Montag, 25. Oktober 2010

Everything is alright

(http://www.youtube.com/watch?v=7KAIgbcHsLQ&feature=related)

Ich sitze vor den Einzelteilen meines neuen Bücherregals und freue mich darauf, es nun fachmännisch aufzubauen. Gemeinsam mit der beigefügten Anleitung wird das ein Klacks. Denke ich. Leider hat die Anleitung die letzten fünfzig Deutschkurse versäumt: Du habe Bretter und Schrauben. Makst du Schraube in Loch. Wenn passt, dann gut. Wenn nix passt, dann nimmt Wand und schraube fest. Schaue Bilt und gucke, ob gut ist. Verwirrt schaue ich das Bild (mit „d“, liebe Bauanleitung) an meiner Wand an und befinde, dass es gut ist. Bringt mich aber auch nicht weiter.

Die Geschichte der Verpackungshinweise und Bauanleitungen ist eine Geschichte voller Missverständnisse und Schreipfehler. Zwischen lebensrettenden Ratschlägen und vom Koreanischen ins Phantasiedeutsche übersetzten Anweisungen, findet sich ein unerschöpflicher Quell urmenschlicher Grenzdebilität.

Ein ganz normaler Tag im Leben: Es ist acht Uhr morgens. Ich schlurfe vor meinen Badezimmerspiegel und greife nach meiner elektrischen Zahnbürste, die so neu ist, dass ich sie noch gar nicht ausgepackt habe. Auf der Verpackung entdecke ich den Hinweis: Nicht zur Reinigung der Ohren geeignet. Puh, das war knapp. Beinahe hätte ich mir den Bürstenkopf in den Gehörgang geschraubt, um mir anschließend damit die Zähne zu putzen. Mach ich eigentlich immer …

Nachdem ich geduscht habe, muss ich flugs ein paar Exemplare meines Romanmanuskripts ausdrucken; die Lektoren diverser Verlage warten darauf. Leider meldet mein Laptop, dass die Tintenpatrone leer ist. Etwas weiter unten im Bild bietet er mir aber gleichzeitig an: „Diese Seite drucken?“ Ich sehe mit ausdruckslosem Blick auf den Monitor. Ich glaube, mein eigener Computer will mich verarschen. Außerdem habe ich doch gerade erst eine neue Patrone gekauft. Langsam habe ich den Eindruck, die Tinte ist nicht dazu da, um meinen Drucker Dokumente drucken zu lassen, sondern um ihn zu füttern. („Was haben Sie für ein Haustier?“ „Einen Drucker.“ „Oh, ist der pflegeleicht?“ „Ach was, der frisst mir die Haare vom Kopf.“)

Nachdem ich eine neue Patrone besorgt habe, die Manuskripte ausgedruckt und Anschreiben verfasst sind und die Sachen bei der Post liegen, ist es Zeit für ein kleines Mittagessen. Mein Kühlschrank bietet mir heute die Alternative zwischen einem US-amerikanischen Fertiggericht und einem weiten, hallenden Nichts. Ich entscheide mich für das Fertiggericht, reiße die Verpackung ab, um sie in den Mülleimer zu werfen, da lese ich auf der Rückseite: hot when heated. Ach, deshalb verbrenn ich mir regelmäßig den Gaumen an dem Zeug. Rätsel gelöst! Während die Mikrowelle vor sich hin brummt, schnappe ich mir ein paar der Haselnüsse, die ich für mein morgendliches Müsli verwende. Vorgewarnt durch meine bisherigen Erfahrungen, besehe ich mir zunächst jedoch die Verpackung – und tatsächlich: Kann Spuren von Nüssen enthalten, prangt warnend auf der Rückseite. Ich begutachte jede einzelne Haselnuss mit kritischem Blick und werfe sie mir erst in den Mund, nachdem ich sicher sein kann, dass sie KEINE Spuren von Nüssen enthält. Die kann ich nämlich auf den Tod nicht ausstehen.

Überhaupt scheinen Lebensmittel das gefundene Fressen für intelligente Verpackungshinweise zu sein: Im Supermarkt streife ich an der Kühltheke vorbei und greife schließlich nach einem Paket Nürnberger. Morgen Abend bekomme ich Besuch, und vielleicht hat mein Gast ja Lust auf Fleisch vom Elektrogrill. Auf der Vorderseite der Verpackung steht links unten in kleinen Buchstaben: Serviervorschlag, und der sieht folgendermaßen aus: Sechs Würstchen liegen nebeneinander auf einem weißen Teller. Das ist – genial! Warum bin ich da nicht früher darauf gekommen? Wie oft habe ich versucht, die Dinger senkrecht auf den Teller zu stellen, und diese kleinen Biester sind nie stehen geblieben. Sie nebeneinander zu legen ist ja viel praktischer. Und weiße Teller hab ich auch. Einem hübschen Grillabend steht also nichts mehr im Weg.

Um meinem Gast für den Abend auch etwas zum Knabbern anbieten zu können, greife ich nach zwei Tüten Chio-Chips. Bei den Chipsfrisch lockt ein Gewinnspiel auf der Verpackung mit Preisen wie einer S-Klasse, einer Reise auf einem Luxusschiff und vielem mehr. In knallig roten Buchstaben steht in einem Zusatzkasten: Sie könnten schon gewonnen haben. Kein Kauf nötig. Details innenliegend. Kurz bin ich verführt, die Tüten aufzureißen, aber dann würde sicher der Abteilungsleiter erscheinen und ich würde mich an anderer Stelle wieder vorfinden: außenliegend.

In einem naheliegenden Baumarkt suche ich nach ein paar Arbeitsutensilien für meine Wohnung, Schmutzradierer, Wandfarbe, Werkzeugkasten. Bei meiner Suche stoße ich auf einen in Italien hergestellten Leim, dessen Packung darauf hinweist: Der Tornado–Leim ist sehr gesund und auch nicht mit Chemie komponiert worden. Wir sind für Ihre Gesundheit. Si, dafür bin ich auch. Deshalb werde ich das Zeug auch nicht essen, egal wie gesund es angeblich ist. (Außerdem hat vorhin das Fertiggericht schon nach Leim geschmeckt. Hab mir übrigens den Gaumen daran verbrannt. Es war tatsächlich hot when heated.) Anders als die Hersteller dieses Leims komponiere ich übrigens immer mit Chemie: Eine Handvoll Dopamin, ein Esslöffel Acetylsäure, fertig war „Gelacht, um nicht zu weinen“.

In dieser kalten Jahreszeit kann ein elektrischer Heizlüfter nicht schaden. Ein Importgerät aus Korea wünscht auf seinem Verpackungszettel: Bei beware viel Freude Glückwünsche für Du und LX4300 schön Heiss! Bei so viel Freundlichkeit ist man gewillt, dem Übersetzer des Textes eine gutgemeinte Antwort zu schreiben: Bei bekloppt vielen Dank von mich und Du00 schön Blöd!

Schließlich komme ich noch an einem Regal mit Pfefferspray vorbei. Seit meine Ex-Freundin einem Einbrecher gegenüberstand, halte ich es für durchaus sinnvoll, so etwas bei sich zu tragen. Leider steht auf der Verpackung der Rat: Nicht ins Gesicht sprühen! Okay, stellen wir uns also einmal folgende Situation vor: Es ist Abend. Sie gehen einen einsamen Weg entlang, und auf einmal steht so ein vermummter Typ vor Ihnen und verlangt Ihr Geld! Was tun Sie? Klare Sache: Sie zücken pfeilschnell Ihr Pfefferspray und sprühen dem Kerl ne ordentliche Ladung ans Knie. Und dann schleudern Sie ihm die kleine Spraydose noch an den Schädel. Was meinen Sie, wie der laufen geht …

Zurück zu Hause. Für den morgigen Besuch möchte ich eines meiner weißen Oberhemden in Ordnung bringen. Auf dem Bügeleisen klebt ein Sticker, der mich darauf hinweist, die Klamotten „nicht am Körper zu bügeln“. Ach, wie blöd! Und ich dachte, ich könnte auf diese Weise Zeit sparen. Außerdem ist es in den letzten Tagen so kalt geworden, und ich hab mir eh schon überlegt, ob ich mir nicht ein Branding zulegen sollte. Na ja, dann eben ein ander Mal.

Es klingelt an der Tür. Mein fünfjähriger Neffe kommt bei mir vorbei, um sich eine DVD auszuleihen. Seit er erkältet ist, trägt er eine Hustenmedizin für Kinder mit sich. Ich helfe ihm, das zähe Zeug einzunehmen und lese währenddessen den Verpackungshinweis: Nach der Einnahme dieser Medizin nicht Autofahren oder Maschinen bedienen! So ein Ärger. Dabei hatte ich gehofft, der Kleine könne mich noch schnell im Studio vorbeifahren, bevor er wieder zurück ins Stahlwerk geht. Hm, müssen wir wohl beide unsere Pläne ändern, ich fahre selber und mein Neffe spielt in seinem Kinderzimmer mit seiner Buzz-Lightyear-Figur. Absurd.

Apropos Buzz-Lightyear-Figur: Bald ist wieder Karnevalsbeginn, und ich überlege, ob ich mir den Zirkus dieses Mal antue oder doch lieber nach Los Angeles flüchte. (Da ist es nämlich LX4300 schön Heiss!) In der Nähe der Tinseltown Studios befindet sich ein Karnevalsladen, wo ich nach getaner Arbeit vor einem Buzz-Lightyear-Kostüm stehe. Aber das gibt es nur in Kindergröße und ist sowieso nicht mein Ding. Dann schon eher Superman. Welcher Junge wollte nicht einmal im Leben Superman sein? Einmal fliegen können, das wär’s. Leider macht ein einziger Satz auf einem kleinen Stoffschild meine Träume zunichte: Das Tragen dieses Kleidungsstücks ermöglicht es nicht, zu fliegen. Mensch, das war knapp. Man stelle sich nur mal vor: Ich springe vom Dach meines Hauses, selig vor Glück, durch die Luft sausen zu können, und lese im freien Fall, dass ich mit diesem Kostüm gar nicht fliegen kann. Die Zeit bis zum Aufschlag würde nicht mal reichen, um noch schnell eine Nachricht bei Facebook zu hinterlassen: Scheißeeeee!!! Wir sind einer Riesenlüge aufgesessen, Leute: Das verfickte Superman-Kostüm lässt einen gar nicht … (gesendet vom iPhone). (Um es doch noch rechtzeitig zu schaffen, sollte ich die Nachricht in dem Fall wohl besser im facebooküblichen Jargon „posten“: Off to heaven!)

Am Abend schlurfe ich wieder ins Bad. Ich habe die letzten Nächte nur wenig geschlafen, weil ich bei „Domian“ war und am nächsten Morgen jedes Mal früh raus musste, trotzdem fühl ich mich gerade etwas überdreht und viel zu wach. Also werf ich mir jetzt eine Schlaftablette ein. Ich lese mir die Packungsbeilage durch, um das Zeug richtig zu dosieren und nicht bis Weihnachten zu pennen, und stoße auf einen entscheidenden Hinweis: These sleeping tablets may cause drowsiness! Klingt ungefähr so logisch wie der Hinweis an einem Schwimmbecken: This swimming pool may cause wetness! Gut, dass es diese Packungsbeilagen gibt. Nicht auszudenken, ich schlucke eine Schlaftablette, schlafe davon ein, wache am nächsten Morgen auf und denke mir: „Scheiße, jetzt habe ich die ganze Nacht verpennt!“ In Amerika werden wegen sowas Millionensummen eingeklagt.

So also sieht ein üblicher Tag inmitten des üblichen Hinweiswahnsinns aus. Und auch heute ist alles wie immer: Nach anderthalb Stunden habe ich – nicht dank, sondern trotz der Bauanleitung – das Bücherregal endlich zusammengeschustert. Durchatmend wische ich mir über die Stirn. Irgendwo in der Bauanleitung muss ich den Hinweis übersehen haben: This construction manual may cause raging madness! Aber jetzt ist es ja geschafft, und ich räume ein Buch nach dem anderen ins Regal; nur einen Platz lasse ich frei: für meinen eigenen Roman.

Als meine Bücherwelten aufgereiht vor mir stehen, betrachte ich das Regal mit einem zufriedenen Lächeln und gehe dann rüber ins Wohnzimmer, um weiter an meinem Manuskript zu schreiben. Zwischendurch ruft Manuel an, der mich kurz besuchen wird und dem ich stolz erzähle, dass ich dieses hochkomplizierte Konstrukt gänzlich ohne Anleitung aufgebaut habe. Ich beende gerade das Gespräch, als plötzlich ein Krachen durch die Wohnung dröhnt. Blitzschnell stürze ich ins Schlafzimmer, wo mir das Regal einen Schritt voraus ist: Es ist bereits blitzschnell gestürzt. In sich zusammen. Komplett. Zu allem Überfluss klingelt es in dem Augenblick auch noch an der Tür und Manuel kommt dazu. Als er sich das Dilemma besieht, klopft er mir auf die Schulter und sagt: „Hättest du dich mal an die Bauanleitung gehalten.“ Ich beiße die Zähne zusammen, atme langsam durch, und mein Kopf wird LX4300 schön Heiss!