Montag, 6. Dezember 2010

Let it snow

(http://www.youtube.com/watch?v=mN7LW0Y00kE)

Nun ist es also wieder soweit: Die Zeit der Weihnachtsmärkte ist angebrochen. Endlich wieder den Hintern abfrieren bei einer Tasse Glühwein und einer Bratwurst. Endlich wieder viel zu viel Geld ausgeben für den immergleichen Krimskrams, den man, würde einen die vorweihnachtliche Stimmung nicht vernebeln, eigentlich gar nicht haben wollte. Zeit also für einen Weihnachtsmärktetest.

Als erstes besuche ich mit Julia den Markt auf dem Rudolfplatz in Köln. Es ist Abend, die Straßen sind schneebedeckt, in den Schaufenstern der Kioske blinken bunte Lichterketten (okay, die hängen da eigentlich das ganze Jahr über), und ich freue mich schon darauf, die heimelige Atmosphäre der Weihnacht zu spüren. Handwerkskunst, Spielzeug aus Holz, lauter liebevoll selbstgemachte Dinge. Fröhliche Menschen, die dem Fest der Liebe entgegen fiebern. Hach, das wird schön! Auf dem Rudolfplatz erwartet mich jedoch zunächst Fressbude an Glühweinstand an Fressbude. Und Menschen. Viele Menschen. Immerhin sind sie fröhlich (was kein Wunder ist, wenn man bedenkt, dass die meisten von ihnen schon jeweils einen halben Liter Glühwein mit Schuss intus haben). Die festliche Stimmung ist greifbar, als mich der Geruch von altem Frittenfett umhüllt und mir mein Vordermann seinen Ellbogen in den Wangenknochen rammt. Herrlich, diese Menschenmassen. Gibt ein ganz neues Wir-Gefühl.

Nach einer Weile entdeckt Julia einen Stand mit selbstgemalten Bildern aus Öl, aber ich traue mich nicht, stehenzubleiben, da mich die Menschenlawine ansonsten überrollt. Von hier hinten sehen die Bilder allerdings toll aus. Glaub ich. Hab meine Brille nicht an.

Da Julia keinen Alkohol trinkt, entscheidet sie sich für einen Kakao, während ich meine Tasse Glühwein an die Lippen führe und mir prompt die Zunge verbrenne. Ich Dummerchen! Heißt ja auch „Glühwein“ und nicht „Lauwarmwein“. Der MUSS die Temperatur eines glühenden Stücks Grillkohle haben. Ham wer wieder was gelernt.

Als das Taubheitsgefühl aus meiner Zunge verschwunden ist, ist der Glühwein zum Kaltgetränk geworden. Aber was solls: Der nächste Weihnachtsmarkt wartet bereits.

Auf dem Neumarkt fällt mir erst nach Minuten auf, dass keine Weihnachtsmusik läuft. Julia erklärt mir, dass die Gema (die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte) einen Preis verlangt hat, den die meisten Städte nicht bereit sind zu zahlen, und so bleibt der musikalische Teppich aus. Schön zu sehen, dass das Fest der Liebe nicht zur Party der Geldgier geworden ist. Nur einen Nikolaus hört man von einer Bühne in einschläfernd monotoner Stimme eine Weihnachtsgeschichte herunterleiern. Endlich mal jemand, der seinen Job liebt.

Julia und ich haben Lust auf etwas Süßes. An einem Waffelstand entscheidet Julia sich für „Apfelringe in Teigmantel“, die sich später als „Abfallringe in Fettkruste“ herausstellen sollen. Als ich den wortkargen Mann hinter dem Verkaufstresen wissen lasse, dass ich außerdem gerne eine Waffel hätte, sieht er mich an, als hätte ich einen an der selbigen und sagt: „Die musste bei der Kollegin bestellen.“ Er deutet auf eine Ende dreißigjährige Friseurin mit ondulierten Locken und pinken Fingernägeln, die nur einen halben Meter neben ihm steht. Der Sinn der Sache erschließt sich mir nicht so ganz, aber vielleicht ist das einfach die moderne Form von Beschäftigungstherapie. Und möglicherweise kann ich mir bei ihr gleich auch noch die Haare schneiden lassen.

Gestärkt gehen Julia und ich ein paar Minuten später weiter, als mir plötzlich ein penetranter Käsegeruch die Sinne verklebt. Kurz überlege ich, ob ich vergessen habe, mir die Füße zu waschen, da entdecke ich auch schon den Raclettestand, von dem dieser liebliche Duft ausgeht. Geruch, um es neutral zu formulieren. Gestank, wenn man realistisch bleiben will. Julias Handy klingelt, und wir bleiben für einen Augenblick stehen, da es einen Menschenstau gibt. Oh Gott, gleich sterbe ich. Dieser Ge…ruch! Auf einem Pferd kommt mit einem Mal ein Engel an uns vorbeigeritten, und Julia sagt in ihr Handy: „Da kommt grad ein Engel auf einem Pferd an uns vorbeigeritten.“ Auch dafür muss man Weihnachtsmärkte einfach lieben: Solch einen absurden Satz hört man nur hier. (Und in der geschlossenen Abteilung für Schizophrenie-Patienten.) Das Pferd selber scheißt auf die ganze Veranstaltung – im wahrsten Sinne des Wortes.

Nach einem Augenblick, in dem ich fast den Erstickungstod sterbe und mein Leben noch einmal in kurzen Abfolgen an mir vorbeilaufen sehe, geht es endlich weiter. Diesen Weihnachtsmarkt habe ich knapp überlebt.

In Nürnberg besuche ich mit ein paar Leuten den Christkindlmarkt, der an diesem Tag eröffnet wird. Auf dem Weg dorthin entdecke ich in einer Seitenstraße einen Nikolaus gegen einen dünnen Baumstamm strullen, und nur hundert Meter weit entfernt steht ein zweiter Nikolaus und versucht, seinem Yorkshire Terrier Kunststücke zu entlocken. Der Hund ist ebenfalls gekleidet in ein Nikolauskostüm, und seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, verweigert er jegliche artistische Einlage, weil ihn dieser erniedrigende Aufzug komplett ankotzt. Die Würde des Hundes ist leider antastbar.

Auf dem Christkindlmarkt an der Frauenkirche liegt der Fokus eindeutig auf dem Früchtebrot und den Lebkuchen. Das Zeug gibt’s hier überall zu kundenfreundlichen… nee, verkäuferfreundlichen Preisen. Etwa 180 Holzbuden, bespannt mit rot-weißem Stoff, bieten hier zudem das, was ich von einem Weihnachtsmarkt erwarte: Krimskrams, der schön zum Angucken ist, den man aber bloß nicht mitnehmen sollte. Es herrscht eine märchenhafte Atmosphäre (wenn man davon absieht, dass der märchenhafte Schnee zu weltlichem Matsch verkommen ist). An uns vorbei marschiert eine prächtige Kapelle aus vier Pauken, drei Blockflöten, einer Triangel und acht besoffenen Jugendlichen, die mit glasigem Blick und einer Bierflasche in der Hand in die Menschenmenge winken. Sie sehen aus, als seien sie vom 11.11. in Köln übriggeblieben. Zwei von ihnen grölen „Pussy“ von Rammstein, dessen besinnlichen Text sie zu einem einzigen „Sch“-Laut herauslallen (wofür alle Anwesenden in dem Augenblick sehr dankbar sind) und das rhythmisch nicht so recht zu der Flöten-Pauken-Musik passen will. Ja, da kommt man doch so richtig in Stimmung. Zwar nicht für Weihnachten, sondern dafür, sich zu Hause einzuschließen und den Kopf in den Backofen zu stecken, aber auch schön.

Kevin, einer aus unserer Truppe, freut sich bereits auf gebrannte Mandeln in Raffaello-Ummantelung. Den halben Weg hierher hat er mir davon vorgeschwärmt. An einem Stand entdeckt er die kleinen, weißen Objekte seiner Begierde und kauft sich eine Tüte, wirft sich begeistert eins davon in den Mund und verzieht gleich – weniger begeistert – das Gesicht. „Scheiße, die sind ganz kalt“, sagt er. „Die müssen warm sein.“ Tja, man kann es einfach niemanden recht machen: Der Glühwein ist zu heiß, die gebrannten Mandeln sind zu kalt. Kevins Stimmung ist lau. Aus der Ferne hört man in diesem Augenblick ein gegröltes „Pussyyyyy“ vom Chor der besoffenen Jungs.

Der letzte Weihnachtsmarkt befindet sich in Stuttgart. Als wir auf den recht überschaubaren Markt gehen, erreicht mich eine SMS. „Guten Morgen und einen schönen zweiten Advent! :-) :-*“, schreibt Lena. Ein Blick auf die große Uhr in der Nähe des Marktes verrät mir, dass „Morgen“ ein dehnbarer Begriff ist: Es ist 13 Uhr 32.

Der Stuttgarter Weihnachtsmarkt ist aufs Nötigste reduziert, was bedeutet, dass er nur aus Fress- und Saufbuden besteht. Hier gibt es keine Holzenten, keine Kerzen mit Vanillegeruch, gelbgoldene Lavalampen, Kirschkernkissen bestickt mit Rentieren. Hier heißt es: Saufen Sie sich in Stimmung! Diesem Motto sind einige Anwesende auch bereits nachgekommen.

Als wir uns durch die feuchtfröhliche Menge gekämpft haben, entdecke ich eine künstlich angelegte Eisfläche und versuche, meine Truppe dazu zu überreden, ein paar Runden Schlittschuh zu laufen. Aber die wollen lieber dem Marktmotto nachgehen. Zwei etwa 16jährige Jungs schlendern an mir vorbei. Sie tragen Kaputzenpullis und Hosen, die ihnen bis zum Knie hängen. „Ey, Weihnachtsmarkt is voll schwul, Alta!“, sagt der Eine, und noch während ich darüber nachdenke, ob ein Weihnachtsmarkt überhaupt irgendeine definierbare sexuelle Ausrichtung hat, entgegnet der Andere: „Ey, deine Mutter is schwul!“, was meinen Sinn für Logik endgültig zerschlägt.

Julia begibt sich auf die Suche nach einem Kakao, scheitert aber an ihren Ansprüchen, die allein daraus bestehen, dass er gut schmecken soll. Also sieht sie uns anderen dabei zu, wie wir Glühwein trinken. Ich habe natürlich gelernt und puste erst einmal zwei Minuten in meine Tasse, bevor ich einen ersten Schluck nehme. Leider war der Glühwein schon vorher lauwarm, und ich habe ihn bloß noch lauer gepustet. Aber was soll’s!? Ob der Glühwein nun kalt ist oder der Weihnachtsmarkt schwul, viel wichtiger ist, dass ich eine wirklich gute Zeit hatte. Und das nächste Mal klappt’s sicher auch mit dem Glühwein.

Montag, 29. November 2010

Always look on the bright side of life

(http://www.youtube.com/watch?v=WlBiLNN1NhQ&feature=related)

Na, sind Sie auch so glücklich wie der Rest der Welt? Der französische Schriftsteller und Philosoph Charles-Louis de Montesquieu sagte einmal: „Wir wollen nicht nur glücklich sein, sondern glücklicher als die anderen. Und das ist deswegen so schwer, weil wir die anderen für glücklicher halten, als sie sind.“ Dennoch will man uns pausenlos eintrichtern, wie verdammt glücklich wir alle doch gefälligst zu sein haben.

Es beginnt bereits am frühen Morgen: Ich schmeiße mich ins Auto und ziehe mit meinen Fingern meine schwerfälligen Augenlider auseinander. Die Uhr zeigt 7:45 Uhr an. Shit! Ich schalte das Radio an, um mich von Musik berieseln zu lassen, werde stattdessen jedoch von zwei supidupigutgelaunten Moderatoren bespaßt, die aus dem Lachen gar nicht mehr herauskommen. Nichts scheint die zwei mehr zu begeistern, als morgens um 7:45 Uhr die Leute mit lauwarmen Witzchen und gestellter guter Laune zu penetrieren.

Sie: „Ist das nicht ein herrlicher Morgen, Lars?“

Er: „Ein herrlicher Morgen, Anne!“

Sie: „Überall Schnee, alles weiß. Da macht das Aufstehen doch richtig gute Laune.“

Er: „Vor allem das Aufstehen, wenn man vorher auf dem glatten Boden ausgerutscht ist.“

Sie (lacht ein hohes, verschlucktes Lachen): „Die Jungs von der Streusalzindustrie haben heute mit Sicherheit sehr gute Laune.“

Er (lacht ein tiefes, kurzes Lachen): „So wie wir. Hallo Deutschland! Ihr hört Anne …“

Sie: „… Und Lars. Und wir haben für euch die Hits der 80er, 90er und das Beste von heute.“

Er: „Ja, richtig, Anne. Und hier ist ein absoluter Gute-Laune-Klassiker: ‚Shiny happy people’ von REM.“

Da wir uns in Deutschland befinden, benennen wir das Glück hier – wie es sich gehört – in der Regel auf Englisch. Als ich nach ein paar Stunden in den Tinseltown Studios über eine belebte Straße laufe, weil mich der Hunger packt, sehe ich mich nach einer Imbissbude um. Die Wahl habe ich zwischen Happy Döner, Happy Chicken, Happy Sandwich und einem Laden, auf dessen Namensschild ein gezeichnetes, fröhlich lachendes Schwein zu sehen ist, nichtsahnend, dass der gutgelaunte Metzger gleich sein drolliges Hackebeil schwingen wird. Gibt mir auch gleich ein viel besseres Gefühl, zu wissen, dass ein Schwein aus seinem Leben gerissen wurde, als es glücklich war. Ein richtiges Glücksschwein eben.

Ich entscheide mich dennoch für Happy Sandwich und werde gleich dafür belohnt: Die Sandwiches sind unterteilt in die Kategorien: Happy Ei, Happy Mozzarella und Happy Thunfisch. Ja, das Glück steht den Hennen ins zerrupfte Gesicht geschrieben, wenn sie sich zu Tausenden in Legebatterien auf einem Din-A-4 großen Platz ausbreiten dürfen. Noch glücklicher sind sicher die Eier, die durch künstliches Licht und zuchtbedingte Manipulation in Rekordgeschwindigkeit über die Fließbänder rollen und sich einen Ast freuen, niemals im Leben ausgebrütet zu werden. Oder der rote Thunfisch, dessen glückliches Leben in einem riesigen Fangnetz im Mittelmeer endet und es kaum erwarten kann, schon bald gänzlich ausgerottet zu sein. Ich entscheide mich dennoch für „Happy Mozzarella“, den fröhlichen Käse aus Milch von glücklichen Kühen aus Massentierhaltung. „Das da nehme ich“, sage ich und strahle den glücklichen Verkäufer hinter der Theke an, der mich mit einem Grummeln keines Blickes würdigt und damit seine ganz eigene Interpretation vom Glücklichsein liefert.

Zwei Stunden später gelüstet es mir nach einem kleinen, zuckerhaltigen Snack. Zum Glück gibt es direkt gegenüber eine Tankstelle. Es hat geschneit, und ich stapfe durch den Schnee, eingehüllt in meinen neuen Mantel, passiere zwei etwa elfjährige Jungs mit McDonalds-Tüten, auf dem „Happy Meal“ steht, und begutachte schließlich das Snackangebot in der Tankstelle. Die Wahl fällt schließlich auf ein Happy Hippo, was sonst … Als ich an den Zeitschriften vorbeikomme, fällt mein Blick auf die neueste Ausgabe der „Happy Weekend“. Die arme Frau auf dem Cover, die nicht mal Geld für Kleidung hat, aber auch barbusig sehr glücklich wirkt, wird in knalligen Buchstaben als „Gabi, 24, Krankenschwester und naturgeil“ beschrieben. Ihr scheint kalt zu sein. Man möchte ihr am liebsten den Krankenschwesterkittel überwerfen und fünf Euro für ein warmes Essen in die Hand drücken, wären ihre Hände nicht beide schon beschäftigt. Naturgeil eben.

Abends treffe ich mich mit M. in einem chinesischen Restaurant. Als es an die Wahl der Getränke geht, merken wir, dass wir zu einer günstigen Zeit da sind: Happy Hour, alle Cocktails nur 4 Euro 90. Great!

Nachdem wir gegessen und die Gläser geleert haben, bringt mir die dauerlächelnde Kellnerin die Rechnung auf einem Teller, zusammen mit zwei Glückskeksen. M. zerbricht den weisen Keks und liest auf dem kleinen Zettel darin: „Verfolge dein Ziel, und du wirst dein Glück finden!“ Während ich mich frage, welcher Praktikant dererlei Sprüche für die Glückskeksfirma erfindet, rolle ich meinen Zettel auf: „Öffne deine Augen, dann führt dein Herz dich nach Hause!“ Puh, das klingt natürlich besser als „Öffne deine Augen, sonst rennst du gegen den nächsten Laternenpfahl“ oder „Gib es auf: Alle Frauen führen dich ins Verderben!“ Es besteht also noch Hoffnung. Mensch, ich bin wirklich ein Glückspilz. Vor allem in diesem Jahr. 2010 wird mir immer im Gedächtnis bleiben als das Jahr, das mich mit Glück nur so überschüttet hat, deswegen nenne ich es absofort offiziell mein „Happy Jahr“. Von nun an kann es eigentlich nur noch bergab gehen – es sei denn, ich bekomme nächstes Jahr die Pest. Dann wird 2011 doch noch schöner.

M. und ich schlendern gesättigt durch die Straßen. Es hat wieder begonnen, zu schneien, leichte, wirbelnde Flocken, die unsere glückerhitzten Wangen kühlen. Auf dem Schild eines Massageinstituts wird unter anderem eine Massage mit „Happy Finish“ angeboten, der kleinen Erleichterung für zwischendurch. (Im ersten Augenblick spielt mein Hirn mir einen Streich und ich lese aus Versehen „Hippie Finish“. Auch eine Variante: Erst Massage, dann ein Joint, dann freie Liebe, also doch wieder „Happy Finish“.) Mehr Glück ertrage ich an diesem Tag allerdings nicht, deswegen widerstehe ich dem Angebot und gehe mit M. weiter.

Dauernd werden wir mit den verschiedensten Vorstellungen von Glück überhäuft, dabei ist das Glück selber nie von Dauer. Im Gegensatz zur Zufriedenheit, die einen Zustand beschreibt, ist das Glück ein flüchtiger Augenblick. Deswegen heißt es eben auch „Happy Döner“: Du isst das Zeug mit Genuss und bereust es, noch bevor die Verdauung einsetzt.

An diesen Umstand werde ich nur ein paar Stunden später schmerzlich erinnert.

Am folgenden Morgen ereignet sich etwas, von dem ich noch nicht weiß, ob es mich glücklich machen soll: Das Telefon klingelt gerade, als ich aus der Dusche steige. Eilig binde ich mir ein Handtuch um die Hüften. Meine Füße hinterlassen eine nasse Spur, während ich über den Laminatboden trippel, geradewegs ins Wohnzimmer, wo mein Handy auf meinem schiffgroßen Sofa vor sich hin trällert. Bevor ich das Gespräch annehme, werfe ich einen Blick auf das Display – und erstarre. Eine Gänsehaut zieht sich meinen Nacken hinab. Mein Herz beginnt, schneller zu pochen. Kann es wirklich sein? Nach all den Jahren … Nie hätte ich damit gerechnet, dass sie jemals wieder in mein Leben treten würde. Aber es ist eindeutig ihre Nummer, die da auf dem Display meines Handys aufleuchtet; ich würde sie unter Millionen anderen wiedererkennen. Ich nehme das Handy in die Hand und starre es an wie eine Kiste, die Glück oder Unheil enthalten kann, starre ihre aufleuchtende Nummer an, fahre mit dem Daumen erst über die Taste mit dem roten Hörer, dann über jene mit dem grünen, weiß nicht, welche ich drücken soll und frage mich: Kann diese Geschichte tatsächlich noch ein Happy End nehmen ...?

Und sofort kehrt die Erinnerung an sie zurück – an die Frau, die ich einmal „Allie“ nannte.

Montag, 22. November 2010

Tommorow never knows

(http://www.youtube.com/watch?v=rTMOSCh7aJU&feature=related)

Es ist Samstagnacht. Ich komme von einer Verabredung nach Hause, putze mir die Zähne und schmeiße mich dann auf mein Sofa. So richtig müde bin ich nicht, also zappe ich noch kurz durchs Fernsehprogramm, was ich seit Ewigkeiten nicht mehr getan habe. Zwischen einem alten James-Bond-Film, den schönsten Bahnstrecken Deutschlands und der Wiederholung einer Comedysendung, bleibe ich schließlich bei einem Sender hängen, der mich auf eine unfreiwillig heitere Weise unterhält: Astro-TV.

Astro-TV hat so ziemlich alles mit Spaß-und-Spiel-Sendern à la Neun Live gemein, was man sich vorstellen kann: Jeder Anruf kostet ein Schweinegeld, es wird von unterdurchschnittlich begabten Marktschreiern moderiert, es sitzt/steht auch nach fünf Stunden immer noch derselbe Mensch vor der Kamera und redet den gleichen Müll, und egal, ob man als Anrufer durchkommt oder nicht: Man kann nur verlieren.

Eine Einblendung verrät, dass dieses Mal „Ernesto“ Dienst hat, ein etwa zweiundvierzigjähriger Kettenraucher mit Augenringen, die dich vor dem Ertrinken bewahren können. Der Aschenbecher neben ihm beherbergt bereits eine Pyramide aus Kippen. „Ernesto ist Kartenleger. Wahrsager. Medium“, heißt es in der Einblendung. Wahrsager scheinen die vom Sender allerdings nicht zu sein, denn die Wahrheit würde wohl eher genau gegenteilig klingen: „Ernesto ist Kartenabreißer. Dummschwätzer. Durch.“

Es erschallt ein Telefonklingeln im Studio von Astro-TV.

„Ernesto hier, hallo, wen hab ich dran?“

„Hallo?“

„Hallo, könntest du …?“

„Hier ist Uschi. Ernesto?“

„Hallo Uschi! Könntest du bitte den Fernseher leiser stellen? Ich hab hier ne furchtbare Rückkopplung.“

„Augenblick.“ Man hört ein Rascheln am anderen Ende der Leitung. Ernesto sieht genervt in die Kamera. „Jetzt besser?“, fragt Uschi.

„Besser wär’s, wenn ich das nicht immer wieder sagen müsste.“ Ernesto lacht auf, um seinem Satz gleich die Schärfe zu nehmen, aber seine hochgezogene Augenbraue offenbart eine Überheblichkeit, als würde er es mit einer Minderbemittelten zu tun haben, die – wäre sie intelligent – mitbekommen soll, dass er sie für minderbemittelt hält. „Was kann ich für dich tun, Uschi?“

„Es geht um meinen Mann. Ich würd gern von dir wissen, ob er mich betrügt.“

„Gerne, Uschi. Wie heißt dein Mann?“

„Julian.“

„Wollen wir doch mal sehen.“ Er greift sich den Stapel Karten von der Seite und beginnt zu mischen. „Konzentrier dich, Uschi, ja?“

„Auf meinen Mann?“

„Auf Julian, ja. Und dann gibst du mir bitte mal ein ‚Stop’.“

Er mischt weiter die Karten.

„Stop!“

„Merci!“

Ernesto beginnt, die Karten auszulegen. Seine Miene verdüstert sich, je mehr von ihnen auf dem Tisch landen, und seine Stirn schlägt unheilsvolle Falten.

„Also, eure Ehe läuft aber schon seit einiger Zeit nicht mehr so rund.“ Er sieht mit hochgezogener Augenbraue in die Kamera. „Nicht, Uschi?“

„Ach, Ernesto, ein bisschen mehr Romantik wär schon schön“, jammert Uschi.

„Ich sehe in den Karten, dass dein Mann nicht gerade der romantischste Typ ist, nicht?“

„Ja, das stimmt. Betrügt er mich?“

„Er hat zwei andere Frauen, ja.“

„Oh mein Gott, ich habs geahnt. Zwei Frauen gleich? Grundgütiger! Wo hat er sie kennengelernt?“

„Bei der Arbeit.“

„Ach …“ Die Frau stutzt. „Aber er arbeitet auf einer Bohrinsel.“

„Ja, dort hat er die zwei kennengelernt.“

„Aber da arbeiten nur Männer.“

„Richtig, er hat zwei Männer kennengelernt.“

„Was? Um Himmels Willen! Er ist schwul?“

„So ist es.“

„Aber sagtest du eben nicht, er habe Affären mit zwei Frauen?“

„Die beiden sind sehr feminin.“

„Guter Gott im Himmel! Ist meine Ehe denn noch zu retten?“

Ernesto wirft einen flüchtigen Blick in die Karten.

„Hab ich hier nicht drin“, sagt er und räumt die Karten ein. Die Frau schluchzt in den Hörer.

„Das ist ja furchtbar“, stammelt sie, als plötzlich ein Poltern im Hintergrund zu hören ist und eine männliche Stimme aufgebracht ruft: „Mit wem telefonierst du?“

„Gerne“, sagt Ernesto und lässt sein aufgesetztes Lächeln blitzen. „Tschüssi!“ Die Regie trennt die Leitung. Ich setze mich ruckartig auf, um diesen Dialog schriftlich festzuhalten: Besser kann man sich das ja gar nicht ausdenken. Aus Schlafen wird allerdings erst einmal nichts.

„So, meine lieben Freunde“, redet Ernesto in gelangweiltem Ton weiter, „dann starten wir jetzt unsere Schnell-Frage-Runde. Klare Frage – klare Antwort. Alles zack zack! Aber ihr müsst euch schon einwählen, auch während der Beratung. Es liegt an euch, ob ihr die Chance nutzt. Was immer ihr wissen wollt, ich gebe euch eine klare, ehrliche Antwort. Ich bin nicht hier, um euch die Antwort zu geben, die ihr hören wollt. Hier gibt es klare Fakten. Also, an-ru-fen!“ Er nimmt sich die Zigarette aus der Aschenbecher-Pyramide und zieht an ihr. Die Regie spielt leiernde Pling-Pling-Musik ein – Panflöte mit Synthiflächen –, was der ganzen Sache Mystik verleihen soll, jedoch einzig und allein den Effekt hat, dass mein Daumen den Mute-Knopf an der Fernbedienung drücken will.

Es dauert zwei quälend lange Panflöten-Minuten, dann klingelt es wieder.

„Hallo, Ernesto hier, wen hab ich dran?“

„Ey, seid ma leise, seid ma leise“, höre ich einen Anrufer mit südländischem Akzent.

„Hallo?“, sagt Ernesto.

„Ey, Mischa, halt ma die Fresse!“, ruft der Anrufer. „Hallo?“

„Hier ist Ernesto. Du solltest dich schon auf den Anruf konzentrieren, wenn du …“

„Ist da Ernesto?“

Der schwindelnde Wahrsager atmet mit geschlossenen Augen durch. „Das sagte ich bereits.“

„Schwuchtel! Schwuchtel! Schwuchtel! Schwuchtel!“, plärrt es laut aus dem Hörer.

„Okay, das ist ganz toll. Vielleicht kann die Regie den Scherzkeks rausnehmen?“

Ein paar Sekunden geschieht nichts. Dann wird das Plärren auf einmal lauter und hallt durchs ganze Studio. „Sorry, falsche Taste“, meldet sich die Stimme des Regisseurs, und schließlich verstummen die Rufe. Ernesto zieht tief durchatmend an seinem Zigarettenstummel und drückt ihn dann im Aschenbecher aus; so fest, dass seine Fingerkuppen kurzzeitig gelb werden.

Es klingelt.

„Ernesto hier, hallo, wen hab ich dran?“

„Hier ist Caroline.“

„Hallo Kalorie! Deine Frage bitte.“

„Ich wollt mal wissen, ob ich dieses Jahr meinen Traummann kennenlerne?“

„Gern.“ Ernesto nimmt sich eine neue Zigarette, steckt sie sich seelenruhig an, zieht zwei- dreimal genussvoll daran und studiert dann kurz mit scheinbar konzentriertem Blick den Qualm. „Nein“, sagte er schließlich.

„Und nächstes Jahr?“

„Augenblick.“ Wieder zieht er ein paar Mal an seiner Zigarette. Genial: Das ist die beste Ausrede, um vor der Kamera zu qualmen, die mir je untergekommen ist. Vielleicht sollte Jürgen Domian sich jedes Mal, bevor er Anrufern einen Ratschlag gibt, ein Glas Wodka die Kehle runterkippen.

Durch das Studio erschallt auf einmal wieder: „Schwuchtel! Schwuchtel! Schwuchtel! Schwuchtel!“ Auf den Stimmen liegt ein Hall wie von einer 80er-Jahre-Pop-Produktion, und wenn jetzt noch ein Stampfbeat einsetzt, kann das glatt der nächste Hit am Ballermann werden. Ernesto versucht souverän zu bleiben, schmunzelt, sagt: „Manche haben’s einfach nicht gelernt“ und nimmt noch einen Zug an seiner Zigarette, die er am liebsten irgendjemandem ins Gesicht drücken würde, da bin ich mir sicher.

Die Rufe verstummen. „Sorry, Ernesto“, dröhnt erneut die Stimme des Regisseurs durch das Studio. „Wir haben Probleme mit der Technik. Versuchen’s hinzukriegen.“

Ernesto atmet sichtlich durch und sieht in den Qualm seiner Zigarette. Ich glaube, bei diesem Sender gibt es keinen, der seinen Job nicht hasst. „Also, Kalorie, du wirst nächstes Jahr deinem Traummann begegnen, ja?“

„Ach, wie schön. Und wann?“

„April. Kann auch Mai werden. Vielleicht Juni, aber auf jeden Fall noch vor Winteranfang.“

„Und wird das die große Liebe?“

„Es wird anfangs etwas schwierig sein, ja? Weil er zwischen dir und einer anderen Frau steht.“

„Oh nein.“

„Aber dann wird er sich für dich entscheiden. Ich sehe, dass ihr Kinder haben werdet.“

„Adoptierte?“

„Nein, eigene.“

„Ach, dann bin ich also doch nicht unfruchtbar?“

„Sorry, ich hab dich grad nicht verstanden. Hallo?“ Er bringt sein ganzes schauspielerisches Können auf, um eine gestörte Telefonleitung zu simulieren, dann knackt es, und Ernesto zieht schließlich seine Stirn in Falten. „Ach Mensch, jetzt ist die Leitung weggebrochen. Na ja, das gibt euch anderen Menschen die Gelegenheit, nun mit mir zu sprechen.“ And the oscar goes to …

Ich nehme ebenfalls die Gelegenheit wahr – nun endlich ins Bett zu gehen. Ich schalte den Fernseher aus und schlurfe in Richtung Schlafzimmer, wo ich im Dunkel der Nacht daliege und mir die Zukunft voraussage: Du wirst nie bei diesem Sender anrufen. Du wirst nicht anfangen zu rauchen. Du wirst nie, NIE wieder nachts den Fernseher einschalten und Astro TV gucken. Und egal, was kommt: Du wirst niemals versuchen herauszufinden, was dir die Zukunft bringt.