Dienstag, 25. Mai 2010

Blackout

Wenn eine Beziehung zu Ende geht, wird bei mindestens einem der beiden Partner ein Prozess in Gang gesetzt, der vergleichbar ist mit der Trauer um einen geliebten Menschen: Man steht unter Schock, will es nicht wahrhaben, möchte am liebsten in die Vergangenheit reisen, um Dinge zu ändern und somit das Ende abzuwenden. Und über allem steht die Frage: Warum?

Auf meinem Album befinden sich fünfzehn Songs, ein Drittel davon behandelt genau dieses Thema. In dem Lied „Schlaflos“ zum Beispiel geht es um jemanden, der sich einen schwerwiegenden Fehler, der zum Ende der Beziehung führte, nicht verzeihen kann. Er liegt wach, alles ist noch genauso wie es vor der Trennung war, nur fehlt mit einem Mal der wichtigste Mensch. Ich schrieb das Lied aus der Perspektive einer Frau, die mir vor ein paar Jahren großes Leid angetan hat, und wie ich mir ihr Denken und Fühlen danach gewünscht hätte, könnte es aber genauso auf mich, auf Sie, auf alle Menschen beziehen. In einer Beziehung werden wir verletzt, in der nächsten sind wir es, die den ultimativen Fehler begehen, der zum Absturz führt.

Wenn du eine Liebe verlierst, stirbt ein kleiner Teil von dir. Verlierst du die große Liebe, stirbt ein großer Teil.

Ich weiß nicht, ob es früher anders war, aber in der Zeit, in der ich jetzt lebe, beschleicht mich mehr und mehr das Gefühl, dass Beziehungen kaum mehr etwas bedeuten. Fremdgehen wird zu einem Fauxpas, der „mal passieren kann“. Verlobungen werden bekannt gegeben, weil man Gefallen findet an der Vorstellung zu heiraten (die praktizierte Ehe wirkt dann jedoch oft eher ernüchternd). Werte wie Treue, Ehrlichkeit, Loyalität werden eingetauscht gegen Egoismus, Sucht nach Bestätigung, Verantwortungslosigkeit. Wie oft hört man den Satz „Ich habe Angst, etwas zu verpassen“, ein Satz, der für den Partner ein Schlag ins Gesicht ist, wird hier doch die Tatsache missachtet, dass mit dem Fortlauf der Beziehung noch so viel mehr verpasst wird als mit schnellem Sex. Ich will nicht alles schwarz malen, natürlich ist es nicht immer so. Es gibt funktionierende Partnerschaften, meist geführt von gefestigten Menschen, die den Wert eines liebenden Partners begriffen haben (und zwar bevor die ganze Sache den Bach runter gegangen ist). Aber wenn ich mein Leben betrachte und das Leben vieler Freunde und Bekannter, dann komme ich auf eine erschreckende Häufung gescheiterter Beziehungen. Und jede hat ihre eigene Geschichte.

Meine erste nennenswerte Beziehung hatte ich mit achtzehn. Nach den typischen Teenagereskapaden fand ich endlich eine Frau, der ich mich zugehörig fühlen wollte, von der ich mich verstanden fühlte. (Und mit der ich meine bisher einzige Nicht-Fernbeziehung führte, was immer das über mich aussagt.) Anderthalb Jahre lebten wir in die Tage hinein, machten uns keinen Kopf über das Morgen, bis ich erfuhr, dass sie im Urlaub mit einem Animateur geknutscht hatte und mir das Heute mit einem Mal auch nicht mehr gefiel. Heutzutage könnten mich ein paar Küsse mit Animateuren nicht mehr so schnell aus der Fassung bringen, aber ich habe das Gefühl, dass mit zunehmendem Alter die Formen des partnerschaftlichen Betrugs immer drastischer werden. Ein bisschen rumknutschen ist da noch harmlos.

Ich habe Beziehungen hinter mir, die mit Lügen, mit Betrug, mit Gefühlskälte endeten. Manchmal, das muss ich mir eingestehen, war ich dabei der aktive Part. Wenn man jemandem etwas verheimlicht und der andere irgendwann davon erfährt, heißt es oft, man habe gelogen, um denjenigen nicht zu verletzten. In Wahrheit vertuscht man Dinge, weil es für einen selber bequemer ist: Man versucht zu vergessen, muss sich nicht mit seinem schlechten Gewissen oder der Verletztheit des Partners herumschlagen, kann weiterleben, als wäre nichts geschehen. Ich habe mich in einer langjährigen Beziehung mit einer anderen Frau getroffen, mit der zwar nichts lief, dennoch wusste ich, dass es nicht richtig war, spätestens als mir klar wurde, dass ich Gefühle für diese Frau hegte. Bevor irgendetwas mit dieser Frau passierte, beendete ich die Beziehung. (Wobei diese andere Frau bloß noch als Tropfen auf dem überlaufenden Fass agierte; die Probleme mit meiner Freundin waren tiefergehend.) Dennoch war die Sache nicht sauber. Ich hatte mich mit dieser Frau getroffen und damit in Kauf genommen, dass ich meine Freundin zutiefst verletze. So etwas kommt früher oder später immer heraus, und ich schäme mich noch heute, dass ich einer Frau, die mir in all den Jahren unserer Beziehung nicht einmal auch nur den Hauch von Leid zugefügt hat, so weh getan habe. Die ganze Sache war würdelos, und ich hoffe, ich habe daraus gelernt.

Manchmal schreibt man Songs, um Geschehenes zu verarbeiten. Manchmal aber zeigen Songs ihre wahre Bedeutung erst, nachdem man sie geschrieben hat. Erstaunlich, wie sich Dinge von jetzt auf gleich verändern können. Lieder wie „Schlaflos“, „Wie es scheint“ oder „Alle Liebe dieser Welt“ hatten für mich zum Zeitpunkt des Schreibens eine ganz andere Bedeutung als eine gewisse Zeit später.

„Noch immer wünsch ich mich zurück

zu jenem Augenblick

als das Ende grade begann.“

„Schließ meine Seele ein

Wartezeit auf: Unbestimmt.“

„Wenn zu Haus ist, wo das Herz ist,

dann bin ich jetzt wohl obdachlos.“

Es gab und gibt immer wieder Zeiten, in denen es furchtbar schmerzhaft ist, meine eigenen Songs zu hören. Weil sie Wahrheiten ansprechen. Weil sie so intim sind, dass ich das Gefühl habe, ein offenes Buch für jeden zu sein. Weil sie mich an meine eigene Fehlbarkeit erinnern, an schöne Zeiten wie auch an schmerzvolle. Gerade jene Songs, die von gescheiterten Beziehungen erzählen, stechen in Wunden, die noch immer nicht geheilt sind. Und sie treiben mir immer noch Tränen in die Augen. Aber natürlich gibt genau das einem Lied seinen Wert: Das Erzählen von Situationen, die wir zwar alle irgendwann erleben, die aber jeder individuell durchstehen muss. Vielleicht sind solche Songs das ideale Sprachrohr, wenn man selber einfach keine Worte für seine Trauer findet. Wenn man starr vor Schreck ist, darüber, was man angerichtet hat. Wenn man die Tragweite dessen ermisst. Wenn man begreift, dass sich mit einem Mal alles verändert hat. Wenn man verantwortlich ist für das Leid des Menschen, der einem am meisten bedeutet. Wenn man verlassen wurde und sich heimatlos fühlt. Wenn es in Gedanken keine Vorstellung mehr von einem Morgen gibt, bloß noch die Erinnerung daran.

Meist begreift man erst, wie viel einem etwas bedeutet, wenn man es verloren hat.

Montag, 17. Mai 2010

No Reply

Eine Frage: Kennen Sie die Quizfragen im Fernsehen, mit denen mittlerweile vor jedem Werbeblock unser aller Intelligenz beleidigt wird?

a) Leider ja

b) Häh?

Sollten Sie die Antwort a) gegeben haben, gehören auch Sie sicher zu den Vielen, die immer wieder an diesen hochkomplizierten, anscheinend von renommiertesten Wissenschaftlern ausgetüftelten Fragen verzweifeln. So oder so.

Seit ein paar Jahren verbreiten sich diese Quizfragen im Fernsehen wie die Pest im altertümlichen Rom – und sind genauso willkommen. Musstest du dich früher noch ins nächste Casino bewegen, kannst du nun bei Chips und Bier bequem von der Couch aus Hab und Gut verzocken. Mit dem Unterschied, dass du bei dieser Art von Glücksspiel weder zum Spielen kommst noch ein Gefühl von Glück empfindest.

Eine Frage für Schnelldenker, live im Fernsehen erlebt: Wie lautet ein anderer Begriff für „zügig“?

a) Fix

b) Foxi

Dazu ergänzend meine Frage: Wofür halten manche Sender offenbar ihre Zuschauer?

a) Dick

b) Doof

Im Zweifelsfall beides, wenn in doofen Schönheits-Schnippel-Sendungen Menschen ziemlich fix literweise Fett abgesaugt wird.

Eine Frage, die mir als ehemaligem Tennisspieler besonders im Gedächtnis geblieben ist, lautet: Worüber wird beim Tennis der Ball gespielt?

a) Netz

b) Tor

Wenn Sie sich jetzt überlegen, Ihren Telefonjoker zu ziehen und entweder Anna Kournikova oder Ihre Hauskatze anzurufen, überlegen Sie gut – keine von beiden hat je einen Grand-Slam-Titel im Tennis gewonnen. (Was an der Schwierigkeit liegen mag, Tennisbälle permanent über ein Tor zu spielen.)

In einem Jahresquiz stellte der Moderator die überaus geschmackvolle Frage: Was durfte Madonna laut Gerichtsbeschluss im April nicht aus Malawi mit nach Hause nehmen?

a) Pelzmantel

b) High Heels

c) Designerfummel

d) Das kleine Schwarze

Anlehnend an diese Frage reiche ich hiermit für das Jahresquiz 2010 folgenden Vorschlag ein: Wohin ging die Madonna-Frage zielgenau?

a) Jacke

b) Hose

Eher ungewollt zweideutig formulierte ein Sender zwischen Teilen einer Modellsendung folgende Frage: Wie müssen unsere Modellkandidatinnen aussehen?

a) schön

b) alt

Hier wird die Beantwortung kompliziert, schließlich ist Schönheit relativ, und alt sehen alle Kandidatinnen aus, wenn sie merken, dass sie nur Statisten für eine mäßig spannende Sendung waren. Bezeichnend auch, dass ein TV-Sender heutzutage die Attribute „schön“ und „alt“ offenbar als etwas Konträres betrachtet: In einer Zeit des Jugendwahns bist du entweder das Eine oder das Andere. Ich plädiere für „Germanys next Toprentner“: Fotoshootings für Gebissreiniger, mit dem Rollator auf dem Catwalk, Zickenterror unter Schwerhörigen, und den Juryvorsitz hat Johannes Heesters.

Doch auch solche Fragen scheinen mittlerweile nicht mehr genügend Anrufer zu locken, weswegen man wohl nun dazu übergeht, die Antworten bereits in den Fragen zu verraten. Beispiel, gesehen bei einem Privatsender und definitiv einer meiner absoluten Lieblinge: Wie heißt Don Johnson mit Vornamen?

a) Don

b) Klaus-Jürgen

Mensch, das war eine Zeit! Keine Folge haben wir in den 1980ern verpasst: „Miami Vice“ mit Klaus Jürgen Don Johnson. Und wer denkt nicht gern zurück an „Magnum“ mit Karl Heinz Tom Selleck. Jede Folge habe ich gesehen von „Knight Rider“ mit Hans Peter David Hasselhoff. Das waren noch Namen.

Eine weitere meiner absoluten Lieblingsfragen, gestellt bei einem Mittagsmagazin: Wie heißt die Frau von Prinz Charles mit Vornamen?

a) Camilla

b) Helmut

Wie oft waren wir uns da alle unsicher. Jedes Mal, wenn Prinz Charles mit seiner Frau um die Ecke kam, dachten wir: Ach guck, da kommt der Prinz Charles mit dem Helmut. Oder doch Camilla? Die Beantwortung würde erst recht kompliziert, wenn herauskäme, dass Prinz Charles eine Transsexuelle geheiratet hat.

In der erfolgreich abgesetzten Sendung „Jeder gegen Jeden“ ging es weniger um die anspruchsvollen Fragen als die Antworten, die gegeben wurden. Beispiel: Wie nannte Muhammad Ali seine Autobiografie?

Antwort des Kandidaten: Mein Kampf.

Moment, Moment, und Hitlers Buch soll dann „Mit dem Herzen eines Schmetterlings“ heißen? Klar, passt ja wie die

a) Faust aufs Auge oder

b) Helmut zu Prinz Charles.

Oder: In der Sendereihe „Vorsicht Falle“ wurde vor Neppern, Schleppern und vor wem noch gewarnt?

Antwort der Kandidatin: Mähdreschern.

Wie viele Verbrechen durch Landwirtschaftsfahrzeuge konnten durch diese Sendung verhindert werden! Sollte es eines Tages auch bei Ihnen klingeln und ein Ihnen unbekannter Mähdrescher steht vor der Tür, öffnen Sie AUF KEINEN FALL! Rufen Sie gleich den nächstansässigen Bauern, der fängt das zwielichte Gerät wieder ein.

Aus dem Familienduell: Nennen Sie eine beliebte Western-Serie!

Antwort des Kandidaten: Unsere rauchende Farm.

Nein, was haben wir diese Serie geliebt. Unsere rauchende Farm. Die erste Serie, die das Thema Sucht und Abhängigkeit unter Cowboys thematisierte. Vorläufer solch genialer Western-Serien wie Unser saufender Ponyhof oder Unsere koksende Ranch.

Das Niveau ist im Keller, sagen Sie? Dann haben Sie den Atombunker noch nicht gesehen! Hier eine weitere meiner Lieblingsfragen, fassungslos erlebt im Herbst 2009 bei einem Privatsender:

Wie nennt man ein langsames Lied?

a) Ballade

b) Marmelade

Gegenfrage: Wer kommt auf solch intellektuell anspruchsvolle Fragen?

a) Kader Loth

b) ein Lader Kot

Schicken Sie die Antwort in einem Topf Ballade an eine Adresse Ihrer Wahl und singen Sie dabei inbrünstig eine gefühlvolle Marmelade! Zu gewinnen gibt es wahlweise ein Treffen mit Klaus Jürgen Don Johnson, eine private Lesung von Muhammad Ali aus seiner Autobiografie „Mein Kampf“ oder ein DVD-Paket mit allen Staffeln von „Unsere rauchende Farm“. Viel Glück!

Montag, 10. Mai 2010

Paperback Writer

Jeder von uns hat Träume, Ziele, Sehnsüchte, die ihn antreiben: Wir wollen Rockstar werden, Mutter oder Vater, der gerissenste Anwalt der Stadt, das schönste Model der Welt, wollen einmal eine Weltreise machen, den Himalaya besteigen, ein Haus in der Toskana besitzen, in einem der besten Orchester spielen, wollen die große Liebe finden und das Glück in den kleinen Dingen. Jeder von uns hat Träume und Ziele. Einer meiner größten Träume war schon immer, einen Roman zu schreiben. Mein Ziel ist es, ihn zu veröffentlichen.

Schon im Kindergarten konnte ich nicht abwarten, endlich Lesen und Schreiben zu lernen. Kaum war ich in der Grundschule, sog ich die Buchstaben geradezu auf, was dazu führte, dass ich in Rekordzeit das ABC verinnerlichte. Meine ersten Schreibversuche ergaben zehnseitige Kindergeschichten über eine Truppe Ameisen (die ich – pfiffig wie ich war – „Die Ameisentruppe“ nannte). In jeder Geschichte ließ ich sie Abenteuer erleben, die sie um die ganze Welt führten und in deren Verlauf immer wieder die Freundschaft gegen das Böse siegte. Am Ende jeder Seite malte ich kleine Szenenbilder, und wenn ich mir die heute ansehe, muss ich eingestehen, dass sich meine Zeichenkünste seitdem nicht gravierend verbessert haben; es reicht nicht mal, um es als moderne Kunst zu verkaufen und jeden mit Ignoranz zu strafen, der meine Werke nicht versteht, weil sie mit einem Blick zu entlarven sind, und zwar als Krakeleien.

Die Ameisen in meinen Geschichten waren immer lilafarben, und vor jedes einzelne Wort setzte ich immer ein Komma, um alles sauber voneinander zu trennen. Als Kind sind dererlei Ausflüge in die Nebenstraßen der wahren Welt noch möglich – ich, wünschte, das, wäre, heute, noch, so. Die Geschichten der Ameisentruppe liegen seit der damaligen Zeit in meiner Schublade. Sie sind das erste Zeugnis meines Traums, eines Tages ein Schriftsteller zu sein, zu schreiben, zu lesen, Worte bewusst einzusetzen, um Geschichten auf meine Weise zu erzählen. (Das Malen ließ ich danach ganz sein, außer im Kunstunterricht am Gymnasium, wo ich versuchte, es als Kunst zu verkaufen und jeden mit Ignoranz zu strafen, der meine Werke nicht versteht. Sie wissen, was ich meine …)

Es gab damals eine Heftreihe mit dem Titel „Erzähl mir was“. Alle 14 Tage erschien eine neue Ausgabe, jeweils mit einer Hörspielkassette, auf der man die Märchen und Geschichten aus dem Heft vertont hatte. Ich liebte diese Reihe, bekam von meiner Patentante jede neue Ausgabe bezahlt und wartete danach bereits ungeduldig auf die nächste. Zu Weihnachten schenkten mir meine Eltern einen „Erzähl mir was“-Ordner und einen Koffer für die Kassetten, beides Dinge, die fortan zu meinen Heiligtümern wurden. Nicht wenige der Geschichten konnte ich auswendig mitsprechen, und oft schnappte ich mir den Ordner mit den Heften und las meinen Freunden daraus vor; ich war immer eher der Leser als der Zuhörer gewesen. Als mir mein Vater eines Abends aus einem der Hefte vorlas, wurde er dabei so müde, dass ich – gespannt auf den Ausgang der Geschichte – mit ihm den Platz tauschte, er sich also hinlegte und ich weiterlas. Gute Geschichten hielten mich schon damals wach.

Ich wusste, dass ich mich irgendwann an die große Form heranwagen würde, den Roman. Zum ersten Mal bereit dazu fühlte ich mich jedoch erst mit dreizehn, als ich anfing, eine weitere Kindergeschichte zu schreiben, schließlich jedoch das Gefühl hatte, zu alt für diese Art Geschichten zu sein, aber zu jung, um das wirkliche Leben zu skizzieren. Ein paar Jahre schrieb ich hier und da Gedichte und Liedtexte, behielt meinen Traum jedoch immer im Hinterkopf.

Mit achtzehn setzte ich mich schließlich an eine Geschichte, die mir an einem schulfreien Tag eingefallen war: Ein junger Autor kommt nach London, um dort seinen ersten Roman zu schreiben, verliebt sich in eine undurchschaubare Schauspielerin, erlebt einen Herbst lang alle Höhen und Tiefen mit ihr, bis sie am Ende die Stadt verlässt. Keine besonders originelle Handlung, schon klar, aber es war die Art Geschichte, die mir damals lag. Also schrieb ich sie auf. Die Grundstimmung des Romans war recht düster und melancholisch, was zu der Zeit meinem Naturell entsprach. (Aber das gilt wahrscheinlich für so gut wie jeden Teenager, unzufrieden mit sich und der Welt, unsicher, verzweifelt, verwirrt und nur in Gedanken schon erwachsen.) Das Gefühl, als ich nach anderthalb Jahren die letzten Worte schrieb, lag irgendwo zwischen tiefster Befriedigung, Erleichterung, Euphorie und Abschiedsschmerz. Ich hatte meinen ersten Roman geschrieben. Eine Erfahrung, die ich nie wieder machen würde.

Mein zweites Buch war die Fortsetzung des Ersten: Zwei Jahre später treffen sich die beiden Hauptdarsteller wieder, dieses Mal in Paris. Er hat seinen Roman veröffentlicht, gibt eine Lesung und begegnet erneut seiner großen Liebe. Obwohl sie mittlerweile verlobt ist, fangen die beiden eine Affäre an, er versucht, sie endlich für sich zu gewinnen, geht daran fast zugrunde und muss am Ende einsehen, dass er sie nie haben wird, weil sie bloß ein Traumgebilde war. Ein paar Jahre, nachdem ich das Buch gelesen hatte, las ich einen Artikel über den Film „Before Sunset“, die Fortsetzung eines meiner absoluten Lieblingsfilme „Before Sunrise“. Die Inhaltsbeschreibung des Films las sich zu siebzig Prozent wie der Inhalt meines zweiten Romans, was mich ziemlich erschreckte. Eine Veröffentlichung dieses Buchs war wohl nicht mehr möglich. Andererseits sah ich bereits zu dem Zeitpunkt diese ersten Romane als Lehrstücke an. Ich wollte mich verbessern, wollte noch viel mehr lesen – vor allem jene Autoren, die meine Vorbilder waren, sprich: Richard Ford, Mark Twain, Jeffrey Eugenides, Jonathan Franzen, in der Regel die amerikanischen Erzähler. Ich wusste, dass ich noch nicht soweit war, einen richtig guten Roman zu veröffentlichen.

Einmal stand ich allerdings kurz davor. Im Jahr 2000 wollte der Knaur-Verlag meinen ersten Roman herausbringen. Ich traf mich mit dem Lektor, sprach mit ihm alles durch, schickte ihm später die Änderungen am Roman, die ihm zusagten, und er erklärte mir, wie unsere Zusammenarbeit ablaufen könnte. Allerdings war ich schon da der Meinung, dass ich besser noch etwas warten sollte und dass dies nicht die Geschichte war, die mein Debüt markieren sollte. Zudem ging es mir in den Gesprächen mit dem Lektor zu sehr um meinen bekannten Namen, und das Letzte, was ich wollte, war mein Gesicht auf dem Cover meines Romans. Also schlug ich das Angebot aus, mit dem Risiko, dass ich vielleicht nie wieder ein vergleichbares erhalten würde. Oft fragte ich mich in der Zeit danach, ob ich die Chance, mein Ziel zu erreichen, damals leichtfertig vergeben hatte. Aber mittlerweile bin ich sogar ein wenig stolz, dass ich der Versuchung nicht erlegen war. Es war einfach nicht der Roman, den ich veröffentlichen wollte.

Danach schrieb ich einen dritten Roman. Auch dieser eine Liebesgeschichte, auch dieser einer, den ich schreiben musste, aber nicht veröffentlichen wollte. In der Zeit kamen mir zum ersten Mal Zweifel, ob ich überhaupt den Roman schreiben konnte, der meinen Ansprüchen genügte.

Und dann passierte etwas, für das es einfach keine Erklärung gibt. Erste Ideen entstehen meist durch einen Zufall, die Ausarbeitung dieser Ideen geschieht dann durch Arbeit. Und im Jahr 2004 hatte ich gleich zwei davon. Als ich zwei völlig unterschiedliche Ansätze für zwei Geschichten notierte, war ich so euphorisch, dass ich abends kaum einschlafen und es nicht erwarten konnte, mich am nächsten Morgen gleich dranzusetzen. Ich war von beiden Geschichten dermaßen überzeugt, dass ich begann, parallel an zwei Romanen zu schreiben, was ziemlich reibungslos funktionierte, weil sie völlig unterschiedliche Themen behandelten, unterschiedliche Stilrichtungen beinhalteten, zwei völlig unterschiedliche Sprachen und Erzählperspektiven erforderten. War ich in heiterer Stimmung, setzte ich mich an die eine Geschichte, übermannte mich Melancholie, schrieb ich an der anderen. Mehrere Monate recherchierte ich die kleinsten Details, besuchte ich Einrichtungen, die mit einer meiner Geschichten zu tun hatten, und schrieb jeden Tag stundenlang.

Als ich nach Jahren der Arbeit die beiden Bücher als Rohfassungen fertiggestellt hatte, hatte ich das Gefühl, dass es mir nicht gelungen war, einen Roman zu schreiben, den ich veröffentlichen wollte, sondern zwei. Erst während ich die beiden Geschichten wieder und wieder überarbeitete, Szenen rausschmiss und umschrieb, wurde mir klar, welchen der beiden Romane ich als meinen Debütroman sehen möchte. Welchen ich einfach veröffentlichen muss, weil ich ich ihn, nach meinen ersten drei Romanen und der jahrelangen Arbeit daran, immer noch für gelungen halte. (Bei all dem Mist, den ich schon geschrieben habe, die größtmögliche Befriedigung.) Und nun, nach den vielen Jahren, nun, nachdem ich mit acht meine erste Geschichte geschrieben habe, nachdem ich fast mein ganzes Leben davon geträumt habe, liegt der Roman vor mir, bereit, mich hoffentlich endlich an mein Ziel zu bringen. Meine ganze Leidenschaft, mein Sehnen, mein Scheitern, meine Erinnerung, mein Humor, meine Melancholie, mein Timing, meine Selbstzweifel, all das ist Teil dieser Geschichte. Ich würde Sie euch gerne erzählen.

Natürlich weiß ich nicht, ob ich einen Verlag finden werde. Ein Buch zu veröffentlichen ist um ein Vielfaches komplizierter als eine CD auf den Markt zu bringen. Aber Träume wären keine Träume, wenn sie mit Leichtigkeit zu verwirklichen wären. Fast mein ganzes Leben lang arbeite ich nun schon darauf hin, auf diesen einen Augenblick, in dem ich in den Buchladen gehe und einen Stapel mit meinen Romanen vor mir liegen sehe. Auf diesen einen Brief, in dem mir ein Leser schreibt, wie nah ihm die Charaktere sind, wie sehr er lachen musste und dass die Geschichte ihm wahrhaftig erscheint. Es wird nicht leicht, dieses Ziel zu erreichen. Aber sollte ich es tatsächlich schaffen, meinen Roman zu veröffentlichen, wäre dies für mich die schönste Geschichte, die ich je gehört habe.

Montag, 3. Mai 2010

Message in a bottle

Ich verlasse meine Wohnung, laufe das Treppenhaus hinunter und bleibe an meinem Briefkasten stehen. Ich öffne ihn – wieder nur Rechnungen und die tausendste Karte irgendeines zwielichten Pizzadienstes. Ich weiß, es ist naiv, aber jeden Tag hoffe ich insgeheim, dass mich einer von ihnen erreicht. Wann haben Sie eigentlich das letzte Mal einen handgeschriebenen Brief erhalten?

In den 1980ern waren SMS und Email noch unbesetzte Worte. Wollte man jemandem etwas sagen, gab es drei Möglichkeiten: Von Angesicht zu Angesicht, am Telefon oder per Brief. (Okay, nordamerikanische Indianerstämme bedienten sich zudem noch eines ausgeklügelten Rauchzeichensystems, aber das hat sich im Rest der Welt nie durchgesetzt. Gehen Sie davon aus, dass es das demnächst als App fürs iPhone gibt: iSmoke.) Nun war es als 13-jähriger Junge nicht gerade angesagt, Briefe zu schreiben, und jene Kritzeleien, die man während der Schulstunde heimlich mit seinen Klassenkameraden austauschte, konnte man wohl auch nicht dieser Kategorie zuteilen. Über die erste Hälfte meines bisherigen Lebens hinweg verschickte ich höchstens mal ein paar Postkarten, die alle nach dem gleichen Muster gestrickt waren. An die Jungs schrieb ich jene Jux-Karten, die weniger mit Landschaftsbildern, denn mit dem genauen Gegenteil glänzten („Borkum bei Nacht“ ging immer) und die ich mit Sprüchen ausstattete, die nur wir lustig fanden. Die Mädchen bekamen Karten mit Panoramamotiven und einem derart unpersönlichen Text, dass ihre Mütter, die sie vom Briefkasten als Erste in die Finger bekamen, nicht auf die fixe Idee kommen konnten, ich hätte irgendein romantische Interesse an ihren Töchtern (was ich immer hatte, sonst hätte ich ihnen keine Karten geschickt).

Ironischerweise änderte sich mein Verhältnis zu handgeschriebenen Briefen, als mit dem Handy die SMS in mein Leben kam. Ich merkte, dass diese kurzen Nachrichten geeignet waren, um jemandem schnell einen guten Tag zu wünschen oder zu fragen, was er gerade macht, dass sie aber so unpersönlich blieben wie die maschinell verschickte Geburtstagskarte des Telefonanbieters. Mich erreichte kaum mehr private Post, höchstens mal der ein oder andere Blaue Brief (der jedoch weder blau noch handgeschrieben war und bloß auf eine unangenehme Art persönlich).

Eines Tages kramte ich in der alten Truhe meines Opas. Ich fand darin allerlei Krimskrams wie Zeitungsberichte aus den 50ern, Karnevalsorden aus den 60ern, Gesellschaftsspiele von Ravensburger aus den 70ern, eine Ehrenurkunde aus den 80ern, die mein Opa seiner Vitalität zu verdanken hatte, und eine Sterbeurkunde aus den 90ern, die das Dokument des exakten Gegenteils war. Dazwischen stieß ich auf zwei Bündel Feldpost. Mein Opa hatte meiner Oma unter anderem 1942 aus Stalingrad geschrieben. Trotz der altdeutschen Schrift gelang es mir, die Briefe zu entziffern. Sie verdeutlichten mir nicht nur die Angst (vor allem durch das konsequente Verschweigen eben jener), den Schrecken, den Hunger, die Hoffnungslosigkeit und die Kälte. Sie zeigten mir auch eine Seite an meinem Opa, die weder ich noch seine Kinder je kennengelernt hatten. Die junge Version meines Opas klang leidenschaftlich. Voller Träume und Sehnsüchte. Lüstern und Sorgenvoll. Ich bin mir sicher, dass es ihm bloß in seinen Briefen möglich war, diese fremd wirkende Seite zutage zu fördern, und dass diese Briefe näher an sein wahres Ich heran kamen, als es je einem seiner Familienmitglieder gelungen war. So ist das immer mit dem geschriebenen Wort. Aber wie kommt es, dass wir in Briefen meist ehrlicher und so viel näher erscheinen? Vielleicht hat es damit zu tun, dass wir erst in dem Moment, in dem wir unsere Gedanken schriftlich ausformulieren, Zusammenhänge begreifen. Uns selber begreifen, unsere Motivationen und die daraus resultierenden Handlungen. Vielleicht war meinem Opa nicht so sehr durch den Krieg und die Möglichkeit, seine Frau nie wiederzusehen klar geworden, wie sehr er sie liebte, sondern durch das Schreiben darüber. Zu schreiben: „Ich liebe dich!“ und in dem Augenblick zu begreifen, dass es stimmt. Das schafft keine Email und schon gar keine SMS, dafür sind diese beiden Formen der Mitteilung zu limitiert, ob in Buchstaben- oder Zeichenanzahl, in jedem Fall aber in Zeit. Wenn du einen Brief erhältst, weißt du, jemand hat sich Zeit genommen für dich. In einer Welt des „Multitasking“ und des Bedürfnisses nach Schnelligkeit (einem Leben aus Schnellrestaurants, Schnellkochtöpfen, Schnellwaschgängen, Schnelltankstelle, Schnellrasur und einer Droge, die sich „Speed“ nennt und dich ziemlich schnell abhängig macht) der größte Beweis für echte Zuneigung.

Als ich einmal eine Frau liebte, die ich durch widrige Umstände eine Zeitlang nicht sehen konnte, schrieb ich ihr fünfzig Tage lang jeden Tag einen Brief. Beschrieb ihr meinen Alltag, mein Sehnen, klang verliebt, verletzt, ängstlich, hoffnungsvoll, fordernd, euphorisch, zurückhaltend, zuversichtlich, ehrlich und unehrlich, mal wie ich selbst und mal wie der, der ich sein wollte. Ich schrieb die Briefe klassisch und in Form eines Drehbuchs, als Gedicht und Flaschenpost. Fünfzig Tage lang schrieb ich alles auf, die essentiellen Dinge und den belanglosesten Müll. Jeden einzelnen Brief schickte ich ab, konnte damit jedoch auch nicht das Ende jener unglückseligen Romanze verhindern. (Nur ihr Vater mochte mich seitdem, was aber möglicherweise daran lag, dass meine Briefe die räumliche Distanz zwischen seiner Tochter und mir verdeutlichten und somit klar war, dass ich ihr nicht zu nahe kam.) Diese Briefe retteten also nicht meine Beziehung, brachten mir allerdings Erkenntnisse über mich selbst. Auch jene, in denen ich gelogen hatte, um ihr zu gefallen; in denen ich mich anders darstellte, als ich war. Auch nach den fünfzig Tagen schrieb ich an sie noch ein paar Briefe, die ich jedoch nicht abschickte. Gerade sie zeigen mir im Nachhinein, wie sehr ich damals bereit war, mich zu verleugnen, um an etwas festzuhalten, das ich viel zu lange idealisiert hatte. Eine Erkenntnis, die ich ohne die Briefe nicht gewonnen hätte, eröffneten sie mir doch die einmalige Gelegenheit, einen Blick von außen auf mich zu werfen. Im Gegensatz zu Videoaufnahmen von dir, bei deren Betrachtung du denkst: „Oh Mann, so wirke ich auf meine Umwelt? So bewege ich mich, rede ich, sehe ich aus?“, lässt dich ein Brief von dir einen Blick von außen auf dein Innerstes werfen: „So bin ich gewesen. Bin ich immer noch so?“

Mittlerweile verbinden wir alle mit persönlichen Briefen oftmals eher negatives. Als mich vor Jahren aus heiterem Himmel ein Brief meiner damaligen Freundin erreichte, fing mein Herz an zu rasen. Meine Mutter gab mir den Brief (wieder die Mutter, die als Erste am Briefkasten ist) und bedachte mich mit einem Blick, der besagte: „Wenn du danach mit mir reden willst, bin ich für dich da“, so als wäre die Trennung mit diesem Brief besiegelt. Tatsächlich wollte meine damalige Freundin mir jedoch bloß sagen, wie besonders das Leben mit mir sei. Hätten wir die Kultur der persönlichen Botschaft nicht verloren, wäre ein solches Missverständnis nie entstanden. Wo sind die Brieffreundschaften? Wo sind die Flaschen in den Flüssen und Meeren dieser Welt? Die Krux ist offensichtlich: Alles, was dem Menschen ein bequemeres Leben bereitet, bleibt. Der Rest wird weniger oder verschwindet sogar gänzlich. Eine SMS oder eine Email zu schreiben und abzusenden, ist mit ein paar Tastengriffen erledigt. Ein Brief bedeutet: Papier hervorholen, Stift in die Hand, Gedanken sortieren, lesbar schreiben, nicht zu oft durchstreichen, Papier in den Umschlag, Umschlag adressieren und frankieren, zum Briefkasten und mindestens bis zum nächsten Tag warten, bis der Brief seinen Empfänger erreicht. Ich sehe ein, warum eine Email die beliebtere Variante der Nachrichtenübermittlung ist. Ich bin genauso bequem. Aber nach wie vor gilt: Die seltenen Dinge sind die wertvollsten. Eine Email ist zwar in wenigen Augenblicken geschrieben, aber auch in einer Sekunde vom Computer und aus dem Sinn gelöscht. Ein Brief bleibt. Wenn es um die Wahrhaftigkeit von Aussagen geht, zählt nicht nur der Inhalt, sondern auch die Form.

Was die Schnelligkeit unserer Zeit angeht, so rate ich Ihnen übrigens: Wenn Sie einen Brief verschicken wollen, tun Sie es heute; man weiß nie, wann er ankommt. Manche Exemplare haben ihre Empfänger erst nach Jahren erreicht. 1984 zum Beispiel schickte ein Junge einen Brief an seinen Patenonkel, um sich bei ihm für ein Geschenk zu bedanken. Er kam erst vierundzwanzig Jahre später an. Zu spät: Der Patenonkel war bereits verstorben. (Hätte der Junge das vorher gewusst, er hätte sicher „Porto zahlt Empfänger“ auf dem Umschlag vermerkt.)

Ich komme abends wieder an meinem Briefkasten vorbei, gehe in meine Wohnung und lege mir Stift und Papier bereit. Durch das Schreiben dieses Textes ist mir eines klar geworden: Um den Brief zu erhalten, den ich mir erhoffe, sollte ich einen an den Menschen schicken, von dem ich ihn mir wünsche.