Dienstag, 28. September 2010

Lie to me

Manche Kommunikationsforscher und Psychologen behaupten, wir Menschen lügen etwa 200 Mal am Tag. Andere wollen herausgefunden haben, dass wir in einem 10-minütigen Gespräch zweimal die Unwahrheit sagen. Ich glaube, wie so oft im Leben, siegt die Praxis über die Theorie und es ist alles ganz anders.

Es gibt Notlügen, die uns aus brenzligen Situationen helfen. Es gibt die großen Lügen, die bloß aus Feigheit ausgesprochen werden. Manche errichten ein ganzes Lügengebilde um sich herum, bis sie aus ihrem eigenen Labyrinth aus Unwahrheiten und Vertuschungen nicht mehr herausfinden. (Wenn diese Lügen ans Licht kommen, heißt es dann in der Regel: „Ich hab dir das nicht gesagt, um dich nicht zu verletzen“, was die geschönte Version ist von: „Ich war zu feige vor den Konsequenzen.“) Meistens beschränken sich Lügen jedoch auf die alltäglichen Flunkereien.

Vor einiger Zeit traf ich eine meiner Exfreundinnen in einem Berliner Café. Sie hatte gerade ihr erstes Kind gekriegt, das ich mir nun unbedingt mal ansehen wollte. Als sie ihre kleine Tochter aus dem Babywagen hob, war ich erleichtert. „Ich hatte Sorge, dass dein Kind so hässlich ist, dass ich mein verkrampft sonniges Grinsen auspacken und mit hochgestrecktem Daumen sagen muss: ‚Das ist das hübscheste Baby, das ich je gesehen habe’“, sagte ich zu meiner Ex. Sie lachte und wir sprachen eine Weile miteinander und ich machte ein paar Späße, um ihre kleine Tochter zu unterhalten. Schließlich meinte meine Ex: „Meine beste Freundin hat auch gerade ihr Kind gekriegt. Guck mal!“ Sie holte ein Foto hervor und hielt es mir hin, worauf ich eine Sekunde erstarrte, dann mein verkrampft sonniges Grinsen auspackte und mit hochgestrecktem Daumen sagte: „Das ist das hübscheste Baby, das ich je gesehen habe.“

Ich glaube ja, dass die großen Lügen immer ans Licht kommen. Während meiner Arbeit bei „Domian“ habe ich von etlichen Lebenslügen erfahren, die in der Regel mit Beziehungen zu tun hatten: Männer, die seit 30 Jahren mit ihrer Frau verheiratet sind und etwa seit der gleichen Zeit ein Doppelleben mit einem anderen Mann führen. Ich habe von Betrug an Partnern erfahren, die daraufhin verzweifelt bei mir angerufen haben, weil sie diese Lüge so aus der Bahn geworfen hat, dass sie jeglichen Lebenswillen verloren. Derjenige, der einen Betrug begeht (in welcher Form auch immer) und sich danach weiter und weiter in Lügen verstrickt, macht sich oft nicht bewusst, wie sehr er damit auch das Leben seines Partners beeinflusst. Vor allem das Leben nach der Beziehung.

Es gibt jedoch auch Lügen, die durchaus ihre Berechtigung haben: Wenn unser Partner fragt: „Schatz, wie findest du mein neues Shirt?“ und man eigentlich nur wenig begeistert ist, könnte man antworten: „Die Farbe ist nicht so mein Ding. Komm, wir sehen uns morgen zusammen nach ein paar anderen um“, statt zu sagen: „Gab es das auch in deiner Größe oder sind die Abdrücke deiner Speckrollen gewollt?“ Oder gewisse explizite Seiten im Internet, auf deren Startseite das vermeintliche Hindernis wartet: Sind Sie volljährig? Wenn ja, drücken Sie ENTER! Wenn nein, drücken Sie LEAVE! Der eine Jugendliche, der LEAVE gedrückt hat, bitte umgehend melden! Wie oft beantworten wir die Frage nach unserem Befinden mit einem lapidaren „Gut“? (Außer bei unserem Hausarzt, bei dem diese Antwort irgendwie keinen Sinn ergeben würde.) Und das ist ja auch okay. Muss ja nicht Hinz und Kunz wissen, wenn wir mal ein Tief haben. Oft lügen wir jedoch, um unangenehmen Situationen aus dem Weg zu gehen. Noch öfter, weil es einfach bequem ist.

Neulich begegnete ich einem alten Klassenkameraden, dem ich ungefähr einmal im Jahr über den Weg laufe. Um ehrlich zu sein, sind wir auf der Schule nie die besten Freunde gewesen, aber bei solchen Begegnungen verhält man sich trotzdem immer so, als habe man damals Blutsbrüderschaft gefeiert. Wir unterhielten uns, obwohl wir uns eigentlich nicht viel zu sagen haben, und uns beiden war klar, dass wir einander anlogen, dass sich die Balken bogen. 20 Lügen in einem 60-Sekunden-Gespräch:

Ich: „Hey, schön, dich zu sehen!“ (Lüge 1)

Er: „Gleichfalls!“ (Lüge 2) „Wie geht es dir?“

Ich: „Sehr gut.“ (Lüge 3) „Und selbst?“

Er: „Fantastisch!“ (Lüge 4) „Seit vier Jahren verheiratet …“ (Lüge 5, er kann sich das Datum einfach nicht merken) „… und immer noch verliebt wie am ersten Tag.“ (Lüge 6)

Ich: „Beneidenswert!“ (Wäre die Wahrheit, wenn er nicht gelogen hätte, also Lüge 7) „Warst du im Urlaub? Siehst gut aus …“ (Lüge 8) „… mein Freund“ (Lüge 9)

Er: „Ja, meine Frau und ich waren auf Hawaii.“ (Lüge 10 & 11) „Wir hatten ein Traumwetter.“ (Lüge 12)

Ich: „Ach, schön. Du, ich muss weiter!“ (Lüge 13) „Hab noch einiges zu tun heute.“ (Lüge 14) „Ich hoffe, wir sehen uns bald mal wieder.“ (Lüge 15)

Er: „Das wär toll.“ (Lüge 16) „Ich ruf dich an.“ (Lüge 17)

Ich: „Freu mich!“ (Lüge 18) „Richte bitte unbedingt viele Grüße an deine Frau aus!“ (Lüge 19)

Er: „Mach ich!“ (Lüge 20)

Ich: „Bis bald!“ (Leider wahr!)

In dem Film „Liar Liar“ wird Jim Carrey um die Eigenschaft des Lügens gebracht und kann fortan nur noch die Wahrheit sagen. Wie erfrischend es doch wäre – zumindest mal für einen Moment lang – ebenfalls in dieser Situation zu sein. Nehmen wir das Gespräch mit meinem früheren Klassenkameraden! Folgendermaßen wäre es abgelaufen, hätten wir durchweg gesagt, was wir wirklich denken:

Ich: „Oh Mann, dir wollte ich heute als allerletztes begegnen.“

Er: „Gleichfalls! Wie geht’s dir?“

Ich: „Beschissen. Und selbst?“

Er: „Ach, frag nicht! Viel zu lange schon verheiratet und die Luft ist längst raus.“

Ich: „Das gönn ich dir! Hast du die Nacht durchgemacht? Siehst gruselig aus. Du Arsch!“

Er: „Pff, meine Geliebte und ich waren auf Mallorca. Es hat geregnet wie aus Eimern.“

Ich: „Hähää! Du, ich hätt zwar noch ewig Zeit, weil ich ausgerechnet heute überhaupt nichts zu tun habe, aber ich geh trotzdem. Ich hoffe nicht, dass wir uns sobald wiedersehen.“

Er: „Das wäre grauenvoll. Und glaub ja nicht, dass ich dich anrufe. Ich habe deine Nummer vor Jahren schon gelöscht.“

Ich: „Ein Glück! Viele Grüße an deine Geliebte!“

Er: „Leck mich!“

Ich: „Bis bald! Leider!“

Wir alle sagen die Unwahrheit, tagtäglich, wenn wir nicht gerade andere belügen, dann uns selbst. Wir verheimlichen Küsse, gehen fremd, lassen Blaue Briefe verschwinden, sagen, dass es uns gut geht, wenn wir uns schlecht fühlen, verraten unserem Partner nur so viel, wie es unserem eigenen Bild von uns selbst gerecht wird, wissend, dass wir eigentlich jemand anderes sind. Nur in diesem Blog habe ich alles genauso geschrieben, wie es wirklich vonstatten gegangen ist. Ehrlich! (Lüge 21)

Montag, 20. September 2010

It takes two

Das Leben teilt uns Menschen in zwei Kategorien ein: In Singles und Pärchen. Pärchen kochen abends zusammen, sehen sich zusammen „Natürlich Liebe“ an, besuchen zusammen befreundete Paare, gehen zusammen zu Ikea, schlafen zusammen ein und wachen zusammen wieder auf. Singles dagegen wärmen sich abends ein Fertiggericht auf, zappen sich ziellos durchs Fernsehprogramm, besuchen alleine befreundete Paare, blättern den Ikeakatalog auf dem heimischen Sofa durch, schlafen ab und zu mit jemandem ein und wachen alleine wieder auf.

Ich gebe es zu: Ich bin ein Beziehungstyp. Ich mag jene Konstellation, die sich aus zwei Menschen ergibt, die einander lieben und für den Anderen einstehen wollen, mit allen Konsequenzen. Bisher war es eigentlich immer so, dass nach dem Ende einer Beziehung schon bald die nächste auf mich wartete, wie auch immer das zu bewerten ist. Es ist nicht so, dass ich mich Hals über Kopf von der einen Sache in die andere stürze, bloß um nicht allein zu sein. Es hat sich bisher schlicht und einfach ergeben.

Aber, hey, heutzutage wartet die große Liebe ja auch an jeder Ecke. Im Internet gibt es zahllose Plattformen, die dir den Partner deines Lebens versprechen. Im Fernsehen suchen Bauern Frauen und Mütter Schwiegertöchter, und wenn’s mit dem eigenen Liebesleben nicht so recht vorangeht, sieht man sich halt die Rosamunde-Pilcher-Verfilmung mit einem maßgeschneiderten Traumpaar an.

Mein Leben als Single unterschied sich wohl kaum von dem anderer Alleinstehender: Ich schlendere mit dem Einkaufswagen durch den Supermarkt, packe die „Suppe für eine Person“ ein, besehe mir das Haltbarkeitsdatum des Graubrots – nur noch zwei Tage; das schaff ich nicht allein. An der Kühltheke greif ich mir den Vanille-Vla, den meine Freundin so mag, dann eine Packung Salami, bleibe stehen, mache wieder kehrt und stelle den Vla zurück in die Theke: Is ja nich mehr …

Okay, es kotzt mich an. Ich muss aktiv werden. Ich schicke einer Sängerin, die ich vor kurzem bei der Aufzeichnung einer Show kennen gelernt habe, eine SMS. Ich hatte mich bei einem kleinen Spielchen am Finger geschnitten und sie war so freundlich gewesen, mich mit Pusten und Pflaster zu verarzten. Nun schreibe ich ihr, dass es mir erneut passiert sei, dieses Mal am Ringfinger, und ob sie mir damit noch einmal behilflich wäre – bei einem Essen im besten Thai-Restaurant Kölns. Mal sehen, ob sie überhaupt antwortet …

Am Nachmittag fahre ich zu einer meiner Exfreundinnen. Sie liegt nach einer Operation im Krankenhaus, und ich drucke ihr den ersten Teil meines Romans aus, damit sie was zu lesen hat, kaufe ein paar Blumen und statte ihr einen Besuch ab. Auch sie ist nun seit gewisser Zeit solo. Ich gehe mit ihr auf dem Flur spazieren, rede mit ihr, setze mich dann an ihr Bett und halte ihre Hand, weil sie Schmerzen hat. Der Urinbeutel an der Seite verhindert, dass es allzu romantisch wird. „Wenn du mein Freund wärst“, sagt sie plötzlich, „würde dich das hier jetzt so richtig abtörnen?“

„Warum sollte es?“

„Na ja, ich seh total scheiße aus.“

„Das ist doch Unsinn“, sage ich. „Du siehst aus wie eine Frau, in die jeder Mann sich verlieben kann.“

Meine Exfreundin hält inne, sieht mich an und drückt meine Hand. Dann sagt sie, in einem erschreckend ernsthaften Ton: „Heirate mich!“ Ich lache auf. „Nein, ernsthaft“, sagt sie – wusst ich’s doch. „Ich war damals zu jung, um zu verstehen, was ich an dir hatte. Jetzt weiß ich, dass du genau der Mann bist, den jede Frau sich wünscht. Wollen wir es nicht nochmal miteinander probieren, Chrissi?“ Oh shit, jetzt fährt sie die harten Geschütze auf. Zum Glück kommt in diesem Augenblick Schwester Marlene zur Tür herein und bringt zwei Schlaftabletten. Meiner Ex fallen ziemlich bald die Augen zu, und sie und ich bleiben fürs Erste Singles.

Es ist Samstagabend: Meine Freunde haben mich zum Essen und anschließenden Clubbesuch eingeladen. Jetzt heißt es nicht mehr: „Kommt ihr?“ und „Klar, wir kommen“ – das „ihr“ und „wir“ sind jetzt „du“ und „ich“. Als ich die Wohnung meiner Freunde betrete, sehe ich die Schuhe auf dem Boden, auf einer Seite seine, auf der anderen ihre. Ich denke daran, auf dem Absatz wieder kehrt zu machen, schließlich werde ich an diesem Abend der einzige Single unter uns sein. Aber dann begrüße ich die drei anwesenden Pärchen doch mit einem bemüht enthusiastischen „Hallo!“. Die wiederum empfangen mich mit jenem mitleidigen Blick, den Totengräber während einer Beerdigung aufsetzen. Julia, eine gute Freundin von mir, streicht mir mit einer Hand über die Schulter und atmet tief durch. Wer ist gestorben?, will ich fragen.

In der Küche stellen sie mir gleich jemanden vor: Kerstin, 27 Jahre alt, blond und auf den ersten Blick sympathisch. Julia flüstert mir im Vorbeigehen zu: „Sie ist Single“. Also doch nicht der einzige. Ich überlege, ob ich mich freuen oder mir mit einem gezielten Sprung aus dem Fenster das Leben nehmen soll: Meine Freunde versuchen, mich zu verkuppeln. Oh je. Es gibt nichts erniedrigenderes, als wenn man arme-wurst-mäßig an die Frau gebracht wird. Allerdings würde der Sprung aus dem Fenster keinen Sinn ergeben, wir befinden uns in der ersten Etage und es wäre absolut lächerlich, hinterher im Matsch zu liegen, jammernd, weil ich mir den Arm verstaucht habe, und meinen Freunden irgendwie plausibel erklären zu müssen, dass das bei manchen Völkern ein Begrüßungsritual ist. Also beginne ich, meinen Freunden zuliebe (die sich rücksichtsvoll im Hintergrund halten und so tun, als seien sie in Gespräche vertieft), eine Konversation mit Kerstin.

Ich: „Woher kommst du?

Sie: „Aus Bonn.“

Ich: „Und was machst du so?“

Sie: „Studiere Jura.“

Ich: „Oh, interessant!“

Sie: „Hey, kenn ich dich nicht irgendwoher?“

Ich: „Weiß nicht.“

Sie: „Doch, aus irgendner Soap … Wie hieß die noch? Marienhof!“

Ich: gehe.

Schön sind auch die Mitleidsbekundungen und Aufmunterungsversuche der Freunde, wenn deine Beziehung gerade erst den Bach runtergegangen ist. An jenem Samstagabend gehe ich also mit meinen Freunden in einen Kölner Club, als mich die SMS einer weiteren Exfreundin erreicht; eine Frau, mit der ich fast sieben Jahre eine Beziehung geführt habe und die genau das für mich ist, was ich für meine andere Exfreundin bin: Die, für die ich einfach zu jung war, um zu begreifen, was ich an ihr hatte. Sie hat mittlerweile ein Kind und wird nächstes Jahr heiraten.

Sie schreibt, dass ich mich auf keinen Fall runterziehen lassen soll, dass ich mit Leichtigkeit eine Neue finde, weil ich ein toller Mann sei und dass sie das nach sieben gemeinsamen Jahren jawohl wissen müsse. Ich habe diese Lobeshymnen gerade gelesen, als Julia zu mir sagt: „Hey, du siehst heute wirklich gut aus!“, was ein Kompliment sein soll, in meinen Ohren aber klingt, als wäre ich sonst der Zwillingsbruder von Freddy Krüger. Es vergehen keine fünf Sekunden und Manuel kommt auf mich zugestürmt: „Alter, da vorne stehen ein paar Rehe, total dein Typ. Die sehen dich die ganze Zeit an. Und die eine, die mit den blonden langen Haaren, ist jetzt schon das dritte Mal an dir vorbeigegangen, damit du sie endlich beachtest.“ Ich sehe mich nach einem Fenster um – leider Erdgeschoss. Wäre es bei der SMS meiner Exfreundin geblieben, der Abend hätte durchaus okay werden können. Natürlich weiß ich, dass es gut gemeint ist, und ich bin meinen Freunden ja auch dankbar. Aber ich bin bloß Single, nicht totkrank.

Als wir auf der Tanzfläche sind, kommt eine aufgebretzelte Wasserstoffblondine auf mich zugewankt, ein, zwei Cocktails zuviel in ihrem abtrainierten Bauch. Ich versuche, sie zu ignorieren, aber es hat keinen Zweck: „Ischab disch von da drübn beobachtet“, brüllt sie mir in mein Ohr. Sie klingt, als hätte sie die Schule verlassen, bevor ihr die Vokale beigebracht wurden, und deutet auf eine Ecke am Tresen.

„Von da drüben?“, brülle ich zurück.

„Ja, von da.“

„Ah, okay. Das werd ich mir mal ansehen.“ Ich lasse sie stehen und begebe mich schnurstracks zur Bar. Es hilft alles nichts: den Abend muss ich mir schönsaufen. Ich bestelle mir einen White Russian, kippe ihn mir fast in einem Zug die Kehle runter und wippe mit dem Kopf zur Musik. Ich sehe, wie meine Freunde pärchenweise miteinander tanzen und fühle mich allein. Manuel kommt mit seiner Freundin zu mir, bestellt zwei Drinks, dann wendet er sich an mich: „Da vorne, die Kleine. Totaler Marit-Larsen-Typ. Hat mich grad gefragt, ob du solo bist.“

Der Songtitel Ain’t nothing like the real thing geht mir durch den Kopf. „Ich hoffe, du hast ‚nein’ gesagt.“

„Bist du irre? Alter, die will dich.“ Dann umfasst er meine Oberarme und sieht mich mit einem derart ernsten Blick an, als gehe es um die Rettung der Menschheit. „Schlaf mit ihr!“

„Bist du verrückt, ich hab ne Freundin.“

„Nein, hast du nicht.“

„Vom Gefühl her schon.“

„Dein Gefühl ist ein Arschloch!“ Manuel sieht mich noch eindringlicher an. „Schlaf mit ihr! Tu es!“ Dann lässt er von mir ab und stößt dabei mit dem Ellbogen aus Versehen gegen den Kopf seiner Freundin. „Oh, baby, tut mir leid!“, sagt er plötzlich in einem Babyton, der mich anwidert, umfasst ihr Gesicht mit beiden Händen und küsst ihre Wangen. „Hab ich dir weh getan? Tut mir so leid, baby!“ Die beiden beginnen, sich leidenschaftlich zu küssen. Ich kippe mir den Rest von dem White Russian runter und gehe leidenschaftlich gen Ausgang, um in meiner einsamen Wohnung in mein leeres Bett zu fallen und vollkommen unleidenschaftlich, weil alleine, zu schlafen.

Am nächsten Tag, es ist Sonntag, lege ich mich auf mein Sofa und versuche, mein Singledasein als eine Chance zu akzeptieren. Vielleicht ist es auch ganz gut, mal eine Zeitlang allein zu sein, geht es mir durch den Kopf; ich will unbedingt daran glauben. In dem Augenblick bekomme ich eine SMS. Ich kenne die Nummer nicht, von der sie gesendet wurde, öffne sie und lese: „Lieber Christian, gerne bin ich dir mit deiner Wunde wieder behilflich …“ Sie ist von der Sängerin, der ich geschrieben habe. Mein Herz gerät in Aufruhr. Ich lese den Rest der SMS, antworte und verabrede mich mit ihr zum Essen. Dann lege ich mich wieder auf mein Sofa und denke, wie sehr mir Paare auf die Nerven gehen. Solange ich nicht selber ein Teil davon bin.

Montag, 6. September 2010

That's what friends are for

Scheiße! Es geht mir gar nicht gut. Ich bin ein Wrack, am Ende, fertig mit der Welt und, wenn wir schon dabei sind, auch mit allen anderen Planeten: Die Sonne hat mir in der Vergangenheit gehörige Sonnenbrände beschert, der Mond lässt mich manchmal nicht schlafen und die anderen sind auch alle zum Kotzen. Ich bin fertig. Jetzt hilft nur noch eins: ein richtig guter Freund.

Freunde sind unerlässlich für ein erfülltes Leben: Sie sind zuverlässig, loyal, hören Dir zu, verstehen Dich und nehmen Dich so wie Du bist. Wer hat ihn nicht schon mal gehört, den berühmten Satz: „Du kannst mich jederzeit anrufen, egal, was ist. Egal, wann. Tag und Nacht!“ Aber ehrlich, wie oft haben wir darauf zurückgegriffen und wirklich mal mitten in der Nacht bei einem Freund durchgeklingelt? Zeit für einen Selbsttest: Ich nehme mein tragbares Telefon in die Hand und wähle die Nummer von Claudio. Er ist einer jener Freunde, die mir diesen Satz, diese Ode an die Freundschaft geschenkt hat. Ich kann ihn jederzeit anrufen, sagte er. Kann ich auch. Allerdings geht er zumeist entweder nicht ran oder die freundliche Dame von der Mailbox meldet sich. So auch in dieser Nacht.

Es ist 3:24 Uhr.

Ich wähle die nächste Nummer. Manuel, mein alter Freund Manuel, wird mich nicht im Stich lassen. Er spürt bestimmt, wie mies es mir geht. Nach einer Ewigkeit hören ich ein Rascheln am Hörer. „Nja?“, meldet er sich. Aus irgendeinem Grund klingt er verschlafen.

„Ich bin’s“, sage ich.

„Claudio?“

„Nein, ich!“

„Fly, was gibt’s?“

„Nein, nein, hier … ist Christian.“ Einer deiner ehemals besten Freunde, denke ich.

„Ah, Christian! Ist was passiert?“ Manuel gähnt.

„Ja, mein Joghurt ist abgelaufen. Schöner Scheiß!“

„Was? Du rufst mich mitten in der Nacht an, weil dein Joghurt abgelaufen ist?“

„Du hast gesagt, ich kann anrufen, wann und warum ich will.“

„Ich meinte, wenn’s dir schlecht geht.“

„Es geht mir schlecht. Ich hatte den halben Joghurt bereits gegessen, als ich’s gemerkt hab.“

Ich höre ein Klicken. Die Leitung ist tot. Schöner Freund!

Besonders willkommen in Zeiten, in denen es mir so richtig schlecht geht, sind jene Freunde, denen es gerade so richtig gut geht. Wie gerne höre ich mir doch zehn Minuten lang an, wie erfolgreich und glücklich sie im Beruf wie im Privatleben sind, bevor ich von meinem Mist erzählen darf und den herablassenden Mitleidston eines Glückspilzes über mich ergehen lassen muss.

Ein Treffen mit einer Freundin.

Ich: „Hey, wie geht’s dir?“ Fehler!!

Sie: „Alles schön! Im Job läuft’s super, da haben wir gerade einen richtigen Lauf. Macht auch total viel Spaß. Und mein Freund – ach nein, Mann, wir haben ja letzte Woche geheiratet, ich komm da immer noch durcheinander –, also mein Mann und ich ziehen nächste Woche in dieses Traumhaus, das wir zu einem absoluten Schnäppchenpreis bekommen haben. Du musst uns unbedingt mal besuchen kommen.“

„Gege!“, sage ich, was eigentlich „Gerne!“ heißen soll, aber es fällt schwer zu sprechen, wenn man gleichzeitig versucht, sich die gesamte Faust in den Mund zu stopfen. Ich will die Freundin gerade nach ihrer Tochter fragen, als…

„Die Kleine ist so süß. Ein richtiger Sonnenschein. Schreit kaum, lacht immer. Total unkompliziert. Wir haben sie schon für eine Kita angemeldet, wo sie zweisprachig erzogen wird. Die reden da teilweise nur französisch mit ihren Kindern.“

Merde, denke ich. „Schön“, sage ich.

„Und wie geht es dir?“, fragt sie. Ich glaube, sie holt gerade zum ersten Mal Atem. Bei mir fühlt es sich seit Tagen an, als wäre es das letzte Mal.

„Ach ja“, sage ich. „Zurzeit nicht so sehr dolle.“

„Ach“, sagt sie. „Was ist denn passiert?“ Da ist er, der Mitleidsblick.

„Na ja, ziemlich viel Mist in letzter Zeit. Aber wird schon.“ Ich winke ab und versuche mich an einem Lächeln, was ihr sagen soll, dass es halb so schlimm ist, jedoch nur den einen Effekt hat, mich wie einen Vollidioten wirken zu lassen.

„Wenn du drüber reden willst: Du kannst mich jederzeit anrufen“, sagt sie. „Egal wann.“ Mein Lächeln gefriert. Zeit zu gehen.

Aber genauso, wie Freunde für einen da sind, möchte man selber auch ihnen eine Schulter leihen. Man möchte ihnen zuhören, wenn sie Kummer haben, sie ermutigen, wenn sie ängstlich sind. Man möchte der gleiche gute Freund sein, der sie für einen selbst sind.

Ein Freund – nennen wir ihn Sancho –, hat Liebeskummer und ich fahre zu ihm, damit er sich nicht mit Wein volllaufen lässt; also, damit er sich nicht alleine mit Wein volllaufen lässt. In einer ähnlichen Situation befand ich mich nicht lange vor ihm auch. Folgendermaßen war das Gespräch zwischen ihm und mir damals abgelaufen:

Ich: „Scheiße, alles Scheiße!“

Er: „Alter, komm, das wird wieder.“

Ich: „Ich werde nie wieder eine Frau finden, die ich so lieben kann wie sie.“

Er: „Natürlich wirst du. Du bist’n super Kerl, du wirst ganz schnell eine Neue finden.“

Ich: „Nein, nie. Sie war die Eine.“

Er: „Es gibt tausende Eine.“

Ich: „Das verstehst du nicht.“

Er: „Hey, jetzt zieh dich nicht so runter. Das Leben geht weiter. Blöder Spruch, ist aber so.“

Folgendermaßen läuft nun das Gespräch ab, da die Rollen vertauscht sind und mein Freund derjenige ist, der Liebeskummer hat:

Er: „Scheiße, alles Scheiße!“

Ich: „Alter, komm, das wird wieder.“

Er: „Ich werde nie wieder eine Frau finden, die ich so lieben kann wie sie.“

Ich: „Natürlich wirst du. Du bist’n super Kerl, du wirst ganz schnell eine Neue finden.“

Er: „Nein, nie. Sie war die Eine.“

Ich: „Es gibt tausende Eine.“

Er: „Das verstehst du nicht.“

Ich: „Hey, jetzt zieh dich nicht so runter. Das Leben geht weiter. Blöder Spruch, ist aber so.“

Was wären wir nur ohne Freunde?