Montag, 26. April 2010

Brotherhood of man

(Es folgt ein fiktiver Briefwechsel zwischen Schauspieler Harrison Ford und Regisseur Steven Spielberg. Nichts davon hat sich je auf diese Weise ereignet, alles wurde frei erfunden. Falls Sie Fan einer dieser Personen sind: Beschwerdebriefe bitte birekt an Tinseltown Music. Da freut man sich immer über nette Post. Falls Sie eine dieser Personen sind: Klage zwecklos: Armer Künstler. Allen anderen wünsche ich viel Vergnügen beim Lesen!)


01.04.2010

Mein lieber Freund!

Mit Freude habe ich vernommen, dass Du zusammen mit dem lieben George Lucas eine neue Folge unserer Indiana-Jones-Reihe planst. Warscheinlich habt ihr schon versucht, mich zu erreichen, um mich anzufragen, aber ich bin gerade mal wieder viel unterwegs. Als ich heute morgen in der Zeitung von eurer Idee erfahren habe, war ich hellauf begeistert. Für Dich, mein lieber Freund, stehe ich immer gern zur Verfügung. Ich bin auch frei die nächste Zeit. Schick das Drehbuch also einfach an meine Privatadresse, Du hast sie ja noch in deinem persönlichen Notizbuch. Bin schon sehr gespannt auf das Drehbuch. Stimmt es, dass Sean wieder meinen Vater spielen soll? Das wäre großartig, mit ihm habe ich mich blendend verstanden. Alles Gute und bis bald!

Dein Harrison

PS: Wie geht es Deiner Frau? Sag ihr viele Grüße!


03.04.2010

Mein lieber alter Freund!

Es war eine Freude für mich, nach langer Zeit wieder mal von Dir zu hören. Wie geht es Dir, mein Lieber? Ja, es stimmt, wir planen einen neuen Teil der Indy-Reihe. Allerdings muss ich Dir leider sagen, dass Du gar nicht mehr für die Rolle des Indiana Jones vorgesehen bist. Du wirst sicher verstehen, dass wir aufgrund Deines Alters (Du wirst dieses Jahr immerhin schon 68 und bist nicht mehr der drahtige Action-Held) eine Neubesetzung suchen. Aber vielleicht finde ich eine kleine, feine Rolle für Dich im Film, so als Gag, weißt Du? Sean spielt übrigens tatsächlich wieder Indys Vater. Habt ihr euch wirklich so gut verstanden? Seltsam ... Hab euch hinter den Kulissen nicht ein einziges Mal zusammen gesehen. Aber da hattest Du natürlich auch viel zu tun. Also, mein Lieber, meld Dich doch mal und sag, was Du von meiner Idee mit der kleinen Rolle hältst!

Alles Liebe,
Dein Steven

PS: Danke, meiner Frau geht’s gut. Ich werde ihr Deine Grüße bestellen! Wie sieht es bei Dir und Calista aus? Hochzeit geplant?


05.04.2010

Lieber Steven!

Danke für Deine rasche Antwort. Allerdings war ich doch ein wenig irritiert. Willst Du Indy wirklich ohne mich, ohne Harrison Ford drehen? Eine kleine Rolle bietest Du mir an? Vielleicht denkst Du noch einmal drüber nach. Überleg doch mal: Ich war DER Held als Indy. Die Zuschauer werden mit Sicherheit niemand anderen außer mir als Indy akzeptieren. Das dürfte schwierig werden. Was sagt denn George dazu? Mit Sicherheit ist das nur ein Trick von Dir, um mich hinterher mit einem bombastischen Drehbuch zu überraschen. Ich kenn Dich doch lange genug, Du altes Schlitzohr. :-) Wann kann ich denn nun mit dem Drehbuch rechnen?

Beste Grüße!
Dein Harrison

PS: Bin mit Calista seit Anfang 2009 verlobt! Hast Du denn keine Zeitung gelesen? ;-)


08.04.2010

Hallo Harrison!

Tut mir wirklich leid, aber wie gesagt: Die Rolle wird umbesetzt. Ich kann Dir das Drehbuch gerne zuschicken, aber die Rolle bekommt ein anderer. Wie wäre es denn, wenn Du einen Bruder von Sean spielst, der am Ende des Filmes auftaucht. Ich kann Dich da noch in eine Szene reinschreiben. Das wär doch witzig. Was meinst Du? George ist übrigens auch der Meinung, dass Du zu alt bist. Aber Du bist ja erfahren genug, um abschätzen zu können, was noch zu Dir passt und was eher lächerlich wirkt. Du bist ja Profi!

Viele Grüße,
Dein Steven

PS: Nein, hab ich nicht gelesen! Seit Anfang 2009 zusammen und noch nicht geheiratet? Seid ihr denn glücklich miteinander?


10.04.2010

Steven!

Das kann nicht dein Ernst sein! Du willst mir eine Nebenrolle in meinem eigenen Film anbieten??? Wer hat denn damals die Serie so berühmt gemacht? Wegen wem sind die Leute denn in Scharen in die Kinos gelaufen? Weißt du nicht mehr, wieviel du mir zu verdanken hast? Nicht, dass ich es nötig hätte, die Rolle zu spielen (auf meinem Schreibtisch stapeln sich die Drehbücher), und so wichtig ist es mir nun auch nicht, aber überleg doch mal, was du den Fans damit antun würdest! Also Steven, da wären die Leute aber ganz schön enttäuscht. Komm, jetzt sei nicht so! Ich bin topfit! Ehrlich! Wirklich! Ich trag sogar `nen total jugendlichen Ohrring. Für dich würd ich auch weniger Gage verlangen. Was meinst du, wie wir gefeiert werden, wenn wir bei der Premiere des Filmes auftauchen! Das wär doch ein Spaß, wie in alten Zeiten. Meld dich doch noch mal, um mir Antwort zu geben!

Gruß
Harrison

PS: Wir sind sehr sehr glücklich, ja. Bei deiner Ehe alles in Ordnung? Hab da so was gehört ...


14.04.2010

Hey Harrison!

Anbei schicke ich dir das Drehbuch, sowie zwei Freikarten für die Premiere des Filmes (für dich und deine Dauerverlobte, falls ihr bis dahin noch zusammen seid), aber MEHR IST EINFACH NICHT DRIN!! Indiana Jones ist eine Marke, die bei Millionen Menschen beliebt ist, und ich bin davon überzeugt, dass die Menschen auch OHNE dich in die Kinos strömen werden. Da du ja so viele Drehbücher auf deinem Schreibtisch liegen hast, denke ich, solltest du dir aus deinem reichhaltigen Angebot etwas aussuchen, das deinem Alter angemessener ist. Somit bewahrst du dir deine Würde und Glaubwürdigkeit, und wir drehen mit einem unverbrauchten, frischen Gesicht. Ich denke, das ist für alle Beteiligten das Beste.

Gruß!
Steven

PS: Nein, mit meiner Ehe ist alles in bester Ordnung! Wie geht’s deinen Kindern?


16.04.2010

Mister Spielberg!

Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass ich ein großartiger Schauspieler bin, der auf der ganzen Welt geliebt wird. Ihre Unverschämtheiten muss ich mir wirklich nicht gefallen lassen. Sie bringen zudem kein einziges einleuchtendes Argument, warum ich die Rolle des Indiana Jones nicht noch einmal spielen sollte. Sie machen einen Riesenfehler, so viel steht fest! Aber bitte, ich lasse Sie gerne ins offene Messer laufen. Sagen Sie hinterher nicht, ich hätte Ihnen nicht helfen wollen! Außerdem: Ich soll meine Projekte meinem Alter angemessen nach aussuchen?? Das sagen Sie mir? Sie drehen, als erwachsener Mann, Filme über außerirdische Rosinengesichter, die nach Haus telefonieren wollen, und möchten mich belehren?? Ganz schön vermessen, Mister Spielberg! Sagen Sie, was haben Sie eigentlich für ein Problem?
Ach ja, richten Sie Mister Lucas aus, dass ich seine neue „Star Wars-Trilogie“ zum Kotzen finde! Der Sohn einer Freundin meiner Verlobten mag die alten Folgen, in denen ich noch mitgespielt habe, auch viel lieber.

H. Ford

PS: Geht Sie nichts an!


20.04.2010

Nun hören Sie mal zu, Mr. Ford!

1. „ET“ ist nach wie vor einer der erfolgreichsten Filme aller Zeiten! Dieses „Rosinengesicht“, wie Sie es nennen, ist also ein WELTERFOLG gewesen!!
2. Ich habe Sie NIE um ihre Hilfe gebeten und werde dies auch in Zukunft NICHT TUN! Ihr Ton zeigt mir eindeutig, dass ich mit Ihrem Ausschluss aus dem Indy-Projekt Recht behalte.
3. SIE fragen MICH, was für ein Problem ICH habe?? Kriegen Sie erst einmal Ihre Dauerverlobte dazu, Sie zu ehelichen, dann reden wir weiter!
4. Seltsam, dass ich seit einer Ewigkeit nichts mehr von Ihnen gehört habe! Wo doch so viele Drehbücher auf Ihrem Schreibtisch liegen …
5. Das werde ich Mister Lucas bestimmt NICHT ausrichten! Aber ich werde ihm sagen, dass er Sie ohne Bedenken von seiner Besetzungsliste streichen kann, wie ich es auch gerade getan habe!

S. Spielberg

PS: Interessiert mich auch gar nicht!!


22.04.2010

Du verlogenes Arschloch!

Heuchelst einem jahrelang Freundschaft vor und dann sowas! Toller Freund!! Du und dieser Star-Wars-Videospiel-Regisseur, ihr seid so dermaßen hinterhältig! Ihr denkt, ihr seid die lebenden Legenden von Hollywood, was? Für mich seid ihr beide gestorben!! Mit solchen Dilettanten würde ich sowieso nicht zusammen arbeiten!! Indiana Jones, Teil 5 ... Eine blödere Idee hättet ihr euch nicht einfallen lassen können!! Will doch keiner sehen! Wie ich diese Rolle gehasst habe! Und den zweiten Teil, den mit deiner Frau, den hab ich am meisten verabscheut. Sie ist übrigens fantastisch im Bett, wie ich damals feststellen durfte. Da wackeln die schlechten Inka-Pappkulissen!! Kannst sie ja mal drauf ansprechen!! Und seit einer Ewigkeit nichts von mir gehört??? Kein Wunder, wenn man altersbedingt taub geworden ist. Ich mache Kunstfilme, da hab ich deinen Kommerz-Scheiß nicht mehr nötig!

Ford

PS: Mieser Verräter!


26.04.2010

Sehr geehrter Mister Ford!

Ich möchte Sie im Namen meines Mandanten entschieden darum bitten, ihn in Zukunft nicht mehr zu belästigen! Mister Spielberg wird sich ansonsten rechtliche Schritte gegen Sie vorbehalten. Bitte respektieren Sie den Wunsch meines Mandanten, dann müssen Sie mit keinen weiteren Konsequenzen rechnen.

Mit den besten Grüßen,

B. Hirsch (Rechtsanwalt)

PS: Mister Spielberg bat mich, Ihnen zu sagen, Sie sollen ihm unverzüglich das Drehbuch und die Premierenkarten zurückschicken. Vielen Dank!

Montag, 19. April 2010

Secret Garden

Als meine Freunde und ich Kinder waren, hatten wir Tausend Geheimnisse, und sie dienten alle nur einem Zweck: Uns inmitten der Regeln und Vorgaben unserer Eltern ein eigenes freies Leben zu ermöglichen.

Der Häuserkomplex, in dem ich aufwuchs, besaß einen großen Garten mit einem Drahtzaun, hinter dem eine alte verlassene Fabrik stand. Drum herum wuchsen Gras, Bäume und Sträucher wild und verzweigt wie in einem vergessenen Paradies. Meine Freunde und ich – allesamt Nachbarn – buddelten ein Loch unter den Zaun, sodass wir unter ihm hindurch krabbeln konnten. Das verwachsene Grundstück war natürlich wesentlich spannender als der eigene gepflegte Garten. Wir bauten uns zwischen verkrüppelten Baumstämmen eine Hütte aus Gras (die wir bezeichnenderweise Grashütte nannten) und erzählten uns dort gruselige Geschichten, die natürlich alle genauso vonstatten gegangen waren. Wenn es regnete, gelangten durch das Gras- und Blätterdach nur vereinzelte Tropfen, die wir mit unseren Zungen aufzufangen versuchten. Manchmal saßen wir aber auch einfach bloß da und lauschten dem Platschen des Wassers, hielten unsere Ohren an die Baumstämme, durch deren Rillen der Regen wie ein kleiner Bach rauschte und uns den Nacken hinab lief. Wir erzählten uns die geheimsten Gedanken und den Kummer in der Welt der Erwachsenen. In unserer Hütte konnten wir nicht nur so sein, wie wir waren. Wir waren dort vor allem, wie wir sein wollten.

Es war eine Zeit, in der ich noch zur nächsten gelben Telefonzelle laufen musste, wenn ich ungestört telefonieren wollte. (Und hatte ich gerade kein Kleingeld zur Hand, konnte ich auch das vergessen; Telefonkarten kamen erst später.) Eine Zeit, in der ich im Urlaub immer ein paar Postkarten verschickte und im Schlafzimmer meiner Eltern ein Schwarzweiß-Fernseher mit drei verrauschten Kanälen stand.

Es war eine Zeit, in der ich meinem Vater all die Fragen hätte stellen können, die ich ihm heute gerne stellen würde, sprich: eine Zeit, in der er noch lebte.

Meine Freunde und ich gingen so unbekümmert an die Dinge, die uns das Leben bot, heran, wie ein Maler, der ein leeres Blatt Papier und eine große Farbpalette vor sich hat, ohne zu wissen, wie sein Bild am Ende aussehen wird. Wenn wir so taten, als seien wir eine erfolgreiche Rockband und vor den Nachbarsmädchen von einer schmalen, etwa drei Meter hohen Mauer herab ein wildes Konzert gaben, dachten wir nicht im Traum daran, dass ein einziger falscher Schritt ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Schnitt für den Chirurgen bedeuten konnte.

Irgendwann stieg einer von uns die hohe Linde im Garten hinauf, rutschte ab, fiel und brach sich bei dem Aufschlag ein Bein. Zum ersten Mal wurde mir klar, dass jedes Spiel ein Risiko birgt und jedes Risiko die Gefahr, abzustürzen. (Eine Erfahrung, die sich seitdem immer wieder fortsetzt, nur brechen heute anstelle von Beinen Träume, Herzen und Lebenskonzepte, was nicht weniger schmerzhaft ist.)

Und doch änderte es nichts daran, dass der verwilderte Garten mit der alten Fabrik der Ort war, an dem wir uns am sichersten fühlten. Wenn ich etwas ausgefressen hatte, versteckte ich mich in der Grashütte. Wenn die feindliche Bande es auf mich abgesehen hatte, flüchtete ich hinter das eiserne Rollgitter hierher. Die Welt da draußen war eine Sache. Der Garten war unsere.

Wir nannten die gegnerische Bande „Raucherbande“. Selbstverständlich waren sie die Bösen, weil sie rauchten und weil sie nicht zu uns gehörten. Wenn sie einen von uns schnappten und gefangen hielten, griffen wir uns einen von ihnen und steckten ihn in eine Mülltonne. Wir bewarfen uns mit Wasserbomben und Holunderbeeren und heckten Pläne für weitere Angriffe aus. Es ging nicht darum, dem anderen weh zu tun (wenn einer zu heulen anfing, war die Sache gleich vorbei), sondern darum, unserem geheimen Leben ein weiteres Geheimnis hinzuzufügen.

Wie zuvor die Konzerte auf der Mauer, wurde auch dieses Abenteuer von einem Unfall beendet: Als wir vor der Raucherbande in den verwilderten Garten flüchteten und das Rollgitter mit voller Wucht zuschlugen, bekam meine Schwester ihre Finger dazwischen; ich schaudere noch heute, wenn ich dran denke. An dieser Stelle werde ich darauf verzichten, den Zustand ihrer zerquetschten Finger genauer zu beschreiben. Geben Sie bei der Google-Bildersuche mal „aufgeplatzte Bockwürstchen“ ein, dann bekommen Sie eine ziemlich genaue Vorstellung.

Nach dem Ende der Bandenkriege richteten wir unser Interesse verstärkt auf die verlassene Fabrik. Wir waren uns sicher, in ihren Räumen irgendetwas aufregendes (einen Schatz) oder unheimliches (eine Leiche) zu entdecken. (Bis heute weiß ich nicht, was dort einmal hergestellt wurde. Ich stelle mir gerne vor, dass es die Fabrik nur gegeben hat, um Symbol unserer Kindheit zu sein.)

Wir durchforsteten die zwei Etagen der Fabrik mit diesem einzigartigen Gefühl aus Abenteuerdrang und Grusel. Bevorzugt nachts, wenn es dunkel war, schlichen wir durch die Räume, lauschten jedem verdächtigen Geräusch, leuchteten mit unseren Taschenlampen in jede Ecke. Es war bloß eine Frage der Zeit, bis wir zwischen Bauschutt und verwittertem Holz auf das nächste Geheimnis stoßen würden. Von der schmalen Mauer, die von unserem Garten direkt zur Fabrik führte, stiegen wir durch ein kaputtes Fenster ein, immer mit dem wachsamen Blick zu unserem Haus, von dessen Balkonen unsere Eltern uns jederzeit erwischen konnten. Sie hätten es genauso verboten, wie ich es heute meinen Kindern verbieten würde, und das ist ja auch richtig so, schließlich hätte uns wer weiß was passieren können. Andererseits geht mir der Kontrollwahn mancher Eltern heutzutage eindeutig zu weit. Ich sehe kaum mehr Kinder, die sich miteinander auf Bürgersteigen oder in Parks in ihre eigene Welt zurückziehen dürfen. Ständig und überall ist das wachsame Auge des Erwachsenen in der Nähe, um einzugreifen, sobald das Kind allzu kindlichen Bedürfnissen nachgehen will. Die geheimen Gärten verdörren.

Es heißt immer, diese Kontrolle sei vonnöten, da die Welt gefährlicher, die Menschen brutaler und gewissenloser geworden seien. Ich glaube das nicht. Ich glaube, dass es früher genauso viele Gefahren gegeben hat und dass die einzige Veränderung darin besteht, dass uns die Informationsflut durch das Fernsehen und vor allem durch das Internet den Eindruck vermittelt, Unfälle und Verbrechen würden sich häufen. Dabei häuft sich nicht die Brutalität von außen, sondern die unter den Kindern und Jugendlichen selbst. (Ein wunderbar treffender Essay von dem amerikanischen Autor Michael Chabon über „die Wildnis der Kindheit“ ist zu lesen unter: http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article4178702/Michael-Chabon-trauert-um-die-Wildnis-der-Kindheit.html)

Natürlich fanden wir nie einen Schatz in der alten Fabrik, und der Anblick einer eingemauerten Leiche blieb uns auch erspart, aber das war gar nicht wichtig. Entscheidend war die Möglichkeit. Was in unserer Vorstellungskraft alles hätte sein können. Vielleicht besteht der Großteil einer unbeschwerten Kindheit genau aus diesen Möglichkeiten.

Als die Fabrik schließlich abgerissen wurde, war mir noch nicht bewusst, dass damit auch das Ende unserer geheimen Welt besiegelt war. Innerhalb einer erstaunlich kurzen Zeit wurden an ihrer Stelle Wohnhäuser hochgezogen. Die Grashütte verschwand, das Rollgitter, die Fabrik. Nur die Mauer steht noch immer und führt von unserem alten Garten hinüber auf die andere Seite. Wenn ich sie sehe, bin ich jedes Mal beruhigt. Es ist fast so, als sei sie der letzte Weg zurück zu den Geheimnissen meiner Kindheit.

Montag, 12. April 2010

Ain't nothing like the real thing

Früher schrieben mir viele Menschen, wie sehr sie sich wünschten, mich einmal kennenzulernen. Das machte mir bewusst, wie sehr wir dazu neigen, ein Traumbild in jemanden zu projezieren, der ebenso mit Fehlern behaftet ist wie wir selbst. Ich schließe mich da nicht aus. In den Jahren meiner ersten Karriere begegnete ich einigen Leuten, die ich aus Kino und Fernsehen kannte – um bei der Wahrheit zu bleiben: die meisten Begegnungen verliefen eher ernüchternd. Aber die Treffen mit jenen berühmten Persönlichkeiten, die mir wirklich was bedeuteten, werden mir noch lange in Erinnerungen bleiben.

Seit seinem Geniestreich „Total Normal“ verfolgte ich Hape Kerkelings Karriere, die – wie es nun mal so ist – Aufs und Abs beinhaltete; er wird, was Komik betrifft, immer ein Vorbild für mich sein. Ich glaube, dass sein zwischenzeitliches Karrieretief, nach „Cheese“ und anderen unglücklichen Formaten, in denen er sein Talent nicht ausschöpfen konnte, dazu beigetragen hat, dass er die Bodenhaftung bewahrte. Ich freute mich sehr für ihn, als er mit „Darüber lacht die Welt“ zu alter Form und neuem Erfolg fand.

Nun ergab es sich 1999, dass ich (einmalig) eine Musiksendung moderieren sollte. Als die Anfrage kam, war ich nicht sonderlich begeistert, da ich keine Karriere als Moderator anstrebte. Als man mir aber die Gästeliste nannte und Hape Kerkeling dabei war, sagte ich sofort zu. Ich konnte es nicht glauben: Ich sollte mein Idol interviewen, einen der größten Unterhalter Deutschlands.

Am Tag der Aufzeichnung war ich den ganzen verdammten Tag mit einzelnen Aufnahmen beschäftigt, weshalb ich Hape Kerkeling vor der Sendung nicht traf. Während ich andere Künstler interviewte und Filmbeiträge anmoderierte, wurde ich von Stunde zu Stunde nervöser. Ich hatte Sorge, dass der, den ich so lange verehrt hatte, sich in Wahrheit als Riesenenttäuschung entpuppen würde. (Noch viel größer war jedoch meine Angst, dass ich die Enttäuschung an diesem Tag sein würde.) Ich hoffte so sehr, dass er tatsächlich der natürliche, bodenständige Mensch war, als der er immer erschien.

Und dann war es soweit.

Hape Kerkeling trat zunächst mit zwei Bandkollegen als Formation „Ripuli“ auf, bevor er sich in seinem Fatsuit zu mir auf die Couch schmiss. Von Anfang an hatten wir einen Draht zueinander. Wir scherzten und redeten Blödsinn, während ich versuchte, locker und schlagfertig zu sein, was mir erfolgreich misslang. Aber Hape Kerkeling half mir über das Interview hinweg, einfach indem er genau so war, wie ich ihn mir erhofft hatte, und wie im Flug verging die Zeit und das Gespräch war schon wieder vorbei. Ich war so erleichtert. Hape Kerkeling hatte sich als einer der wenigen erwiesen, die sich vor der Kamera nicht verstellten.

Kurze Zeit später traf ich ihn beim Deutschen Fernsehpreis wieder. Wir unterhielten uns, er lobte mich für die Moderation, was für mich das erste von zwei Highights des Abends war. Als ich ihm eine seiner eigenen Comedy-Nummer vorführte – „Dicke Backen machen“, also mit aufgeblasenen Wangen reden – lachte er laut, machte es mir nach und meinte dann, dass ich es sogar besser könne als er. Das werde ich nie vergessen. Es war das zweite von zwei Highlights an jenem Abend.

Die dritte und bis heute letzte Begegnung fand ein Jahr später beim folgenden Fernsehpreis statt. Wir setzten uns zusammen an einen Tisch, unterhielten uns, scherzten und lachten viel. Und plötzlich sagte er etwas, dass mich von jetzt auf gleich in andere Sphären katapultierte: Hape Kerkeling erzählte mir, dass er gerade an einem Drehbuch für einen Film schrieb, in dem eine Rolle vorkomme, die er explizit für mich erdacht habe. Da saß ich vor meinem Jugendidol und hörte zu, wie es mir erklärte, dass es dabei war, mir eine Rolle auf den Leib zu schreiben. Ich freute mich. Ich fühlte mich geehrt. Es war unglaublich.

Leider ist es nie zu dem Film gekommen.

Er hat es nie erfahren, aber Hape Kerkeling hat mich nicht nur wissen lassen, dass er ein ausgesprochen liebenswürdiger Mensch ist. Er hat mir auch gezeigt, wie man trotz großer Erfolge die Bodenhaftung behalten und man selber bleiben kann. Und seitdem bin ich nicht bloß ein Fan von ihm, sondern jemand, der in ihm eine echte Identifikationsfigur gefunden hat.

Bei der gleichen Sendung, bei der ich Hape Kerkeling begegnete, lernte ich auch Gary Barlow kennen, der sicher zu den größten Songwritertalenten Englands gehört. Vor der Show unterhielten wir uns eine halbe Stunde über Tausend mögliche Dinge. Ich erinnere mich, dass er mir ein französisches Restaurant in Köln empfahl und ich ihm die Top-5 meiner Lieblingsfilme aufzählte. Gary Barlow entpuppte sich als einer der nettesten Prominenten, denen ich je begegnet war. Er war ehrlich interessiert (nicht auf diese amerikanische Kaugummi-Art), war bescheiden und absolut auf dem Boden geblieben.

Während der Sendung führte ich das Interview mit ihm auf Englisch, klammerte mich dabei an die vorgeschriebenen Fragen der Redaktion, weil ich zu nervös aufgrund der ungewohnten Moderatorenrolle war. Aber er sah es mir nach und half mir über die sieben Minuten hinweg. Nachdem wir zusammen noch kurz „Back for good“ anstimmten, war auch diese Begegnung wieder vorüber. (Die schönsten Begegnungen im Leben sind meist nur von kurzer Dauer, gerade deswegen sind es genau jene Augenblicke, an die man noch Jahre später denkt.)

Nach der Sendung gärte in mir eine Idee, deren Verwirklichung mir zwar unrealistisch erschien, die ich aber dennoch nicht unausgesprochen lassen wollte. Und so trug meine Plattenfirma nur zwei Tage später den Gedanken an Gary Barlow heran, ein gemeinsames Lied zu komponieren und zu singen. Ich konnte es nicht glauben, als ich kurz darauf den Anruf meiner Produktmanagerin erhielt: Gary Barlow hatte nicht nur zugesagt, er lud mich auch gleich zu sich nach Hause ein, wo wir gemeinsam an einem Song arbeiten konnten. Er wolle sich vorher schon mal ein paar Gedanken dazu machen und sei absolut begeistert von der Idee. Das alles erschien mir derart unwirklich, dass ich noch während des Telefonats damit rechnete, irgendetwas würde dazwischen kommen.

Leider sollte ich Recht behalten: Gary Barlows zweites Album funktionierte nicht, weswegen er von seiner Plattenfirma fallengelassen wurde und nun andere Sorgen hatte, als mit mir einen Song aufzunehmen. Und so platzte die Idee, bevor sie verwirklicht werden konnte. Solche Gelegenheiten, wie diese oder die mit Hape Kerkeling, bekommt man, wenn man einigermaßen erfolgreich ist, durchaus immer mal wieder; je erfolgreicher du bist, desto mehr werden es. Die Wahrheit ist jedoch, dass in neunundneunzig von hundert Fällen nichts aus der Sache wird. Wenn du Glück hast. (Das soll nicht betont negativ klingen, ist bloß die logische Konsequenz für jemanden, der viele Dinge ausprobiert, weil er sich einfach nicht auf eine solide Sache festlegen will, sprich: es ist ein Berufsrisiko, mit dem ich leben muss.) Ich gönne es Gary Barlow von ganzem Herzen, dass ihm mit Take That solch ein fulminantes Comeback geglückt ist. „Patience“ ist der perfekte Popsong, der den Startschuss für eine bemerkenswerte Rückkehr gegeben hat und um den allein man ihn als Songwriter nur beneiden kann. Ich frage mich, ob er sich an mich erinnern würde, wenn wir einander nach all den Jahren erneut begegneten. (Aber warum eigentlich nicht, schließlich heißt einer seiner größten Hits „Never forget“.)

Die kürzeste Begegnung mit einer bekannten Person (neben einem 10-Sekundenplausch mit Gwyneth Paltrow auf der Premierenfeier von „The Beach“) verlief mit einem echten Holywoodstar: Einer meiner Lieblingsschauspieler ist Ethan Hawke. Besonders seine Filme „Dead Poets Society“, „Before Sunrise“, “Before Sunset”, “Schnee, der auf Zedern fällt”, “Hamlet” und “Große Erwartungen” befinden sich auf der unbestechlichen Liste meiner Lieblingsfilme. 2003 besuchte ich seine Lesung in Köln (er hat zwei Romane geschrieben). Als ich vor ihm stand, um mir mein Buch signieren zu lassen, ging mir zum ersten Mal auf, wie es für meine Fans gewesen sein musste, mir zu begegnen. (Wenn du jemanden jahrelang auf der Leinwand oder durch den Fernseher verfolgst, erscheint er dir auf ganz natürliche Weise vertraut, ein Gefühl, dass dir wie ein kalter Lappen um die Ohren gehauen wird, sobald du vor demjenigen stehst und realisierst, dass er keinen Schimmer hat, wer du bist.) Ich sagte ihm, dass ich „Before Sunrise“ liebe, und er schüttelte mir die Hand und sagte: „I appreciate it, man.“ Eine typische Ami-Floskel, ich weiß, aber ich konnte danach nicht aufhören zu grinsen: Ethan Hawke "appreciatete" meine Verehrung von „Before Sunrise“. Klare Sache: Tag gerettet. Ich ließ mir noch die amerikanische Ausgabe seines zweiten Romans „Ash Wednesday“ signieren – ohne persönliche Widmung, weil ich einer der Letzten in der Warteschlange war und ich ihn nicht länger als nötig aufhalten wollte. Meine damalige Freundin zeigte sich angstfreier und ließ die amerikanische „Before Sunrise“-DVD persönlich für mich signieren. Ich war ihr unendlich dankbar. Als ich auf die DVD in meinen Händen sah, bemerkte ich jedoch, dass er sich verhört und gedacht haben musste, das Autogramm sei für sie bestimmt. Und nun steht also in meinem DVD-Regal eine „Before Sunrise“-DVD mit Original-Unterschrift von Ethan Hawke und dem Zusatz „To Christine“. Tja, manchmal muss man eben gleich die erste Chance im Leben nutzen, weil es vielleicht keine zweite geben wird.

Wenn es um deutschsprachige Musik geht, gibt es für mich nur einen Mann: Herbert Grönemeyer. Es gibt einfach keinen besseren als ihn, aber damit erzähle ich ja nichts neues.

Bei „Top of the Pops“ bekam ich Gelegenheit, mich ungefähr zehn Minuten lang mit ihm zu unterhalten. An dem Tag hatte man sowohl Grönemeyer als auch Westernhagen in die Sendung eingeladen, eine etwas heikle Mischung, da die beiden gerüchteweise nicht gerade Blutsbrüder sind. Zunächst kam Westernhagen an, mit großer Entourage und eigenem Herd, grüßte freundlich, ließ sich in seiner Garderobe bekochen und legte souverän seinen Auftritt hin. Erst als er wieder gegangen war, tauchte Grönemeyer auf. Ich kam mit ihm durch einen gemeinsamen Bekannten ins Gespräch, erzählte ihm, dass er – Grönemeyer – früher im gleichen Tennisclub wie ich gewesen sei (eine Info, die ihn sicher das absolute Gegenteil von wahnsinnig interessierte …) und dass ich als Kind monatelang um seine Telefonnummer geschlichen sei, die in unserem Club-Mitgliedsheft stand. (Irgendwann hatte ich mir dann ein Herz gefasst, die Nummer gewählt und nach Herbert Grönemeyer gefragt. Die Stimme am anderen Ende klang labil bis emotional aufgewühlt, als sie mir in den Hörer schrie, dass „es verdammt nochmal keinen Grönemeyer unter dieser Nummer gebe“ und „wann ihr Pisser das endlich mal rafft!“ Ich schlussfolgerte, dass ich mich verwählt hatte, fragte noch kurz nach Westernhagen und legte auf, bevor der Typ an der anderen Leitung „Bochum“ sagen konnte.)

Herbert Grönemeyer stellte mir Fragen zu meiner Musik (während mir die ganze Zeit durch den Kopf ging, dass hier gerade etwas falsch lief: Ich hatte zigtausende Fragen zu seiner Musik!) und wirkte sehr konzentriert, interessiert und entspannt. Noch so ein Aufeinandertreffen, bei dem die Wahrheit das Traumbild nicht zerstört hatte.

Die vorerst letzte Begegnung mit einer von mir geschätzten Persönlichkeit ist noch gar nicht lange her: Bei der Aftershow-Party der Echo-Verleihung 2010 in Berlin sprach ich Annett Louisan an, um ihr zu sagen, wie sehr mir ihre Musik, vor allem ihr zweites Album, gefällt. Ich finde, im deutschsprachigen Popbereich hat sie in den letzten Jahren ein paar der schönsten Songs gebracht. Ihr zweites Album „Unausgesprochen“ ist für mich wie die Welt der Peanuts, realistisch und unweltlich zugleich, träumerisch und wahrhaftig.

Zunächst verloren wir einander im Menschengewirr. Aber nach ein paar anderweitigen Begegnungen, die jedesmal einen bis zwei Drinks beinhalteten, begegneten wir einander wieder. Leider hatte ich mittlerweile einen Mojito zu viel intus. Ich versuchte, möglichst nüchtern zu erscheinen (was garantiert der erste Schritt zum absoluten Gegenteil ist) und unterhielt mich mit ihr über Musik und Theaterschauspieler. (Wir waren uns beide einig, dass deren Welt sich ausschließlich um sich selbst dreht und unbedingt von einer Beziehung mit einem Theaterschauspieler Abstand zu nehmen ist.) Die ganze Zeit musste ich mich konzentrieren, um nicht völligen Unsinn zu reden, was mir zur Hälfte auch sicherlich gelang. Die andere Hälfte wird sie mir hoffentlich nachsehen und mir bei einer eventuellen nächsten Begegnung die Gelegenheit geben, mich ihr nüchtern vorzustellen. (Ich kann nur hoffen, dass mir das dann auch wirklich zum Vorteil gereicht.) Jedenfalls steckt in dieser kleinen Frau – soviel bekam ich in meiner Trunkenheit noch mit – sehr viel Liebenswürdigkeit, Offenheit, Neugier und Klugheit. Sie ist einer jener Menschen, mit denen ich gerne einen Tee trinken und stundenlang über „das Spiel“ des Lebens sprechen würde.

Die Begegnungen mit Menschen, deren Arbeit mich beeindruckt oder sogar beeinflusst, sind zum Glück alle weitestgehend positiv verlaufen (zumindest, was meinen Eindruck von ihnen angeht). Ich hoffe, dass ich den ein oder anderen noch einmal treffen werde. In ihren Augen waren die Begegnungen mit mir vielleicht nur kleine Punkte in ihrem Leben. Aber für mich werden sie immer zu den Größten gehören.

Montag, 5. April 2010

Good day sunshine

(Achtung: Dieser Blog beschreibt einen Tag in irgendeinem Freizeitpark Deutschlands auf bewusst ironisch überspitzte Weise. Ich mag jeden Freizeitpark, den ich bislang besucht habe, dieser Blog ist also in keinster Weise gegen einen bestimmten Park gerichtet. Ich entschuldige mich bei jedem, der sich durch parodistische Beiträge über seinen Lieblingsfreizeitpark oder den Park, in dem er arbeitet, verletzt fühlt. Allen anderen wünsche ich viel Vergnügen beim Lesen und beim nächsten Besuch im Freizeitpark eures Vertrauens!)


Endlich ist es soweit: Ein ganzer Tag im Freizeitpark meiner Kindheit. Mein Gott, wie lange ist das her ... Eine Ewigkeit scheint vergangen, seit ich das letzte Mal das grauenerregende „Harr Harr!“ in der Geisterbahn gehört und seit ich kleine Spritzer Wasser in der Wasserachterbahn ins Gesicht bekommen habe. Und nun bin ich wieder da, mit meiner Freundin, um ihr dieses einmalige Land zu zeigen. Schon von weitem sehen wir die dicke graue Betonmauer, die den Blick auf den Park verdeckt. Raffiniert, denke ich, wie die die Spannung aufbauen.

Als wir nach einer halben Stunde einen Parkplatz mitten in einer riesigen braunen Pfütze gefunden haben, steigen wir voller Erwartung aus dem Wagen und stellen uns am Kassenhäuschen an. Die fleißige Ticket-Verkäuferin ist gerade nicht da. Toll, denke ich fröhlich, so stehen die acht Klassen und wir noch ein wenig in gespannter Erwartung hier herum. Es ist so aufregend! Schließlich kommt die Dame und nach einer weiteren Viertelstunde (der Lehrer der zweiten Klasse sieht unverhohlen zu, wie die drolligen Kinder meinen Boss-Mantel mit lustigen Fingerfarben anmalen. So süß, die Kleinen!) gelangen wir endlich in den Freizeitpark. Ich kann es kaum erwarten, all die genialen Gerätschaften zu besuchen. Wir gehen langsam (da ein herrliches Gedränge herrscht) durch den Park, um uns zu orientieren. Hier ist ja so viel los, echt der Wahnsinn! Als erstes besuchen wir die sogenannte Berg-und-Tal-Bahn. Nach einer beträchtlichen Wartezeit, in der wir die herrlich eisige Luft noch zu Genüge genießen können, geht es dann los. Wir begeben uns in einen der Waggons, der sich ratternd in Bewegung setzt, fahren durch einen großen Berg, der gefüllt ist mit abgerissenen Pappfiguren, auf denen sich der Staub schon klumpt. Toll, denke ich, so wird der Mensch noch mal an die Vergänglichkeit des Lebens erinnert. Der moralische Wert, der einem hier vermittelt wird, ist doch mit Geld gar nicht aufzuwiegen. Begeistert verlasse ich am Ende der Fahrt die harten Sitze des Waggons.

Der nächste Halt ist das sogenannte „Kamelrennen“. Da gibt es Plastikkamele und Löcher und Bälle, und du musst versuchen, möglichst oft deinen Ball in eines der Löcher zu rollen, damit sich dein Kamel rasch nach vorne bewegt, um dich zum Sieg zu führen. Doch mein Kamel ist fußlahm oder der Ball ist größer als die Löcher. Jedenfalls werde ich Letzter und klatsche für den strahlenden Gewinner, einen Zwölfjährigen, der schon zwei Einkaufswagen mit Stofftieren neben sich stehen hat. Der hat den Sieg wirklich verdient, denke ich selig lächelnd, schließlich fehlen ihm ja noch zwei der hier angebotenen Stofftiere. Nachdem ich es noch sechs weitere Male probiere und anschließend versuche, meine Kappe aufzuessen, gebe ich auf und gehe mit einem fröhlichen Gruß und meiner Freundin weiter.

Um zum Galaxiencenter zu gelangen, müssen wir durch den kleinen Märchenpark, der mit urigen Hütten aufwartet, in dem mechanische Puppen die berühmtesten Märchen nachspielen. Super, denken wir uns. Leider hat Sterntaler einen Defekt und Dornröschen Pause, und mehr Märchen gibt es nicht. Na, dann eben später. So ist die Vorfreude gleich doppelt schön. Eine Oma sitzt auf einer Bank und wartet wohl schon ungeduldig auf Dornröschen. Mit einem Lied auf den Lippen laufe ich mit meiner Freundin an ihr vorbei. Ein wenig müssen wir suchen, kommen an grauen, bröckeligen Wänden vorbei. Ausgefuchst, denke ich, so wird einem auch mal eine Wand im Urzustand gezeigt, da langweilt man sich auf dem Dreißig-Minuten-Marsch nicht so sehr und erfährt sogar noch, wie es aussah, bevor die das hier so wunderschön gemacht haben.

Als wir das Galaxiencenter erreichen, dürfen wir zehn Minuten warten, dann geht es weiter, und nach weiteren zehn Minuten öffnet sich schließlich eine Tür. Wir werden in einen kleinen, klaustrophobisch engen Raum geführt. Toll, denke ich, so lernt man die anderen Besucher auch mal so ganz ohne Scheu kennen. Eine geniale Idee der Macher. Dann beginnt auf einem kleinen Monitor ein lustiges Video. Man will uns in das Weltraum-ABC einweisen. Hätte ich vor lauter Enge um mich herum nicht die Luft anhalten müssen, ich hätte mich totgelacht über den lustigen Menschen in dem lustigen Alien-Kostüm. Endlich wird von zehn auf null gezählt und wir dürfen in das „Raumschiff“ einsteigen. Wir ergattern zwei Plätze in der ersten Reihe, und als wir sitzen und uns festschnallen, kann ich es kaum mehr erwarten. Und schon geht es los. Der riesige Bildschirm vor uns täuscht einen wilden Flug durchs All vor, vorbei an Meteoriten und fernen Planeten. Der Wahnsinn! Nach ein paar Minuten ist alles vorbei. Ich strahle und schaue zu meiner Freundin, der so richtig kotzübel geworden ist. Lustig. Ich zeige ihr den Siegerdaumen und denke: Hervorragend, so weiß sie endlich, wo ihre Grenzen sind.

Um aus dem Center herauszukommen, müssen wir durch die Mitarbeiter-Kantine, die sich erst auf den zweiten Blick als ein Restaurant herausstellt. Wow, wirklich täuschend echt, denke ich begeistert. So vermissen arbeitende Menschen nichts, wenn sie hier sind. Aber noch haben wir keinen Hunger und sind außerdem viel zu gespannt auf all die anderen Attraktionen, also gehen wir weiter. Als wir zurück in den Märchenpark gelangen, sitzt die Oma immer noch da. Dornröschen haben wir wohl knapp verpasst. „Ist klasse, was?“, sage ich zu ihr und zeige ihr grinsend den Siegerdaumen, worauf die Oma mir wortlos den Ring an ihrem Mittelfinger zeigt. Ein schönes Stück, denke ich fröhlich und gehe mit einem lieben Gruß weiter.

Nun steht die Geisterbahn an. Auf dem langen Weg dorthin bekommen wir doch langsam Hunger, und so führt uns das Schicksal in einen zuckersüßen Laden. „Zwei Waffeln mit Puderzucker, bitte!“, zwitschere ich fröhlich und strahle die Verkäuferin an. „Acht Euro“, knurrt die Verkäuferin und schmeißt die kalten Lappen auf die Theke. Sofort bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Wie kann ich die arme Frau nur mit solch unwichtigen Dingen belästigen, denke ich bei mir. Das nächste Mal werde ich Rüpel ihr einen Stuhl anbieten und mir die Waffeln selber machen. Ich gebe ihr einen Zehn-Euroschein, sage noch „Stimmt so“, bevor meine Freundin und ich uns wieder nach draußen begeben. Nachdem ich einen Bissen von der köstlichen Waffel genommen habe, lege ich diese behutsam auf den Mülleimer. Für die Vögel. Anschließend besorgen wir uns noch ein paar Pommes und gehen dann gestärkt weiter.

Als wir in das Fahrzeug der Geisterbahn steigen, freue ich mich schon auf das furchteinflößende „Harr Harr!“. Doch erst einmal dröhnt, in einer unheimlich schrillen Lautstärke, aus den Lautsprechern direkt hinter uns ein markerschütternder Schrei, der unser Trommelfell fast zum Platzen bringt. Wow – fantastische Schockeffekte. Aber noch mehr begeistern mich die Figuren. Deren Kostüme sind nämlich schon total zerrissen und verstaubt. Toll, denke ich, genau so wie man sich eine Retro-Geisterbahn vorstellt, während meine Freundin beginnt, in einer Tour zu niesen (sie hat eine drollige Stauballergie). Auf einmal wispert ein dünnes Stimmchen das berühmte „Harr Harr“ durch die Lautsprecher. Erst denke ich, es sei eine Katze, die sich in den Kulissen verirrt hat und der sich der Magen umdreht. Hm, hatte den Schrei viel mächtiger in Erinnerung. Aber, na klar, warscheinlich ändern sie das jeden Tag, um den Besuchern ständig was neues zu bieten. Wie ausgefuchst, und diese Mühe, die die sich hier geben. Der Wahnsinn! Das Beste kommt jedoch zuletzt. Als wir nämlich an einer Spiegelwand vorbeifahren, wird uns ein dritter unheimlicher Fahrer in den Wagen projeziert. Hat mir jedenfalls meine Freundin erzählt. Wäre ich wach gewesen, ich hätte gezittert vor Grusel.

Die nächste Station ist nun doch noch das Restaurant, durch das wir eben gelaufen sind. Auf dem Weg dorthin kommen wir auch an der Schwebebahn, in Form eines Herzens vorbei. Meine Freundin sieht mich verzückt an und bittet mich, einen kleinen Abstecher dorthin zu machen. Ist doch so romantisch, sagt sie. Gesagt – getan. Und schon nach ein paar Minuten setzen wir uns in eines der Herzen, die schon arg gebrochen wirken und bei jeder Bewegung merkwürdig knarzen und krachen. Diese Special-Effects sind unbezahlbar. Wir fliegen über einen kleinen Tümpel, der verteufelt echt nach Gülle stinkt, und (mal wieder) in einen künstlichen Berg hinein. Cool! Wieder diese Puppen, die wir schon in der Berg-und-Tal-Bahn und in der Geisterbahn gesehen haben. Die sind so genial, wir können gar nicht genug bekommen von denen. Nach zwei Minuten ist der Flug vorbei. Meine Freundin ist glücklich und meint, sie habe nie etwas romantischeres in ihrem Leben gemacht. Ich denke: ‚Sie hat recht’. Selbst als ich ihr hundert rote Rosen vor die Haustür gelegt, mich mit fünf Violinisten unter ihr Zimmerfenster und in einem 5000-Euro-Anzug von Lagerfeld ein extra für sie komponiertes Lied bei Mondenschein gesungen habe, selbst das war nicht im Ansatz so romantisch wie dieser einzigartige Schwanenflug. Ich gebe meiner Freundin einen Kuss, sage ihr, wie sehr ich sie liebe, freue mich, dass es ihr gefällt, und gehe mit ihr im Arm weiter.

Zwischendurch fängt es zu regnen an, doch wir haben Glück, denn wir kommen ja nun ins Restaurant. Das Essen dort ist dann auch wirklich spitzenmäßig. Selbstbedienung. Klar, wie in einer echten Kantine eben. Von den Hauptgerichten ist nur noch eines übrig, Bratwurst mit Kartoffelbrei. Super, genau das wollte ich sowieso, denke ich hoch erfreut. Meine Freundin wählt das Gleiche. Aber der Hammer ist das Dessert: Aufgetaute Erdbeeren, also so gut wie frisch. Ein Schälchen mit sieben Erdbeeren nur sechs Euro. Geschenkt denke ich, und frage meine Freundin, ob wir uns ein Schälchen teilen wollen. Ist doch so romantisch, sage ich, und sie ist einverstanden.

Und nun ist es endlich soweit: Die Wasserachterbahn steht bevor. Eine riesige Schlange reiht sich vor dem Spaßgerät, aber die kann uns nicht davon abhalten, in eines der Fahrzeuge einzusteigen. Nur ein paar klitzekleine halbe Stunden müssen wir warten, dann geht es schon los. „Am besten setzen wir uns nach vorne“, sage ich zu meiner Freundin. „Da werden wir am wenigsten nass. Die Welle kommt immer von hinten.“ Da der Regen für den Moment ausgesetzt hat und wir Zeit hatten zu trocknen, möchte ich möglichst trocken auch den Park verlassen. Doch nun geht es erst einmal los. Meine Freundin sitzt ganz vorne, ich hinter ihr. Eine Steigung geht es hinauf, dann fährt das Boot gemächlich seinen Weg. Linkskurve, Rechtskurve, geradeaus, geradeaus, geradeaus ... Super! Schließlich geht es zum ersten Mal abwärts. Wir schreien und kreischen vor Freude. Unten erwartet uns eine Kamera, die ein schönes Foto macht, wie ich gerade würge, weil ich Wasser in die Luftröhre bekommen habe. Und dann steuern wir aufs große Finale zu: Der letzte Fall. Schon erscheint er vor uns. Wir halten uns fest, unsere Körper sind angespannt, die Herzen klopfen schneller, das Adrenalin steigt ins Unermessliche. Und mit einem Ruck neigt sich das Boot nach vorne, und wir stürzen kreischend den tiefen Fall hinunter. Unten angekommen sehe ich nur noch, wie meine Kappe im strudelnden Wasser verschwindet. Egal, denke ich, wollte mir eh eine neue kaufen. Die hier war ja schon eine Woche alt. Wenigstens sind wir trocken geblieben, geht es mir durch den Kopf, bevor von vorne eine lustige kleine Welle über uns schwappt. Meine Freundin jauchzt vor Freude. Ich auch. Mit strahlenden Gesichtern verlassen wir das Boot und steuern den Ausgang an. Ein perfekter Tag neigt sich dem Ende zu. An der Drehkurbel, durch die man den Park verlässt, quetsche ich mir noch mein Erbgut, was mir vollends die Freudentränen in die Augen treibt.

Nachdem wir unser Auto nach einer halben Stunde gefunden haben, sehen wir schon von Weitem den schönen Freizeitpark-Aufkleber auf der Heckscheibe. Wie lieb von denen, denke ich, während meine Freundin vorsichtig versucht, den Aufkleber abzuziehen. Klar, der wird ja sonst noch geklaut, denke ich, will ja schließlich jeder so einen Aufkleber haben. Ein paar Rückstände, die sich auf dem Auto sehr gut machen, bleiben als Erinnerung zurück.

Als wir losfahren, sehen wir mit wehmütigem Blick auf den zauberhaften Park zurück, und in einem sind wir beide uns einig: Wir kommen wieder. Bestimmt schon bald. Vielleicht sogar noch in diesem Leben.