitte.“

„Ich wollt mal wissen, ob ich dieses Jahr meinen Traummann kennenlerne?“

„Gern.“ Ernesto nimmt sich eine neue Zigarette, steckt sie sich seelenruhig an, zieht zwei- dreimal genussvoll daran und studiert dann kurz mit scheinbar konzentriertem Blick den Qualm. „Nein“, sagte er schließlich.

„Und nächstes Jahr?“

„Augenblick.“ Wieder zieht er ein paar Mal an seiner Zigarette. Genial: Das ist die beste Ausrede, um vor der Kamera zu qualmen, die mir je untergekommen ist. Vielleicht sollte Jürgen Domian sich jedes Mal, bevor er Anrufern einen Ratschlag gibt, ein Glas Wodka die Kehle runterkippen.

Durch das Studio erschallt auf einmal wieder: „Schwuchtel! Schwuchtel! Schwuchtel! Schwuchtel!“ Auf den Stimmen liegt ein Hall wie von einer 80er-Jahre-Pop-Produktion, und wenn jetzt noch ein Stampfbeat einsetzt, kann das glatt der nächste Hit am Ballermann werden. Ernesto versucht souverän zu bleiben, schmunzelt, sagt: „Manche haben’s einfach nicht gelernt“ und nimmt noch einen Zug an seiner Zigarette, die er am liebsten irgendjemandem ins Gesicht drücken würde, da bin ich mir sicher.

Die Rufe verstummen. „Sorry, Ernesto“, dröhnt erneut die Stimme des Regisseurs durch das Studio. „Wir haben Probleme mit der Technik. Versuchen’s hinzukriegen.“

Ernesto atmet sichtlich durch und sieht in den Qualm seiner Zigarette. Ich glaube, bei diesem Sender gibt es keinen, der seinen Job nicht hasst. „Also, Kalorie, du wirst nächstes Jahr deinem Traummann begegnen, ja?“

„Ach, wie schön. Und wann?“

„April. Kann auch Mai werden. Vielleicht Juni, aber auf jeden Fall noch vor Winteranfang.“

„Und wird das die große Liebe?“

„Es wird anfangs etwas schwierig sein, ja? Weil er zwischen dir und einer anderen Frau steht.“

„Oh nein.“

„Aber dann wird er sich für dich entscheiden. Ich sehe, dass ihr Kinder haben werdet.“

„Adoptierte?“

„Nein, eigene.“

„Ach, dann bin ich also doch nicht unfruchtbar?“

„Sorry, ich hab dich grad nicht verstanden. Hallo?“ Er bringt sein ganzes schauspielerisches Können auf, um eine gestörte Telefonleitung zu simulieren, dann knackt es, und Ernesto zieht schließlich seine Stirn in Falten. „Ach Mensch, jetzt ist die Leitung weggebrochen. Na ja, das gibt euch anderen Menschen die Gelegenheit, nun mit mir zu sprechen.“ And the oscar goes to …

Ich nehme ebenfalls die Gelegenheit wahr – nun endlich ins Bett zu gehen. Ich schalte den Fernseher aus und schlurfe in Richtung Schlafzimmer, wo ich im Dunkel der Nacht daliege und mir die Zukunft voraussage: Du wirst nie bei diesem Sender anrufen. Du wirst nicht anfangen zu rauchen. Du wirst nie, NIE wieder nachts den Fernseher einschalten und Astro TV gucken. Und egal, was kommt: Du wirst niemals versuchen herauszufinden, was dir die Zukunft bringt.

Montag, 15. November 2010

Hey Kölle, do bes e Jeföhl


Alaaf, leev Jecke! Nun ist es wieder soweit: In Köln hat die fünfte Jahreszeit begonnen, der Karneval. Hurra! Endlich sind sie zurück: Die komatös gesoffenen Teenager, die vollgestrullten Häuserwände, kotzende Cowboys, Mitte vierzigjährige Sparkassenangestellte, die ihre teigigen Wangen an dich pressen und dir ihren Schnapsatem an die Mandeln züngeln, und lallende Clowns, die alles abschleppen, was sich nicht schnell genug totgestellt hat.
Ja, am 11.11. ist hier überall was los: Die Straßen sind voll, die Kneipen sind voll, die Leute sind voll. Männer, die sich vornehmen, auf keinen Fall im eigenen Bett aufzuwachen, sich dann eine Frau abschleppen, deren Pegel bereits den des Rheins übersteigt, um am nächsten Morgen weder bei sich zu Hause noch bei ihr die Augen zu öffnen, sondern in der nächsten Ausnüchterungszelle. Und endlich kommt es mal nicht aufs Aussehen an: Wer eine Hexennase und eine Riesenwarze im Gesicht hat, macht sie einfach zum Teil des Kostüms und lässt seinen Makel damit verschwinden. Alle, die einen One-Night-Stand wollen, mit jemandem, den sie im Leben sonst nicht anpacken würden, und sich anschließend an nichts mehr erinnern möchten: Willkommen beim Kölner Karneval! Wenn er das richtige Kostüm anhat und sie ein Fass Kölsch intus, wird Jupp mit der Plauze (in Köln auch „dat Brauereijeschwür“ genannt) für eine Nacht zu Brad Pitt. Allerdings sollte sie nicht bis zum nächsten Morgen bleiben, denn dann hat Brad Pitt schon wieder den nächsten Flieger in die USA genommen und zurück bleibt ein gigantischer Schatten, den Jupps „Brauereijeschwür“ auf ihre Bettdecke wirft. (Und er muss erkennen, dass ihr Hexenkostüm bloß zu Teilen eine Verkleidung war.)
Überhaupt sind die Kostüme einfach genial. Manchmal zu genial. Da begegnest du Frauen, die sich perfekt als Prostituierte verkleiden, lobst sie für die detailgenaue Kostümierung und erntest dann ätzende Kommentare, weil es in Wahrheit 16-jährige Mädchen sind, die angezogen haben, was sie immer anziehen, wenn sie abends ausgehen.
Ich stehe kostümlos auf dem Altermarkt, habe aber das Gefühl, mich in Wirklichkeit in einem Fiebertraum zu befinden. Keine Ahnung, wie ich hierher gekommen bin. Eigentlich sollte dies bloß ein Treffpunkt sein, aber meine Verabredung verspätet sich. Auf einmal sehe ich eine etwa fünfundzwanzigjährige Squaw auf mich zuwanken, so unsicher auf den Beinen, als habe sie mindestens eine Friedenspfeife zuviel geraucht. Sie versucht, Halt an der Häuserwand links von ihr zu finden, aber die Wand denkt nicht daran, macht einen Seitwärtschritt, und das Mädel stolpert über ihre eigenen Füße. Als ich ihr aufhelfe, verfällt sie in ein kurzes, durchdringendes Lachen und krallt sich dann an meiner Schulter fest.
„Als was bist du denn verkleidet?“, fragt sie. Aus ihrem Mund klingt der Satz wie ein einziges Wort.
„Als die bessere Variante meiner selbst“, sage ich.
„Ahaaaaa!“ Sie richtet einen Zeigefinger auf mich wie ein Kriminalinspektor, der den mutmaßlichen Täter in die Ecke gedrängt hat. „Du bist also eigentlich ein böser Junge.“
„Ja, ganz schlimm.“
„Huuuuh! Was hast du denn angestellt?“
„Junge Squaws verschleppt und an Lothar Matthäus verscherbelt“, sage ich und ziehe die Augenbrauen hoch.
Sie schiebt die Unterlippe vor und gibt einen katzenartigen Laut von sich. Sie hat ganz offensichtlich auf etwas anderes gehofft. Dann aber überschwemmt ein Grinsen ihr Gesicht und sie tritt noch näher an mich heran. Mit ihrem alkoholgetränkten Atem besitzt sie die Anziehungskraft einer abgerissenen Littfasssäule.
„Hast du eine Freundin?“, fragt sie.
„Ja“, sage ich wie aus der Pistole geschossen. Noch nie kam mir eine Antwort so überzeugend über die Lippen. „Ist ganz frisch, aber die große Liebe.“ Ich betone das Wort „große“, damit sie begreift, dass bei mir nichts zu holen ist. Sie fummelt an meinem Kragen und fährt mit einem Finger über die Naht. Sie will unbedingt erotisch wirken. (Ein Ziel, das sie zumindest an diesem Tag nicht mehr erreichen wird, es sei denn, sie findet jemanden, der blind und taub ist, seinen Geruchssinn verloren hat und eine wandelnde Wodkaflasche mit Feder im Haar und sonnenbankgegerbter Haut scharf findet.)
„Und macht dir das was aus, dass du eine Freundin hast?“
„Nein, ich hab sie ganz gern“, versuche ich mich an einem Scherz.
„Komm schon … Du weißt, was ich meine.“ Mit einem kurzen Kiekser schlägt sie mit der flachen Hand auf meine Brust, wo die Hand dann auch offensichtlich beschließt, Rast zu machen. Ist das eigentlich schon sexuelle Belästigung? „Deine Freundin muss es ja nicht erfahren, wenn wir …“ Sie macht eine Schnute.
„Diese großartige Neuigkeit könnte ich ihr unmöglich verheimlichen“, sage ich.
„Willst du mich denn nicht küssen?“ Sie senkt den Kopf und blickt mich von unten herauf an, was sexy wirken soll, sie aber bloß als das darstellt, was sie ist: Eine sturzbetrunkene Squaw, die sich jeden Moment übergeben wird.
Ich lege einen Finger an den Mund, so als würde ich ernsthaft über ihre Frage nachdenken.
„Es fällt mir wahnsinnig schwer, mich zurückzuhalten“, sage ich dann. „Aber mein Kostüm lässt es einfach nicht zu.“
„Dann zieh es doch aus!“
„Ich will mich ungern verkühlen.“
„Ich wärm dich schon.“ Sie stolpert ein paar Schritte von mir weg und stößt ein brusttiefes Lachen aus, hält eine Hand vor den Mund und übergibt sich schließlich an der Häuserwand, bei der sie eben abgeblitzt ist. Sie hat mein Mitgefühl, die Wand.
Ich nutze die Gelegenheit und mache mich aus dem Staub. Das ist alles an Erotik, was mir das Leben heute zu bieten hat.
Ich will den 11.11. in Köln überhaupt nicht schlecht machen, den Karneval an sich schon gar nicht. Es macht durchaus Spaß, sich mit einer Gruppe von Freunden in dieses Getümmel zu stürzen und Lieder wie „Drink doch ene met“ von den Bläck Fööss oder „Hey Kölle, do bes e Jeföhl“ von den Höhnern zu singen. Für einen echten Rheinländer vermitteln diese Songs sofort ein Heimatgefühl, ob er will oder nicht. So richtig schön wird’s natürlich erst, wenn die Karnevalszüge wieder durch Kölner Straßen rumpeln. Vor allem für Kinder, die von ihren Eltern in die erste Reihe geschoben, im letzten Moment aber immer von irgendeiner gierigen Oma zur Seite gedrängt werden, die sich Pralinenschachteln und Strüßjer abgreift. Aber darüber schreibe ich im Februar, wenn es soweit ist. Ich werde mich zu Recherchezwecken in die Masse schmeißen und alles mitnehmen, was geht. Mal sehen, wo ich am nächsten Tag aufwache. Aber wie auch immer, der Kölner weiß: Et hät noch immer jot jejange.