Montag, 26. Juli 2010

Bohemian Rhapsody

Samstagmorgen: Die Band, Bianca von Tinseltown Music und ich sind auf dem Weg nach Bodenwerder, um dort bei der „NDR Schaubude“ aufzutreten. Es ist kurz vor halb elf und wenn das Navigationssystem uns nicht anschwindelt, sind wir in nicht mal fünfzig Minuten da. Eben noch auf der A1, fahren wir nun über Waldstraßen, an Feldern vorbei, durch Alleen und fühlen uns, als würden wir gleich das Ende der Welt erreichen.

12:20 Uhr – Die nette Stimme im Navigationssystem weist uns darauf hin, dass wir unser Ziel erreicht haben. Wir stehen mitten auf einer Landstraße und sehen links und rechts nur Gräser und Bäume.

12:24 Uhr – Ein großer Kran und grelle Scheinwerfer in Bodenwerder kann nur bedeuten, dass wir hier richtig sind. Eine Gästebetreuerin sagt, dass uns in einem Hotel hundert Meter entfernt zwei Zimmer zur Verfügung stehen.

12:31 Uhr – Wir laden unsere Sachen aus und begeben uns auf direktem Weg auf die Terrasse des zum Hotel gehörigen Restaurants. Die Produktion zahlt. Eva von der Plattenfirma stößt dazu. Clever wie wir sind bestellen vier von uns das teuerste Gericht auf der Karte: Rinderfilet mit Pfifferlingen, Kroketten und Salat. Endlich mal wieder ein großes saftiges Filet, medium gebraten. Bianca bestellt eine kleinere Portion.

12:46 Uhr – Der Salat wird gebracht. Eva meint, die Salatblätter schmeckten sandig, aber ich misch sie einfach mit der Fertigsauce, dann geht das schon. Hoffentlich dauert es nicht so lange, bis das Filet kommt.

13:46 Uhr – Das Filet kommt.

13:47 Uhr – Nach kurzem Suchen finde ich auf meinem Teller unter ein paar Pfifferlingen zwei kleine Filets, durchgebraten bis der Schuster sie als Sohle gebrauchen kann. Daneben befinden sich hübsch aufgereiht fünf Tiefkühlkroketten, ein Salatblatt und eine Scheibe Salatgurke. Biancas kleine Portion sieht genauso aus wie unsere. Sie hat bloß drei Kroketten statt fünf.

13:55 Uhr – Fertig.

13:56 Uhr – Ich habe tierischen Kohldampf.

14:30 Uhr – Wir machen einen kleinen Spaziergang entlang der Oberweser, setzen uns auf Bänke, sonnen uns und warten auf die Generalprobe. Ich bin gespannt auf den Darsteller des Münchhausen, der sich auf einer Kanonenkugel durch die Luft schießen lässt. Kurz überlege ich, ob sie nicht an seiner Stelle den Koch des Restaurants auf die Kugel setzen können.

15:15 Uhr – Wir begeben uns an den Drehort der Sendung. Ein rotes Zelt wird den Gästen als Aufenthaltsraum angeboten. Du fühlst dich wie in einem Film von Stanley Kubrick. Alles ist rot wie in einer Dunkelkammer. Bianca macht psychedelische Fotos.

16:32 Uhr – Die Generalprobe beginnt. Ich führe ein kurzes Gespräch mit dem Moderator und spiele dann mit der Band den Song „Das Leben ist schön“. Eine Frau neben der Kamera zeigt mir an, welche Kamera gerade geschnitten ist, damit ich weiß, wann ich wohin gucken soll. Ich komme mir ein bisschen vor, als wäre ich beim Hundetrainer – und ich bin der Hund. Aber ich fühle mich wohl. Hier sind alle entspannt. Bianca macht Fotos vom Bühnenrand.

16:42 Uhr – Wieder warten. Dieses Mal in einer kleinen Gartenanlage. Sieht hier so aus, als würde gerade ne Grillparty steigen, die nicht so recht in Gang kommen will. Bianca macht Fotos aus der Grasperspektive.

17:15 Uhr – Die Aufzeichnung beginnt. Münchhausen wird durch die Luft geschossen, ein paar Acts treten auf, ein Artist turnt auf einem Kran herum. Dann werde ich zu dem Moderator an den Tisch gebeten und das Interview beginnt.

17:28 Uhr – Der Auftritt ist absolviert. Nun müssen wir noch auf das Finale warten. Derweil möchten ein paar Mädchen, die aus mir immer noch unerfindlichen Gründen als Haremsdamen verkleidet sind, Fotos mit mir machen. Der Typ, der als Sultan verkleidet ist, auch.

17:45 Uhr – Die Sendung ist vorbei. Wir latschen zum Hotel zurück und laden den Wagen ein.

18:03 Uhr – Es geht zurück nach Köln

20:45 Uhr – Wir halten an einer Tankstelle. Ich betrachte das Zeitschriftenangebot und sehe mir die Rückseite eines Magazins an, das sich liebevoll „Schlampentagebuch“ nennt. Es ist zugeschweißt. Ich überlege, was darin wohl steht … „Liebes Schlampentagebuch! Heute war ich mal wieder besonders versaut. Meine Nachbarin Mandy Kathleen wollte sich bei mir was Süßes holen. Dann kam der Postbote und ich konnte das Nachnamegeld nicht bezahlen. Der Handwerker hat mir seinen Hammer gegeben. Und dann erschienen zwei Polizisten, die mich in Handschellen legten.“ Diese moderne Zeit. Früher nannte man „Schlampentagebuch“ einfach „Poesiealbum“.

21:21 Uhr – Wir kommen am Studio an und verabschieden uns voneinander. Ich fahre mit meinem Auto weiter.

22:02 Uhr – Ich treffe meine Exfreundin zum Essen. Alle fünf Minuten bekomme ich eine SMS meiner Freunde, die mich an diesem Abend auch noch sehen wollen.

0:07 Uhr – Ich bin hundemüde, raffe mich aber auf und fahre zu einer Bar in Köln, um dort meine Freunde zu treffen.

0:37 Uhr – Angekommen. Lange werde ich nicht überleben. Meine Augen sind so schwer wie Hamlets Gemüt. Ich kann ja nicht mal Alkohol trinken, weil ich noch fahren muss.

2:18 Uhr – Mit der Freundin einer Freundin beginne ich das Spiel „Von den Lippen ablesen“. Ist schwerer als man denkt. Irgendwann können wir nicht mehr sagen, wer von uns beiden punktemäßig führt. Ich werde gleich schlafen. Müüüüde.

3:45 Uhr – Jede Runde dieses verdammten Spiels dauert eine Ewigkeit. Ich habe überhaupt nichts getrunken und trotzdem scheint mein Blick vernebelt. Von den Lippen lesen gehört also definitiv nicht zu meinen Talenten. Wollte ich nicht schon vor drei Stunden im Bett liegen?

4:31 Uhr – Wir verlassen alle die Bar. Meine Freunde und ich singen vierstimmig ein paar Songs. Bei „Bohemian Rhapsody“ von Queen versagen wir komplett. Muss die späte/frühe Uhrzeit sein…

4:45 Uhr – Bei Fly, einem meiner Freunde, sitzen wir noch kurz zusammen und führen das Spiel von eben fort. Manuel, ein weiterer Freund, synchronisiert die Lippenbewegungen der Freundin einer Freundin auf absurde Weise, weswegen der Spielfluss arg gestört ist. Das wird heut nichts mehr.

5:12 Uhr – Ich fahre nach Hause.

5:48 Uhr – Ich falle ins Bett. Es war ein langer Tag. Ein schöner Tag. Wann ist man schon mal in Bodenwerder… Gute Nacht, liebes Schlampentagebuch!

Montag, 19. Juli 2010

If you want to sing out, sing out

Ich sitze im Schatten, die Füße im Sand, höre das Meer rauschen und denke daran, wie unbeschwert das Leben erscheinen kann. Der Himmel wird bloß von ein paar milchig weißen Wolkenfeldern durchkreuzt. Weit entfernt sehe ich auf dem Meer ein kleines Segelboot, das sich scheinbar ziellos treiben lässt. (In Wahrheit verfolgt es jedoch genauso ein klares Ziel wie wir alle.) In diesem Augenblick genieße ich das Leben, aber ich stelle mir auch die Frage, ob mir das nicht viel zu selten gelingt.

„Carpe diem – Nutze den Tag“ heißt es im „Club der toten Dichter“. „Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter“ ist ein Postkartenspruch, der bis zur Überstrapazierung zitiert wird. Ich fürchte allerdings, dass wir Menschen nicht so funktionieren: Der Tod ist etwas derart abstraktes, dass wir einfach nicht in der Lage sind uns vorzustellen, dass dieser Tag, diese Stunde, dieser Augenblick unser letzter sein kann.

Vor Kurzem fuhr die Mutter einer Bekannten mit dem Fahrrad zum Einkaufen. Auf dem Rückweg kam sie an eine Kreuzung, die Ampel war grün geschaltet, und sie fuhr über die Straße. Der LKW-Fahrer, der just in diesem Augenblick um die Ecke bog, übersah die Frau. Wäre sie nie gefahren; hätte sie einen anderen Weg genommen; hätte eine Ampel auf ihrer Route eine andere Farbe gezeigt; hätte die Frau sich im Supermarkt in eine andere Schlange gestellt, es wäre alles anders gekommen. Nun war alles von jetzt auf gleich vorbei. Hatte sie ihr Leben so gelebt, wie sie es sich wünschte? Eine Frage, die ihre Tochter sich seitdem sicher jeden Tag stellt.

Kann mich eine Karriere befriedigen? Durchaus. Liebe? Auf jeden Fall. Kann ich das Leben auch alleine genießen? Natürlich. Ich kann den Jakobsweg alleine gehen und die Ruhe und die Zeit, die ich für mich habe, genießen. Ich kann den Jakobsweg aber auch zu zweit gehen und mich am Austausch und dem gemeinsamen Erleben erfreuen.

Ich genieße den Moment, wenn ein Lied fertig gestellt ist, aber auch den Prozess, der dorthin führt. Ich genieße es, wenn im Herbst die Bäume ihre Farben verändern, wenn die Luft frischer riecht, wenn die Blätter unter meinen Schuhen rascheln. Ich genieße Gammelabende auf dem Sofa oder Treffen mit Freunden bei unserem Stammasiaten. Ich genieße es, wenn ich nach einem nervenaufreibenden Tag im Studio nach Hause komme und meine Freundin dort auf mich wartet. Ich genieße so viele vermeintliche Kleinigkeiten, aber jeden Tag, das muss ich mir immer wieder eingestehen, nutze ich nicht vollkommen. Wie viel Zeit ich alleine schon mit Warten verschwendet habe, ich möchte es gar nicht wissen: An Ampeln, bei Verabredungen, im Kino, am Flughafen, am Bahnhof, auf Anrufe oder Emails. Ärzte machen gar keinen Hehl daraus, was auf ihre Patienten zukommt: Sie nennen ihre Aufenthaltsräume gleich „Wartezimmer“.

Eine Nachbarin von mir war über 50 Jahre lang verheiratet. Von ihr bekomme ich immer mit, wenn sie sich ihre Lieblingsserien im Fernsehen ansieht; der Ton schallt ohrenbetäubend laut durchs Treppenhaus, wo ich öfters ihrem Mann begegnete, eine Zigarette zwischen den rissigen Lippen, ein grauer Hut auf dem Kopf, leicht gebückt. Mit seiner hohen kehligen Stimme begrüßte er mich jedes Mal freundlich, hob dabei den Hut und ging dann weiter seines Weges. Auf mich wirkte er immer wie eine Comicfigur – der nette alte Herr, der keiner Fliege was zuleide tun kann. Als ich nach einem Jahr in Berlin nach Köln zurückkehrte, begegnete ich ihm nicht mehr, und als ich seine Frau auf ihn ansprach, sagte sie, er sei gestorben. Die Frau, die vorher so fröhlich erschienen war, wirkte nun vollkommen orientierungslos. Ihr Sohn wohnt weit weg, und alles, was die beiden alten Leute hatten, war einander. Eine Weile unterhielt ich mich mit ihr. Obwohl ich selber schon einige Todesfälle zu beklagen hatte, wusste ich immer noch nicht, wie ich mich einem Hinterbliebenen gegenüber angemessen verhielt. (Letztendlich war die Tatsache, dass ich ihr einfach zuhörte, wohl die beste Lösung.) Als es an die Verabschiedung ging, sagte sie zu mir: „Ich warte eigentlich nur noch darauf, dass der liebe Gott mich zu sich holt.“ Seit Langem hatte ich nicht etwas derart trauriges gehört.

Vor Kurzem begegnete ich ihr wieder im Treppenhaus. Sie war sichtlich geschwächt, und während ich ihr ihre Einkäufe in die Wohnung trug, erzählte sie mir von ihren körperlichen Leiden. Als ich ging, wünschte ich ihr gute Besserung, aber sie winkte ab und meinte: „Das wird nicht mehr besser.“ Sie hatte den Gedanken aufgegeben, ihr Leben jemals wieder genießen zu können.

Ich nehme einen Stift und ein Blatt Papier zur Hand und notiere:

- auf dem Sofa gammeln

- mit meiner Familie essen gehen

- mit einer Flasche Bier am Meer sitzen und den Sonnenuntergang betrachten

- meine Freundin wissen lassen, wie stolz ich auf sie bin

- meinen Roman weiterschreiben

- wie ein Irrer durch die Dünen laufen

- das Booklet für mein neues Album Korrektur lesen

Alles Dinge, die ich unbedingt noch heute erledigen möchte. Wer weiß, was morgen ist.

Dienstag, 13. Juli 2010

You've got to hide your love away

Es ist heiß. Das große Glas Apfelschorle direkt vor mir schwitzt in der späten Nachmittagssonne, gegenüber fächert eine Dame mittleren Alters sich Luft mit dem Prospekt einer Schönheitsklinik zu, in der Glatze des türkischen Obsthändlers an der Ecke spiegeln sich die zwei einzigen Wolken am Himmel. Ich bin versucht, diesen Blog Blog sein zu lassen und mich in den nächsten See zu stürzen. Mein Kopf sagt, das wäre falsch, mein Bauchgefühl meint das genaue Gegenteil. Mist – immer wieder der gleiche Konflikt zwischen den beiden. Wer hat nur recht?

Mit fünfzehn erhielt ich die Möglichkeit, an einem Casting für eine Serie teilzunehmen, „Verbotene Liebe“. Es lief gut, die Casterin meinte, ich sei ein Naturtalent und sie wolle mir zwar nicht zu viel Hoffnung machen, aber ich hätte realistische Chancen, die Rolle zu bekommen. Ich versuchte, mich nicht zu sehr zu freuen, fuhr nach Hause und wartete die folgenden Tage auf die Nachricht, dass ich es geworden sei. Nach einer Woche kam der erlösende Anruf, aber damit auch ein großer Konflikt zwischen Kopf und Bauch. Ich wollte diese Rolle mehr als alles andere, aber eine Stimme in mir sagte, es sei zu früh. Ich müsse mich voll und ganz auf die Schule konzentrieren, was mit täglichen Dreharbeiten nur noch schwer zu machen sei. Mein Bauchgefühl hingegen gab mir die Sicherheit, dass dieses Angebot genau zur richtigen Zeit käme und dass ich diese Gelegenheit auf keinen Fall verstreichen lassen dürfe. Das Problem war: ich hatte keine Zeit, abzuwägen. Eine Entscheidung musste gleich gefällt werden. Und aus einem Impuls heraus entschied ich mich, auf meinen Bauch zu hören. Ich habe es nie bereut.

Anders lief es, als die Musik in mein Leben kam. Zunächst war es nur eine fixe Idee meines Managers (damals Regieassistent bei „Verbotene Liebe“) und mir, ein paar Songs zu schreiben und damit eine Plattenfirma zu suchen. Ich dachte nie daran, dass ich ernsthaft etwas veröffentlichen würde. In meiner Familie gibt es keine großen Musiker (es sei denn, es kann noch eine verwandtschaftliche Verbindung zu Fritz Wunderlich nachgewiesen werden), und die einzigen Songs, die ich bisher geschrieben hatte, waren mittelmäßig gereimte Kinderlieder mit moralinsaurem Tenor. Als eine Plattenfirma schließlich ernsthaftes Interesse zeigte, bekam ich Muffensausen. Ich fragte mich, wie sich mein Leben möglicherweise verändern würde und ob ich wirklich bereit dazu sei. Mein Bauch meldete sich zu Wort: „Tu es nicht! Lass alles, wie es ist! Das bringt nur Ärger.“ Mein Kopf dagegen beruhigte mich: „Was hast du zu verlieren? Entweder es klappt oder es klappt nicht. Ist doch ganz einfach.“ Nach einigen schlafgestörten Nächten beschloss ich, das Grummeln im Bauch zu ignorieren und stürzte mich in dieses unbekannte Abenteuer. In diesem Fall erwies sich mein Kopf als der richtige Ratgeber.

Insgesamt bin ich sicher ein Bauchmensch. Ich halte nichts davon, ständig vernünftig zu sein, und ich glaube auch nicht, dass man immer das Richtige tun muss, um an das ersehnte Ziel zu gelangen. Ich möchte nicht alles abwägen müssen. Ich möchte auch mal einem Impuls folgen, selbst wenn er mich in die falsche Richtung führt. Gerade in der Liebe kommt man immer wieder an einen Punkt, an dem man den schmalen Grad zwischen Kopf- und Bauchentscheidung bewältigen muss. Ich bin ein Mensch, der sich einer Sache, die ihm wichtig ist, mit Leidenschaft hingibt, was natürlich bedeutet, dass ich immer wieder mit offenem Visier dastehe, sprich verletzbar bin, und dass ich Fehler mache. Es gibt Augenblicke, in denen du noch im gleichen Moment realisierst, dass du den falschen Weg eingeschlagen hast, leider ist es dann meist sehr mühsam, wieder auf Anfang zu gehen. In der Liebe jedoch darf so etwas nicht von Bedeutung sein. Wenn man durch eine Impulsentscheidung bei dem Partner wirklich etwas kaputt machen kann, ist das Gefühl wohl nicht besonders groß. (Es sei denn, man hat demjenigen impulsiv eine reingehauen, dann sollte das durchaus etwas kaputt machen.) Es ist sowieso schwer, in Liebesdingen mit dem Kopf zu entscheiden; meist mache ich das erst, wenn der andere mir das Gefühl gibt, mich nicht zu wollen. Dann ist es einfach vonnöten, gegen mein Gefühl zu handeln. So oder so: Fehler werde ich immer mal wieder machen. Ich werde falsche Entscheidungen treffen. Aber in einem bin ich mir sicher: Meiner Überzeugung zu folgen, kann nicht falsch sein.

Zwischen Bauch und Kopf findet sich das Herz. Vielleicht sollte man manchmal einfach darauf hören.

Montag, 5. Juli 2010

A day in the life

Liebes Leben,

es ist Sonntag und ich sitze auf dem Boden der Wohnung meiner Freundin und sehe aus dem Fenster. Die Wolken spucken dicke Tropfen, im Hintergrund läuft Ray Lamontagnes’ „Let it be me“. Es riecht nach regennasser Erde und dem Kuchen, den meine Freundin gebacken hat. (Sie backt manchmal gleich nach dem Frühstück oder bereitet um Mitternacht Erdbeermarmelade zu; auch dafür kann man sie einfach nur lieben.) Es ist ein Tag, der mich nachdenklich stimmt. Ich denke über Dich nach, Leben, denke daran, durch welche Prüfungen Du mich an manchen Tagen schon geschickt hast und wie leicht Du an anderen erscheinst. Du bestehst aus dem allgegenwärtigen Auf und Ab aus Glück, Traurigkeit, Zuversicht, Niedergeschlagenheit, Euphorie, und immer, wenn ich mir die Frage stelle, welchen Sinn Du hast, schickst Du ihn mir in Form meiner Familie, meiner Freundin, meiner Freunde, meines Traumsofas, meiner Talente. Manchmal stellst Du mich vor schier unlösbare Aufgaben und dann wundere ich mich, warum Du es mir so schwer machst, wo wir doch auf der gleichen Seite stehen.

Es ist schwül. Durch die geöffnete Terrassentür weht kaum kühle Luft, aber wenn doch mal ein kurzer Windstoß ins Zimmer dringt, schließe ich kurz die Augen und genieße ihn wie eine sehnsüchtig erhoffte Berührung. Ich empfinde Zufriedenheit in diesem Augenblick, vielleicht die befriedigendste aller Empfindungen, weil sie im Gegensatz zum Glück nicht so zerbrechlich ist. Du, Leben, formst aus mir den, der ich bin, aber manchmal frage ich mich, ob es mir geschadet hätte, hättest Du mir die ein oder andere Prüfung erspart. Menschen sagen oft, dass sie nichts aus ihrer Vergangenheit ändern würden, weil es sie zu dem gemacht hat, der sie sind. Aber wäre ich wirklich weniger der, der ich bin, hätte ich manche Erfahrungen versäumt? Versteh mich nicht falsch, liebes Leben, ich will nicht undankbar klingen. Aber ich habe den Eindruck, immer wenn Du mir etwas schenkst, nimmst Du mir dafür etwas anderes. Du hast mir eine unbeschwerte Kindheit beschert, aber die ganze Zeit über musste mein Vater gegen seine Krankheit ankämpfen, und meine Kindheit fand ihr Ende, als er starb. Du hast mir Glück in der Liebe gegönnt und es mir in schmerzhaften Augenblicken wieder genommen. Du schürst Hoffnungen, die Du scheinbar willkürlich zerschlägst oder erfüllst. Du bist der Kerl auf dem Schulhof, der mich zu Boden schubst, um mir anschließend wieder auf die Beine zu helfen. Du bist die launenhafte Frau, die genau um ihre Wirkung weiß und mir abwechselnd die kalte Schulter zeigt oder mir eine warme Umarmung gönnt. In erster Linie sind es natürlich die schlechten Erfahrungen, die uns prägen. Aber die guten machen die schlechten erst erträglich, und immer wieder erlebe ich Augenblicke, die ich festhalten möchte wie auf einem Foto. In denen ich ewig so weiterleben möchte. Von denen ich im selben Moment weiß, dass ich sie nicht vergessen werde. Und die mich in der Erinnerung daran melancholisch machen, weil sie so flüchtig waren und eben nicht festgehalten werden können. Aber, liebes Leben, ich weiß, dass es an mir selber liegt, diese Augenblicke zu schaffen. Ich wünschte, ich würde versuchen, aus jedem Tag etwas besonderes zu machen und ganz in der Gegenwart leben und keine Zeit mit Streit, Sorgen, Ängsten, Unzufriedenheit verschwenden. Aber die Wahrheit ist, mir gelingt es viel zu selten. Statt mich auf die wirklich wichtigen Dinge zu konzentrieren, lasse ich mich viel zu oft von Nebensächlichkeiten ablenken, die nur eine untergeordnete Rolle in Dir, meinem Leben, spielen.

Und doch kann ich zahllose Dinge aufzählen, die Dich ausmachen: Die Treffen mit meiner Familie. Den Tanz auf der Straße. Das Betrinken mit meinen Freunden. Den Blick auf meine schlafende Freundin. Den gelungenen Satz. Musik. Den Wechsel der Jahreszeiten. Sauerbraten mit Nudeln. Six Feet Under. Hagel auf dem Titisee. Törtchen von Pierre Hermé in einem Pariser Park. Das gleichmäßige Atmen meiner Freundin, in meinem Arm liegend auf dem Sofa. Es gibt tausende Dinge, und statt mich darüber zu beschweren, was alles schief läuft, sollte ich mich darauf besinnen, wie viel Glück ich habe. Ich versuche, dankbar zu sein, bis Du mir einen neuen Schlag ins Gesicht versetzt und ich zu Boden gehe und Dich wieder zum kotzen finde.

Der Regen hat aufgehört. Das Lied neigt sich dem Ende zu. Ich werde jetzt den Kuchen meiner Freundin aus dem Kühlschrank nehmen und mit Beeren verzieren. Irgendwas wird dabei schon schief gehen, ich werde ihn aus Versehen fallen lassen oder der Tortenguss brennt an. Aber weißt Du was: Das ist gar nicht schlimm. Wenn meine Freundin nach Hause kommt, mich ungläubig ansieht, den Kopf schüttelt und mich fragt, was ich da angerichtet habe, schiebe ich es einfach auf Dich und sage: So ist das Leben.