Montag, 22. Februar 2010

Yesterday

Mit der Jugendzeit verbinden wir alle ganz bestimmte Ereignisse: Den ersten Kuss, die erste Beziehung, die erste Trennung, Abschlussbälle, Prüfungsängste, Liebesbriefe, blaue Briefe. Und all diese Erinnerungen haben eines gemeinsam: ihren eigenen Soundtrack.

Jeder von uns hat seine ganz persönliche Playlist des Lebens; Lieder, die Erinnerungen an traurige und unbeschwerte Tage zurückrufen. Dabei ist es völlig egal, ob man unter rationalen Kriterien diese Songs eigentlich total mies findet, die Band unter normalen Umständen komplett daneben fänd. Die Emotionen, die sie in uns wachrufen, binden uns an diese Lieder. Bei mir ist es zum Beispiel Phil Collins markante Stimme, die mich an Autofahrten mit meinen Eltern in den 1980ern erinnert. Ich hatte damals den Eindruck, dass er ständig im Radio gespielt wurde, vor allem „Another day in paradise“ und „One more night“ bleiben unweigerlich mit meiner Kindheit verknüpft. Zu meiner Grundschulzeit fuhr ich mit meinem damals besten Freund und seinen Eltern über ein Wochenende in ihr Ferienhaus außerhalb von Köln. Mein Freund erkrankte gleich am ersten Abend und musste die ganze Zeit im Bett bleiben. Ich bekam derart Heimweh, dass ich nachts Albträume hatte. Als wir zurückkehrten und ich das Ortsschild von Köln sah, war ich erleichtert, aber erst, als im Radio „Another day in paradise“ lief, war ich zu Hause.

Ich erinnere mich, dass eine meiner Schwestern ein großer Fan von New Kids on the Block war. In der Zeit, da sie ständig „Please don’t go girl“ hörte, war ich verknallt in ein Mädchen, das in meiner Nähe wohnte und mit dem ich mich manchmal auf dem Spielplatz traf, der genau zwischen unseren Häusern lag. Ihr Name war Sara. Sie war keine klassische Schönheit und keiner meiner Freunde konnte nachvollziehen, was ich an ihr fand, aber für mich war sie das schönste Mädchen im Umkreis des Spielplatzes. Ich umgarnte sie, ließ sie im Juli beim „Fangen“ gewinnen, wartete im November ewig lange im Regen auf sie und verabredete mich im Frühling auf einer Kirmes mit ihr. Leider war sie bloß an Pferden interessiert, und da eben ständig „Please don’t go girl“ durch die Wohnung schallte, verbinde ich seitdem meinen Liebeskummer mit diesem NKOTB-Lied.

Meinen ersten Engtanz erlebte ich zu den Songs „Always“ von Bon Jovi und „November Rain“ von Guns N’ Roses. Es war auf einer Geburtstagsparty, zu der ich einen Freund von mir begleitete und die selbstverständlich im Keller der Gastgebereltern stattfand. Ich tanzte mit einem schwedenblonden Mädchen, dem Schulschwarm, aufgeregt und mit dem sicheren Gefühl, dass dies ein bedeutender Abend in meiner Zeit als Teenager sein würde. Jeder sah in uns das neue Pärchen, und wir verabredeten uns danach auch noch einmal auf einer Kirmes. (Das Leben besteht zu fünfzig Prozent aus Wiederholungen; Tendenz steigend, je älter du wirst.) Aber dieses Mal war ich derjenige, der das Mädchen im November Rain stehen lassen musste. Der Funke sprang einfach nicht über. Und doch werde ich mich durch die beiden Songs von Guns N’ Roses und Bon Jovi an sie und unseren gemeinsamen Tanz erinnern. Und zwar: Always.

Und dann gibt es eine Band, die mich nicht nur an meine Kindheit erinnert, sondern mich seitdem mein ganzes Leben lang begleitet: Die Beatles. Der Vater eines damals engen Freundes besaß sämtliche ihrer Platten, und mein Kumpel und ich legten sie immer auf, wenn wir uns trafen. In seinem Zimmer standen ein Sitz aus einem Porsche und eine alte, braune Ledercouch, die bei jeder Bewegung quietschte Wir fläzten uns in die Sitze, atmeten den Zigarillogeruch in der Luft ein, redeten über Mädchen und Abenteuer (zwei Dinge, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht zueinander gehörten) und lauschten den Beatles. Wir verstanden sie, obwohl wir noch kein Wort Englisch sprachen, aber vor allem fühlten wir uns von ihnen verstanden. Ihre Songs sprachen etwas in uns an, das wir noch nicht so recht zu greifen wussten, so als eröffneten sie uns eine vollkommen neue Welt, die wir mit Staunen betraten. Ich verbinde ihre Musik mit Leichtigkeit, einer unbeschwerten Zeit, mit Sicherheit und dem Gefühl, das alles möglich ist. Sie haben den Soundtrack zu meiner Kindheit geliefert. Seit damals bin ich ein loyaler Anhänger der Beatles (auch, wenn das nicht gerade originell ist, aber dafür kann die Band ja nichts – die bleibt immer originell).

Wenn ich mich so umhöre, stelle ich zu meiner Freude, aber auch mit Erstaunen fest, dass ich für ein paar Menschen - zumeist Frauen - ebenso Teil ihrer Jugendzeit bin. Es ist für mich ein merkwürdiger Gedanke, dass Poster von mir in so manchem Mädchenzimmer hingen; dass Leute mich gut (oder blöde) fanden, denen ich noch nie begegnet bin. Und ich frage mich, ob es wohl jemanden gibt, der demnächst zu einem meiner neuen Songs tanzt, der sich von mir bei Liebeskummer trösten lässt oder sich sogar zu Hause fühlt, wenn er mein Album hört. Der Soundtrack eines Lebens besteht aus Songs, die du dir suchst, und aus denen, die dich finden. Möglicherweise liegt die Hauptmotivation für meine Rückkehr an die Öffentlichkeit darin, meinen Song dazu beizutragen.

Montag, 15. Februar 2010

Gelacht, um nicht zu weinen - Teil 2

Wir drehten das Musikvideo zu "Gelacht, um nicht zu weinen" an drei Tagen (plus einem weiteren, an dem verschiedene Landschaftsaufnahmen eingefangen wurden). Das Ganze war nur durchführbar mit einem möglichst kleinen, flexiblen Team, und obwohl auch manches gegen uns lief, stand uns die meiste Zeit doch das Glück zur Seite.

Der erste Tag fand Ende September in Paris statt. Es war ein perfekter Spätsommertag, blauer Himmel, strahlende Sonne, das Lebensgefühl eines Nina-Simone-Songs in der Luft. Es ging hauptsächlich darum, ein paar Landschaftsaufnahmen einzufangen, mal mit mir im Bild, mal ohne mich. Die meisten davon fanden hinterher keine Verwendung, wie z.B. mein Spaziergang auf dem berühmten Friedhof Père Lachaise und wie ich die Gräber von Jim Morrison und Chopin besuchte; als ich auf einem Bildermarkt war oder einer recht extrovertierten Drehorgelfrau lauschte. Aber alleine für das Baguette-Bild am Triumphbogen hat sich der Aufwand gelohnt.

Mitte Oktober 2009 drehten wir dann die nächsten Szenen in den Studios von Tinseltown Music, wo ich seit Jahren als Songwriter arbeite. Die Sache war klar und denkbar einfach: Mit der Band im Hintergrund sollte ich am Klavier das Lied begleiten und dazu singen. Der Regisseur und Kameramann würde das Ganze aus Tausend wahnwitzigen Perspektiven festhalten, damit wir diese Aufnahmen hinterher mit den – noch zu drehenden – Außenaufnahmen, die sich auf das Erzählen der Geschichte konzentrierten, vermischen konnten. Noch bevor ich jedoch die Studios erreichte – es war früher Sonntagmorgen – sagte mir der Gitarrist ab. Der Hund seiner Freundin war gestorben. Als ich am Studio ankam und mich für den Dreh umzog, merkte ich, dass meine Stylistin mich mit Rainer Calmund verwechselt haben musste: In die Hose, die sie mir besorgt hatte, passten drei Exemplare von mir. Aber für den fehlenden Gitarristen wurde Ersatz besorgt und die Hose wurde mit einem Gürtel zusammengezogen. (Es ist also wahr: Auch in der Musikbranche müssen die Gürtel enger geschnallt werden.)

Die folgenden Stunden spielte ich die Nummer wieder und wieder. Immer wenn der Schlagzeuger allzu motiviert auf seine Trommeln eindrosch, hörte ich jedoch das Playback nicht, bis ich irgendwann gar nichts mehr hörte. Als eine Kollegin des Regisseurs dazu stieß und sich die letzte Aufnahme ansah, sagte sie: „Wow, die Wand da hinten ist super ausgeleuchtet“, genau das, was der Künstler hören will. (Sobald er wieder hören kann.) Wenn dann noch Dein Manager vor Deinen Augen rumturnt und Dir mit seinen limitierten schauspielerischen Fähigkeiten darstellen will, wie er den Song rüberbringen würde, bleibt Dir nur noch eins: Lachen, um nicht zu weinen. Der Tag entwickelte den Charme einer „Nackte-Kanone“-Szene. Weil ich wie von außen auf das ganze Geschehen blickte, machte mir der Tag großen Spaß, auch wenn wir nur haarscharf an einem Desaster vorbeischrammten.

Der dritte Drehtag ging Ende Oktober über die Bühne, und während am zweiten Tag so vieles daneben gegangen war, spielte uns das Schicksal nun in die Karten. Für die Aufnahmen, die die Geschichte des Songs erzählen sollten, fertigte ich einen kleinen Plan an, auf dem ich skizzierte, wie ich mir jede Szene ungefähr vorstellte. Vieles von dem, was im Video zu sehen ist, entstand allerdings spontan und per Zufall, was meist die besten Ergebnisse bringt. An diesem Tag lag es an mir, die Regie zu übernehmen. Ich wollte das Team so klein wie möglich halten, da wir innerhalb von sechseinhalb Stunden alle Aufnahmen zusammenkriegen mussten, und es lag einiges vor uns. Ich holte Alissa Jung, Schauspielerin und eine gute Freundin von mir, am Flughafen ab, pickte bei Tinseltown Music Bianca Kramer auf (die weibliche Stimme bei „Gelacht, um nicht zu weinen“), und damit war das Team komplett.

Das Wetter war perfekt. Es hatte kurz vorher geregnet, was das Grün der Wiesen noch satter wirken ließ. Es war nicht kalt, aber weiß bewölkt, wodurch das Licht sehr weich erschien. Nun sollte es so aussehen, als würde die Geschichte sich über einen längeren Zeitraum abspielen. Keine Ahnung, wie wir die vielen verschiedenen Aufnahmen in den wenigen Stunden geschafft haben, aber irgendwie ist es uns tatsächlich gelungen (allerdings auch nur auf die letzte Sekunde und weil wir das Mittagessen und jegliche Pausen strichen). Der Vorteil bei Alissa (neben dem, dass sie eine gute Schauspielerin ist), war, dass wir uns schon ein paar Jahre kennen und nicht erst warm miteinander werden mussten. Nur so konnten sich Augenblicke wie der entwickeln, als wir im Gras liegen und diese verflixte Flasche nicht auf ihrem Fleck stehen bleiben will. Das sind Situationen, die ich liebe, Szenen, die du nicht inszenieren kannst, und Alissas Talent ist es, in dem Augenblick nicht zu überspielen, sondern ganz natürlich darauf zu reagieren. Wenn es eine Lieblingsszene von mir im Video gibt, dann ist es definitiv die Flaschenszene.

Ständig hetzten wir von einem Drehort zum nächsten. Bianca drehte die meisten Sachen mit einer kleinen Kamera, die auch zu unserer Flexibilität beitrug. Es war ziemlich anstrengend und danach war ich vollkommen erledigt, aber wir waren alle drei zufrieden, weil wir wussten, dass wir ein paar wirklich gute Aufnahmen im Kasten hatten.

Einge Wochen später drehten wir noch die „Brief-Szene“, und ich machte an einem sonnigen Herbsttag ein paar Außenaufnahmen, z.B. von den mittlerweile blätterlosen Bäumen (um den Zeitsprung zu verdeutlichen) oder von dem einsamen Baum, an dem Alissa und ich kurz zuvor noch gesessen hatten.

Der Schnitt des Videos benötigte dann noch einmal eine Zeit von mehreren Wochen; bis zur Endversion gab es bestimmt zehn verschiedene Varianten. Ich finde, der Aufwand hat sich gelohnt. Es ist ein unaufdringliches, natürliches und rührendes Video geworden, das ohne Pathos auskommt, wie ich meine. In den knapp vier Minuten wird eine Geschichte erzählt, die so lebensbejahend und melancholisch zugleich daherkommt, wie der Blick zurück auf eine gute Zeit, die für immer vorbei ist. Heutzutage werden Musikvideos immer liebloser produziert, weil Musiksender paradoxerweise Klingeltonwerbung der Musik vorzuziehen scheinen und es sich deswegen für Plattenfirmen nicht mehr rechnet. Wir haben versucht, aus den geringen Mitteln, die uns zur Verfügung standen, das Beste herauszuholen. Was zunächst wie ein Hindernis erschien, entpuppte sich während der Arbeit als Vorteil: Wenn Dir kein Geld zur Verfügung steht, musst Du umso kreativer sein, was sich dann wieder positiv auf das Video auswirkt. Du bist freier, kannst Deine eigenen Visionen und Ideen genauer verwirklichen, musst nicht die Sorge haben, das Geld eines anderen in den Sand zu setzen. Und auch wenn es auf diese Weise deutlich mühsamer ist, und auch wenn Du zwischendurch den Punkt erreichst, an dem Du nicht mehr an ein gutes Ergebnis glauben kannst, sage ich nun, da ich das Endergebnis sehe, dass ich alles wieder genauso machen würde. Und das gilt wahrlich nicht für jeden Blick zurück auf eine gute Zeit.


Sie lasen einen Independent-No-Budget-Blog von Christian Wunderlich

Montag, 8. Februar 2010

Gelacht, um nicht zu weinen - Teil 1

Eine lange Zeit schon wollte ich ein Lied über den Kreislauf einer Beziehung schreiben, von seinem euphorischen Beginn bis zum nüchternen Ende. In der deutschsprachigen Musik fehlte mir ein Text, der diesen Verlauf so beschrieb, wie er tagtäglich passiert, ohne das große Orchester und die pathetischen Dramen, sondern gerade heraus: Eine Liebe beginnt, beide glauben, dass es für immer hält, ignorieren erste Warnsignale, entfernen sich voneinander und verlieren die Liebe wieder. Ich fand nur nie die passenden Worte dafür. Mir fehlte die eine Zeile, welche die gesamte Geschichte umschreibt, also legte ich die Idee zunächst beiseite und widmete mich anderen Songs.

Eines Nachts kam ich spät nach Hause. Um müde zu werden, schaltete ich den Fernseher an (wenn gar nichts hilft, ist das nächtliche TV-Programm oft die Einschlafhilfe Nummer eins …), zappte mich durch die Kanäle und blieb bei einer Auswanderer-Doku hängen, die mir öde genug schien, um bald einzuschlummern. Ein Mädchen verabschiedete sich am Flughafen von seinen Eltern. Sie war im Begriff, ein Jahr in Amerika zu verbringen. Als sie gefragt wurde, wie sie sich fühle bei dem Gedanken, ihre Eltern für eine lange Zeit nicht mehr zu sehen, zögerte das Mädchen und begann auf einmal, mit tränenschimmernden Augen zu strahlen. Leicht sei es nicht, sagte sie. Ihr schien bewusst zu sein, dass sie ohne ihr Lachen sofort in Tränen ausbrechen und dass dies den Abschied noch viel schwerer machen würde. Sie lachte, um nicht zu weinen. Genau dieser Satz ging mir durch den Kopf: Lachen, um nicht zu weinen. Und mir wurde klar, dass wir alle immer mal wieder an diesen Punkt in unserem Leben gelangen, an dem es uns genauso geht; an dem wir vielleicht sogar unbewusst lachen, obwohl wir eigentlich weinen wollen. Aus Trauer. Oder aus Freude.

Ich erinnere mich an eine Autofahrt mit einer meiner früheren Freundinnen. Wir hatten eine jahrelange Beziehung geführt, eine gute Beziehung, aber nachdem wir viel zu lange über die Tatsache hinweg gegangen waren, dass wir eigentlich völlig unterschiedliche Vorstellungen von unserem Leben, unserer Zukunft, hatten, spürten wir beide instinktiv und just in diesem Moment, dass es vorbei war. Aber wir lachten und alberten rum, so als wäre diese Erkentnis bloß ein Scherz, obwohl jeder vom Anderen wusste, dass er gerade das Gleiche dachte. Und dass es eben kein Scherz war, sondern der Schlussstrich. Im Nachhinein betrachtet war das möglicherweise der Beginn meiner Suche nach einem Song, der diesen Augenblick in Worte fasst.

Nachdem ich das Mädchen in der Doku gesehen hatte und mir der Satz „Lachen, um nicht zu weinen“ nicht mehr aus dem Kopf ging, war ich wieder hellwach. Ich tigerte durch die Wohnung, dachte über den dramaturgischen Aufbau des Songs nach und kam schnell zu der Idee, das Lied in vier Kapitel aufzuteilen: Das Verlieben, die Beziehung, das Auseinanderbrechen, die Leere danach. Ich setzte mich an mein Klavier, und am nächsten Tag war das Lied komponiert. Den Text schrieb ich innerhalb kürzester Zeit, überarbeitete ihn aber – so wie ich das mit allen Texten mache – mehrere Male, bevor ich ihn dann – zusammen mit der wunderbaren Bianca Kramer – einsang. Ich ging den Song mit Claudio Pagonis, meinem Ko-Komponisten durch, und als wir die Arbeit daran beendet hatten, wusste ich, dass uns exakt das Lied über den Kreislauf einer Liebe gelungen war, das ich mir vorgestellt hatte. Ich konnte jedoch nicht ahnen, dass „Gelacht, um nicht zu weinen“ jenes Lied war, das entscheidend für das Interesse meiner jetzigen Plattenfirma 313 Music sein würde.

Von Anfang an zeigte Klaus Munzert, Chef von 313 Music, seine Begeisterung für den Song. Er sprach sich auf eine Weise dafür aus, „Gelacht, um nicht zu weinen“ als erste Single zu veröffentlichen, wie ich es noch von keinem Vertreter einer Plattenfirma gehört habe. Es ist nicht die Single-Entscheidung, die einem sofort ins Auge sticht, denn normalerweise würde man wohl erst einmal eine klassische, gute Laune verbreitende Radionummer bringen. Aber der Song ist eben anders, und das ist gut so, denn er will weder cool noch pathetisch sein, sondern einfach grundehrlich. Und genau das, denke ich, hat Klaus fasziniert und berührt, und deswegen ist er bei seiner Entscheidung geblieben, die ich zu hundert Prozent mittrage.

Das Video zu dem Lied haben wir an mehreren Tagen gedreht, mit kleinen Teams, aber ziemlich aufwendig, in Köln und Paris. Wer meine Videopartnerin ist, wie ich die ersten Videodreharbeiten nach neun Jahren erlebt habe und warum ein Drehtag beinahe ein Desaster geworden wäre - darüber berichte ich in meinem nächsten Blog.

Dienstag, 2. Februar 2010

The long and winding road

„That’s my way to say goodbye“ – Mit einem Abschiedslied begann mein Weg ins Musikgeschäft. Mit einem zweiten Abschiedslied – „Why goodbye“ – fand er sein vorläufiges Ende. Das war 2001. Und nun – neun Jahre später – melde ich mich also zurück, mit „Gelacht, um nicht zu weinen“, einem Lied über den euphorischen Beginn und das traurige Ende einer Beziehung, so wie es tagtäglich überall passiert. Warum jetzt? Warum nach all der Zeit?

2001 reiste ich für eine Tournee durch Asien. Ich hatte kurz zuvor die zweite Nesthocker-Staffel abgedreht und mich dazu entschlossen, nicht für eine dritte Saison zur Verfügung zu stehen. In Asien erwartete mich ungefähr das Gleiche wie hier in Deutschland, bloß in konzentrierter Form: Mädchen, die mir in Taxis überall hin folgten; Mädchen, die vor meinem Hotel campierten; Mädchen bei meinen Konzerten und Autogrammstunden. Dazu über zweihundert Interviews in 6 Wochen, 7 verschiedene Länder, eine halbe Nacht in einer thailändischen Karaokebar, eine halbe Nacht in einem südkoreanischen Musikstudio und Tausend Eindrücke, die ich nicht vergessen werde. Ich erinnere mich zum Beispiel an ein sehr sehr großes, luxuriöses Hotel, in dem man von allen Seiten mit Vogelgezwitscher beschallt wurde. Ich dachte zunächst, die Besitzer würden irgendeine Geräusch-CD abspielen, aber tatsächlich fanden sich überall verteilt Vogelkäfige mit den exotischsten Exemplaren vor. Ich erinnere mich an eine Nacht auf einem Blumenmarkt in Bangkok, irgendwann so gegen 2 oder 3 Uhr muss das gewesen sein. Der Markt zog sich über mehrere Straßen. Ich war wie berauscht von all den neuen Gerüchen, die mich umgaben, und den Menschen, die mich ansahen, als sei ich von einer anderen Welt. (Am Mittag war ich bei einer Fernsehshow gewesen, die von zwanzig Millionen Leuten gesehen wurde, weswegen mich nun ständig jemand erkannte.) Aber das absolut Kurioseste, das, was mich vollkommen umhaute, war, als ich das erste Mal einen Song von mir im Radio hörte. Es war gleich bei meiner Ankunft auf den Philippinen, als mein Manager und ich mit dem Auto zum Hotel gebracht wurden. Stellt euch das mal vor: Da reist ihr um die halbe Erdkugel, und gleich nachdem ihr ankommt hört ihr euer eigenes Lied im Radio. Genießen konnte ich das jedoch nicht besonders lange, da die Armut auf den Straßen mich gleich auf den Boden der Realität zurückholte. Kinder, die Bananen verkauften. Ausgemergelte Männer, die in zerlumpter Kleidung nah ans Fenster traten, um eine Spende zu erbitten. Nur kurz darauf fuhren wir durch eine äußerst wohlhabende Gegend, mit Villen und teuren Autos. Die Kluft zwischen arm und reich war mir nie zuvor deutlicher vor Augen geführt worden.

Es gibt noch so viele weitere Eindrücke aus Asien, die ich in einem meiner nächsten Blogs thematisieren werde. Nach den sechs Wochen kam ich schließlich zurück nach Deutschland und saß wieder in meinem Zimmer. Ein Gedanke, den ich schon seit Monaten mit mir trug, hatte sich nun gefestigt: Es war Zeit für eine Pause. Ein Luftholen. Damit ich mir bewusst darüber wurde, was ich wirklich wollte. Irgendwie fühlte ich mich festgefahren in allem, was ich tat. Also hörte ich auf. Von jetzt auf gleich, ohne große Ankündigung. Ich blieb einfach weg.

Die Musik vergaß ich jedoch nie. Schon bald darauf begann ich wieder, Songs zu schreiben. Es war gut zu sehen, dass mir diese Fähigkeit nicht abhanden gekommen war. Irgendwie hatte ich jedoch das Gefühl, irgendetwas anders machen zu müssen. Merkwürdig, dass ich so lange brauchte, bis ich dainter kam: Der Knackpunkt waren die Texte.

Seit meinem achten Lebensjahr ist meine Leidenschaft das Schreiben. Ich schrieb zunächst zehnseitige Kindergeschichten über eine Truppe von Ameisen. (Auf jede Seite malte ich ein kleines Bild, aber mir war schon damals bewusst, dass ich nie ein Picasso werden würde, um es mal milde auszudrücken …) Ich schrieb Geschichten und Gedichte und Musiktexte zu Melodien, die ich erdacht hatte und immer wieder vor mich her summte. Als ich 18 war wollte ich endlich den nächsten Schritt wagen: Den Roman. Ich war allerdings mit Schauspielerei und schließlich mit Musik dermaßen beschäftigt, dass ich das Buchprojekt erst einmal zur Seite legte. Nach einer gewissen Zeit aber wollte ich es endlich angehen und schrieb meinen ersten Roman, nachts, wenn ich von Dreharbeiten oder Musikauftritten nach Hause kam. Dann noch einen. Und noch einen. Für mich waren diese ersten Romane reine Übungseinheiten, um zu lernen und mich zu verbessern. Ich schrieb ohne den Gedanken an eine Veröffentlichung, einfach nur, weil ich es so sehr liebte. (In den vergangenen neun Jahren habe ich es dann tatsächlich geschafft, den Roman zu schreiben, den ich schon immer schreiben wollte – auch darüber erzähle ich demnächst mehr.) So kam ich schließlich zu dem logischen Schluss, dass ich mich auch musikalisch in meiner eigenen Sprache ausprobieren sollte. Auf Englisch zu schreiben ist natürlich immer auch eine Art, sich zu verstecken. Wir alle achten viel mehr auf deutschsprachige Texte als auf jene, die nicht unserer Sprache angehören. Und genau dem will ich mich absofort stellen. Kein Verstecken mehr. Keine Ausflüchte in Phrasen. Jetzt geht es wirklich darum, Texte zu schaffen, die keine Klischeebilder bedienen, keine ausgetretenen Pfade begehen, Texte, die etwas erzählen, von dem ihr – im besten Falle – sagen könnt: Ja, genauso empfinde ich das auch. Und es hat Spaß gemacht. Und es war anstrengend und leicht und frustrierend und motivierend. Der erste Song „Freunde“ entstand 2003, der Letzte, den ich für mein neues Album aufgenommen habe, „Hoffnung bleibt“, erst im Dezember 2009. An diesem Album haben mein Team und ich also eine lange, lange Zeit gearbeitet, einen Großteil davon habe ich auf die Texte verwendet. Anhand des Textes wird jeder sofort erkennen, ob das Lied etwas taugt oder nicht, und das finde ich irre spannend. Weil ich stolz bin auf dieses Album. Weil ich weiß, wieviel Kreativität und Liebe zum Detail drinnen steckt. Und nun wird bald schon – genauer gesagt am 26. Februar – die erste Single „Gelacht, um nicht zu weinen“ veröffentlicht, und nicht lange darauf das Album „Zwischen den Zeilen“, und ich bin so wahnsinnig gespannt auf eure Reaktion. Es fühlt sich an wie mein Debutalbum, und wenn man bedenkt, dass es mein erstes in deutscher Sprache ist, scheint mir der Eindruck auch gar nicht so falsch – „That’s my way to say HELLO!“