Montag, 30. August 2010

I am waiting

Es ist Morgen. Ich schmeiß mich aus dem Bett und reiße die Vorhänge auf. Draußen ist es trübe – bis die Wolken aufreißen wird es noch dauern. Ich schnappe mir mein Handy, schreibe meiner Freundin eine SMS, putze mir die Zähne und gehe unter die Dusche. Ich muss eine Weile warten, bis das Wasser warm wird. Als ich geduscht und angezogen wieder mein Handy in die Hand nehme, sehe ich, dass meine Freundin noch nicht geantwortet hat. Mein Gott, wie viel Lebenszeit verschwenden wir alle eigentlich mit Warten?

Bevor ich ins Studio fahre, springe ich noch schnell bei meinem Friseur rein. Praktisch, dass man hier keinen Termin braucht, denke ich, bevor meine Friseurin mir sagt, dass ich mindestens eine Stunde warten muss, und ich denke: ‚Hätte ich doch einen Termin, verdammt.’ Aber was soll’s, ich hab das jetzt schon zweimal aufgeschoben, und das, was man ehemals Frisur nennen konnte, sieht mittlerweile aus wie das Vogelnest auf meinem Balkon. Bevor Amseln darin nisten, geb ich lieber eine Stunde meiner Lebenszeit her, also nehme ich Platz und blättere in Frauenzeitschriften, die mir ein Leben ohne Cellulite versprechen.

Nachdem meine Friseurin mir die Haare geschnitten hat, betrachte ich mich im Spiegel. Die Haare sind kürzer als gewollt, aber sie meint, die fertige Frisur würde sich in ein, zwei Wochen zeigen. Das müsse ein bisschen verwachsen, ich brauche nur zu warten. Toll, denke ich und bin geneigt sie zu fragen, ob es in Ordnung ist, dass ich in ein, zwei Wochen nochmal vorbeikomme, um zu bezahlen.

Woanders habe ich allerdings einen Termin: Ein leichter, aber penetranter Husten soll endlich eingedämmt werden, also fahre ich bei meinem Hausarzt vorbei. Die Arzthelferin begrüßt mich mit dem Standardsatz: „Nehmen Sie doch bitte einen Moment noch im Wartezimmer Platz“. Oh Gott, ein Zimmer, dessen Name dir schon keine Hoffnung mehr lässt, so wie „Folterkammer“ oder „Todeszelle“. Wieder sehe ich mich mit einem Tross Zeitschriften konfrontiert, dieses Mal meist mit medizinischen Fachmagazinen und Ausgaben der „Stiftung Warentest“. Ein Test macht Frauenträume mit einem Schlag zunichte: Keine der getesteten Cellulitecremes konnte eine dauerhafte Wirkung vorweisen. So ein Mist!

Kurz darauf horcht mein Arzt mich ab, nimmt noch drei Ampullen Blut mit, verschreibt mir dann ein paar homöopathische Mittelchen und meint, es würde sicher nur drei, vier Tage dauern, bis der Husten verschwunden ist. Super, denke ich, dann muss ich ja nur abwarten. Als ich aus der Praxis nach draußen trete, werfe ich einen Blick auf mein Handydisplay: Keine Nachricht von meiner Freundin.

Ich fahre ins Studio und freue mich darauf, endlich mal effektiv sein zu können, und zwar jetzt und nicht erst in ein, zwei Wochen. Es dauert eine Ewigkeit, bis ich einen Parkplatz gefunden habe. In den Tinseltown-Studios angekommen, begegne ich gleich meinem Freund Claudio, der mich mit gestresstem Gesichtsausdruck begrüßt; wir wollen heute ein paar neue Songideen als Demos aufbereiten. „Der Computer zickt“, sagt Claudio. „Der stürzt mir immer wieder ab. Ich komme seit zwei Stunden nicht weiter.“ Beruhigend zu sehen, dass es nicht nur mir so geht. Was hilft’s? Abwarten und Tee trinken.

Nach etlichen weiteren Stunden mit viel schwarzem Tee und wenig konstruktiver Arbeit läuft der Computer zumindest soweit, dass wir unser Demo aufnehmen können. Leider fällt Claudio in diesem Augenblick siedendheiß ein, dass sein Gitarrenschüler auf ihn wartet. Mir fällt vor Schreck die Teetasse auf die Hose – auch siedendheiß. Wir verabreden uns für morgen und verlassen beide das Studio.

Im Auto fahre ich weiter zum nächsten Supermarkt. An der Kreuzung stehe ich mit etwa hundert weiteren Verkehrsteilnehmern eine gefühlte Stunde an einer Ampel, die eine gefühlte Sekunde lang grün ist. Ich habe nicht das Gefühl, wirklich am Verkehr teilzunehmen.

Im Supermarkt ist es recht leer. Ich schlendere durch die Obst- und Gemüseabteilung, werfe ein paar Fertiggerichte in den Einkaufswagen, besorg mir Brot und Aufschnitt und begebe mich dann zur Kasse, von denen es vier gibt, aber nur eine geöffnet ist. Wie kann es sein, dass es im Supermarkt so leer ist, an der Kasse sich aber eine große Schlange angesammelt hat? Ein Glück, dass die Kassiererin flink ist und direkt vor mir schließlich nur noch eine kleine Oma mit einem Kopfsalat und einem Bettbezug steht. Die Kassiererin zieht die beiden Artikel über den Scanner, bei dem Bettbezug streikt das Gerät allerdings. „Jürgen, wat kostet der Bettbezuch?“, ruft sie ihrem Kollegen zu. „Zwölf neununneunzisch“, ruft der zurück. „Dat macht dann dreizehn siebenunachzisch“, sagt sie zu der alten Dame vor mir. Die kramt in Zeitlupe ihre Brille hervor, um in noch langsamerer Zeitlupe ihr Portemonnaie hervorzukramen. Na ja, denke ich, kann ja nicht mehr lange dauern. Und dann – spricht sie den Todessatz aus: „Moment, ich hab’s passend.“

Eine Viertelstunde später lasse ich mich pustend in den Autositz fallen. Warum in Gottes Namen haben ältere Leute immer so viele Cent-Stücke bei sich? Ich fühle mich gestresst, obwohl ich eigentlich zu nichts richtig gekommen bin heute. Müde lasse ich meinen Blick auf mein Handy fallen. Keine Nachricht von meiner Freundin. Ob sie meine SMS überhaupt erhalten hat? Ich schicke ihr zur Sicherheit nochmal eine, starte den Motor und mache mich auf den Weg zu einer Verabredung mit meiner Exfreundin.

In einer spanischen Bar warte ich zwanzig Minuten, bis sie schließlich gehetzt erscheint. „Entschuldige“, sagt sie, „ich habe noch auf eine Freundin gewartet, die mir was vorbeibringen wollte. Bist du schon lange da?“

„Nein“, sage ich und meine es auch so. Was sind an diesem Tag schon weitere zwanzig Minuten …

Wir bestellen zwei Gläser Weißwein, die nach einer Viertelstunde auch tatsächlich noch gebracht werden. „Ich weiß bis heute nicht, warum du dich damals eigentlich von mir getrennt hast“, sagt meine Exfreundin nach dem ersten Schluck unvermittelt. Ihre Augen flackern, was weniger mit ihrem Temperament als mit der kleinen Kerze auf dem Tisch zu tun hat. Ich trinke langsam von meinem Wein, um meinen Kommentar aufzuschieben. „Weißt du eigentlich, wie lange ich danach noch auf dich gewartet habe?“, fügt sie an. Mir läuft ein Schwall Wein übers Kinn und ich habe Schuldgefühle. Keine Ahnung, ob ihretwegen oder weil ich den Wein verschüttet habe. Ich bin bloß dankbar für die Ablenkung.

Nach unserem Treffen fahre ich nach Hause. Vom Parkplatz aus gehe ich zu Fuß zu meiner Wohnung. Auf dem Weg dorthin piepst auf einmal mein Handy. Meine Freundin hat mir eine SMS geschickt. Sie entschuldigt sich für ihr spätes Melden, schreibt, dass es keine Absicht gewesen sei und sie momentan den Kopf voll Stress habe. Zwölf Stunden nach meiner SMS hat sie es endlich geschafft, mir eine halbe Minute Zeit zu widmen. Das ist Liebe.

Zuhause putze ich mir die Zähne, ziehe mich aus und lege mich ins Bett. Ich starre an die Zimmerdecke. Mist, geht es mir durch den Kopf, hätt ich doch nicht so viel schwarzen Tee getrunken. Ich schließe die Augen und warte darauf, dass ich einschlafen kann.

Freitag, 27. August 2010

Meine Heimat

Als meine damalige Freundin und ich zusammenkamen, schrieb ich ihr den Song „My number one“, der es auf das zweite englischsprachige Album geschafft hat. Fünf Jahre später fand ich, es war Zeit für ein neues Lied. Das Ergebnis war „Meine Heimat“.

„Meine Heimat“ ist ein Song, den man nur für jemanden schreiben kann, den man schon eine ganze Weile kennt. Er erzählt von Dingen, die erst im Laufe einer Beziehung entstehen: Vertrauen, Loyalität, Sicherheit, und all das mündet in jenem Heimatgefühl, das ich hier besinge. Überflüssig zu sagen, dass mir das Klavierthema unter der Dusche einfiel … Am Anfang einer Beziehung, wenn das Kribbeln noch da ist und alles so aufregend erscheint – ein Zustand, der sich Gott sei Dank im Laufe der Zeit legt, sonst wären wir alle nur noch liebesblöde Rosa-Wolken-Seher – merken wir noch gar nicht, wie komplex die Liebe eigentlich ist, weil alles noch so einfach erscheint: Man zeigt sich nur in den buntesten Farben, schiebt seine schlechten Eigenschaften beiseite, um dem Anderen zu gefallen, möchte im besten Licht dastehen und alle Sorgen vergessen. Eine schöne Zeit, ohne Frage, aber ich bevorzuge doch die Vetrautheit und die ehrlichere Liebe, die danach auf mich wartet. Ich wollte meiner Freundin einen Song schreiben, der genau dieses Gefühl widerspiegelt; der ihr sagt: „Ich kennst meine Fehler, aber du liebst mich trotzdem und deswegen finde ich in dir immer mein Zuhause.“ Interessanterweise ist dies das einzige positive Liebeslied auf dem Album, die anderen, die das Thema Liebe beinhalten, handeln alle von Trennungsschmerz und Liebeskummer. Ich habe das Lied immer sehr gemocht. Es wird von einer angenehmen Leichtigkeit durchzogen, die mich immer noch packt, und es erinnert mich daran, dass es beständige tiefe Liebe gibt, auch wenn die Schmetterlinge den Bauch verlassen haben. Nein, nicht auch wenn: Erst wenn.

Als passionierter Schreiber mache ich mir ständig Gedanken. Über alles. Natürlich auch über die eigene Existenz, darüber, wie schnell die Zeit vergeht, was wohl bleibt, wenn ich der Welt den Rücken kehre. Diese Gedanken mündeten im letzten Lied des Albums, „Alles geht vorbei“.

Als ich mit dem Auto auf dem Weg ins Studio war, kam mir die Idee zu dem Song. Da ich mit Claudio sowieso zum Schreiben verabredet war, verfolgten wir die Idee weiter und nahmen schließlich das erste Demo auf. Im Gegensatz zu den anderen Songs, verzichteten wir hier auf den Flügel in Kikos Raum und spielten die Sachen stattdessen mit dem alten Klavier in Claudios Studio ein. Der Klang ist etwas schäbiger, nicht so glatt, und man muss noch nicht einmal genau hinhören, um im Intro das Quietschen des Pedals zu hören; ein Geräusch, das wir absichtlich nicht herausgenommen haben, auch dies ein Stilmittel, um den Klang des Songs nicht glatt wirken zu lassen.

Für die erste Zeile hatte ich zu Anfang noch den Satz „Einzeller im Meer“ geschrieben, aber als ich ihn einsang, klang es wie „Ein Celler im Meer“ und das hätte nur Verwirrung gestiftet. Warum sollte ich auch über einen Bewohner aus Celle singen, der im Meer schwimmt …? In der jetzigen Version der letzten Bridge heißt es zudem „Und ich bleibe auf der Straße, die im Lauf der Zeit entsteht, um am Ende rauszufinden, wohin es geht. Es geht alles, alles, alles geht vorbei.“ Zuvor hatte ich statt „wohin es geht“, „was alles geht“, da mir die Verbindung zu „Es geht alles, alles, alles geht vorbei“ so gefiel. Leider hörte sich die Zeile jedoch zu cool an, zu sehr nach „Ey, was geht, Alter?!“ und so tauschte ich sie aus.

Mir gefällt, dass das Lied mit einer Frage endet; vor allem mit einer, die wir uns alle wohl schon gestellt haben: Wo geht es hin? Und ich finde es wunderbar, dass Album enden zu lassen mit einer Frage, auf die es einfach keine Antwort gibt.

Fünfzehn Songs, ein Album, an dem mein Team und ich die letzten Jahre kontinuierlich gearbeitet haben. Es sind großartige Musiker zusammengekommen, um diese Platte zu verwirklichen, und ich bin so froh, dass sie nun veröffentlicht ist und jeder von euch sich seine eigene Meinung bilden kann. Es klingt platt, ich weiß, aber Musik fängt nun einmal erst dann an zu leben, wenn sie gehört wird. Vielleicht hörst sogar Du gerade meine Musik und vielleicht – nur vielleicht – bereichert sie Dein Leben ein ganz kleines bisschen. Und wenn nicht, keine Sorge: Alles geht vorbei.

Donnerstag, 26. August 2010

Wir waren Könige

Als ich ein Kind war bestand das Leben aus Stockkämpfen, Wolkenbildern, Abenteuern, Astrid-Lindgren-Büchern, dem sehnsüchtigen Erwarten der Weihnachtszeit und dem Glauben, dass die Welt ein einziger Spielplatz ist. Manchmal denke ich an diese unschuldige Zeit zurück, als meine Freunde und ich noch Könige waren.

Die Idee zu dem Lied „Wir waren Könige“ schwebte mir schon lange durch den Kopf. Über Jahre sammelte ich Sätze und Bilder (von denen ich im fertigen Text so gut wie nichts verwendete), schrieb alles auf, was ich mit Kindheit verband und dem Leben danach. Nachdem ich mit Claudio „Allie“ fertig gestellt hatte, setzten wir uns an einem Abend mit seiner Gitarre zusammen und nahmen verschiedene Melodien auf; alles, was uns gerade so einfiel. Bis wir plötzlich bei einer Variante hängen blieben. Ich nahm die Aufnahme mit und schrieb am nächsten Tag den Text für das Lied (nur eine halbe Strophe ließ ich offen, schrieb sie dann, während Claudio am Playback bastelte). Nachdem wir den Song aufgenommen hatten, wusste ich bereits in diesem Rohzustand, dass dieses Lied einer meiner Lieblinge auf dem Album sein würde; ich mag es einfach, in meinen Songs wie ein Geschichtenerzähler zu fungieren. (Ein Überbleibsel aus meiner Kindheit, in der ich immer derjenige war, der anderen vorgelesen hat.)

Jene Linien, die von der Querflöte gespielt wurden, dachten Claudio und ich uns erst aus, während die Flötistin bereits anwesend war. An diesem Song fiel uns alles so leicht, dass er von Beginn an einfach nur Spaß machte. Für mich ist er unweigerlich mit „Allie“ verbunden, weil die beiden direkt hintereinander entstanden sind, und das ist auch der Grund, weswegen sie auch auf dem Album hintereinander platziert wurden. Die Songs gehören für mein Gefühl einfach zusammen.

Ich habe meine Freunde von früher zwar nie zwanzig Jahre später in einem Baumhaus wiedergesehen (ich hatte ja nicht einmal ein Baumhaus), dennoch erzählt die Geschichte von meiner Kindheit und dem Leben als vermeintlich Erwachsener. Denn in Gedanken besuche ich meine Freunde von damals tatsächlich immer mal wieder.

„Der, der ich lieber wär“ ist vielleicht der lyrischste Song auf dem Album. Wahrscheinlich hatte jeder von uns schon mal dieses Gefühl, jemand anders sein zu wollen: Der beruflich erfolgreiche Nachbar, der Kinostar, die frisch verheiratete Freundin, der Lottomillionär. Ich wollte dieses Gefühl in einem Song verpacken, der ehrlich und leise daher kommt, ohne große Paukenschläge oder harmonische Superkniffe. Es sollte melancholisch klingen, aber zugleich versöhnlich. Deswegen baute ich am Ende des Songs diese Wendung ein, den letzten Satz, der verdeutlicht, dass es schon okay ist, wie man ist. Ich muss gestehen, ich mag das Lied. Dadurch, dass es so unaufdringlich daher kommt, läuft es schnell Gefahr unterzugehen zwischen den anderen Songs, und wenn es an die Auswahl der Albumsongs geht, streichen Plattenfirmen in der Regel als erstes solch ein Lied von der Liste. Aber ich habe mich dafür eingesetzt, und die Plattenfirma hat erkannt, dass der Song dem Album eine wichtige Farbe gibt. „Der, der ich lieber wär“ ist einer der persönlichsten Songs auf dem Album. Wenn man etwas über mich erfahren will, hört man am besten dieses Lied.

Vor über sechs Jahren entschied ich, mich an deutschsprachigen Songtexten zu versuchen. Ich hatte das Gefühl, um die Geschichten zu erzählen, die mir wichtig waren, musste ich in meiner eigenen Sprache schreiben. Das erste Lied, das dabei entstand, war „Freunde“. Kiko und ich nahmen die erste Version damals noch in seinem kleinen Studio in Recklinghausen auf. Über die Jahre hat sich das Playback stark verändert, Kiko hat viel mit dem Song experimentiert. Der Text allerdings blieb im Großen und Ganzen gleich. Nicht, weil ich ihn für perfekt hielt – in Wahrheit halte ich ihn im Vergleich zu den anderen Songs für handwerklich höchstens okay –, aber er sprach, vielleicht gerade aufgrund seiner Naivität, viele Leute an. In den vergangenen Jahren gab es den ein oder anderen Sänger, der den Song für sich haben wollte, und wir waren einmal auch kurz davor, ihn abzugeben. Aber mein Team glaubte immer, dass der Song auf mein Album gehörte. Mittlerweile schätze ich die einfache Aussage des Liedes. Ich erinnere mich, dass ich den Text aus dem Bauch heraus schrieb, zu einer Zeit, in der ich selber einen Freund brauchte. Vielleicht ist das und die Tatsache, dass dies mein erster Song in deutscher Sprache ist, der Grund, weswegen der Song nun auch für mich unbedingt auf mein Album gehört.

Mittwoch, 25. August 2010

Allie

Auf dem Album gibt es Trennungslieder, in denen ich über den Schmerz des Liebeskummers singe. Ein Lied jedoch unterscheidet sich dabei von den anderen: „Ohne dich“.

Die erste Idee zu dem Song kam mir beim Joggen. Ich weiß noch, dass ich extra schneller lief, um nach Hause zu kommen und die Melodie aufnehmen zu können, bevor sie meinem löchrigen Gedächtnis wieder entfiel. Zu der Zeit hatte ich gerade eine unschöne Liebesgeschichte hinter mich gebracht und wollte einen Song schreiben, der wie ein Befreiungsschlag wirken sollte. Kein „Ich vergrabe mich vor Kummer“ oder „Was soll ich denn jetzt machen?“, stattdessen die Aussage „Ohne dich ist mein Leben so viel besser“. Ich wollte mit einem heiteren Text den Triumph über den ätzenden Ex-Partner zelebrieren.

Für das Demo nahmen Claudio und ich den jetzigen Instrumentalpart zu Anfang des Liedes mit „Babadada“-Chören auf, entschieden uns dann aber doch dagegen, weil es zu albern wirkte. An dem Text nahm ich über Monate hinweg immer wieder kleine Änderungen vor, sogar noch an dem Tag, an dem ich den Song einsang. Es ist bestimmt der popigste Song auf dem Album. Meinem kleinen Neffen gegenüber nannte meine Mutter das Lied immer „das Lied über die blöde Kuh“, weswegen es familienintern nun „das Lied mit der Kuh“ ist.

Mit „Alle Liebe dieser Welt“ hatte ich – das gebe ich offen zu – erst mal so meine Probleme. Fly und ich schrieben den Text, doch irgendwie konnte ich mich nicht so recht damit identifizieren. Ich wusste, die Frage: „Wie kann es sein, dass dich auch alle Liebe dieser Welt nicht bei mir hält?“ würde ich mir nie stellen, da ich nicht so naiv bin zu glauben, dass die eigene Liebe für beide Partner reicht. Ich legte das Lied zunächst zur Seite, davon ausgehend, dass es nicht den Sprung auf das Album schaffen würde. Als jedoch zwei meiner Freunde von ihren Freundinnen verlassen wurden, wir bei viel Alkohol zusammensaßen und sie mir ihr Leid klagten, hörte ich unabhängig voneinander von beiden den gleichen Satz: „Ich liebe sie doch so, warum liebt sie dann mich nicht mehr?“ Mir wurde klar, dass man eben nicht immer rational denken, fühlen oder handeln kann, schon gar nicht, wenn man einen Verlust betrauert. Dass der Schmerz seine eigenen Fragen bereit stellt. Unter diesem Aspekt hörte ich mir „Alle Liebe dieser Welt“ noch einmal an, und da wusste ich, dass Fly und ich eben jene Irrationalität auf den Punkt gebracht hatten und dass der Song mit auf das Album gehörte.

Es gibt Songs, die schreibt man für jemand anderen. Es gibt welche, deren Text eine Geschichte erzählt, die man nicht unbedingt selber erlebt haben muss. Und dann gibt es Songs, die so persönlich sind, dass man sie Leuten aus seinem Umfeld nur mit großer Anspannung vorspielen kann. Solch ein Song ist „Allie“.

Allie war eine Frau, die mein Leben nur kurz streifte, mich dafür aber umso heftiger traf; oftmals hinterlassen vor allem jene Menschen, die man nur für eine kurze Zeit um sich hat, den bleibendsten Eindruck. Ich lernte sie vor ein paar Jahren kennen und wir verbrachten miteinander einen traumverlorenen Sommer in Berlin. Sie hieß nicht wirklich Allie, aber ich las ihr immer aus einem Roman vor, in dem die Hauptdarstellerin Allie heißt, und da uns die Geschichte so sehr an unsere eigene erinnerte, nannten wir uns manchmal nach den beiden Hauptdarstellern. (Im Songtext gibt es einen Hinweis darauf, welches Buch ich meine …) Alles, was ich in dem Song erzähle, hat sich tatsächlich zugetragen; es gab ihr inszeniertes Leben genauso wie die Tänze auf Straßen. Wir verlebten eine Zeit miteinander, die derart intensiv und unwirklich zugleich war, dass mir die ganze Sache wie ein Film vorkam; vielleicht spielten wir beide tatsächlich unbewusst eine Rolle. Irgendwann schloss sich jedenfalls der Vorhang und ich blieb allein zurück. Die Erinnerung aber ist immer geblieben. Und aus eben jener Erinnerung entstand das Lied. Auch hier kamen mir die Ideen unter der Dusche, das gesamte Lied war mit einem Mal in meinem Kopf und musste bloß noch aufgenommen werden. Als ich den Song einsang – und ich weiß, es klingt verlogen und kitschig, aber es ist nun mal die Wahrheit – hatte Claudio Tränen in den Augen, und wir beide waren so beseelt, dass wir der Überzeugung waren, dieses Lied würde uns immer an unsere Jugend erinnern. Vielleicht ist es auch so.

Ich glaube, obwohl der Song derart persönlich ist, werden sich viele von euch damit identifizieren können. Wir alle haben diese Erinnerungen in uns an eine ganz besondere Zeit. Wir alle sehnen uns irgendwann nach dem einen Menschen, den wir nicht haben können und von dem wir uns wünschen, dass er uns bloß noch einmal im Arm hält. Jeder von uns hat seine Allie.

Dienstag, 24. August 2010

Schlaflos

Nachdem der Songwriter und gute Freund von mir, Claudio Pagonis, und ich ein paar Songs geschrieben hatten, die in die Richtung Liedermacher gingen, wollten wir noch einmal eine klassische Ballade schreiben. Zu dem Zeitpunkt hatte ich eine leidige Liebesgeschichte noch nicht so recht verdaut und dachte darüber nach, welche Worte ich von der Frau, die ich noch vor Kurzem geliebt hatte, am liebsten hören würde. Das Ergebnis war der Song „Schlaflos“.

Wir komponierten den Song mit zwei möglichen Strophenvarianten. Sie gefielen uns beide, aber da wir bei Variante eins das Gefühl hatten, die Melodie so ähnlich schon mal bei Brian Adams gehört zu haben, entschieden wir uns für Variante zwei. Der Refraintext entstand größtenteils bereits bei diesen ersten Sessions. Als ich mich an den restlichen Text machte, stellte ich mir die Stimme der Frau vor, über die ich noch nicht gänzlich hinweg war und was sie im Idealfall zu mir sagen würde, wäre sie jetzt bei mir. Da ich es mag, wenn hin und wieder ein Song mit den immer gleichen Anfangsworten beginnt (Bei „Freunde“ ist es das „Wenn“, bei „Hoffnung bleibt“ das „Weil“), leitete ich in diesem Fall jeden ersten Satz eines Strophenteils mit einem „Noch immer“ ein. Wenn ein Lied keine direkte Geschichte mit einem Anfang und einem Ende erzählt, ist das immer ein guter Weg, ihm doch eine Art erzählerischen Bogen zu verschaffen. An dem Lied mag ich unter anderem, dass die Grundaussage eine ganz einfache ist: „Ich bin schlaflos, weil ich dich vermiss.“ Wem ist dieses Gefühl nicht vertraut …

Die meisten guten Ideen fallen mir interessanterweise unter der Dusche ein, was wahrscheinlich darin begründet liegt, dass ich dort entspannen kann und einmal wenigstens eben nicht an Texte denken muss … Eigentlich. „Leben heißt“ begann mit einer dieser Ideen, mit dem instrumentalen Thema nämlich, das mir plötzlich durch den Kopf schoss, worauf ich aus der Dusche und zu meinem Aufnahmegerät stürmte (was zur Folge hatte, dass mein Boden überflutete und meine alte Nachbarin, die gerade auf den gegenüberliegenden Balkon trat, den Schock ihres Lebens bekam). Kurz darauf setzte ich mich mit dem Songwriter, Sänger und Freund Martin „Fly“ Fliegenschmidt zusammen und sang ihm die Melodien für das Intrumentalthema und die Strophe vor. Fly war derjenige, dem der Titel „Leben heißt“ einfiel und der die Idee hatte, den Titel im Refrain ständig zu wiederholen. Wir suchten nach guten Fortsetzungen: „Leben heißt Scheitern“, „Leben heißt Kämpfen“, „Leben heißt Tanzen“. Kurzzeitig gefiel mir auch die Variante „Leben heißt Sterben“, aber den Humor würden vielleicht die wenigsten teilen … (Schon gar nicht meine Nachbarin, die sicher kurz davor war, das Zeitliche zu segnen, als sie mich nackt durch die Wohnung flitzen sah.) Das Lied ist auf dem Album sicher das mit dem einfachsten Text. Mir gefällt vor allem der Übergang von der ersten Bridge in den Refrain: „Meine Freunde sagen: ‚Mach jetzt nichts dummes, lass es ruhn!’ Und ich lächel nur und fang an zu laufen, bloß um es nochmal zu tun.“ Wenn dann das musikalische Thema und schließlich Flys tolle Refrainidee einsetzt, macht mir der Song richtig Spaß.

Ende 2009 standen die Songs für das Album fest. An einem Tag im Spätherbst telefonierte ich mit meiner Freundin, die für ein Orchester vorgespielt hatte und leider abgelehnt worden war. Sie war traurig und hoffnungslos, natürlich eine völlig irrationale, aber verständliche Reaktion. Ich schaffte es, sie ein wenig zu beruhigen, ihr Mut und Zuversicht zuzusprechen, und versprach ihr, sie wieder anzurufen, sobald ich zu Hause sei. Als ich sie am Abend noch nicht erreichte, setzte ich mich an mein Klavier und hatte prompt eine Idee. Ich wollte ihr mit einem Song klar machen, dass es jemanden gibt, der an sie glaubt und der ihr sagen will, dass auch in traurigen Zeiten die Hoffnung bleibt. Wieder schälten sich zwei Ideen für eine Strophenmelodie heraus, aber ich entschied mich schnell für eine der beiden Varianten. Textlich stellte mich das Lied zunächst vor eine Herausforderung, denn ich hatte die Strophenzeilen jedes Mal mit einem „Wenn“ eingeleitet, sprich: „Wenn der und der Mist passiert: Kopf hoch – Hoffnung bleibt“. Das aber hatte ich bereits in dem Lied „Freunde“ getan, und ich brauchte eine ganze Weile, bis ich auf die Idee mit den „Weil“-Sätzen kam. Hatte ich mich bis dahin eher mit dem Text herumgequält, lief es von dem Augenblick an wie von selbst. Als das Lied fertig war, hatte ich zunächst gar nicht die Intention, es noch mit auf das Album zu packen. Dann spielte ich es Claudio vor. Am Ende sagte er den berühmten Produzentensatz: „Das is’n Hit!“ Daraufhin spielte ich es auch meinem Produzenten Kiko Masbaum vor, dem sowohl das musikalische Thema wie auch das textliche auf Anhieb gefiel. Er setzte sich gleich an ein Playback, und in Rekordzeit war der Song aufgenommen und als fünfzehnte Albumnummer beschlossen. Er gehört nun zu meinen Lieblingssongs auf dem Album, aber … Habe ich das nicht auch über die anderen gesagt ...?

Montag, 23. August 2010

Wie es scheint

Vor ein paar Tagen erschien mein neues Album „Zwischen den Zeilen“, mein erstes nach über neun Jahren. Es ist ein Album der kleinen, persönlichen Songs, und wer es hört, kann sich denken, dass hinter jedem dieser fünfzehn Songs eine Geschichte steht. Heute und an den folgenden vier Werktagen werde ich euch diese Geschichten erzählen. Dabei werde ich nach der Reihenfolge der Songs auf dem Album gehen, was bedeutet, dass ich heute beginne mit „Wie es scheint“, „Das Leben ist schön“ und „Zusammen sind wir nicht mehr allein“. (Über „Gelacht, um nicht zu weinen“ habe ich ja bereits in einem meiner früheren Blogs geschrieben.)

Das Lied „Wie es scheint“ ist das zweite, das ich mit meinem Produzenten Kiko Masbaum für dieses Album geschrieben habe. Es ist eines der Lieder, deren Geschichte sich erst in meinem Leben ereignete, nachdem ich den Text fertig gestellt hatte. Dieser Schmerz, die Leere des Verlassenen, die Einsamkeit in sich selbst, alles Gefühle, die ich – wie wohl jeder andere auch – schon mal durchleiden musste. Als ich nach längerer Zeit die Demoversion von „Wie es scheint“ wieder hörte, bekam ich einen richtigen Schreck: Das Lied beschrieb meine Gefühle zu Hundertprozent passend. Ich sang es gleich noch einmal neu ein; vor allem der letzte Teil, in dem ich den Schmerz hinausschreie, wurde durch das Erlebte mit einem Mal komplett authentisch.

„Das Leben ist schön“ gehört als Gerippe auch zu den frühen Kompositionen für das Album. Allerdings klang der Song zu Anfang noch gänzlch anders; lediglich das instrumentale Thema und Teile des Refrains haben die Zeit überdauert. Als Kiko und ich uns wieder an den Song setzten, gingen wir verschiedene Varianten einer Strophenmelodie durch. So richtig zum Punkt kamen wir jedoch erst einmal nicht. Auch der Text bereitete mir enorme Probleme. Ich wollte keine Aneinanderreihung von Gründen, warum das Leben schön ist, fand zunächst jedoch auch nicht den richtigen Weg, der zu den Refrains führte. Als ich einen Text fertig gestellt hatte, stellten Kiko und ich fest, dass die Strophenmelodie nicht so recht funktionierte. Also schrieben wir eine neue, was bedeutete, dass ich den alten Text vergessen und mich noch einmal ransetzen musste. Letztendlich gab es drei vollkommen unterschiedliche Versionen der Strophen von „Das Leben ist schön“, ich kann also sagen, dass dieser Song mich vor die größte Herausforderung gestellt hat. Mit dem Ergebnis bin ich aber sehr zufrieden.

Als ich, wie sooft, durch die Buchhandlung meines Vertrauens flanierte, fiel mein Blick auf einen Roman von Anna Gavalda. Der Titel lautete: „Zusammen ist man weniger allein“. Mir gefiel die Kombination aus den Worten „Zusammen“ und „allein“, beschloss gleich, einen Song daraus zu machen und setzte mich zu Hause ans Klavier. Zunächst wurde daraus eine Ballade mit dem Titel „Zusammen sind wir immer nur allein“, in der es darum ging, wie sehr man sich auch unter vertrauten Menschen allein fühlen kann. Die Textfetzen, die ich dazu aufschrieb, klangen teilweise derart selbstmitleidig, dass ich schmunzeln musste. Das war der Moment, in dem ich den Song in eine andere Richtung wendete und ihn mit einer ordentlichen Portion Selbstironie versah. Ich drehte den Sinn des vorherigen Titels und nannte den Song „Zusammen sind wir nicht mehr allein“, machte mich in den Strophen über meine eigene Situation lustig, um im Refrain dann mit dem aufmunternden „Steh auf! Zusammen sind wir nicht mehr allein“ daher zu kommen. Das Lied ist eines meiner Favoriten auf dem Album, gerade weil es eine eigentlich trübe Situation mit einem Augenzwinkern betrachtet. Und es spiegelt meinen Charakter genauso gut wider wie eine melancholische Nummer a la „Wie es scheint“. Dadurch wird das Album tatsächlich zu meinem Album, und nun, da es endlich veröffentlicht ist, auch zu eurem. Es ist wahr: Zusammen sind wir nicht mehr allein.