Montag, 28. Juni 2010

I'm a loser

Am Sonntag gewann die deutsche Fußballnationalmannschaft das WM-Achtelfinale gegen England mit 4:1. Am Samstag tritt sie gegen Argentinien an, eine der besten Mannschaften dieses Turniers, und wenn Sie diesen Blog lesen, steht das Ergebnis dieser Partie vielleicht schon fest. Aber selbst, wenn die deutsche Mannschaft verliert: Was wäre daran eigentlich so schlimm? Schließlich dreht es sich hier – für uns Zuschauer zumindest – um nicht mehr als ein Spiel.

Ich gebe es zu: Ich kann ein verdammt schlechter Verlierer sein. Schon als Kind war ich im Memory schier unschlagbar, aber wenn es meinem Opa doch mal gelang, mich zu besiegen, verschränkte ich schmollend die Arme und wollte nicht mehr weiter spielen. (Durch meinen Vater lernte ich irgendwann die Kunst des Pfuschens. Er hatte ständig irgendwo noch eine spielentscheidende Karte versteckt, die ihn in letzter Sekunde zum Sieger machte.) Selbst heute, wenn ich mit meiner Freundin Backgammon spiele und das dritte Mal hintereinander verliere, möchte ich manchmal am liebsten die Würfel in die Ecke pfeffern und sie nie wieder anrühren. Ich frage mich, woher dieser unbedingte Siegeswille kommt und wieso ich so viel Bedeutung in ein harmloses kleines Spiel lege?

In einem jener Lieder, die es nicht auf mein Album „Zwischen den Zeilen“ geschafft haben, singe ich darüber, wie erholsam es für einen selbst sein kann, die Nummer zwei zu sein. Nicht ganz vorne zu stehen, nicht den Druck zu spüren, irgendwelchen Erwartungen (vor allem den eigenen) gerecht werden zu müssen. „Um den ersten Platz zu schätzen, ist es wichtig erst mal Nummer zwei zu sein“, singe ich in dem Lied. Ich glaube, es ist wahr. Michael Schumacher wirkte vor ein paar Jahren, nachdem er eine Weltmeisterschaft nach der anderen gewann, längst nicht mehr so ausgelassen und enthusiastisch wie am Anfang seiner Karriere. Auch an das Gewinnen kannst du dich gewöhnen, und wenn du dich an etwas gewöhnst, ist die Gefahr groß, dass du es nicht mehr zu schätzen weißt. Ich denke, Schumacher würde sich heutzutage ganz anders über einen bloßen Rennsieg freuen, nun, da es nicht so rund läuft bei Mercedes.

Die Nummer zwei zu sein ist mir nicht fremd: Im Sportunterricht gab es immer mindestens einen, der schneller war als ich, weiter sprang, flinker kletterte, einen, der ein besserer Basketballspieler oder Schwimmer war. Bei den Bundesjugendspielen landete ich immer im Mittelfeld. (Auch weil ich diese Art von Wettbewerb ablehnte und es albern fand, möglichst weit in einen Sandkasten zu springen oder mich über die hundert Meter in Rekordzeit zu quälen.) Als ich mit „That’s my way to say goodbye“ der erste deutsche Schauspieler seit Jahren war, der es bis in die Nähe der Top Ten schaffte, sprang Oli P. zwei Wochen darauf mit seinem Cover von Grönemeyers „Flugzeuge im Bauch“ auf Platz eins der Charts. Und Jahre später bandelte ich mit einer Frau an, die sich als vergeben entpuppte, was mich auch in der Liebe zur Nummer zwei machte.

Wir alle werden auf Erfolg getrimmt. Wenn ein Sebastian Vettel „nur“ Vizeweltmeister wird, gilt er als gescheitert. Wenn ein Film, der noch so brillant sein kann, nicht den erhofften kommerziellen Erfolg bringt, ist er ein Flop. Wie kommt es, dass wir alle nur den Sieg als Erfolg sehen? Dieter Bohlen zählt in jedem seiner Interviews seine großen Erfolge auf. Warum erwähnt er nicht mal all die Flops, die seinen Weg gepflastert haben? Daran ist doch nichts schlimmes. Wie kommt es, dass Boris Becker allgegenwärtig in den Medien ist, über Michael Stich aber niemand mehr spricht? Neil Armstrong war der erste Mann auf dem Mond. Seine berühmten Worte „Ein kleiner Schritt für einen Mensch, aber ein großer Schritt für die Menschheit“ kennt jeder. Was aber sagte eigentlich Buzz Aldrin, als er direkt nach Armstrong als Zweiter den Mond betrat? Es ist wie bei den Olympischen Spielen: Als Erster feierst du den Sieg, als Dritter bist du froh, auf dem Treppchen gelandet zu sein, der Zweite gilt als derjenige, der den ersten Platz verloren hat.

Apropos Buzz: Während der Dreharbeiten einer Serie spielte ich gegen meinen Kollegen Matthias Matz in den Pausen öfters das Videoquiz „Buzz“ (eine Spielkategorie, die ich eigentlich zu meinen Stärken zähle). Von all den vielen Gefechten, die wir austrugen, gewann ich nur ein einziges und auch das erst mit der letzten Frage. Sein triumphierender Blick nach jedem gewonnenen Spiel war eine kleine Demütigung, die ich hin und wieder konterte, indem ich in Szenen meinen Text veränderte und Matthias auf diese Weise aus dem Konzept zu bringen versuchte (was jedoch nur den Effekt hatte, dass die Szene aus dem Ruder lief und wir nochmal von vorne anfangen mussten). Zu verlieren geht sicher immer auch einher mit dem Eingestehen von Schwäche, was in einer erfolgsorientierten Gesellschaft äußerst heikel ist. Es ist wohl dieser Druck, der viele Sportler zum Doping treibt.

Als zweitgeborenes Kind hängst du eine lange Zeit dem ersten hinterher. Du wirst als Zweiter eingeschult, machst als Zweiter den Abschluss, erlebst alles, was der andere Geschwisterteil bereits durchlebt hat. Nicht selten wird dir der Gedanke kommen, die ewige Nummer zwei zu sein. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass du deswegen verlierst. Der Nummer eins zuzusehen heißt auch immer, von ihr zu lernen und Fehler, die sie begeht, möglicherweise zu vermeiden. Du bekommst eine Chance, die der andere nicht hatte. Vielleicht hast du sogar Freiheiten, die dem anderen vorenthalten wurden. (Zu beobachten bei den englischen Prinzen William und Harry, wo klar ersichtlich ist, wer die größere Bürde auf seinen Schultern trägt.)

Wenn die deutsche Nationalmannschaft nicht den erhofften WM-Sieg erringt; wenn sie vielleicht schon gegen Argentinien scheitert, sollten wir sie trotzdem feiern. Dafür, dass sie gekämpft hat. Dafür, dass sie uns ein paar tolle Spiele bereitet hat. Dafür, dass sie uns ihren Spaß vermittelt hat. Vor allem aber, weil sie uns damit zeigt, dass die Welt – trotz eines verlorenen Spiels – wieder mal nicht untergegangen ist.

Montag, 21. Juni 2010

Everything must change

Wenn du ein Kind bist, kannst du alles sein, was du willst: Du bist Abenteurer, Filmstar, Astronaut, Detektiv, Huckleberry Finn. Bevor du erwachsen wirst und dich auf ein Leben festlegst, lebst du jeden Tag ein anderes. Es gibt noch keinen Liebesschmerz, keine Zukunftsängste, kein Bereuen oder den wehmütigen Blick zurück. Wenn du ein Kind bist, gibt es nur die verlockenden Gelegenheiten der Gegenwart.

Als ich ungefähr sechs Jahre alt war, hatte ich die romantische Vorstellung, bloß etwas zu Essen zusammenpacken und in Richtung der Sonne reisen zu müssen, um am Ende des Horizonts mein Glück zu finden, was auch immer ich mir damals darunter vorstellte. Heutzutage scheint es Kindern immer schwerer zu fallen, glücklich zu sein: Vor kurzem ging ein kleiner Junge mit seinem Freund an mir vorbei und sagte zu ihm: „Was für ein öder Tag. Da werde ich gleich ganz depressiv.“ Mit Sicherheit wusste er genauso wenig, was Depressionen sind, wie mir damals bewusst war, was mich am Ende des Horizonts erwartete. Ich dachte, dort hört die Welt, wie ich sie kannte, auf. (In Wahrheit nahm sie mit dem Beginn der Pubertät ihr Ende und seitdem, so mein Eindruck, immer wieder.) Ich war ein Träumer, eine der wenigen Eigenschaften, die ich mir aus meiner Kindheit bewahrt habe, wie auch immer das zu bewerten ist. Vielleicht flüchtete ich mich auch durch die Krankheit meines Vaters in ständig neue Abenteuer, die alleine in meinem Kopf bestanden. Jeder Park wurde für meine Freunde und mich zu einem undurchdringlichen Dschungel. Wir kämpften uns mit Stöcken durch das Geäst, achteten auf jedes Geräusch. Nachts, wenn es dunkel wurde, bekamen die Laute um uns herum einen Grusel und wir erwarteten jeden Augenblick, Indianer Joe bei einem weiteren, von Mark Twain erfundenen Mord zu ertappen. Ich wollte oft der Anführer unserer Truppe sein, aber meist gab es einen, der älter war als ich und somit einen naturgegebenen Anspruch auf diesen Titel hatte.

Eine meiner Lieblingsserien war „Ein Engel auf Erden“, in der Engel Jonathan Smith mit seinem menschlichen Partner Mark Gordon die Menschen wieder auf den Pfad der Tugend brachte. Meist waren die Geschichten furchtbar rührselig, Schmalz ohne Ende, und immer wurde geheult, gestorben, gelitten, geliebt, bis zum Happy End. Als ich klein war, wollte ich dieser Engel sein. Ich weiß noch, wie zwei Jungs ein Mädchen auf einer Schaukel ärgerten und ich mit festen Schritten auf sie zustapfte, einen von ihnen an den Schultern packte und inbrünstig sagte: „Es ist genug. Es ist genug“, genauso, wie es Jonathan Smith getan hätte. Die beiden Jungs sahen mich ein paar Sekunden lang entgeistert an, als seien sie tatsächlich einem Himmelsboten begegnet, und verfielen dann in einen Lachkrampf, der sich quälend lang hinzog, mir jedoch die Gelegenheit gab, das Mädchen aus der „Gefahrenzone“ zu ziehen. Irgendwie fühlte ich mich danach nicht gerade wie ein Held. Ich hatte das Mädchen zwar gerettet, aber die Reaktion der Jungs hatte mir gehörig die Flügel gestutzt.

Die Serie guckte ich weiter, das Engelsein gab ich daraufhin auf.

Doch es war wieder ein filmisches Werk, das mich darauf brachte, was ich sein wollte: Ich sah den „Club der toten Dichter“ zum ersten Mal mit dreizehn und war gleich gefangen von der Vorstellung, durch Poesie ein befreiteres Leben führen zu können. Ich war einer dieser Jungs. (Nun, im Grunde war ich eine Mischung aus dreien: Ich hatte den Wunsch Schauspieler zu werden wie Neil Perry, besaß die Introvertiertheit von Todd Anderson und war verknallt in ein Mädchen, das ich nicht haben konnte, wie Knox Overstreet.) Mich faszinierte der Gedanke, durch die Worte von Poeten an Stärke zu gewinnen, angespornt zu werden, meinen Platz im Leben zu finden, mich zu behaupten, Dinge zu tun, die gegen die Norm verstießen. Was ich dann leider auch tat.

Meine Mitschülerin Katrin, die ich seit Ewigkeiten anschmachtete, sollte wissen, dass es mir ernst war. Dass ich mit meinen dreizehn Jahren ein Mann war, der mit beiden Beinen im Leben stand. Kompromisslos, leidenschaftlich, ehrbar. Ich kaufte eine rote Rose und schrieb ein kurzes Gedicht von Walt Whitman auf einen Zettel (ohne den Verfasser zu erwähnen, aber es konnte niemand ernsthaft glauben, dass ein Dreizehnjähriger Bengel derartige Worte zu Papier brachte). Ich atmete ein paar Mal tief durch, so wie ich es immer machte, wenn ich vor einer schier unzubewältigenden Aufgabe stand, und stellte mich dann direkt vor sie, mitten in der Klasse. Noch bevor ich die Rose hinter meinem Rücken hervorholte und sie ihr reichte, ging ein Wispern und Kichern durch die Klasse. Die umstehenden Mädchen kicherten und wuselten aufgeregt durcheinander. Als ich Katrin die Rose reichte, bekam ihr Gesicht in Rekordgeschwindigkeit ungefähr den Farbton des Feuerlöschers im Souterrain. Aber obwohl ich den Drang hatte, schreiend aus der Klasse zu laufen und mich unter falschem Namen nach Peru abzusetzen, blieb ich stehen, faltete mit zitternden Händen den Zettel auseinander und las ihr die Zeilen vor; nicht einem Lehrer war es je gelungen, eine derartige Stille in der Klasse durchzusetzen. Als ich das letzte Wort vorgelesen hatte, verbeugte ich mich ungelenk und trabte aus dem Raum. Die Mädchen stürmten auf Katrin zu, während zwei meiner Freunde mir nach draußen folgten. Ich dachte, sie würden mich auslachen. Ich dachte, sie würden mir sagen, was für einen peinlichen Auftritt ich hingelegt hatte. Aber einer von ihnen stellte sich neben mich ans Treppengeländer und meinte nur: „Cool!“, während der andere anerkennend nickte. Wir wussten alle drei, dass es peinlich gewesen war, aber ich hatte etwas riskiert, ohne an die Konsequenzen zu denken. (Die Konsequenzen waren schließlich ein Wangenkuss von Katrin und der Ruf, ein Frauenversteher zu sein; nicht die schlechtesten aller Möglichkeiten.) Es war ein Abenteuer, und ich hatte mich ihm furchtlos gestellt. Nun gut, nicht wirklich furchtlos. Eher ängstlich.

Heute suchen wir den kindlichen Kick in Abenteuerspielen wie Paintball oder in Filmen aus unserer Kindheit, die uns mit dem erwachsenen Blick darauf meist enttäuschen. Wir brechen aus unserem Alltag aus und flüchten uns zurück in eine Welt, von der wissen, dass sie für uns so nicht mehr existiert. Ständig versuchen wir, anders zu leben und anders zu sein. Aber wir sind, wer wir sind, und das zu akzeptieren ist vielleicht eines der größten Abenteuer des Lebens als Erwachsener.

Montag, 14. Juni 2010

Happiness is a warm gun

Was immer Du denkst, wohin ich führe,

wohin es führt, vielleicht nur hinter’s Licht.

Du bist ein Geschenk, seit ich Dich kenne,

seit ich Dich kenne, trag ich Glück im Blick.

So beschreibt Herbert Grönemeyer in einem Song seine Vorstellung von Glück. Für jeden von uns würde das Lied wahrscheinlich ein bisschen anders klingen. Wir finden unser Glück in den kleinen Dingen wie einer Tasse Tee, einem Song, den ersten Sonnenstrahlen nach dem Winter, einem neuen Paar Schuhe. Oder im Beruf, im Hobby, in der Liebe, im besten Fall in uns selbst.

Zu den größten Glücksmomenten meiner Kindheit gehörte der alljährliche Theaterabend an der Grundschule. Ich liebte alles am Schauspiel, die Vorbereitung darauf, die Nervosität davor, den Moment, wenn der Vorhang sich aufzog, die Reaktionen des Publikums. Und kaum war es vorbei, freute ich mich bereits auf das nächste Jahr. Ich weiß noch, wie ich dem letzten Theaterabend entgegenfieberte. Es war Ende Juni, ein warmer Tag, und ich saß mit meinen Freunden im Park auf einem umgestürzten Baumstamm, unter uns ein kleiner Bach, vor uns alle Möglichkeiten. Zwei Stunden saß ich da, sagte kaum ein Wort, genoss die aufkeimende Nervosität und wollte nirgendwo anders sein. Ich spürte dieses Glück in mir, aber auch die Traurigkeit darüber, dass ich vor dem letzten Theaterabend an meiner Grundschule stand; Glück und Unglück sind manchmal gefährlich dicht beieinander. Als wir mit unseren Fahrrädern zur Schule fuhren und ich hinter den Kulissen mein Kostüm überzog, packte mich das Lampenfieber. Ich erinnere mich, wie ich ein paar Minuten regungslos auf einem Holzstuhl saß, die Hände vor’s Gesicht geschlagen, bis mich schließlich einer meiner Klassenkameraden ansprach, ob ich weinte. Ich schüttelte heftig den Kopf und lachte, als hätte ihm nichts abwegigeres einfallen können. (In Wahrheit hatte ich die letzten Minuten tatsächlich abgewägt, ob ich nun heulen oder mich übergeben sollte.)

Die Vorführung lief bestens, bis auf ein fehlendes Requisit. (Ein Apfel, der mir in letzter Sekunde von einem Mitschüler zugeworfen wurde, leider jedoch einen der Darsteller am Kopf traf, worauf der hinterrücks vom Stuhl fiel und die Menge in tosendes Gelächter ausbrach). Als der Vorhang sich vor meinen Augen schloss, markierte dies das Ende meiner Grundschulzeit.

Jahre später wurde der Theaterabend erst durch meine Rolle bei „Verbotene Liebe“, dann bei den „Nesthockern“ ersetzt. Es war eine andere Form von Glück, die ich dabei empfand: Ich nahm es irgendwie selbstverständlicher, was wohl vor allem in der Tatsache begründet liegt, dass ich täglich spielte, nicht nur einmal im Jahr; Regelmäßigkeit bringt immer Gewohnheit mit sich. Ich gewöhnte mich daran, bis ich zwischenzeitlich aus den Augen verlor, wie glücklich es mich machen konnte. (Vielleicht der Hauptgrund gescheiterter Beziehungen, was auch bedeutet, dass viele Beziehungsenden zu verhindern wären.)

Ich erinnere mich, wie ich mit meinem Ko-Autoren Claudio Pagonis zwei Lieder schrieb – „Allie“ und „Wir waren Könige“ – und wie beseelt wir beide waren, als wir die Songs aufnahmen. Ich sang sie mit geschlossenen Augen ein und sah den Text wie Bilder vor meinem geistigen Auge ablaufen. Es war einer dieser Momente, in denen ich nicht einfach bloß ein Lied sang, sondern eine Geschichte erzählte, die in mir schöne wie schmerzvolle Erinnerungen wachrief und somit einen authentischen Augenblick schaffte. Nach den Aufnahmen drehte Claudio sich zu mir und sagte: „In zwanzig Jahren werden uns diese zwei Lieder an unsere Jugend erinnern.“ Ich wusste, er hatte recht.

Aber es sind nicht nur jene Augenblicke, die mit anderen Menschen verknüpft sind, die meine Vorstellung von Glück erfüllen: Ein sonniger Herbsttag macht mich glücklich. Wenn die Bäume ihre Farben verändern und die Luft anders riecht. Ein gelungener Satz, ein neuer Song, ein gutes Buch, das macht mich glücklich. Ich versuche immer wieder, das Glück in mir selbst zu finden – klappt mal besser, mal schlechter, aber da ich jemand bin, der auch mit sich selbst sein kann, scheint es insgesamt ganz gut zu funktionieren.

Ich glaube jedoch, dass der Mensch dem Glück misstraut. Wenn wir eine zu lange Zeit glücklich sind, werden wir skeptisch und fangen an, uns selber im Weg zu stehen. Wir verlieren einen klaren Blick und verrennen uns, bis wir das Glück eingedämmt haben, ohne dass es einen triftigen Grund dafür gibt. Eine meiner größten Sorgen ist, eines Tages zurückzublicken und erkennen zu müssen, dass ich mich selbst belogen und etwas wegegeben habe, obwohl es mich doch eigentlich glücklich gemacht hat. Wenn man träge wird, kann das verdammt schnell passieren. Viel zu oft suchen wir das flüchtige Glück, das oberflächliche, den Augenblick befriedigende. Wir hecheln einem Glücksmoment nach dem anderen hinterher und verpassen es dadurch, dem, was wir haben, Tiefe zu geben.

In der Liebe machen mich letztendlich die einfachen Dinge glücklich: wenn meine Freundin in meinem Arm einschläft. Wenn sie morgens mit zersausten Haaren neben mir liegt und ich ihr gleichmäßiges Atmen höre. Wenn sie Flöte spielt und ich sie heimlich dabei betrachte. Wenn sie durch die Bahnhofstür kommt und wir uns endlich wiedersehen. Jede SMS, in der sie mir schreibt, dass sie mich vermisst. Jeder gemeinsame Augenblick, mag er noch so profan erscheinen. Selbst wenn wir uns eine Zeitlang nicht sehen, es macht mich glücklich zu wissen, dass es sie gibt und dass sie mich liebt und wie das Leben ist, seit ich sie liebe. Und überall wo ich bin, ist sie auch.

Überall wo ich bin, bist Du auch.

Montag, 7. Juni 2010

Don't panic

Wenn ich gebeten werde, mich mit zwei Attributen zu beschreiben, nenne ich folgende: Melancholie und trockener Humor. (Viele halten das für einen Witz von mir, was zumindest das zweite Attribut beweisen würde.) Diese beiden Wesenszüge prägen unweigerlich die Songs auf meinem Album, und so kommt es zu Sätzen wie „Die Straße ist leer. Das Gestern verschwindet im Jetzt wie Asche im Meer“ aus dem Song „Alles geht vorbei“ und „Mein Geburtstag brachte meine eigene Mutter zum Gähnen. In der Rede über mich vergaß man, mich zu erwähnen“ aus „Zusammen sind wir nicht mehr allein“. So wie einer meiner großen literarischen Helden, Charlie Brown, bewege ich mich im Leben wie in der Musik ständig zwischen Scheitern und Zuversicht. (Humor ist dabei die wirksamste Methode, beides nicht immer ganz so ernst zu nehmen. Melancholie hält Dich am Boden der Tatsachen.)

Nachdem meine langjährige Beziehung scheiterte, schrieb ich „Gelacht, um nicht zu weinen“. (Ich habe den Song mehreren meiner Ex-Freundinnen vorgespielt, worauf sie alle einen gerührten Blick bekamen, weil jede Einzelne dieses Lied auf sich bezog.) Als ich nach einer schwierigen Zeit wieder zuversichtlich war, schrieb ich „Das Leben ist schön“. Und als Zuversicht und Scheitern mal wieder verdammt nah beieinander lagen, entstand im Suff der Song „Ach Scheiße“, der es nicht auf das Album geschafft hat. (Was verständlich ist, wenn man bedenkt, dass der Text aus einer Aneinandereihung von Namen alkoholischer Getränke und der Aufforderung an den Zuhörer, wieder mehr Bücher zu lesen bestand. Der Song endete schließlich mit dem prägnanten Fazit: „Na dann, Proust!“, was ich in dem Zusammenhang für eine herrlich doppeldeutige Zeile halte.)

Der Weg, den mein Team und ich mit diesem Album zurückgelegt haben, war gepflastert mit Zeiten des Scheiterns und Augenblicken der Zuversicht. Wenn Du Deine eigenen Songs schreibst, hast Du es nicht leicht, ein Label zu finden. Die großen Plattenfirmen in Deutschland scheuen eigenständige Künstler, es sei denn, sie sind bereits bei ihnen etabliert und haben ein Riesenpublikum im Rücken. Sie behalten gerne die Kontrolle über Dich, bestimmen Songs, die Du singen sollst, die aber nichts mit Dir zu tun haben, also austauschbar sind und von jedem anderen auch gebracht werden können. Ich musste mir schon so einiges anhören in den vergangenen Jahren. Sie wollten mir irgendeinen Countrysong suchen, der in den Staaten ein Hit war, und ihn mit einem deutschen Text versehen. Sie wollten mir platte Schlagerliedchen als „die kommende Nummer eins“ verkaufen. Sie wollten mir vorschreiben, mich privat anders zu kleiden, da ich nach außen ja ein Bild verkaufen müsse. (Aber dann verkaufe ich nach außen lieber Fritten beim „Schnitzelkaiser“.) Der Chef einer großen Plattenfirma wollte mich zum etwa vierhundertsten „deutschen Robbie Williams“ machen, worauf ich gleich Abstand von einer Zusammenarbeit nahm. Ich bin genauso wenig ein deutscher Robbie Williams wie Robbie Williams ein Deutscher ist. Neue Ideen durchzusetzen ist immer schwieriger, als bereits etablierte Systeme zu kopieren. Dabei gibt es so gute Sänger/Songwriter, die mit mehr Aufmerksamkeit ganz sicher ein großes Publikum erreichen könnten, wenn sie bloß eine Chance bekämen. Während meiner Arbeit als Songwriter bei Tinseltown Music habe ich einige kennengelernt, die wahnsinnig gute Lieder schreiben und echte Persönlichkeit mit ihrer Stimme transportieren (und damit meine ich nicht die von Dieter Bohlen totgeredete „Personality“). Ich möchte mich sicher nicht beklagen. Wenn man Augen und Ohren offen hält, findet man immer kleine Schätze in dem großen Musikangebot. Das Verhältnis stimmt nur einfach nicht. Verantwortliche reden sich oft damit raus, dass das Publikum genau das bekommt, was es will. Aber wenn ihm keine Alternativen geboten werden, wie soll es dann entscheiden können, was es will? Und das ist es, was mich am meisten stört: Die Entscheidung wird hierzulande dem Publikum viel zu oft abgenommen, so als sei es ein unmündiges Kind.

Da es mir nie alleine darauf ankam, wieder zu singen, sondern es immer darum ging, mit den eigenen Songs aufzutreten, war das Scheitern ein ständiger Begleiter auf meinem Weg zurück in die Öffentlichkeit. Zuversicht gab es schließlich durch eine kleine Plattenfirma, 313 Music, von der nicht ein einziger Vertreter auf mich zukam, um mir Folksongs aus Usbekistan mit deutschem Text unterzujubeln. Von ihnen nannte mich auch keiner den „deutschen Robbie Williams“ oder „die maskuline Antwort auf Transvestiten-Joe“. Sie mochten die Songs, nahmen mich in Kauf und boten mir schließlich einen Plattenvertrag an.

Aber sowohl das Scheitern als auch die Zuversicht werden damit nicht beendet sein. Mit Musik sein Leben zu bestreiten bedeutet immer, mit beidem fest rechnen zu können (die wahrscheinlich einzige Konstante im Leben wie im Musikgeschäft, bis sich eine von beiden Möglichkeiten irgendwann durchsetzt und man entweder aufgibt oder weiter kämpft). Vielleicht ist es vergleichbar mit einer Liebesbeziehung: Wenn eine schwierige Zeit beginnt und man Angst hat, gescheitert zu sein, gibt es immer noch die Zuversicht, solange beide einander lieben und das Besondere, das sie miteinander verbindet, nicht aufgeben wollen, schon gar nicht, wenn man nicht alles versucht hat. Deswegen kämpfe ich immer um eine Liebe.

Wir alle leiden, wenn wir scheitern. Wir alle sehnen uns nach Zuversicht und wollen aus unserem Leben etwas besonderes machen. Musik sollte da sein, um davon zu erzählen und schließlich das Scheitern durch Zuversicht erträglich werden zu lassen. Vielleicht ist mir das erst durch die Arbeit an meinem neuen Album klar geworden. Vielleicht aber auch durch das Leben selbst.

Dienstag, 1. Juni 2010

My girl

Die erste Liebe vergisst du nicht.

Ihr Name war Judith. Sie war die Tochter meiner Grundschul-Klassenlehrerin Frau Bachmann, zehn Jahre alt, also ein Jahr älter als ich und damit schier unerreichbar. Ein Jahr ist in dem Alter eine ganze Generation – andere Interessen, reiferes Verhalten, hat mehr von der Welt gesehen, ein Jahr Schulstoff voraus. Und doch verliebte ich mich gleich, als sie das erste Mal unsere Klasse besuchte. Sie hatte lange braune Haare, ein hinreißendes Muttermal über dem linken Mundwinkel (was aussah, als hätte sie einen Klecks Nutella im Gesicht), liebte die Musik von Karat und Nena, hatte erdfarbene Manga-Augen und ein Sally-Brown-Lächeln, dem in einer Peanutswelt nur Linus van Pelt widerstanden hätte. Durch sie wurde mir schlagartig bewusst, dass es noch etwas anderes gab, als mit meinen Freunden durch Wälder und Parks zu streifen und mit Stöcken zu kämpfen. Etwas, das ich noch viel mehr wollte: Einfach nur mit ihr zusammen sein, egal wo, egal, was wir taten. Ich wusste, dass sie mir haushoch überlegen war und dass sie mit einem Jungspund wie mir nichts anfangen konnte, aber ich hatte die verwirrende Welt der romantischen Liebe betreten, mit dem festen Vorsatz, in die Enzyklopädie der großen Liebespaare aufgenommen zu werden – Romeo und Julia, Scarlett und Rhett, Sissi und Franzl, Ernie und Bert. Und dafür war ich bereit, alles in die Waagschale zu werfen.

Als sie an einem Tag an unserem Unterricht teilnahm, stellte ihre Mutter der Klasse eine Mathematikaufgabe und gab zwei Lösungsvorschläge zur Auswahl. (Das einzig Gute an Mathematik ist, dass sie, im Gegensatz zum Leben, immer eine Lösung und mehrere Wege, die zu ihr führen, parat hält.) Ich wusste sofort, dass es nur die zweite Lösungsmöglichkeit sein konnte, aber als Judith für die erste aufzeigte, hob auch ich den Finger. Ich wollte ihr zeigen, dass ich auf ihrer Seite war. Wollte mit ihr gemeinsam untergehen. Vielleicht wäre es klüger gewesen, ihr die richtige Lösung einfach zuzuflüstern und damit derjenige zu sein, der sie vor dem Untergang bewahrte; ein echter Held eben. Als Frau Bachmann verkündete, dass wir mit unserer Antwort falsch lagen, stöhnte ich gespielt auf, so laut, dass jeder Notiz davon nahm – außer Judith. Ich ärgere mich bis heute, dass ich damals wider besseres Wissen die falsche Antwort gewählt habe. Ich hätte meiner ersten Liebe zeigen können, dass ich ein echter Mann von neun Jahren war.

Aber ich bekam eine neue Chance: Einmal die Woche fand in der Schule ein nachmittägiges Treffen statt, bei dem gespielt, erzählt, gegessen, getrunken wurde. An einem warmen, frühlingshaften Mittwoch – etwa zwei Monate nach der Matheaufgabe – machte ich mich für diesen Tag besonders sorgfältig zurecht, da ich wusste, dass dieses Mal Judith, meine Zukünftige, dabei sein würde. Als ich auf dem Weg meinen Klassenkameraden Jan abholte, fiel mir auf, dass ich an alles gedacht hatte, bloß nicht daran, mir die Haare cool herzurichten. Ich fragte ihn verzweifelt nach Gel und geriet in eine mittelschwere Panik, als er mir sagte, dass er keines besitze. Ein Blick in den Spiegel verriet, dass ich mich so wie ich aussah unmöglich meiner ersten Liebe zeigen konnte. Ich hatte auch keine Kappe dabei, um auf lässige Weise mein Frisurproblem zu vertuschen, und für eine Mütze war es zu heiß.

Jan kam schließlich auf die rettende Idee, anstelle von Gel Orangensaft zu verwenden. Ich weiß noch, wie ich ihn mit großen Augen ansah. „Also das ist … genial!“, sagte ich. Natürlich: Orangensaft hielt die Haare zusammen und roch dazu noch gut. Ich war gerettet.

Nachdem ich mir also eine halbe Flasche Hohes C in die Haare geschüttet und sie wahnsinnig cool frisiert hatte, stand meiner Eroberung nichts mehr im Weg. Mit gestärktem Selbstvertrauen ging ich zur Schule und setzte mich ohne große Umschweife zu Judith an den Tisch. Und tatsächlich: Sie widmete mir gleich ihre Aufmerksamkeit. Alles um sie herum schien sie zu vergessen. Es gab nur noch sie und mich. Sie konnte ihren Blick nicht von mir wenden. Nun gut, genau genommen konnte sie ihren Blick nicht von meinen Haaren wenden, aber die sind ja nun mal ein Teil von mir.

Auf dem Schulhof bekam ich endlich Gelegenheit, mit ihr zu sprechen. Ich wähnte mich am Ziel meiner Träume. Endlich: Ein ernsthaftes Gespräch zwischen zwei Beinahe-Erwachsenen. Leider währte der Traum nur für ein paar Sekunden, weil sich, kaum waren wir nach draußen getreten, urplötzlich eine Armada Wespen auf mich und meine Hohes-C-verklebten Haare stürzten. Ich flüchtete, schlug Haken, wedelte mit den Armen durch die Luft und versuchte, dabei irgendwie noch cool auszusehen. Als ich merkte, dass daraus nichts wurde, wollte ich wenigstens meine Würde bewahren, aber auch das fiel schwer, angesichts einer angriffslustigen Horde Wespen, denen meine Frisur außerordentlich zu gefallen schien. Judith kam aus dem Lachen nicht mehr heraus. Damit war das Ende unserer leidenschaftlichen Liebe besiegelt, bevor sie überhaupt einen Anfang genommen hatte. Wie sollte ich in ihren Augen jemals das Bild des hysterisch zappelnden Hobbits verlieren? Meine Stimmung kippte vom Hohen C in einen tiefen Moll-Akkord.

Erst als ich zu ihr zurückkehrte und sie schmunzelnd zu mir sagte: „Du bist witzig!“ wurde mir bewusst, dass sie mich nicht aus- sondern angelacht hatte. Sie fand mich witzig. Nicht komisch (was leicht hätte doppeldeutig aufgefasst werden können) oder lustig (wodurch ich in ihren Augen der ewige Klassenclown geblieben wäre). Ich hatte sie mit meinem Witz von mir überzeugt.

Wir verbrachten den Nachmittag miteinander, spielten, lachten, erzählten. Am Ende des Tages lud sie mich zu sich nach Hause ein. Ich konnte mein Glück kaum fassen: Ich hatte die erste Verabredung mit einem Mädchen. Die erste meines gesamten Lebens. Dies war ein historischer Moment. Während ich – verfolgt von einem neuen Schwarm Wespen, während mir mein neuer Schwarm Judith durch meine Tagträume folgte – nach Hause eilte, war ich umgeben von Dur-Akkorden. Jetzt würde mich nichts mehr davon abhalten können, meine erste Liebe im Sturm zu erobern.

In den Tagen vor meinem Rendezvous musste ich die ganze Zeit daran denken, wie surreal es sein würde, in Judiths Haus zu sein, aber als ihre Mutter die Wohnungstür öffnete und mich hereinbat, war es noch viel surrealer, mich im Haus meiner Klassenlehrerin zu befinden. (Die Erkenntnis, dass ein Lehrer ein Mensch ist, der ein Zuhause mit privaten Fotos, einem Partner und einer Toilette hat, kann bisweilen verstörend für einen Neunjährigen sein.)

Judiths Zimmer war, so stellte ich zu meiner Erleichterung fest, nicht das rosafarbene Klischee eines Mädchenzimmers. Sie hatte sogar eine verdammt coole Carrerabahn aufgebaut, mit der wir zwei Stunden lang spielten, um bloß keine intime Stimmung aufkommen zu lassen. Der Wortschatz während dieses Spiels beschränkte sich auf Ausrufe wie „Auweia, das hat gekracht!“, „Oh je, schon wieder rausgeflogen“, „Woah!“ und „Oh Mann!“ Sie war ganz offensichtlich der Typ Frau, mit dem man auch mal dreckig werden konnte (ein Männertraum, der sich durch das ganze Leben zieht), ein Mädchen, das einem beim Kämpfen mit Stöcken in nichts nachstand. Ich wusste, dass wir füreinander geschaffen waren. Nun musste nur noch Judith zu dieser Erkenntnis gelangen.

Nach dem Spiel mit der Carrerabahn, legten wir eine Keks- und Kuchenpause ein. Judith ließ eine Schallplatte von Nena spielen und wippte zu „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ mit einem Fuß. Jedes Mal, wenn ihre Mutter das Zimmer betrat und uns fragte, ob wir irgendetwas haben wollten, setze ich mich besonders gerade hin, ungefähr einen Meter von ihrer Tochter entfernt, um mir nicht abseits der Schule eine schlechte Note einzufangen. Sie sollte den besten Eindruck von ihrem zukünftigen Schwiegersohn bekommen.

Die ganze restliche Zeit überlegte ich, wie ich Judith meine Zuneigung gestehen konnte, ohne vor ihr wie der kleine Junge zu wirken, der ich natürlich war. Gleichzeitig sah ich mich unauffällig nach Fluchtwegen um, sollte sie nach meinem Liebesgeständnis schreiend durch die Wohnung laufen. Ich wusste damals gar nicht, warum ich ihr das eigentlich sagen wollte, begriff erst viel viel später, dass ein „Ich liebe dich!“ in erster Linie immer eine Frage an den Anderen ist: „Liebst du mich wie ich dich liebe?“ Ich konnte ihr das unmöglich so direkt sagen. Aber noch während ich gedanklich versuchte, die richtigen Worte zu finden („Dein Muttermal ist das Schönste, was ich je gesehen habe“; „Ich seh dir in die Augen, Kleines!“; „Hast du 2008 schon was vor? Ich hätte da noch ’nen Hochzeitstermin mit mir frei“; „Du bisset!“; „Die Beatles haben ein Lied gesungen, das übersetzt ‚Ich möchte dein Mann sein’ heißt. Krass, ne?“), noch während ich also versuchte, die richtigen Worte zu finden, klingelte es an der Tür und Judith sprang auf. Ihr Vater kam von der Arbeit nach Hause. Er umarmte seine Tochter überschwänglich, küsste seine Frau und schüttelte dann freundlich, aber reserviert wie ein Strafvollzugsbeamter, meine Hand. Zu viert standen wir anschließend etwas verloren im Flur. Es war klar, dass wir einer zu viel waren. Und es war klar, dass in meinen Augen derjenige leider jemand anderes war als in den Augen der restlichen drei Anwesenden. Also fuhr mich ihr Vater nach Hause.

Als die Zeit an der Grundschule sich ihrem Ende neigte, wartete ich von Tag zu Tag nervöser darauf, Judith noch einmal wiederzusehen. Ich musste ihr endlich sagen, wie ich für sie empfand, bevor wir eine lange Zeit getrennt sein würden. Es war vielleicht meine letzte Chance, Teil dieses großen Liebespaars zu werden. In den letzten zwei Wochen vor Schulende legte ich schließlich auch meine aufgesetzte Coolness ab und fragte meine Lehrerin Frau Bachmann fast jeden Tag, ob ihre Tochter noch mal wiederkommen würde, aber sie konnte es mir leider nicht sagen.

An meinem letzten Tag als Grundschüler gab es ein großes Fest im Schulgebäude. Der Sommer war angebrochen, die Luft war warm und roch nach Rauch vom Grill, ich hatte mir die Haare ohne Orangensaft gestylt und sah mich die ganze Zeit nur nach ihr um. (Ich beauftragte Jan, ebenfalls die Augen nach ihr offen zu halten.) Aber ich entdeckte sie nicht. Nirgendwo. Nicht auf dem Schulhof, in keinem Klassenraum, nicht in der Aula oder unter dem Buffettisch. Je später es wurde wurde, desto verzweifelter wurde ich. Als ich die Hoffnung aufgab, sie je wiederzusehen, war für mich die Feier gelaufen. Ich trat aus dem Schulgebäude und setzte mich frustriert und mit gesenktem Kopf auf eine kleine Mauer, vor mir die Scherben meiner Liebe. Ich würde auf ewig alleine bleiben, soviel war sicher.

Auf einmal hörte ich Schritte an mir vorbeieilen. Ich sah auf und entdeckte, geblendet von der tiefstehenden Sommersonne, die Umrisse von Judith. Sie lief auf ein Auto zu. Instinktiv sprang ich von dem Mäuerchen und rief ihren Namen. Sie blieb stehen, drehte sich um und sah mich an. Da war es wieder, dieses Sally-Brown-Lächeln.

Ich ging auf sie zu, bis ich nahe vor ihr stand und so etwas sagte wie: „Bist du schon länger hier? Ich habe dich gar nicht gesehen.“ Judith meinte: „Wollte meiner Mutter nur schnell was vorbei bringen. Muss jetzt auch schon wieder los.“ Mein Herz wurde schwer. Das also sollte es gewesen sein, so ganz nebenbei „Adieu“? Ich versuchte, mir meine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Nun war es Zeit, Farbe zu bekennen. Ich musste alles auf eine Karte setzen. Ich hatte nichts mehr zu verlieren. „Ich wollt dir was sagen“, rückte ich in gedrücktem Tonfall mit der Sprache heraus, als ich merkte, dass Judith aufbrechen wollte. Sie sah mich mit fragendem Blick an. Ich weiß nicht, wie laut mein Herz wummerte, weiß aber noch, dass ich Sorge hatte, sie würde es gegen meine Brust schlagen hören. Ich versuchte, locker zu bleiben. In der Sekunde meiner Offenbarung der Mann zu sein, der ich bisher nicht gewesen war. „Ich …“, setzte ich an. Oh Gott, ich weiß noch, wie meine Fingerspitzen kalt wurden und ich dachte, jeden Augenblick das Bewusstsein zu verlieren. Jetzt würde es also geschehen. Genau jetzt würde ich es ihr endlich sagen. „Ich wollte dir einen schönen Sommer wünschen!“, sagte ich und schlug mir im Geiste mit der flachen Hand an die Stirn. „Wünsch ich dir auch“, sagte sie und lächelte. Und dann, in einem Augenblick, der einem Windhauch gleichkam, drückte sie mir einen Kuss auf die Wange. Ich erstarrte, als sei ich einem der größten Geheimnisse des Lebens auf die Spur gekommen. So also fühlte es sich an.

Wie durch einen Filter bekam ich mit, wie Judith winkend im Auto ihres Vaters verschwand. Noch während es davonbrauste, stand ich regungslos da, eine Hand an der Wange, zehn Zentimeter über dem Boden schwebend. Sie hatte mich geküsst. Nun gab es kein Vertun mehr: Ich würde auf sie warten, egal wie lang es dauerte. Dieser Wangenkuss war die pure Leidenschaft gewesen, durchdrungen von einem Verlangen, dass es sonst nur in dem Kuss zwischen den beiden schwarzweißfarbenen Erwachsenen in „Casablanca“ gegeben hatte. Sie wollte mich, daran bestand kein Zweifel mehr, zwischen uns standen bloß die üblichen Hürden, die jedes bedeutende Liebespaar überwinden musste. Mit diesem Kuss hatte sie Anlauf genommen, bereit zum großen Sprung.

Es verging ein Jahr, eine Zeit, die dir bis zu einem gewissen Alter noch unfassbar lang vorkommt. Ich lebte mich am Gymnasium ein, fand neue Freunde, quälte mich mit neuen Lehrern, doch über all die Zeit vergaß ich Judith nie. Ich wusste nicht, wie wir uns wiedersehen sollten, aber ich hatte das Gefühl, dass wir uns wiedersehen würden. Irgendwie. Irgendwo. Irgendwann.

Ich sollte Recht behalten: Ein Jahr, nachdem wir uns voneinander verabschiedet hatten, fand an meiner Schule das Abschlussfest der diesjährigen Viertklässler statt. Ich fuhr mit meinem Fahrrad zum Schulgebäude, in der Hoffnung, Judith dort wiederzubegegnen. Als ich ihre Mutter traf, verwickelte ich sie in ein kurzes Gespräch, bis ich scheinbar zufällig auf ihre Tochter zu sprechen kam und ob sie denn auch da sei. „Ja, ist sie“, sagte meine ehemalige Klassenlehrerin und versetzte mich damit in helle Aufregung. „Sie war eben noch auf dem Schulhof. Geh doch mal zu ihr, sie wird sich freuen, dich wiederzusehen.“ Ich nickte lässig. „Jep, dann geh ich da gleich vielleicht mal hin“, sagte ich, blieb aber noch zwei Minuten bei ihr stehen, um es nicht so aussehen zu lassen, als wollte ich am liebsten zu ihrer Tochter fliegen (was in dem Moment mein innigster Wunsch war).

Auf meinem Weg zum Schulhof drängelte ich mich durch die Menschenmenge, stolperte über Kinder, die auf dem Boden herumturnten und kämpfte mich schließlich bis nach draußen vor. Aus einem Lautsprecher erschallte Big-Band-Musik, weil der Schuldirektor sämtliche Platten von Benny Goodman besaß. Es herrschte ein solches Tohuwabohu, dass ich am Rand stehen blieb, um mir einen Überblick zu verschaffen, in der Erwartung, dass in dem Augenblick, in dem sie und ich uns wiedersahen, die alten Gefühle mit einem Schlag wieder aufflammten.

Und dann war sie auf einmal wieder da.

Inmitten vorbeilaufender Kinder und Grüppchen von Erwachsenen, stand sie mit einem Pappteller und redete auf jemanden ein. Sie sah noch genauso aus, wie ich sie in Erinnerung behalten hatte. Ich atmete tief durch, zählte innerlich bis drei (und das bestimmt zehn Mal) und kämpfte mich dann durch die Menge auf sie zu. Aber als ich nur noch wenige Meter von ihr entfernt war, sah ich, wie sie sich zu ihrem Gegenüber beugte und ihn auf den Mund küsste. Abrupt blieb ich stehen. Ich erinnere mich, dass ich ewig lange mit offenem Mund dastand, bis mich ein Sechsjähriger über den Haufen rannte und wir zwei zu Boden fielen. Während der Junge schimpfend aufstand und weiterlief, blieb ich liegen und atmete durch. Ich hielt eine Hand an die Stelle, wo ich mein Herz vermutete (traf jedoch eher den Bereich Leber). Eine der anwesenden Mütter kam gleich zu mir und half mir hoch. „Alles in Ordnung? Irgendwas gebrochen?“, fragte sie mich mit freundlichem Lächeln. Ich wollte mich ihr heulend in die Arme werfen.

Ich verließ das Fest, ohne dass Judith mich sah.

Zweimal hörte ich danach noch von ihr. Das erste Mal, als ich nach vielen Jahren meiner alten Schule einen spontanen Besuch abstattete. Der Hausmeister erzählte mir, dass Frau Bachmann vor einem Jahr pensioniert worden und dass ihre Tochter mittlerweile selber eine Lehrerin sei. Und vor vier Jahren gab ich ihren Namen bei Google ein und fand tatsächlich eine Emailadresse. Wir schrieben zwei-, dreimal hin und her. In ihrer letzten Email erzählte sie, dass sie die ganze Zeit gewusst habe, wie verliebt ich in sie gewesen sei. In dem Augenblick empfand ich eine ungeheure Erleichterung. Es war, als hätte ich nach Jahren ein Buch zu Ende gelesen, das ich in meiner Kindheit begonnen hatte. Durch eine einfache Information hatte Judith diesen bleischweren Mythos aus meinem Leben radiert. Und mir wurde klar: Die erste Liebe vergisst du nicht. Nicht, weil sie die Erste war, sondern vor allem, weil sie offene Fragen hinterlassen hat und auf diese Weise unerfüllt geblieben ist.